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östliches bonanza

vasile v. poenaru | östliches bonanza

Auf geheimen Pfaden von Wien nach Bukarest

Es gibt einen geheimen Pfad zwischen Wien und Bukarest, der nur selten begangen wird und der – nicht nur im räumlichen Sinne – über seine gesamte Strecke allerlei tückische Krümmungen und Wendungen aufweist, da er streng genommen in einer dem intuitiv ansprechenden Gang der Dinge übergeordneten Legende anfängt und in einer vorzüglich virtuell erschließbaren Subsektion der Wirklichkeit aufhört, die gerade für solcherlei Instanzen der Irrealität auf alle Fälle offengelassen wurde, als sich der oberste Boss aller Grenzengänger dem obersten Prinzip aller Grenzengänge zum Trotz das, was sei, aus Sicherheitsgründen halb privat und halb öffentlich beglaubigen ließ, um es von dem zu unterscheiden, was nicht sei. Weltenschmuggel wird das genannt.

Eine ganz kleine Völkerwanderung kam somit im Laufe der Jahre zustande, von der freilich mehrere Mitarbeiter des Statistikamtes ziemlich barsch meinten, es sei eigentlich eine ganz große Völkerwanderung, die übrigens in Power­point noch größer wirke. Viele bekamen Angst, als die Kunde davon in die breiteren Schichten der Öffentlichkeit drang, denn bald schon waren laut jüngsten Polizeiberichten bundesweit angesichts der möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Wanderschuhkrise die Wanderschuhe ausverkauft.

Manch rotweißroter Bergsteiger durfte von nun an nur mehr barfuß durch die Täler laufen oder etwa den Dachstein wie den Traunstein höchstens noch per Hubschrauber „erklimmen”. Manch wochenlang geplanter Ausflug wurde gezwungenermaßen verschoben, manche Festlichkeit, die bald zu Ehren österreichischer Vertikalität hätte stattfinden sollen, kurzerhand eingestellt. Die Patrioten des Grenzgebietes machten sich daran, das vielgeliebte Vaterland auf vielfacher Ebene zu verteidigen: physisch, psychisch, geistig, emotional. Berg und Dom brauchten selbstredend durchgängige Überwachung. Es wurde Alarm geschlagen, es wurde das Prinzip der nestverschmutzenden Andersheit ausgerufen, mit Adleraugen nach Unflat Ausschau gehalten, unverzüglich mobil gemacht, zum Angriff geblasen, die Nationalhymne angestimmt und natürlich auch gleich der Schuhmacher angerufen. Doch dessen Sekretärin winkte ab: „Geht nicht. Alle Hände voll zu tun.”

Dutzende Ethnologen mussten reichlich gestempelte Studien vorlegen, die bezeugten, dass, wenn schon neulich eine Völkerwanderung stattgefunden haben mochte, diese wohl mutmaßlich eher bescheiden ausgefallen sein müsse. Am innigsten Wesen der ureigenen österreichischen Identität habe sie jedenfalls kaum rütteln können, denn die liege tief in der stillen Vergangenheit der Vorväter begraben, die einst bekanntlich auf absolut rechtschaffenen Pfaden mitteleuropäischer Ethnogenese hergewandert seien: als musikalisch und architektonisch begabte Pfadfinder. Die Römer hingegen seien einst mit Gewalt ins heutige Rumänien eingefallen, weswegen die Ethnogenese der Rumänen auch viel mit solchen lateinischen Sprüchen wie „Fortuna brevis” zu tun habe. Auf der anderen Seite aber lassen sich ja Studenten in Österreich an der Uni inskribieren, und keineswegs etwa einschreiben. Alle akademischen Wege führen nach Rom – oder eben nach Bologna, wird nämlich den Studenten vom Vize-Rektor jedes Jahr höchstpersönlich mitgeteilt. Und dies sei erst der Anfang ihres Lateins.

Man atmete erleichtert auf: also doch kein so großes Problem. Dass es sich streng genommen wohl eher um einen imaginären Pfad handle, würden ohnehin ganz gewiss die meisten unwillkürlich schon zu dem Zeitpunkt vermutet haben, da sie zum ersten Mal von solch abwegigen, vorzüglich interdisziplinären Wanderungen hörten – wenn nur nicht gleich die Bestätigung vonseiten der österreichisch-rumänischen Gesellschaft gekommen wäre: „Ein durchaus realer Pfad – aber eben nur nicht so oft begangen.”

Osmose-Banken
Dieser geheime Pfad, stellte sich darauf im Rahmen der internationalen, pluriethnischen und multikulturellen Konferenz „Wege in die Zukunft” heraus, verläuft stets über Autostraßen, die nie fertiggestellt wurden, über Gedankenzüge, die nie zu Ende geführt, über Begriffskonglomerate, die nie erläutert, über Hoffnungen, die nie erfüllt, über Rechnungen, die nie beglichen wurden. Als etwa die Wiener Erste Bank 2005 die rumänische Banca Comerciala Romana verspeiste, war der Auftakt zu einer Osmose gegeben, die ihresgleichen sucht. Im Nu wehte die rotweißrote Flagge über jedem zweiten Rauchfang in der Walachei wie in Siebenbürgen. Im Nu wurden auf dem Laufband Beträge gutgeschrieben und Überweisungen getätigt: eine Direktverbindung zwischen diesem Österreich und dem anderen Rumänien.
Wohin des Weges? Wie lustig ist es im grünen Wald? Wer braucht dem Kaiser keinen Zins zu geben? Warum steht die Kaiserloge leer? Oder: Wie grün ist es auf der anderen Seite? Was für Schornsteine fegt ein rumänisch-österreichischer Schornsteinfeger? Noch besser: Wie schwarz ist der schwarze Mann? Warum unterrichtet er Englisch? Wie groß ist sein großer Sack? Was steckt drin?
Ein Ausschuss der EU-Kommission strebte zwei Wochen lang Tag und Nacht die möglichst sachliche Beantwortung dieser Fragen an, was aber angesichts der allgemeinen Ratlosigkeit sehr schwer fiel. Denn Tatsachen und Gerüchte erhoben gleichermaßen Anspruch auf das Gehör der strapazierten Ausschussmitglieder.

Gar manches von dem, was dabei zur Sprache kam, konnte allerdings nicht überzeugend belegt werden. Über die Anzahl der Räuber, Dealer, Schieber und weiteren Geschäftsleute zum Beispiel, die innerhalb der Union ungeniert herumlaufen (oder im Hummer bei Empfängen vorfahren) war man sich alles andere als einig. Fünfhundert? Fünftausend? Fünfhunderttausend? Ein über Carl Friedrich Gauß habilitierter Mathematiker, der seinen Lehrstuhl unvorsichtigerweise für eine kurze Weile leer gelassen hatte, um dem Ausschuss beizutreten, holte prompt einen altmodischen Taschenrechner hervor, vertiefte sich in allerlei Statistiken und Aktuariatsformeln und sagte schließlich mit der angemessenen Würde einer runden Zahl, die noch dazu in der Mitte lag: „Fünftausend!”

Dietrich gegen Aktie
Diese Zahl wurde unter anderem gleich von einem Dutzend Soziologen, Psychologen, Astrologen und Kriminalisten bestätigt, die dem Volksmund im Rahmen ihrer Ermittlungsarbeit allergrößte Bedeutung beimaßen, da die Leute auf der Straße ja immer am besten wissen, was sich so tut. Und in den späten Neunzigern ging jedenfalls bekanntlich in Deutschland wie in Österreich das Gerücht, fünftausend mit allen Wassern gewaschene rumänische Räuber liegen im Gehölz auf der Lauer (Im Schwarzwald? Im Harz? Im Ahnengau? Im Buchenland?) und machen die Gegend unsicher. Jetzt gibt es fünftausend österreichische Unternehmen im Dickicht der Hauptstadt Bukarest, und ein Drittel der rumänischen Banken befindet sich fest in mehr oder weniger ausgiebiger österreichischer Hand.

Echt: Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Wo liegt heutzutage noch der Unterschied zwischen Transaktion und Gaunerei? Wem kleben die Scheine an den Fingern, wenn er die gierige Hand aus Ali Babas Höhle herauszieht? Mehrere profilierte Banditen, denen das Gesetz freilich nichts anhaben konnte, bequemten sich freundlicherweise nach Bruxelles, um die Geheimnisse der Unterwelt zum Nutzen kommender Generationen und gegenwärtiger Ermittler zu lüften. Der Ausschuss tagte weiter und ließ die Drucker Hunderte Resolutionen ausspucken, wobei unentwegt nach schlichten, einleuchtenden Worten gerungen wurde. Wenn sich der Mann auf der Straße Fragen stellt, will er nämlich eine einfache, verbindliche Antwort.

Die artigen Banditen ermutigten ihre Mitmenschen, besonders in Zeiten erhöhter Turbulenz im regressiv schweizerischen Sinne nach schwarzen Schafen Ausschau zu halten. An der Wiener Börse zum Beispiel seien 2008 laut der Tagespresse 100 Milliarden Euro „verpufft”. So weit, so schlecht. Unmittelbar neben den lustigen Milliardchen habe aber die ganze Zeit ein dunkelhäutiger Rumäne mit einem großen rumänischen Sack gestanden („Möglicherweise ein Zigeuner ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung”, so die wichtigsten Börsenberichterstatter der wichtigsten Börsenpublikationen). Der Rumäne sah verdächtig aus. Sein Sack war, wie gesagt, groß. Grund und Gelegenheit zu einer möglicherweise begangenen Straftat lagen durchaus vor. Aber ob auch eine ausgeübt worden sein mochte? Vom Innenminister höchstpersönlich eingesetzte Schäferhunde schnüffelten fleißig herum, während gutgebaute Verkehrsagenten an mehreren Straßenecken mannshohe Fragezeichen aufstellten, die freilich im Handumdrehen umgefahren wurden, da die meisten Fahrer mehr als nur im übertragenen Sinn daran Anstoß nahmen. Der Innenminister fluchte ein bisschen und schrie ins erstbeste Mikrofon: “Einbrecher machen sich wie Heuschrecken über uns her, verdammt noch mal!”

Die Polizei jedoch, die nun ein bisschen vorsichtiger sein wollte, da sie gerade aus Versehen einen amerikanischen Lehrer verprügelt hatte, weil sie ihn wegen seiner nicht so hellen Hautfarbe für einen Dealer gehalten hatte, vermochte allerdings den von den besseren Zehntausend mehrfach geforderten eindeutigen Beweis einer zwar sehr stark vermuteten, doch gegebenenfalls nicht sozusagen hundertprozentig stattgefundenen Straftat zu erbringen, und auch die Identität des vermeintlichen Rumänen konnte nicht mit der in solchen Fällen bekanntlich von den Gerichten verlangten, an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit festgestellt werden. Doch dass es sich um einen Rumänen handelte, daran schienen die wenigsten zu zweifeln, denn Mann und Sack hatten an und für sich so eine durch und durch rumänische Art und Weise. „Des muss a Rumäne gwesn san!”, verkündete aus einem sichtlichen Übermaß an Heimatliebe prompt wie inbrünstig ein allem Anschein nach recht volkskundiger Passant vor einem freilich etwas quietschenden Mikrofon, das zufälligerweise gerade an der Straßenecke lag. „Wos?”, fragte ein anderer. „A gottverdammta Rumäne!”, brüllte der Erste mit unentwegtem patriotischem Elan. „Alles weg! Hundert Milliarden Euro!”, keuchte eine gerade noch rechtzeitig hinzugekommene ältere Dame und deutete mit dem Regenschirm auf einen prächtigen Regenbogen, der unter anderem natürlich auch das Rotgelbblau der rumänischen Flagge aufwies. „Da läuft er! Fasst den Dieb!”

“Fasst den Dieb!”, schrie auch ein gepflegt aussehender Herr mittleren Alters, bevor er gedämpft ins Handy weitersprach: „Verkaufen! Verkaufen! Verkaufen!” Die Musik im Radio wurde plötzlich unterbrochen, und an ihrer Stelle erhallte die Unbehagen, nein, die geradezu Panik erregende Stimme der älteren Dame: „Da läuft er! Da läuft er! Da läuft er! Ka Rot-Weiß-Rot-Card!”

 Nicht nur funktionierte nämlich das zufällig herumliegende Mikrofon offensichtlich immer noch, sondern der Ausruf der älteren Dame wie auch die angesichts der neulich wieder einmal nicht vollkommen fremdenfreundlichen Leitartikel der Tageszeitungen mutmaßlich doch wenigstens so halbwegs gerechtfertigte Meinung des Mannes landeten aus Versehen direkt beim ORF. „A Rumäne! ... A Rumäne! ... A Rumäne!”

Reichtum in der Walachei
Und wie es sich oft fügt, wurde das Ganze drei Minuten später aus Versehen erneut ausgestrahlt und landete natürlich wieder – wo sonst? – auf der Straße. Viele Leute, darunter der nun gleichsam unbekannterweise berühmte Urheber dieser sozusagen wunderlich elektromagnetisch geflügelten Worte, steckten sie gedankenlos in den Mund und begannen im Chor pauschal auf die Rumänen loszuschimpfen, wobei sich der vom Magistrat umgehend entsprechend gepriesene Urheber der sogenannten Rumänenbeschimpfung, indem er sich sozusagen selbst zitierte, in all dem, gewissermaßen durch seine überdurchschnittlich patriotische Geistesgegenwart verursachten, volkstümlichen Tumult dessen gar nicht mehr bewusst war, der Urheber zu sein. Als dann das Honorar vom ORF kam, freute er sich freilich über alle Maßen, besonders weil es freundlicherweise in bar ausgezahlt wurde.

„Es könnte allerdings auch ein Tschetschene gewesen sein”, hieß es im hundertseitigen vertraulichen Polizeibericht, der trotz einer „unabdingbaren” Verordnung des Innenministers gleich als Blog ins Netz gestellt wurde. „Die sehen nämlich alle genauso aus wie die Rumänen.” Weiter unten hieß es freilich: „Und erst die Bulgaren! ... Das heißt jetzt ... Moment! Oder ... also Bulgaren sind ja eigentlich streng genommen sowieso irgendwie Rumänen.”

Alle Blogleser im Internetcafé mussten dem beistimmen. Und ein verhältnismäßig hagerer Schweizer, dem offensichtlich gerade ein Licht aufgegangen war, beäugte vor einer Niederlassung der Ersten missmutig sein Saldo und sprach sich darauf in Anwesenheit mehrerer Schaulustiger den Kummer von der Seele: „Rumänen klauen wie die Raben. Hin ist die Kohle! Alles verpfuscht! Und wo hortet sich der Reichtum? In der Walachei! Jawohl! Raben! Gauner! Halunken! Schmarotzer! Haben unser Gas abgezockt, unsere Täler verunsichert, unsere Tunnel verschmutzt. Essen unseren Käse. Trinken unser Wasser. Leben in geborgter Zeit.”

“Die das Gas abzocken, sind doch Ukrainer”, entgegnete ein Junge, der gerade die Nachrichten im Fernsehen gehört hatte. „Oder gar Russen.” Der Schweizer jedoch wollte nichts davon wissen. Zwar seien ihm alle Menschen auf der Erde so lieb wie es auch immer nur geht, beteuerte er automatisch, doch bleiben sollten sie am besten, wo sie sind – vor allem in solchen Zeiten. „Fast fünftausend Rumänen leben in den Kantonen. Essen unseren Käse! Jodeln in unseren Bergen! Verdunkeln unsere Tunnel. Lüften unsere Geheimnisse. Schrecken unsere Bankiers auf. Machen sich mit unserm Geld davon. Alles abgezogen. Da! In der Illustrierten:‘Wir Schweizer sind ein leichtes Opfer.‘ Nicht einmal Ceausescus Einlagen wollten sie uns lassen! Banditen! Machen sich mit ihren spottbilligen Autos bei uns breit! Dacia! Ha! Wollen den ganzen Markt zwischen Berg und Berg erobern. In der Schweiz wie in Italien ist ja bereits die halbe Mafia in rumänischer Hand”, beteuerte er noch, bevor ihn ein befreundeter Konditor im rotweißen Dacia Logan zu einem überregionalen Süßigkeitenkongress fuhr, wo er freilich kalorienstrotzend weiter wetterte: “Hin! Verpfuscht! Fast fünftausend! Kein Bankgeheimnis mehr! Raben!”

Und dann schnürte er die mindestens zehn Jahre haltbaren transkarpatisch-alpinen Bergschuhe, die er auf dem Schwarzmarkt erstanden hatte, und ging seines Weges. Wohin, verriet er nicht, denn Dienstreisen wollen geheim gehalten werden. Doch es führte ihn, wie ein Kollege vom Allgemeinen Club fröhlicher Wanderer und Flintenschießer deutschsprachiger Ausdrucksweise bald per SMS kundtat, über allerlei tückische Krümmungen und Wendungen in ein wahrhaftes Steuerparadies jenseits der Wälder, ein Paradies mit allerbilligsten Arbeitskräften und beträchtlich weniger Feiertagen als hier im Westen. Kurz, eine gute Sache für das Geschäft: „So will ich’s mir gefallen lassen!”, freute sich der Schweizer und telefonierte mal schnell nach Wien. „So wollen wir’s uns alle gefallen lassen!”, jubelte auch sein Partner und Steuerberater. „Das nenn ich aber wirklich ein ordentliches Land! Mit fleißigen Leuten. Ein ganz anderes Rumänien ist das! Eins, wo man noch Profit schlagen kann. Frische Luft, rötliche Wangen.”

Der geheime Pfad
Aus Bruxelles kam Lob für das neue EU-Land Rumänien, weil es das Hilfspaket der Union „prompt und sinnvoll im Zeichen der Erweiterung und Aufbesserung seines Finanzwesens unter Wahrnehmung einer breiten Auswahl viel verprechender Investitionsmöglichkeiten” ausgeschöpft hatte. Um während des Gasstreites zwischen den Russen und den Ukrainern nicht allzu sehr zittern zu müssen, warf der Generalgouverneur der Notenbank die ohnehin wertlosen Papiere in den Kamin. Reform des Finanzwesens wurde das genannt. An Nachschub sollte es nicht fehlen, denn ein sympathischer österreichischer Gelegenheitsphilosoph und stolzer Inhaber mehrerer Gesellschaften mit ganz besonders beschränkter Haftung belud seine fleißigen Esel mit faulen Papieren, darunter heruntergekommene amerikanische Hypothekenfonds, und trieb sie schleunigst den geheimen Pfad entlang. „In Bukarest blüht das Geschäft weiterhin!”, trugen die Fachzeitschriften die gute Nachricht in die liebe weite Welt. „Die Wirtschaftskrise kann den Rumänen nichts anhaben!”

„Gesundes Verbrauchervertrauen!”, so die Schlagzeilen diesseits wie jenseits der Karpaten. “Unwiderstehliche Gelegenheit!”, kam es aus dem Radio. Das Geld schien in Bukarest immer so schnell zur Hand zu sein. „Proaktiver Aufschwung!”, versuchte sich bald auch ein freilich eher zaghafter Nachwuchsdichter im Wirtschaftsteil der Tageszeitung. „Wahrhafte Konjunktur für Börse und Gemüt.”

Letztendlich waren dann all die Milliardenlöcher im Wiener wie im Zürcher Käse erfreulicherweise schnell gestopft. Der geheime Pfad wurde asphaltiert, damit ihn bei Gelegenheit noch mehr Esel entlangtraben können. Das Defizit aber wollte natürlich niemand so richtig wahrhaben. Neue Schulden ließen nicht auf sich warten, und bald schon war ganz Rumänien wohlfeil. Ein stattlicher internationaler Drogenbaron und Boxer, der zum Glück gerade gut bei Kasse war, wollte gerne helfen. “Drogengelder zur Bankenrettung!”, frohlockten die Blätter. „Die Rumänen haben’s!” Dreißig Maschinengewehre aus einem nicht so streng bewachten Waffenlager der rumänischen Streitkräfte wurden prompt von einem wegen der Dunkelheit nicht identifizierten Geschäftsmann in ein Land exportiert, wo man gerade gut bei Kasse war, und dreißig Sträflinge aus dem schönen österreichisch-rumänischen Gefängnis stimmten unter der Anleitung eines begnadigten Bankiers die Arie der Konjunktur an.

„Es ist ein gutes Land!”, bekräftigte – im Auftrag mehrerer Handelskammern – der philosophierende Geschäftsmann und geschäftige Philosoph aus den Alpen, wann immer ihn wer fragte. „Ach, wenn doch alle Ränder so gute Absatzmärkte bieten würden! Hurra Romania!” Dabei zerknäuelte er jedes Mal ein längst entwertetes Wertpapier vom Zentrum und warf es elegant in den Rachen eines der Haie am Rande, die dank der beschleunigten europäischen Verschuldungspolitik und der höchst willkommenen Initiative des Drogenbarons im stets reichlich mit Liquiditäten versorgten rumänischen Banksystem herumkreisten und gerne alles verschlangen, was in den klaren oder eben trüben Wassern der Rezession trieb, ob nun Fonds, Bonds, Aktien, Dietriche, Steine oder Wanderschuhe. Die Flossen der Haie dufteten nach Echt Kölnisch Wasser 4711.