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spaltungskarambolage

oder: Möchte hier vielleicht mal jemand Ronald Reagan ficken?


James G. Ballard (Ü: Carl Weissner): Liebe & Napalm. The Atrocity Exhibition. Roman.

Wien: Milena 2008

Rezensiert von: robert prosser


Fragen wie diese werden erst gar nicht gestellt innerhalb von Ballards wildem Ausritt in jene Areale, welche eine zerfallene Persönlichkeit als letzten Versuch des Festkrallens am Individuum ihr Eigen nennt. Aus den Splittern und Fragmenten eines gerade verlustig gehenden Subjektes bastelt der am 19. April 2009 verstorbene Autor eine kunstvolle Montage in Form literarischer Miniaturen, aufgeladen durch Meilensteine der US-amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ausgangsszenerie dieses Höhepunktes experimenteller Literatur ist ein anfangs noch Travis genannter Arzt einer psychiatrischen Klinik, der zusehends eine besorgniserregende Zuneigung zu seinen Patienten und zu seiner Umwelt entwickelt. Nach und nach entgleitet ihm die Persönlichkeit, und mit auf ihre Flucht nimmt sie den Leser, welcher, Absatz um Absatz, hineingesogen wird in die Auseinandersetzung des Arztes mit gewissen Ikonen der 1960er-Jahre und seinen Versuch, eine neuartige Person, basierend auf ausgefallener Sexualität, zu entwickeln.

Travis (der Einfachheit halber soll er zumindest im Laufe der Rezension diesen Namen behalten) fertigt riesige Collagen von Opfern eines Autounfalles und beispielsweise Jackie Kennedy an, um sie, in Relation mit der Umgebung gesetzt, nach Entsprechungen in Landschaft und Architektur zu durchforsten. Er ist sozusagen auf der Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner und will dadurch die tatsächliche Ordnung der Geschehnisse begreifen. Diese Querverweise definieren sich in erster Linie durch ihre sexuelle Komponente. Die Zurschaustellung und Aufbahrung von getöteten Menschen, egal ob nun in Folge eines Unfalles oder des Vietnamkrieges, beinhaltet ein erhebliches sexuelles Potenzial, welches in Liebe & Napalm vorgeführt wird – erschreckend und hypnotisch zugleich, ähnlich wie in Ballards verfilmtem Roman Crash.

Schon der Titel verweist auf eine der unzähligen Aussagen dieser Tour de Force, wonach die USA den Vietnamkrieg brauchen, um ein normales Sexualleben führen zu können bzw. überhaupt erst zur Liebe fähig zu sein. Zwischen all den Endzeit-Bereichen und Außenposten des menschlichen Geistes zieht Ballard die Verbindung zwischen Krieg und Sexualität ans verstörende Licht künstlich kalkulierter Perversion, und nicht nur die Präsidentenwitwe wird hier, im wahrsten Sinne des Wortes, als Objekt missbraucht, auch ihr getöteter Ehemann taucht in unterschiedlichster Art und Weise ausgeschlachtet auf, die Attentats-Aufnahme des Hobbyfilmers Abraham Zapruder wird zurückgespult, bis die Filmrolle reißt und im Weiß der Leinwand Marylin Monroe nicht mehr aus einer Torte hüpft, um ein Liedchen zu trällern, sondern, ihrer körperlichen Einzelheiten beraubt, Instrument eines Weltentwurfes wird, in dessen No-Mans-Land Leichen und verloren geglaubte Astronauten sowohl Weg als auch Hauswände pflastern. Herauszufinden, was das alles mit Ronald Reagan und dessen Auswirkungen auf masturbatorische Orgasmen samt Autokarambolagen zu tun hat, sei empfohlen, zumal nach ein paar Seiten Fragen überflüssig werden, aber inmitten des Kopfschüttelns und Haareraufens der Wunsch überhand nimmt, in das vielfältige Universum von James G. Ballard Eingang zu finden.