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doris neidl | papier

Erinnerungen an das Leben

Papier ist wie die Haut eines geliebten Menschen. Man berührt es, man fühlt es, man erfasst die Struktur seiner Oberfläche, man riecht es, man betrachtet seine Farbe. Würde ich keine Malerin sein, würde ich in einem Papiergeschäft arbeiten. Oder beim dm. Ich mag auch den dm-Markt. Ich mag es, alle diese Produkte anzuschauen. Ich muss gestehen, dass ich einen Anti-Cellulitis-Creme-Komplex habe, und deswegen oft beim dm bin. Ich kaufe mir in einer Tour eine Anti-Cellulitis-Creme, obwohl ich – ohne anzugeben – überhaupt keine Cellulitis habe.

Außerdem verwende ich die Cremen fast niemals. Neulich am Strand sagt ein Mann zu mir: „From behind you look like a college girl, but your face!” – Merci Beaucoup! Quel Connard! Vielleicht sollte ich mich auf Gesichtscremen spezialisieren. Für mein Gesicht verwende ich nur ganz billige Cremen. Wenn ich genauer überlege, fragen mich in letzter Zeit einige Leute, ob ich trockene Haut hätte. Außerdem nennt man mich nicht mehr Miss, aber Madame. Ist das ein Zeichen, zu einer Anti-Falten-Creme zu wechseln? Doch in Wahrheit mag ich Falten. Es gibt nichts Schöneres, als in Gesichter zu schauen, die vom Leben erzählen.

Meine Affinität zu Papier jedoch kommt wahrscheinlich daher, dass ich neben einer Papierfabrik aufgewachsen bin. In dem Dorf, in dem ich wohnte, gab es nichts als ein Hochhaus, eine Papierfabrik und einen ADEG. Es roch immer nach verfaulten Eiern und nassem Holz. Das Papier, das in Nettingsdorf erzeugt wurde, war braunes Kraftpapier, rau und stark. Jeden Sommer arbeitete ich in der Fabrik, um Geld zu verdienen. Ich wurde ein richtiger Papierspezialist.

Der Geruch von verfaulten Eiern erinnert mich an meine Kindheit, eine Kindheit, die nur aus Spielen bestand. An Schule erinnere ich mich kaum. Wir “fünf Hochhauskinder” spielten stundenlang Zirkus, Arm und Reich, Turnen, arme Kinder, Vater-Mutter-Kind, Verstecken, Völkerball oder die Rudi-Carrell-Show “Am laufenden Band”. Wenn wir Rudi-Carrell-Show spielten, war immer eine der Fragen: „Wie möchtest du am liebsten Sterben? A) erschossen werden, B) ertrinken oder C) Krebs?” Alle wollten immer erschossen werden, obwohl uns Margit versicherte, dass ertrinken total schön sei, weil ihre Mutter einmal fast ertrunken sei, und das sei überhaupt nicht schlimm gewesen. Von dieser Zeit kommt auch meine Angst, dass mich jemand durch die Tür hindurch erschießt. Wenn ich das jemandem erzähle, fragt man mich immer, warum in aller Welt mich jemand durch die Tür hindurch erschießen sollte. Das stimmt, es ist absurd. Doch im Geheimen denke ich mir: warum nicht?

Wir spielten auch, dass eine Neutronenbombe auf uns fällt. Das war die Zeit des Kalten Krieges. Die einzige Überlebende war Bettina, die stundenlang schreiend durch den strömenden Regen lief. Wir anderen Kinder bewegten uns wie Roboter. So stellten wir uns das vor.
Damals war Bettina die Einzige, die überlebte. Jetzt ist sie nicht mehr hier, lebt in einer Welt, die mir noch fremd ist. Bettina wurde nicht erschossen und ertrank auch nicht. Bettina hat gekämpft wie eine Löwin gegen diese Krankheit, die man Krebs nennt. Sie hat gekämpft, mit so viel Demut und Stolz und Kraft. Allen Prognosen zum Trotz hat sie gekämpft, jahrelang, um ihren Sohn so spielen zu sehen, wie wir einmal gespielt haben. Sie hat sich niemals beklagt und in all ihrem Schmerz hat sie noch immer die Kraft gehabt, mich in meiner Einsamkeit zu trösten. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich sie trösten konnte. Als ich sie immer schwächer werden sah, habe ich an ihrem Bett geweint, anstatt sie zu trösten. Und als ich sie einmal, als sie sich vor Schmerz krümmte und erbrach, in meine Arme nahm, fiel mir nichts Besseres ein als „So a Schas!” zu sagen. Woraufhin sie mich anschaute und meinte: „Des is wirklich a Schas.” Da mussten wir lachen.

Ich vermisse Bettina. Als ich, nachdem ich drei Monate in New York verbracht hatte, am Flughafen ankam und mein österreichisches Handy einschaltete, sagte es mir: „Letzter Anruf: Bettina, 22.9.2008”. Ich wählte ihre Nummer, obwohl ich wusste, dass sie nicht mehr abheben wird. Anstatt des gewohnten „Bettina, hallo. Bitte hinterlasse eine Nachricht”, hörte ich nur: „Das ist die Mobilbox von 0699 ...”. Bei unserem letzten Telefonat war ich in irgendeinem Payphone am Times Square. Es war laut, und wir konnten uns kaum hören. Bevor sie aufhängte, sagte sie noch, dass sie auf mich warten werde. Da hatte ich gehofft, dass sie auf dieser Welt auf mich warten wird. Doch jetzt weiß ich, dass sie, wenn es auch für mich so weit ist zu gehen, in dieser anderen Welt auf mich warten wird.

Als ich sie das letzte Mal sah, brachte ich ihr einen Aquarellblock und Farben mit. Immer wieder strich sie über das Papier, was für ein schönes Papier. Wie viele Sommer hatten wir gemeinsam Papierschnitzel gezählt und Papierproben gemacht?

Seit Bettina gestorben ist, weiß ich das erste Mal in meinem Leben, dass auch ich sterben werde. Ich wusste es immer, doch jetzt weiß ich es wirklich. Alles ist vergänglich, nichts gehört einem für immer. Nichts bleibt zurück, außer vielleicht die Liebe, die man jemandem schenkt.
Ich nehme einen Bogen Papier, kein teures Papier. Teures Papier macht mir Angst. Teures Papier schaue ich mir nur im Papiergeschäft an. Ich nehme braunes Kraftpapier, streiche über diese raue Oberfläche und zeichne.