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von der leidenschaft kinder zu zeugen

felix wallner | von der leidenschaft kinder zu zeugen

Josef K. hatte sie schon seit Monaten heimlich beobachtet. Endlich hatte er ihren Namen herausgefunden. Jeden Morgen, beim Rasieren, beim Duschen, beim Pinkeln, flüsterte er diesen Namen und versuchte sich an seine sperrige Melodie zu gewöhnen: Rosamunde Y. Langsam kam ihm der Name schön vor.

Er hatte auch beobachtet, wo er sie verlässlich antreffen konnte. Jeden Samstag erschien sie immer um dieselbe Zeit im Billa-Markt und kaufte einen bescheidenen Vorrat an Lebensmitteln ein. Gerade soviel wie eine alleinstehende Frau, etwas älter als Josef K. selbst, eben zum Leben braucht.

Josef K. wollte nichts dem Zufall überlassen und hatte alles genau geplant. Ihm war aus vergangenen Beziehungen bekannt, dass man Frauen am leichtesten unter romantischen Umgebungsbedingungen ins Bett bringt. Der bevorstehende Jahreswechsel kam ihm dabei zu Hilfe. Er hatte sich vorgenommen, Frau Rosamunde Y. im Billa-Markt vor einer großen Palette rosaroter Marzipanschweinchen anzusprechen.

Als Frau Rosamunde Y. mit ihrem Einkaufswagen an den rosaroten Marzipanschweinchen vorbeifuhr, stellte Josef K. sich ihr entschlossen in den Weg.
Frau Rosamunde Y., gestatten Sie mir bitte eine kurze Frage.
Frau Rosamunde Y. war eine höfliche Frau und aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters auch jähen Männerbekanntschaften nicht völlig abgeneigt.
Aber ich bitte Sie, gab sie zur Antwort, eine kurze Frage hat doch noch niemandem geschadet.
Mein Name ist Josef K., sagte Josef K., und ich möchte gerne ein Kind von Ihnen.
Oh, sagte Frau Rosamunde Y. Sie schien etwas überrascht.
Ja, sagte Josef K. Er hatte seine Rede lange und minutiös vorbereitet.

Frau Rosamunde Y. war in einem Alter, in dem sie schon manchmal an Kinder gedacht hatte. Trotzdem kam der Vorschlag des ihr bisher unbekannten Josef K. doch etwas plötzlich. Sie zögerte daher und erbat sich Bedenkzeit.
Josef K. nickte. Nichts anderes hatte er erwartet. Um Frau Rosamunde Y. günstig zu stimmen, schob er ihr mit der Bemerkung „schon bezahlt“ eine Packung Schwedenbomben und zwei Schachteln Schokobananen in den Einkaufskorb.

Als sie gemeinsam vor das Geschäft traten, empfand er das mit den Schwedenbomben schon wieder als peinlich. Vielleicht, dachte Josef K. bei sich, vielleicht sollte man einer Frau, mit der einen nichts anderes verband als einige gleichzeitig stattgefundene Billa-Einkäufe, doch etwas genauer erklären, weshalb sich ein in einem aufkeimender Kinderwunsch gerade auf sie bezog.

Es gibt seit Menschengedenken keinen stärkeren Trieb als den, sich fortzupflanzen, erklärte Josef K., während Frau Rosamunde Y. ihr Auto öffnete und die Einkaufstasche auf den Rück­sitz stellte. Natürlich verschafft es auch eine gewisse Befriedigung, einen Baum zu setzen oder eine Erdbeerstaude anzupflanzen. Aber letztlich sei es doch nicht dasselbe wie die Zeugung eines Menschen, die Hervorbringung eines völlig neuen Lebewesens. Natürlich sei ihm bewusst, bekannte Josef K., dass es im Grunde schon zu viele Menschen auf der Erde gebe und damit die Zeugung weiterer Menschen durchaus zu hinterfragen. Aber er sei ein Spieler. Und er sei, begünstigt auch durch sein Junggesellendasein, ein begeisterter Hobbykoch. Ihm mache es riesigen Spaß, Zutaten immer neu durcheinander zu mischen und dann zu schauen, wonach es schmeckt. Das sei aber alles nichts gegen eine Zeugung. Jeder von uns, sagte Josef K., ist ein riesiger Genpool, und es ist faszinierend, solche Genpools durcheinanderzumischen und zu sehen, was dabei herauskommt.

Und Sie, liebe Frau Rosamunde Y., schloss Josef K. mit feierlichem Unterton, Sie sind ein ganz besonderer Genpool. Dafür hab ich einen Blick.

Es waren bange Tage des Wartens. Immerhin ist die Zeugung eines Kindes eine gewisse Wende in einem Leben, und da Josef K.s Leben bisher von Geradlinigkeit, aber auch einer Spur Monotonie geprägt war, erregte ihn die Vorstellung, ein Kind zu zeugen. Mehr noch. Er entdeckte an sich einen Zug, den er noch nicht gekannt hatte: Leidenschaft. Es war ihm ein leidenschaftliches Anliegen, ein Kind oder sogar eine Vielzahl von Kindern zu zeugen. Josef K. begriff, dass auch die Zeugung von Kindern zur Leidenschaft werden kann.

Frau Rosamunde Y. machte es kurz. Du kannst kommen, sagte sie am Telefon, sofort.

Als Josef K. in ihre Wohnung kam, trug Frau Rosamunde Y. nur ein schwarzes Spitzenmieder, Strümpfe und hochhackige Pantoffeln. Josef K. war irritiert. Die Reizwäsche hätte sie sich sparen können, dachte er bei sich. Sein Entschluss stand ohnehin fest. Er war schon in der festen Absicht gekommen, Frau Rosamunde Y. zwecks Zeugung eines gemeinsamen Kindes zu vögeln. Josef K. blieb daher förmlich, was sich auch daran äußerte, dass er Frau Rosamunde Y. betont siezte. Es war ihm ein Anliegen, beim Sie zu bleiben, obwohl er von seinen vergangenen Frauenbekanntschaften wusste, dass Frauen automatisch beim Geschlechtsverkehr davon ausgehen, dass man sich per Du anspricht.

Mir wäre es recht, sagte Josef K. mit feierlicher Miene und sehr bestimmt, wenn ich Sie jetzt möglichst rasch befruchten dürfte.
Frau Rosamunde Y. hatte zwar angesichts der Umstände ihres Bekanntwerdens Verständnis für die zielstrebige Befruchtungsabsicht von Josef K., bat aber dann doch um ein kurzes Vorspiel. Dieser Wunsch kam Josef K. ungelegen, weil er ohne Umschweife das mit Frau Rosamunde Y. geplante Kind zeugen wollte. Da er von Natur aus ein gutmütiger Mensch war, nickte er schließlich resignierend und schlug vor, dass sie ihm einen blasen solle. Ihm fiel ein, dass er heute noch keine Zeitung gelesen hatte. Da traf es sich gut, dass am Tisch eine Tageszeitung lag.

Nun gut, sagte er, nahm die Tageszeitung und setzte sich in ein bequemes Fauteuil. Er spreizte seine Beine auseinander, um Frau Rosamunde Y. Zugang zu seinem Glied zu verschaffen, und schlug den Kulturteil auf. Frau Rosamunde Y. kauerte vor ihm. Josef K. fiel auf, dass sie in solchen Dingen nicht ungeübt schien. Außerdem empfand er ihre Haltung als nützlich, weil sie es ihm ermöglichte, die großformatige Zeitung auf ihrem Kopf auszubreiten.

Josef K. ärgerte sich über eine hymnische Filmkritik. Er fand es generell unpassend, einen Kafka-Roman zu verfilmen, schon gar nicht den Prozess. Dazu kam, dass Josef K. im Unterschied zum Kritiker den Film langatmig und schwerfällig erlebt hatte. Die Bemühungen, die Frau Rosamunde K. seinem Glied widmete, nahm er nur aus der Ferne wahr. Dumpf verbreitete sich in ihm ein diffuser Hauch von Lust, den er als störend empfand. Nicht zuletzt deshalb, weil er einen etwas zu kompliziert ausgefallenen Satz zweimal lesen musste, bevor er ihn endlich verstand.

Dazu kam, dass es ihm zunehmend Schwierigkeiten machte, das von Frau Rosamunde Y. ausgehende Geschmatze zu überhören. Wieso, fragte sich Josef K., finden es die Menschen auf unserer Zivilisationsstufe völlig normal, wenn sie beim Blasen schmatzen, während sie dasselbe bei einer noch so köstlichen Mahlzeit in einem Speiselokal als unakzeptabel ansehen und selbstverständlich unterdrücken würden.

Josef K. bemühte sich, seine Konzentration wiederzufinden und in einem halbwegs klugen Satz sein Missfallen über einen Franz-Kafka-Roman auf der Leinwand zu formulieren. So leicht es ihm aber gefallen war, sein Unbehagen in Gedanken auszudrücken, so schwer kamen ihm nun die Worte über die Lippen. Verärgert bemerkte er, dass seine Sätze nur gepresst aus seinem Mund drangen. Josef K. spürte, dass Frau Rosamunde Y. ihn akustisch nur schwer verstand und unter der aufgeschlagenen Zeitung fragend zu ihm hochblickte. Er überlegte, wie er Frau Rosamunde Y. von ihrer Beschäftigung abbringen könne, und sah sich – allerdings vergeblich – nach etwas Knabbergebäck um, das er ihr statt seines Gliedes anbieten könnte.

Auch Frau Rosamunde Y. war Opfer ihrer guten Erziehung geworden und versuchte, durch eine passende Antwort Interesse zu zeigen. Die über ihrem Kopf aufgeschlagene Zeitung machte es ihr unmöglich, die Situation umfassend zu beurteilen. Sie wusste aber um die Störanfälligkeit männlicher Erektion und wagte daher nicht, das Glied Josef K.s aus dem Mund zu nehmen, ja nicht einmal innezuhalten oder den Rhythmus ihrer Kopfbewegung zu verändern. Trotzdem bemühte sie sich, die Verfilmung eines Franz-Kafka-Romans so gut es ging in Schutz zu nehmen.

Josef K. verstand von ihren weitschweifigen Ausführungen kein Wort. Das bestätigte ihn in seinem Vorurteil, dass es sinnlos ist, mit Frauen über Kultur zu sprechen.

Frau Rosamunde Y. hatte sich mittlerweile in Feuer geredet. Franz Kafka war ihr einfach ein Herzensanliegen. Sie hatte damit die wohldurchdachte Grenze, die sie aus Erfahrung, aber auch weiblicher Intuition zwischen dem Erzeugen bloßer Behaglichkeit und dem endgültigen Ausbruch des Triebhaften sehr geschickt zu ziehen verstand, missachtet und ungewollt einen Samenerguss bei Josef K. ausgelöst.

Frau Rosamunde Y. bereute sofort, was sie getan hatte. Sie wusste, dass der Zeitpunkt ungünstig war und auch, dass Josef K.s Samen heute einem ganz bestimmten Zweck dienen und nicht sinnlos vergeudet werden sollte.
Josef K. war noch so in die Filmkritik und seinen Ärger darüber vertieft, dass ihm zunächst gar nicht auffiel, dass seine Samenflüssigkeit den Besitzer gewechselt hatte.

Als er es bemerkte, war das Malheur schon geschehen. Zornig erinnerte er Frau Rosamunde Y., zu welchem Zweck er gekommen sei. Er habe zwar schon von Bauchhöhlenschwangerschaften gehört, höhnte er, aber noch niemals von einer Mundhöhlenschwangerschaft. Sie sollten sich doch beide, verdammt noch mal, nicht von ihrer heiligen Pflicht zur Befruchtung abbringen lassen. Kein Tropfen dürfe verschwendet werden, wenn es um so etwas Wichtiges ginge, wie die Zeugung eines gemeinsamen Kindes, respektive die Vermengung zweier hochinteressanter Genpools.

Frau Rosamunde Y. lächelte. Sie hatte sich schnell wieder gefasst. Aufgrund ihres Alters war sie nicht unerfahren im Umgang mit Männern. Sie respektierte die Förmlichkeit des Auftrittes und auch ihr war mittlerweile klar, dass das hier mehr war als ein bisschen Herumgeficke, nämlich eine gewissermaßen kultische Handlung.

Sie Dummerl, sagte sie daher nachsichtig zu Josef K. Sie Dummerl, ich weiß schon, was ich tue. Sie kannte ihre Stärken und wusste aus dem Vorspiel sehr genau, wie das Glied des Josef K. zu bedienen war. Innerhalb kurzer Zeit hatte sie Erfolg und Josef K.s Glied fand wieder zu seiner alten Form zurück.

Da er weiterhin keine Anstalten machte, die Zeitung zur Seite zu legen, streifte sie selbst kurzentschlossen das Mieder ab, was Josef K. tatsächlich dazu veranlasste, die Zeitung auf den Boden zu werfen.
Frau Rosamunde Y. war sich – wie erwähnt – über den besonderen Ernst des bevorstehenden Zeugungsaktes im Klaren. Sie akzeptierte das, fand es aber auch passend, dafür nur mehr das Nötigste zu tun.

Sie beschloss daher, auf ihrem Sofa zu knien und sich Josef K. von hinten anzubieten. Sie wollte bewusst eine Position wählen, die das allzu Persönliche in den Hintergrund drängt. Immerhin hat diese Position den Vorzug, dass man einander nicht ins Gesicht schauen muss, was gerade beim sexuellen Höhepunkt als angenehm empfunden wird, weil doch immer zu befürchten ist, dass einem dabei die Gesichtszüge entgleisen. Vor allem aber ist dies eine Position, bei der überflüssige körperliche Berührungen weitgehend vermieden werden können, was der Heiligkeit des bevorstehenden Aktes entsprach.

Dazu kam schließlich, dass Josef K. die Zeitung so abgelegt hatte, dass Frau Rosamunde Y. nun ihrerseits am Sofa kniend Gelegenheit haben würde, diese zu lesen. Sie hoffte, dass Josef K. nicht zu fest stoßen würde. Dann würde sie imstande sein, auch das Enggedruckte problemlos zu lesen.

Josef K. unternahm einen kurzen Versuch sie umzustimmen. Auch er hatte ähnliche Überlegungen, was die aufzuwendende Energie anlangt, und hätte es lieber gesehen, wenn sich Frau Rosamunde Y. auf ihn gesetzt und ihm damit viel an Körpereinsatz abgenommen hätte. Seine Leidenschaft, ein Kind zu zeugen, war aber mittlerweile so heftig geworden, dass er sich fügte und sein Glied in den dargebotenen Körper von Frau Rosamunde Y. senkte.

Beide bemühten sich, ruhig und kontrolliert zu atmen. Lust zu empfinden oder gar für den jeweils anderen erkennbar zu zeigen, wäre ihnen beiden banal erschienen.

Diesmal war allerdings Frau Rosamunde Y. im Vorteil, weil es ihr tatsächlich gelang, die Zeitung im Auge zu behalten und mit einer flüchtigen Handbewegung, die sie als kurz aufflackernde Ekstase tarnte, den Immobilienteil aufzuschlagen. Frau Rosamunde Y. war nämlich auf Wohnungssuche und seit Wochen bemüht, den undurchsichtigen Wiener Preisdschungel zu durchforsten. Während Josef K. mit seinem Glied sehr körperlich in ihrem Körper herumstöberte, wühlte sich Frau Rosamunde Y. in Gedanken durch die Quadratmeterpreise der Wiener Innenstadt.

Jetzt war es Josef K., der voll bei der Sache war. Mit Fortdauer seiner Bemühungen wurde ihm immer klarer, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit das erste und gleichzeitig letzte Mal war, dass er ein Kind zeugen würde. Josef K. versuchte daher, Frau Rosamunde Y. mit größter Präzision zu vögeln. Er musste allerdings zur Kenntnis nehmen, dass Präzision beim Vögeln keine einfache Sache ist und dass die Zeugung seines Kindes mit Rosamunde K deutlich längere Zeit in Anspruch nahm, als er eigentlich geplant hatte. Schließlich gelang es ihm aber doch, die für die Zeugung benötigte Menge an Samenflüssigkeit aus seinem Körper loszueisen.
Selbst in diesem Moment, der vielleicht der wichtigste in seinem Leben war, bewahrte er Haltung. Es hatte ihn von jeher gestört, dass seine Partnerinnen und manchmal auch er selbst beim Geschlechtsakt Laute ausstießen, die – objektiv gesehen – keinerlei Bedeutung hatten. Er war stolz darauf, dass es heute anders war. Es war nicht mehr als ein gefasstes, ehrfürchtiges Nicken, mit dem er ihr zu verstehen gab, dass es so weit war.

Josef K. und Frau Rosamunde Y. hatten sich rasch angekleidet und saßen nun bei einer Tasse Tee.
Finden Sie unsere Geschichte erotisch?, fragte Frau Rosamunde Y., nachdem sie beide minutenlang schweigend aneinander vorbeigesehen hatten.

Erotisch sei alles und nichts, beschied ihr Josef K. Sexualität sei da schon viel spezifischer, setzte er nach kurzer Überlegung nach.
Frau Rosamunde Y. zog es vor, auf seine Antwort nicht einzugehen. Stattdessen steckte sie sich eine Zigarette an.
Wollen Sie auch einmal anziehen, fragte sie nach zwei tiefen Zügen und hielt Josef K. die Zigarette hin. Josef K. kam das gemeinsame Rauchen einer Zigarette fast schon zu intim vor. Frau Rosamunde Y. bemerkte sein Zögern.
Aber ich bitte Sie, immerhin werde ich die Mutter Ihres Kindes.

Obwohl das Argument ihn nicht überzeugte, nahm Josef K. die Zigarette und sog langsam und ernsthaft den Rauch ein. Frau Rosamunde Y. zwinkerte kurz, ohne eigentlich zu wissen wozu.

Auch Josef K. konnte mit dem Zwinkern nichts anfangen und nahm den Gesprächsfaden von vorhin wieder auf. Er habe eine sehr funktionelle Auffassung von Sexualität, erläuterte er. Seit die Masturbation nicht mehr gerichtlich verfolgt würde, es sogar möglich geworden sei, sich auf Abendveranstaltungen beim Smalltalk über erfolgreiche Masturbationstechniken auszutauschen, gehe es im Zusammenhang mit paarweise ausgeübter Sexualität eigentlich nicht mehr um einen nur auf diesem Weg erzielbaren Lustgewinn. Während das Masturbieren das ungestörte Ausleben von Fantasien erlaube, bleibe der Liebesakt zu zweit immer ein Kompromiss.
Frau Rosamunde Y. beugte sich über den Tisch und schenkte etwas Tee nach. Sie schob damit ihre Brüste in Josef K.s Blickfeld, der nicht umhin konnte, diese überschwänglich zu loben. Er sei überzeugt, schwelgte Josef K., dass Frau Rosamunde Y. ihr gemeinsames Kind lange und effektiv stillen werde können.

Dann kam Josef K. wieder auf den Sinn der Sexualität zurück und fand ihn – für Frau Rosamunde Y. mittlerweile wenig überraschend – ausschließlich in der Zeugung von Kindern.
Und glauben Sie nicht, fragte Frau Rosamunde Y., nicht ohne Unterton, dass dafür auch eine künstliche Befruchtung ausreichend wäre?
Josef K. seufzte und machte eine abwertende Handbewegung. Ob sie sich denn mit diesem Thema nie ernsthaft auseinandergesetzt habe und ob sie nicht wisse, dass es bei künstlichen Befruchtungen regelmäßig zu unerwünschten Mehrlingsschwangerschaften käme. Nein, sagte Josef K. bestimmt, beim derzeitigen Stand der medizinischen Wissenschaft sei die natürliche Zeugung der künstlichen Insemination noch haushoch überlegen. Er sei jetzt auch nicht mehr ganz sicher, stellte Josef K. in den Raum, ob sich seine Leidenschaft Kinder zu zeugen, tatsächlich wieder legen würde.

Frau Rosamunde Y. lehnte sich zurück und schlüpfte aus den Pantoffeln. Einen Fuß legte sie auf den Couchtisch, den anderen auf das unbenutzte Fauteuil neben ihr. Das war auch ihre Fernsehhaltung und es kümmerte sie nicht, dass ihr Rock hochrutschte und bei einem Bein die helle Haut über ihrem Strumpf freigab.

Der ihr gegenüber sitzende Josef K. war kurz versucht, an Frau Rosamunde Y.s Beinen hochzusehen. Dann fiel ihm aber ein, dass ihn dort eigentlich keine Überraschung mehr erwartete. Er hatte überdies den Eindruck, dass schon alles gesagt sei, und begann weitschweifig, sich für den gelungenen Abend zu bedanken.

Wie stellen Sie sich das mit dem Unterhalt für das Kind eigentlich vor, fragte da Frau Rosamunde Y.
Josef K. wurde nachdenklich. Darüber wolle er eigentlich jetzt nicht sprechen, versetzte er und begann dann mit schnell wachsendem Enthusiasmus über das Geschlecht und die Haarfarbe des gerade gemeinsam gezeugten Kindes zu spekulieren. Glück­lichweise hatte er etwas angesprochen, das auch Frau Rosamunde Y. durch den Kopf ging. Schnell stellte sich heraus, dass sich beide ein Mädchen wünschten und dass ihre Vorstellungen, was das Aussehen des Kindes anlangt, völlig übereinstimmend waren.

Als Josef K. schließlich die Wohnung verließ, waren beide sehr, sehr glücklich und sicher, die richtigen Eltern zu sein.