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qualvoll werde der hals zerquetscht

bernhard horwatitsch | qualvoll werde der hals zerquetscht

Über den Wert des Geldes und mongolische Hinrichtungsmethoden

Von der Antike bis zum Spätmittelalter exekutierte man Führer auf folgende Weise, um ihnen einen ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld zu verwehren: Der Verurteilte saß oder stand mit dem Gesicht zum versammelten Volk, während ihm rücklings mit einem Seil, das durch einen Stab gedreht wurde, langsam und qualvoll der Hals zerquetscht wurde.

Der Mongolenherrscher Gaichatu wurde im Jahr 1295 durch eine Bogensehne erdrosselt. In diesem Fall war es wohl Mord, aber so, dass kein Blut vergossen wurde und das Ganze wie eine schmachvolle Hinrichtung aussah. Man sieht, auch die Enkel von Dschingis Khan kümmerten sich rührend um das Erbe des größten Massenmörders der Geschichte. Aber warum wurde Gaichatu erdrosselt? Eifersucht? Möglich, denn immerhin war Gaichatu ein Sodomit der Extraklasse. Oder war es nur eine altbewährte Form des Machtwechsels? Nein, nichts davon! Papiergeld war der Grund. So zumindest erklärt es die Geschichtsschreibung.

Da Gaichatu die Staatskasse verprasst hatte und zudem eine Rinderpest für Nöte sorgte, führte Gaichatu auf Empfehlung seines Wesirs sogenanntes Chao ein. Eine chinesische Erfindung: Papiergeld. Die Scheine, die Gaichatu drucken ließ, imitierten das chinesische Papiergeld. Der einzige Unterschied bestand darin, dass auch das muslimische Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Gott” mit auf den Schein gedruckt wurde. Damit wollte Gaichatu, der die nestorianischen Christen unterstützte, auch seine muslimischen Brüder besänftigen. Erfolglos. Denn auf den Basaren gab es Aufstände. Das Papiergeld wurde nicht angenommen. Die Wirtschaft kam zum Erliegen und Gaichatu musste das Papiergeld widerrufen. Kurze Zeit darauf wurde Gaichatu eben erdrosselt. Nachfolger wurde Gaichatus Cousin Baitu. Er lebte auch nicht sehr lange und starb auch keinen natürlichen Tod.

Wo fehlt’s nicht irgendwo auf dieser Welt?
Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.
Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.
In Bergesadern, Mauergründen
Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,
Und fragt ihr mich, wer es zutage schafft:
Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.

So spricht Mephistopheles zum Kaiser in Goethes Faust II, 1. Akt, Kaiserliche Pfalz.


Goethe empfindet in diesem Akt die Einführung der Assignaten durch die französische Nationalversammlung im Jahre 1789 nach. Die französische Krone hatte sich durch ihr finanzielles Engagement beim sogenannten Unabhängigkeitskrieg hoch verschuldet. Dieses Erbe übernahm die Nationalversammlung. Da man nicht hoffen konnte, innerhalb kurzer Zeit den Landbesitz zu verkaufen, zahlte man den Kreditgebern die Schuld in Form von Assignaten, die die Rolle von Staatsanleihen hatten und anfangs verzinst waren. Diese konnten gegen die zur Verfügung stehenden Landgüter eingetauscht werden, wurden aber vornehmlich in Umlauf gebracht und entwickelten sich auf diese Weise zum allgemeinen Zahlungsmittel.

Dadurch, dass der Wert des Papiergelds vollständig durch den zum Verkauf stehenden Landbesitz gedeckt und verzinst war, hoffte man, dass es das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen würde. Rasch jedoch gab man die Verzinsung auf und brachte immer mehr Assignaten in Umlauf. Das Vertrauen schwand und der Wert der Assignaten auch. Als Napoleon 1803 den Franc als Währung einführte, waren die Assignaten praktisch wertlos geworden.


Fiat money
US-Präsident Franklin D. Roosevelt entband 1933 die US-Zentralbank von der Verpflichtung, von Bürgern eingereichte US-Dollarnoten in Goldmünzen einzulösen (Executive Order of the President of The United States 6102). Privater Goldbesitz im Wert von mehr als 100 US-Dollar wurde von ihm als illegal erklärt und mit bis zu zehn Jahren Gefängnis sowie Beschlagnahme des Goldes bestraft. Die Vereinigten Staaten garantierten fortan nur noch im kommerziellen zwischenstaatlichen Handel, jederzeit 35 US-Dollar gegen eine Unze Feingold einzutauschen. Am 17. März 1969 hoben sieben Notenbanken Europas nach einer Blitzkonferenz mit den Vereinigten Staaten diese Garantie auf und tauschten keine Papier-US-Dollars mehr in Gold. Bereits 1960 überstiegen die US-Dollar-Vorräte in Europa und Japan die amerikanischen Goldreserven. Am 15. August 1971 wurde schließlich gemeldet, die Nixon-Regierung habe außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen, um die amerikanische Wirtschaft zu „schützen”, indem der Präsident einseitig die Möglichkeit aufhob, den Dollar in Gold umzutauschen. Danach verlor der Dollar am Gold gemessen innerhalb von drei Jahren so stark an Wert, bis er nur noch ein Fünftel seines ursprünglichen Wertes in Gold wert war. Heute ist er wie alle anderen Papierwährungen eine ungedeckte und somit nur auf Vertrauen basierende Währung.

Von Gaichatu bis Axel Weber (Präsident der Deutschen Bundesbank) oder Ewald Nowotny (Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank) reicht also die Liste derer, die den Spruch „Es werde Geld” auf den Lippen haben. „Fiat money”, abgeleitet von „fiat lux” dem Schöpfungsbefehl aus dem 1. Buch Moses, ist unser offizielles Zahlungsmittel. Tatsächlich handelt es sich dabei um das Geld, das Sie in Ihrer Geldbörse in der (meist) rechten Gesäßtasche mit sich führen. Vorsicht! Das Geld, mit dem Sie Ihre Früh­stücksbrötchen kaufen, ist geliehen!
„Verdient”, sagen Sie!

Wie sich Verdienst und Glück verketten,
Das fällt den Toren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
Der Weise mangelte dem Stein.
                    Goethe, Faust II, 5060

Und wenn der Exekutor (wie der Gerichtsvollzieher in Österreich noch gerne genannt wird) zu Ihnen nach Hause kommt, und die Exekution (Vollstreckung) durchführt, auch dann können Sie Goethe zitieren:

In weiten, altverwahrten Kellern
von goldnen Humpen, Schüsseln, Tellern
Sieht er sich Reihen aufgestellt.
Pokale stehen aus Rubinen,
Und will er deren sich bedienen,
Daneben liegt uraltes Naß.
Doch – werdet Ihr dem Kundigen glauben –
Verfault ist längst das Holz der Dauben,
Der Weinstein schuf dem Wein ein Faß.
Essenzen solcher edlen Weine,
Gold und Juwelen nicht alleine
Umhüllen sich mit Nacht und Graus
Der Weise forscht hier unverdrossen;
Am Tag erkennen, das sind Possen,
Im Finstern sind Mysterien zu Haus.
                           Goethe, Faust II, 5020


Für einen Big Mac® muss man in Amsterdam 19 Minuten arbeiten, in Istanbul 48 Minuten, in New York nur 13 Minuten, aber in Nairobi 93 Minuten. Im Finstern sind die Mysterien zu Hause!

In Kopenhagen, Zürich oder Frankfurt bietet der Bruttostundenlohn am meisten Gegenwert. Aber nach Abzug aller Nebenkosten, Steuern, Sozialabgaben etc. hat Ihr Stundennettolohn in Dublin die höchste Kaufkraft. Der Weise forscht hier unverdrossen.
In Westeuropa ist alles im Schnitt ca. 40 Prozent teurer als in Osteuropa. In Tokio haben Sie den höchsten Nahrungsmittelpreisindex (112) in Delhi ist er am niedrigsten (30). Der Weinstein schuf dem Wein ein Fass.

Wenn man also in Amsterdam arbeitet, in Delhi sein Frühstück kauft und in Dublin sein Geld kassiert, hat man das günstigste Frühstück. Werdet Ihr dem Kundigen glauben? Die Zahlen kommen übrigens von UBS, einer Schweizer Großbank. Ihr Chef heißt derzeit Oswald Grübel.


Alles umsonst?
Wurde Gaichatu also umsonst ermordet? Und der Aufstand der Basare gegen das chinesische Papiergeld: hat er aus heutiger Sicht nicht etwas Melancholisches? Aber wir, wir sind ja global, aufgeklärt und modern. Oder anders gesagt: Wir sind Nachzügler. Jedenfalls kaufen wir unsere Frühstücksbrötchen auf „Treu und Glauben”, eben auf Kredit. Und seit geraumer Zeit wissen wir schlichten Menschen, dass es eine so genannte „Realwirtschaft” gibt. Und wir wissen weiter, dass sich die Finanzkrise nicht in dieser abgespielt hat, sondern – ? – im Irrealen.

Und das! Das hatte ich immer schon geahnt. Joseph Ackermann ist nicht real. Aber er droht es zu werden (wenn die Finanzkrise in der Realwirtschaft ankommt). Wenn der irreale Ackermann im Realen ankommt, dann folgt die „Rezession”. Wie man so sagt: Die Realität hat ihn eingeholt. Hier vielleicht eher: Die Irrealität hat ihn verlassen.

Jetzt müssen wir schlichten, realen Menschen alles tun, damit sich dieser Ackermann nicht realisiert, materialisiert, und damit Antimaterie auf Materie trifft. Das wäre der Super-GAAU, der „Größte anzunehmende Ackermann-Unfall”. Wenn sich nämlich Ackermannium in der Atmosphäre verteilt, dann löst sich Papier auf. Jedwedes Papier, vom Toilettenpapier bis zur Staatsanleihe, bis zur Aktie, bis zum Hundert-Euro-Schein. Der Fallout des durch Ackermannium zerfallenden Papiers hätte ungeahnte Folgen: DIE KRISE!!! Fiat nihil.

Die Krise bekämpfen? Rücklings mit einem Seil, das durch einen Stab gedreht wird, langsam und qualvoll den Hals zerquetschen.