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räume und menschen

Über die Verwandlung von Paris, Berlin und New York


Wolfgang Hermann: Paris Berlin New York. Verwandlungen.

Hohenems-Innsbruck: Limbus Verlag 2008

Rezensiert von: urs malte borsdorf


Manchmal lebt man in einer Stadt, doch in Gedanken ist man an einem anderen Ort. Betritt man etwa Prag, kann es sein, dass man am Wenzelsplatz an Freiburg denkt oder am Namesti Bratri Sincu an den Leipzigerplatz in Innsbruck. Über diese Art der Verwandlung von Paris, Berlin und New York hat Wolfgang Hermann ein Buch geschrieben, Paris Berlin New York. Verwandlungen. Erstmals 1992 im Berliner Gatza Verlag erschienen, wird hier eine sehr subjektive Form der Stadtwahrnehmung betrieben. Es ist das Sein zwischen den Dingen, den Begebenheiten, Städten und Orten, das das Dasein formt, das Bewusstsein schafft. Die Verwandlung, die im Untertitel anklingt, ist insofern nicht nur etwas, das dem Ich-Erzähler in und zwischen den Städten widerfährt, sondern auch etwas, das er an ihnen vornimmt. Denn diese Orte sind Einflüssen ausgesetzt, Blicken, die sich woanders formierten, sodass der Blick auf New York beeinflusst ist von den Erlebnissen in Amsterdam, jener auf Paris von den Wien-Eindrücken des Protagonisten und der Liebe zur Partnerin bestimmt ist, von seinen eigenen Reisen und ihrer Abreise. Aus dieser Verwobenheit der Orte und Räume bezieht das Buch seine Spannung.

Zehn Querstraßen lang ging ich durch diese Welt russischer Emigranten – in einem kleinen Elektrogeschäft kaufte ich eine Batterie, und die alte Frau hinter dem Ladentisch sprach leise ein zitterndes, hilfloses Englisch, so wie Kinder verlegen ihre Ware anbieten, wenn sie zum ersten Mal „Verkaufsladen” spielen – und ich wusste nicht, in welchem Land ich war, ob in Amerika oder irgendwo in einer Vorstadt von Minsk.

Es ist das unterschiedliche Tempo des Reisens, das immer wieder zum Thema gemacht wird. Wie die Stadt mit dem Zug, Schiff, dem Flugzeug erreicht wird, wie sie dabei wirkt und wie sie zu Fuß erschlossen wird. Dabei arbeitet Hermann sehr genau heraus, wie der Protagonist die Städte durch die Brille bisheriger Erfahrungen sieht. Kindheitserinnerungen, die oft ein etwas plattes, idyllisches Bild von Vorarlberg zeichnen, werden ebenso hineingeschoben, wie die Erinnerungen an andere Städte, die mit Gefühlen verbunden sind. Die Stadtbeschreibungen, die erzählen, wie ein Vertrauen in die Räume langsam entsteht, sind als teils essayistische Prosaminiaturen angelegt.

Am Ende der drei Teile findet der Autor wieder zurück zur Liebe, die aus den Protagonisten zugleich das macht, was sie sind und was sie nicht sind, wenn sie aus sich heraustreten und sich im Gegenüber erkennen, wenn sie ihre Körper spüren, die Tatsache, dass sie sich in diesen Körpern verändern und mit ihnen. Dann wird am Ende dieses klugen Buches deutlich, dass die Protagonisten, ihre Körper, selbst gewissermaßen Orte sind: die sich verwandeln.