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thailändische fischsauce

caroline fürholzer | thailändische fischsauce

Eine Reise aus dem Mittelalter hin zu meiner Wohnung

Ich füttere die beiden Triopse. Munter tauchen sie durch die Plastiklacke. Wieder und wieder stoßen sie an ihre Wände und ich frage mich, ob sie glücklicher lebten, wenn das Gefäß größer wäre. Doch auch in der Natur bewohnen diese Tiere bloß winzige Pfützen. Und das für ungefähr neun Wochen, bevor sich ihr Leben dem Ende zuneigt.

Mein Schüler Mathis betritt als Erster das Klassenzimmer und schleudert seine Tasche unsanft auf den Tisch. Seine Wahrnehmung ist „autistisch geprägt”, was bedeutet, dass er Eindrücke anders aufnimmt als andere. Außerdem leidet er an „aggressiven Anfällen”, oder besser gesagt: seine Umwelt. Als ich einmal Fotos von den Kindern knipste und an die Wand im Klassenraum pappte, begann er wie wild mit Gegenständen um sich zu werfen. Da begriff ich, dass er sich selbst nicht ansehen konnte, und nahm sein Bild von der Wand ab. Ich hatte eine unsichtbare Grenze überschritten.

Es folgen Muhsin und Alicija, eine rosawangige Schülerin aus der Ukraine, die gerade mit großem Erfolg dabei ist, Deutsch zu lernen. Muhsins Eltern stammen aus der Türkei, er selbst jedoch ist hier in Wien geboren. Fragt man ihn nach seiner Identität, so antwortet er nicht ohne Stolz: „Ich bin Türke! Ist besser.” – „Besser, als was?”, frage ich, denn wir befinden uns in einer Multikulti-Klasse, in der acht Nationalitäten vertreten sind. „Besser halt”, antwortet er, ohne mich anzusehen, und holt einen Papierflieger aus seinem Bankfach.

In der Pause gehe ich über den Schulhof, um den Garderobenschlüssel aus dem Lehrerzimmer zu holen. Zufällig bekomme ich mit, dass Borislav aus der 2a Muhsin „Zigeuner!” hinterherruft. Muhsins Gesicht färbt sich. Rötlich, dunkelrot, rotbraun. „… deine Mutter!”, brüllt er zurück, und ich sehe ihn mit den Tränen kämpfen. Unausgesprochen, aber wahr ist, dass keines der Kinder ein „Zigeuner” sein will. Erkundigt man sich nach dem Grund, so antworten sie darauf mit Schulterzucken. Bohrt man weiter, wer „Zigeuner” eigentlich sind, so kommen Antworten wie: „Leute, die stehlen und um die Häuser ziehen halt.” Ein Synonym für Verbrecher also.

Vor weniger als zwei Jahren habe ich mit dem Unterrichten begonnen. Zuerst in Wien, später auch in Zürich. Ein Promi suchte eine Privatlehrerin für seine Tochter, ein Zirkuskind. Ich war – zufällig, wenn man es so will – zur rechten Zeit am rechten Ort und willigte ein, denn ein Sommer in der Schweiz roch nach Abwechslung. Im Gegensatz zu den Kindern, die ich heute unterrichte, mangelte es diesem Mädchen an nichts. Mal abgesehen von Klassenkameraden und festem Wohnsitz. Und abgesehen vor allem von der elterlichen Zeit. Denn als Promi ist man ja quasi gezwungen, im Rampenlicht zu stehen. Am besten 24 Stunden täglich, und das sechsmal die Woche. Das Leben zwischen Flughafen und Blitzlichtgewitter kann ganz schön an die Substanz gehen, denn schließlich muss man ja permanent repräsentieren.

Ich überlege, in wessen Haut ich lieber stecken würde. Natürlich in der des Promi-Kindes. Ist doch klar. Einer kleinen Elite anzugehören, ist mit Sicherheit ein besseres Los, als Teil einer unüberschaubaren Minderheit zu sein.


Ein neuer Schnitt
Yuna sitzt an ihrem Platz und starrt in die Leere. Sie stammt aus Mali. Sie ist schon 14 und überragt ihre Mitschü­lerinnen um ca. zwei Köpfe. Auf ihrem Gesicht prangt eine zentimeterlange Narbe, die ihr etwas Urtümliches verleiht. Ich klopfe auf ihre Schulter, denn wieder hat sie eine Werkstunde hinter sich gebracht. Vor knapp einem Jahr ist sie ins Land gekommen. Seit dieser Zeit macht sie nahezu unaufhörlich erste Erfahrungen mit Stift, Schere und unseren Kulturtechniken im Allgemeinen.

Dinge, die für „das Leben bei uns” nach Ansicht der Etwas-zu-sagen-Haber zwingend notwendig sind. Trotz ihrer (vermutlich lebensrettenden) Adoption hat sie massive Schwierigkeiten. „Anders” zu sein ist für niemanden ein Vergnügen. Schon gar nicht, wenn man sich schon durch die eigene Optik grundlegend vom Großteil der Bevölkerung abhebt und keinerlei Vorerfahrungen mit der Institution Schule hat. Manche Menschen reagieren abweisend oder gar ungeduldig auf Yuna. Schließlich ist sie „ein so großes Mädchen”. Im Ernst. Da kann man schon erwarten, dass sie „weiß, wie man eine Schere hält” oder Häkelnadel, und wie man Nähmaschine, Uhu und Bleistift problemlos bedienen kann. Einige ihrer Lehrerinnen vertreten diese Ansicht. Obwohl die es eigentlich besser wissen sollten. Yuna hat mehr erlebt, als man es vom Durchschnittsmenschen in unserer Mitte behaupten kann. Hoffentlich jedenfalls. Nach Angaben ihres Adoptivvaters wurde sie im Alter von fünf Jahren beschnitten und erlitt im Alter von acht einen schlimmen Haushaltsunfall, der ihr beinahe das Bein (vielleicht sogar das Leben) gekostet hätte. In den Sportstunden kann man die vernarbte Stelle an ihrem Oberschenkel sehen. Dunkle Haut, vermischt mit blassrosafarbenen Schlieren. Ein Anblick, der unter die Haut geht.

Nichtsdestotrotz wundern sich Pädagoginnen häufig über ihre „Rückstände”. Sie zupft an ihrem Ärmel und hält mir ihr Handgelenk unter die Nase, wie um zu sagen: „Da. Irgendwann werd‘ ich es schaffen.” Ein neuer Schnitt (der dritte) durchzieht ihre Haut. Mehr will sie dazu nicht sagen. Das ist legitim. Auf der Toilette muss ich mich prompt übergeben. Sämtlicher Ärger bahnt sich einen Weg aus meinem Inneren. Mit lauwarmem Wasser spüle ich mir den Mund aus, bevor ich die Nummer ihres Adoptivvaters wähle. Doch der ist gerade auf Geschäftsreise in Delhi. Naja. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit …


Untereinander soldar…
Ich steige in die U-Bahn. „Jedes dritte Verbrechen wird von einem AUSLÄNDER begangen”, schreit mir dort die österreichische Boulevardpresse entgegen. Gegen meinen Willen schlägt meine Hand die Zeitung auf. Der Artikel ist bunt bebildert. Ein südländisch aussehender Typ schlägt mit einem Meißel auf einen gefährlich dreinschauenden Mann mit Turban und Bart ein. Vermutlich ein Fundamentalist, so einer eignet sich besonders für dieses Foto. Darunter eine Abbildung, auf der eine Jugendbande in einem Wiener Park zu sehen ist. Fünf Burschen, die möglicherweise aus einem osteuropäischen Land stammen, treten auf einen blonden Jungen (Österreicher?) ein, der wehrlos auf dem Boden liegt und unschuldig in die Kamera schaut.

„Dass die so gewalttätig sind, diese Ausländer …” Der angegraute Mann mir gegenüber möchte scheinbar ein Gespräch beginnen. An seinem Hals baumelt eine fette Goldkette, die im Licht der U-Bahn glänzt. „Dabei könnten sie sich ja wenigstens untereinander … soldar soldar…” – „Solidarisieren?” – „Ja, genau!”

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Noch drei lange Stationen liegen vor mir. Von einem Plakat lächelt mir ein Politiker entgegen, dessen Kontaktlinsenfarbe seine Partei symbolisiert. „Daham statt Islam” steht in fetten Lettern darunter. Sollte ich mich etwa mit ihm/seiner Partei/seiner Religionsauffassung solidarisieren?

Minuten später fährt meine U-Bahn endlich in die Station ein. Ich steige aus. Ein Junkie (sein blau umrandeter Mund outet ihn) kommt auf mich zu und möchte ein paar Cent schnorren.

Zufällig kann ich einen Euro in meiner Hosentasche entdecken. Ich weiß, dass er sich darum kein Nahrungsmittel leisten wird. Überhaupt sieht er so aus, als hätte er das Essen ohnehin bereits aufgegeben. Trotzdem stecke ich ihm den Euro zu. Jeden Tag eine gute Tat, oder wie war das noch mal? Ich ernte herablassende Blicke einer durchgestylten, blond gelockten Dame, die sich an mir vorbeidrängt und ihren schneeweißen Laptop fest umklammert. Möglicherweise ist sie direkt einer Eduscho-Werbung entsprungen.

Am Rand neben der Rolltreppe steht ein Bettler. Irgendjemand muss seiner Hand vor langer Zeit alle fünf Finger abgeschnitten haben. Er streckt den Passanten auffordernd einen alten, schäbigen Hut entgegen – mit der intakten Hand, versteht sich. Doch auch die geschundene hält er nicht versteckt. Einige Menschen ziehen an ihm vorbei. Manche starren angewidert auf seine zur Schau gestellte Misshandlung. Die meisten jedoch haben gelernt, zu ignorieren. Ich überlege einen Moment, ob mein Euro bei ihm in einer besseren Hand gewesen wäre. Doch die Mitleidstour kotzt mich an und so marschiere ich weiter, ohne den Kopf zu heben. Schließlich müssen wir selektieren.


Er ist es!
Vor dem Hummer-Lokal schlendere ich auf und ab. Meine Freundin sollte eigentlich schon Feierabend haben, denn es ist mittlerweile bereits nach 22 Uhr. Während ich auf sie warte, drehe ich mir noch schnell eine Zigarette. Eine besondere, versteht sich, denn für diesen Abend will ich alles einmal vergessen können. Ein dunkelhäutiger Star aus der Entertainer-Branche betritt zusammen mit einer gealterten Lady an seiner Seite das Lokal. Durch die Glastüre kann ich erkennen, wie sich der Blick des Begrüßungspersonals schlagartig aufhellt. Kein Zweifel. ER ist es. Einer derjenigen, die es geschafft haben.

Von einem engelsgleichen Wesen wird das Paar schließlich zu einem Tisch direkt am Buffet geführt. Der Inhaber des Lokals ist sofort zur Stelle und heißt die Neuankömmlinge willkommen. Als Mirjam nach weiteren zwanzig Minuten immer noch nicht auftaucht, wage ich mich vor in die Höhle des Löwen. Sofort werde ich mit Kopfschütteln begrüßt. Schließlich trage ich abgewetzte Jeans und ein Top aus dem Secondhand-Laden. „Nein, keine Angst. Ich bin kein Gast. Aber wo steckt sie?” Die kopfschüttelnde Lady mir gegenüber faselt etwas von spontanen VIP-Besuchern und Überstunden, während sie mich abfällig mustert. Jetzt stößt der Promi mit seiner Begleitung an und lächelt mir aufmunternd zu. „Prost!” Gut, dann werde ich eben allein vergessen.

Zu Hause angekommen drehe ich meinen Fernseher auf. Eigentlich wollte ich lieber ein Buch lesen. Doch dazu fühle ich mich im Moment zu müde. In der Hoffnung, auf einen einigernmaßen interessanten Film zu stoßen, zappe ich mich durch die Sender. Zwischen unzähligen Promi-, News-, Talk- oder Gerichtsshows, die das Abendprogramm hervorsprudelt, stoße ich auf eine neue Serie. Diese zeigt mir genau, wie die heutige Wohlstandsgesellschaft unsere Jugend verdirbt. Scheinbar überforderte Teenie-Eltern strampeln sich mit wildfremden Kindern in einer Art Big-Brother-Gemach ab. Der Privatsender erhebt den pseudoerzieherischen Zeigefinger gegen von uns herangezüchtete Jungschmarotzer. Eine der Möchtegern-Mamis ist arbeitslos und das, was man auch gemeinhin als „arbeitsunwillig” bezeichnen könnte. Auf ihrem Kopf tummeln sich orangefarbene Strähnen. Wahrscheinlich wollte sie ihre Herkunft mit Wasserstoff überdecken. Doch ab einer gewissen Nuance kann selbst das aggressivste Präparat nicht mehr helfen. Zum Glück schlafe ich etwa zehn Minuten später ein.

Am nächsten Morgen kitzeln mich fröhliche Sonnenstrahlen an der Wange. Ich gehe ins Badezimmer und stecke mir die Zahnbürste in den Mund. Aus dem Spiegel sieht mir ein zerknittertes Ich entgegen, das aussieht, als könnte es ein bisschen Wasser ganz gut gebrauchen. Also begebe ich mich unter den Duschstrahl und wechsle eifrig zwischen Warm- und Kaltwasser hin und her, denn das soll ja unsere Zellen erfrischen. Später mache ich mich auf den Weg zum Stephansplatz. An diesem Tag hatten offensichtlich auch viele andere Menschen diese Idee. Die meisten von ihnen sind Touristen, die sich neugierig und Eis schleckend auf dem Platz tummeln. Ein alter Mann, der ein biss­chen heruntergekommen wirkt, verkauft Luftballons in allen möglichen Farben und Formen. Er spricht vor allem Menschen mit Kindern an, um ihnen seine Ware schmackhaft zu machen. Doch wenige interessieren sich für ihn. Die Zeiten, in denen Kinder sich von fliegenden Ballons beeindru­cken ließen, sind endgültig passé.

Direkt vor dem Dom steht ein verkleideter Mensch. Er ist am ganzen Körper silbrig geschminkt und trägt auch silberfarbene Kleidung. Ich habe ihn schon öfter hier gesehen und nie herausfinden können, welchem Geschlecht er angehört. Ewigkeiten steht er wie erstarrt da und rührt keinen Muskel, egal was die Menschen um ihn herum tun. Nicht einmal als der Ballonverkäufer sich schimpfend nähert – „Das ist doch Bettelei. Rumstehen und nichts tun …” – zeigt sein Körper eine Regung.

Gegen Abend steige ich wieder in die U-Bahn. In meiner Hand trage ich eine Plastiktüte mit einer Glasflasche. Darin befindet sich original thailändische Fischsauce, denn heute wird groß aufgekocht. Mirjam hat einen freien Abend, und da möchte ich meiner Liebsten eine kleine Sonntagsfreude bereiten. Als mein Handy klingelt und ich ihre Stimme an der Strippe vernehmen kann, beginnt die Tasche in meiner Hand vor Aufregung leicht nach vorn zu schaukeln.

Da ist es auch schon passiert! Meine Tasche schlägt gegen eine Haltestange und prompt zerspringt auch das Gefäß mit dem gefährlichen Inhalt. Ein bräunlicher Fluss, dessen Quelle in meiner Hand liegt, bahnt sich einen Weg durch die goldene Mitte. Plötzlich geht alles ganz schnell. Leute springen zur Seite, oder verlassen den Waggon. Sie halten sich die Nase zu mit Taschentüchern, mit Pulloverärmeln, manche sogar mit Büchern oder Zeitungen. Ein beißender Geruch breitet sich aus. Auch Hose und Jacke sind betroffen und stinken vor sich hin, als gäbe es kein Morgen. An der nächsten Station springe ich schnell aus der U-Bahn, um die Scherben samt Tüte zu entsorgen. Als ich den Waggon abermals betrete (wäre ich zum nächsten geeilt, hätte sich die U-Bahn vermutlich ohne mich aus dem Staub gemacht), zeigen manche Leute mit dem Finger auf mich.

Andere tuscheln hinter vorgehaltener Hand und beobachten mich aus den Augenwinkeln heraus. Jeder der Anwesenden scheint darauf bedacht, einen gewissen Sicherheitsabstand zu mir zu halten. Die Reise aus dem Mittelalter bis hin zu meiner Wohnung scheint kein Ende zu nehmen. Kleine Trauben von Menschen stehen umher und entwerfen – in einer Lautstärke, die zweifelsfrei auch für meine Ohren bestimmt ist – Theorien über den Inhalt der verunglückten Flasche. Ich wundere mich darüber, wie schnell es manchen Individuen selbst im Dschungel der Großstadt gelingt, Kontakt zu anderen zu knüpfen. Und sei es nur für wenige Minuten, die zusammenschweißen, da man gemeinsames Übel erlebt. Wahrscheinlich habe ich gerade einen Frosch im Hals, denn ich verspüre den Drang, laut zu brüllen und ihnen die Absurdheit ihres Verhaltens vor Augen zu führen. „Derjenige, dem so etwas nicht passieren kann, werfe den ersten Stein”, trällert es lautstark in meinem Kopf. Doch stattdessen stehe ich in einer Ecke und versuche, mir Scheuklappen vorzustellen, die mir einzig und allein den Blick auf das Handy genehmigen. Nie wieder werde ich einem unangenehm riechenden Menschen ausweichen, weil sein Geruch meine Nase beleidigt.

Ich denke an Thailand. Dort war ich vor einem Jahr. In Bangkok wäre mir das mit Sicherheit nicht passiert, denn die Menschen sind dort einfach anders. Außerdem hat die Stadt einen charakteristischen Geruch, der derartige Lappalien zu überdecken vermag.
An diesem Abend ist Mirjam enttäuscht. Anstelle eines Currygerichts mit Krabben gibt es bloß einen einfachen Döner bei mir. Sie liegt in meinem Arm und blickt nachdenklich durch das Fenster zum Nachthimmel hinauf. Auch ich bin enttäuscht. Eigentlich sollte dieser schwärzestes Schwarz tragen und uns unendlich viele glitzernde Silberkugeln offenbaren. Doch die Lichter der Stadt tauchen ihn in ein bizarres Dunkelorange und verschlucken so das Leuchten der Sterne. Im Ernst, der Abend hätte besser laufen können