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am anderen ende des berges

kai grehn | am anderen ende des berges

Ein Bericht (für C.)

Dem Tod begegnen und also der Präsenz des Lebens. / Dem Leben begegnen und also dem Verneinen des Nichts. / Dem Nichts begegnen und also dem Einen und Allem. / Dem Einen und Allem und also dem Fremden begegnen. / Dem Fremden begegnen und also sich selbst. / Sich selbst begegnen und also dem Tod.

Am Anfang war ein Wolkenkuckucksheim. 8.125 Höhenmeter, die Besitz ergriffen von dir, Besitz ergriffen von mir. Was für ein seltsamer Vogel, dachte ich, der sich bei uns eingenistet hat in der weilenden Länge eines Spätsommerabends, um sein Lied zu singen, Lied von einem Berg, über den kein Vogel fliegt. Mit den Herbststürmen wird er auffliegen und davon. Irgendwann begann der erste Schnee zu fallen und der seltsame Vogel, er saß noch immer da und sang sein Lied, lauter als zuvor:

Was macht der Maier am Himalaya? Wie kommt der Maier, der kleine Maier auf den großen Himalaya? Rauf, ja das kunnt er. Ich frag mich aber: Wie kommt er wieder runter? Ich hab so Angst um den Maier, der macht ‘nen Rutsch und ist futsch.

Lachen würde ich jetzt auch gern. Aber wenn in der Felswand über dir das Schicksal lauert in Gestalt schlafenden Gesteins, so bist du dir niemals gewiss, ob einer dieser Steine nicht ins Rollen gerät. Ein rollender Stein, der bestimmt ist allein für dich …
Das Steinmassiv, das dich erwartete, das mich erwartete, war der westliche Eckpfeiler des Himalaya-Kammes. Nanga Parbat sein Name. Nackter Berg. Oder: Diamir. König der Berge. Oder: Schicksalsberg der Deutschen. Killer mountain. Neunthöchster Berg eines Planeten namens Erde. Oder …
Die Wahrheit, sie schläft bekanntlich in einem Stein. Weil es aber mehr Steine zu geben scheint als Sterne am Firmament, so gibt es mindestens ebenso viele Wahrheiten. Dies ist die Geschichte eines sprechenden Steines, der der deine ist und der meine auch.

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Wenn der Berg nicht zum Dichter kommt,
kommt der Dichter zum Berg.

Kunstexpedition: Antworten am Nanga Parbat
Berlin (dpa) - Ein außergewöhnliches Team bricht Anfang Juni zu einer Expedition zum Nanga Parbat auf: Ein Komponist, ein Fotograf, ein Maler, ein Dramatiker und eine Schauspielerin wollen ihre Erlebnisse am „deutschen Schicksalsberg”, an dem Reinhold Messner seinen Bruder verlor, in künstlerische Arbeiten umsetzen. Die fünf Künstler, die zusammen mit Bergsteigern der Expedition des Sächsischen Alpinclubs in Richtung Himalaya aufbrechen, haben sich viel vorgenommen. Ihren Eindrücke der lebensfeindlichen Umgebung und der menschlichen Extremsituationen wollen sie in Kunstwerken Ausdruck verleihen.

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Meditiere täglich wenigstens einmal über die Möglichkeit des Todes, wie es im Hagagure heißt. Mit jeder neuen Sonne, wenn sich dein Geist in einem Zustand des Friedens befindet, halte dich ohne Unterlass für tot. Denke nach über die verschiedenen Arten des Todes, die Möglichkeit, dass du vom Blitz getroffen oder von einem Strudel hinabgezogen wirst in die Tiefe eines Sees; dass du ums Leben kommst bei einem Autounfall, abstürzt mit dem Flugzeug oder das Genick dir brichst bei einem Treppensturz; dass du ereilt wirst von unheilbarer Krankheit oder dass das Herz dir den Dienst versagt, unerwartet, ohne Vorwarnung. Wisse, woher du kommst und wohin du gehst, und wer auf deinen Wegen dir zur Seite steht ...
Wieso wälzt du, wieso wälze ich Sätze wie diesen auf dem Flug von Frankfurt nach Rawalpindi?

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Jetlag: Laut Duden eine „Störung des biologischen Rhythmus aufgrund der mit weiten Flugreisen verbundenen Zeitunterschiede.” Andere Form der Umschreibung für die Abwesenheit der Seele, die mit dem Flügelschlag einer Wandertaube reist und der du mit der Geschwindigkeit eines Flugzeuges enteilst. Der Jetlag genannte Zustand ist ein Warten auf die Ankunft der Seele, der deinen und der meinen. „Welcome to Islamabad, the Beautiful!” Standbilder. Streiflichter. Einzige Erinnerung aus jenem Zwischenreich, in dem im Zustand des Jetlags du verweilst: Nervös pulsierende Großstadt-Geschäftigkeit, mit Menschen behangene Taxis, in irdische Himmelskutschen verwandelte LKW, Militärpolizei mit papiernem Sonnenschirm in der einen und MP in der anderen Hand. Eine Stadt mit einem nach Wasser dürstenden Flair, staubgrau, durchweht vom Hauch betörend schillernder Seide, die die Schönheit feiert und verhüllt zugleich. Orientalisches Gelächter und Geläut. Gebetsrufe der Muezzins. Unter dem Zeichen des Halbmondes trittst du barfuß in einen aus Beton gegossenen Thronsaal Gottes. Menschen, die auf die Ankunft des Propheten warten, so wie du und ich auf die Ankunft unserer Seele …

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Reise mit dem Fluss. Reise auf dem Fluss. Reise wie ein Fluss. – Gebetsmühlenartiges Mantra, das ich wiederhole ohne Unterlass die Dauer einer Wanderung der Sonne von Ost nach West, während der Fahrt über den Karakorum-Highway entlang dem Indus bis nach Chilas. Des Adlers Schatten die Straße voraus.
Karakorum-Highway. Seidenstraße aus ‚Kara-korum’, schwarzem, bröckelndem Fels. Über 1000 Kilometer schlängelt sich die lange Asphaltschlange im Schatten von Sechs-, Sieben- und Achttausendern durch die höchsten Gebirge der Welt: Pamir, Hindukusch, Himalaya, Karakorum. Gleitet durch Hochtäler und tiefe Schluchten, über Abgründe und Sturzbäche, die Gefahr eines Erdrutsches, Steinschlags, einer Überschwemmung allzeit gegenwärtig. Ein ungeheures Bauprojekt, niemals endend. Für die Menschen des bis dahin überwiegend über Eselspfade zugänglichen Norden Pakistans ist der Karakorum-Highway Segen und Fluch zugleich, denn der Fortschritt lässt bekanntlich keine Kuh aus, auch keine heilige.
Wovon träumt das Lamm, das in der Mittagssonne inmitten lärmenden Verkehrs wiederkäuend auf dem Karakorum-Highway steht?

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Märchenwiese. Was für eine Verheißung dieser Name birgt. Und eine Warnung auch, denn bis zum glücklichen Ausgang müssen Märchenhelden Dornenhecken überwinden, vergiftete Äpfel essen, laufen bis ans Ende der Welt ...
Was den glücklichen Ausgang betrifft: 1200 Höhenmeter trennen dich und mich an diesem Tag von ihm; eine Sonne, die gleißt mit Temperaturen von nahezu 40 Grad im Schatten; zwischen den Knochen Staub der letzten Tage, in denen du und ich dem Dasein eines Gepäckstücks frönten. Anstatt der erhofften Ankunft der Seele hat sich Diarrhö im Magen-Darm-Trakt breitgemacht.

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Weg sein. Rhythmus sein. Körper sein. Sein. Das Laufen laufen lassen, drei Zentimeter am freien Fall vorbei. Laufen, auch wenn du einen Weg nicht siehst. Laufen, über Stock und Stein (aber brich dir nicht das Bein), durch Wiesengrund und Schluchtenschlund, laufen über Gletscherspalten und Gletscherzungen, Schritt für Schritt dem Körper abgerungen. Laufen bis ans Ende des Weges. Und dann?
Laufe weiter. Vertraue der Brücke. Vertraue dich ihr an. Es heult der Mond die Wölfe an. Laufe weiter und Wolkenpagoden öffnen sich. Die Landschaft des Berges, sie verändert von Minute zu Minute ihr Gesicht. Sieh Rubine an des Weges Rändern liegen. Hebe sie auf und auf andere Art beginne zu fliegen. Der Weg, er endet auf dem Gipfel nicht.
Also laufe und weiter. Der Stein am Abgrund, auf den du trittst - bevor er ins Rollen gerät, wirst du auf dem nächsten Stein schon sein. So Gott will. Heute ist ein anderer Tag.

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Wir betreten das Gletscherlabyrinth. Wundersame Wüstenlandschaft aus Stein und Eiskristallen, oder besser: ein sturmgepeitschter Ozean, schockgefroren. Der Weg, der durch dieses Labyrinth uns führt, verändert unablässig sich: Gletscherspalten öffnen und schließen sich, Séracs brechen in sich zusammen wie Wellenkämme, türmen andernorts sich auf; wie ein Fischschwarm im Golfstrom, gefilmt in einer endlos scheinenden Zeitlupe, treiben Steinblöcke und Geröll auf der Oberfläche dieses Eisflusses. Alles atmet, alles wandelt sich. Sicherheiten gibt es nicht, außer der, dass alles lebt und in Bewegung ist.

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Ein dezentes Hüsteln des Königs der Berge genügt, um die tönernen Gesetzespfeiler, auf denen du und ich unsere kleinen und großen Zwingburgen errichtet haben, zu pulverisieren und hinfort zu fegen: Auf 300 Metern Breite bricht ein Schneewall und donnert in die Tiefe. Schneller. Immer schneller. Weißes Heer apokalyptischer Caballeros. Alles mit sich reißend, sich einverleibend, was sich in den Weg ihm stellt; schließlich sich selbst überrollend und versprengend, eine Schneestaubwalze vom Winde verweht. Dein erster Impuls, vor der Walze her- und davonlaufen, kommt viel zu spät. Wir retten uns hinter einen Felsblock, Findling, um den herum ein Hagel aus Schneekristallgeschossen talabwärts fegt, warten, bis der Wind sich wieder legt und uns ein Murmeltier verpfeift aus unserem Versteck ...

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Hallal-Bridge. Tor zum Diamirtal und dessen Wächter auch: auf der anderen Seite des Flusses fahren keine Automobile mehr, existieren keine Strom-, keine Telefonleitungen. Es dunkelt. Auf der einzigen Freifläche weit und breit schlagen wir die Zelte auf, fünf Schritte vom brüllenden Fluss entfernt und im Rücken eine Wand, die ausschaut, als hätten sich Generationen von Giganten mit Steinschleudern im Zielschießen versucht: Wie Streusel auf einem Streuselkuchen stecken eine ungeheure Vielzahl großer und kleiner Felsbrocken in der Lehmwand. Eine Windbö, die sich erheben könnte in der Nacht, ein einsetzender Regen und die Steine purzelten wie Sterne vom Himmel, walzten die Zelte platt und uns, die wir in ihnen schlafen. Während du und ich sich mühen, mittels Prozentrechnung unsere Chancen abzuwägen, diese Nacht heil zu überstehen, haben sich die Träger bereits zum Schlafen in den Sand gelegt.
Was sucht der Fremde in der Fremde, wo fremd er bleiben wird, fremd er bleiben muss? Ist nicht bereits der Ritt ins Nachbardorf zu weit, wie Kafka schreibt, bemessen auf die Kürze des Lebens? – Der Berg, er ruft und schweigt.
Was tun wir hier, wir, die Überzivilisierten; wir, die in ihrem Verhältnis zur Natur Degenerierten; wir, Abenteuerreisende mit Gefahrenzulage und Vollpension? Was ist es, das wir suchen, fern der Menschen, die wir lieben, und die wir verlassen haben auf lange Zeit? Um was zu finden? – Der Berg, er ruft und schweigt.

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„Hello Rupies!” begrüßen uns die Kinder aus dem Dorf Kachal. Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Freund, nicht Feind – Rupies heißen sie uns, wandelnde Geldscheine. Kinder und Narren bekanntlich die Wahrheit sagen und ich denke, treffender lässt sich der allgemeine Kodex und Konsens der westlichen Welt in Worten nicht zusammenfassen: „Hello Rupies!”

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Ankunft im Basislager. Ankunft auf 4.200 Höhenmeter. Ankunft am oberen Ende des Diamirtales. Vier Expeditionen haben ein kleines Zeltdorf errichtet, hier, im innersten Bannkreis des Königs der Berge. Ein Bollwerk. Und ihm zu Füßen eine kleine Schar von Menschen, dieses Bollwerk berennend, folgend einer Rinne aus Eis den Berg hinauf zu jenem Plateau, auf dem Schneelöwen tanzen.

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„Im Schnee die Blumen”, versuche ich mich selbst zu überzeugen, „sie blühen auch für dich.” Schnee fällt und fällt und auf die Seele. Die Wege der Menschen im Basislager beschränken sich auf einen Pendelgang zwischen dem eigenen, dem Mannschafts- und dem Toilettenzelt, unterbrochen von Schneeballschlachten, Schneefrauen bauen, Schachspielen, Schlemmereien. Die restliche Zeit wird im Schlafsack gelesen und gezeichnet und geschrieben und gedöst, geglotzt auf diesen Berggiganten, gehofft auf baldigen Umschwung des Wetters. Die Nächte hingegen sind strukturiert durch eine im Zuge der Höhenanpassung erhöhte Harnproduktion bei dir und auch bei mir: Bei Minusgraden gilt es, sich aus Schlafsack und Zelt hinaus in den Schnee zu quälen. Ein Prozedere drei, vier, fünf mal die Nacht. Und der Schnee fällt und fällt und hört nicht auf zu fallen.

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Keine Eisenbahn, ein Gletscherzug aus Eis, Geröll und Schnee, der am Fuß des Nackten Berges seinen Anfang nimmt und dann talabwärts rollt mit der Geschwindigkeit von einem viertel bis halben Meter pro Tag. Vielleicht wäre das eines Lebens Ziel: ein- oder besser aufzusteigen auf diesen Gletscherzug und die Welt an sich vorüberziehen zu lassen, die ganze.

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Eine klare, kalte Sternennacht. Der Mond, halb neu und halb voll, hängt wie ein großer Lampion am Firmament. Zwei leichte Erdbeben haben dich und mich aus dem Schlaf gerissen. Ich notiere im Schein deiner Stirnlampe die Zeilen:
„Hörst du nicht den warnenden Ruf des Murmeltiers? / Zwei Mal wird in der Nacht die Erde beben / warte länger nicht / furchtbar wird sein das dritte Beben.”

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Ein Schön-Wetter-Fenster öffnet sich, laut Prognosen der Meteorologen für fünf bis sieben Tage; und Nächte im Vollmondlicht. Jetzt könnten, jetzt wollen die Bergsteiger den Versuch wagen, über die von ihnen errichtete Lagerkette bis ans Ende des Berges zu gelangen. Und zurück.
Von nun an verbringen du und ich die meiste Zeit neben dem Funkgerät oder hinter dem Fernrohr sitzend. Mit bloßem Auge und durch das Fernrohr selbst zeigt sich das Bild einer Karawane von Ameisen, die in Zeitlupe sich Schritt um Pause um Schritt die Löw-Eisrinne hinaufkämpft auf eine Höhe von 6.000 Metern. Im Neuschnee der letzten Tage gerät die Kletterei zur einzigen Schinderei; und wider alle Vorhersagen fallen vom Himmel weiße Erbsen aus Eis.

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Schneefahnen wehen vom Gipfelgrat des Nanga Parbat. Nach einer Nacht mehr schlecht als recht im Lager II, dessen eingeschneite Zelte freigeschaufelt, gebrochene Zeltstangen repariert werden mussten, stellt die Frage sich: Absteigen oder sich erneut bergauf durch hüfthohe Schneemassen wühlen, ungewiss der Zustand von Lager III? – Die Schinderei wird weitergehen. Ein zähes, kräfteraubendes Ringen der Bergsteiger mit dem Berg und mit sich selber auch. Ein stundenlanges Keuchen durch die Kinshofer-Wand, die vorderen Zacken der Steigeisen bei jedem Schritt millimetertief ins Eis gerammt, Halt fürs nächste Atemholen.
„In the beginning”, höre ich dich sagen, „in the beginning there were no mountains.”

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Was treibt den Menschen, warum zwingt er sich in diese Höhen, auf Berge, über die kein Vogel fliegt? Wenn er Götter zu finden hofft, nicht auf den Gipfeln sitzend werden sie ihm sich offenbaren. Wenn es außer Steinen für den Menschen dort oben überhaupt etwas zu finden gibt, dann am ehesten wohl sich selbst, im Spiegel der Seilpartner, Kameraden, der lebenden und der toten.

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Lager III ist nicht mehr vorhanden. Überrollt von einer Lawine, lässt sich nur noch ein Teil der verschütteten Ausrüstung bergen. Dennoch, mit dem Erscheinen einer neuen Sonne beginnt aufs Neue der Maulwurfsgang durch die Landschaft des Schnees, hinauf auf 7.100 Meter Höhe, wo Biwakzelte errichtet werden sollen. Lager IV:

Doch die Dicke des Schnees hat alles übertroffen, Oben der weiße Gipfel des Schneebergs ragt gegen den Himmel, / Unten die Bäume und Wälder liegen herniedergedrückt. / Die schwarzen Berge kleiden sich in Weiß. - Milarepa

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Seit ein Uhr in der Früh zwingt sich eine siebenköpfige Gruppe durch die Bazin-Mulde und Richtung Gipfel. Ungeheuer die Menge des Schnees, die sich auftürmt auf ihrem Weg, selbst in dieser ausgesetzten Höhe. Eine Bewegung der Bergsteiger, so scheint es, ist nicht mehr auszumachen. Welche Farbe hat der Himmel?
Im Basislager, der Platz vor dem Fernrohr, bleibt selten länger als zwei Minuten leer. Ungeduldig erwarten du und ich den nächsten Funkverkehr. Jehangir, der pakistanische Koch, setzt sich vor das Küchenzelt, sagt: „They will walk slowly to the summit in the last sunlight and then they should go back very slow to camp IV like a tiger going home.”

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Lege auf den Gipfel den Stein zurück
Am anderen Ufer der Nacht erwarten sie dich
Nenne es Glück
Das letzte Hemd hat keine Taschen

Drama am Nanga Parbat
Islamabad/ Leipzig (dpa) - Ein Mitglied einer deutschen Himalaya-Expedition ist am Nanga Parbat in Pakistan tödlich verunglückt. Die Bergsteiger waren beim Abstieg von dem 8.125 Meter hohen Berg in Not geraten. Das Drama am Nanga Parbat hatte am Mittwochabend begonnen, als die Sachsen wegen des tiefen Schnees viel zu spät auf den Gipfel gelangt waren. Beim nächtlichen Abstieg in ein 1.000 Meter tiefer gelegenes Lager rutschte ein 64-jähriger Mann aus Schmalkalden (Thüringen) aus und stürzte ab. Sofort habe einer der Sachsen nach dem Vermissten gesucht. „Diese Suche blieb leider erfolglos”, hieß es. Er wird seither vermisst. Ein weiterer Deutscher und zwei Österreicher waren schon vor dem Gipfel umgekehrt. Der Aufenthalt in den enormen Höhen am Nanga Parbat sei lebensgefährlich, eine Bergung eines Verletzten gilt als nahezu unmöglich.
Die verbliebenen Expeditionsteilnehmer aus Sachsen seien nicht mehr unmittelbar in Gefahr. Sie hätten rettende Lager erreicht, seien aber durch die Strapazen geschwächt, erschöpft und es fehlt ihnen Flüssigkeit. Einer habe zudem Probleme mit kleineren Verletzungen, die er sich bei der Suche nach dem abgestürzten Kameraden am Donnerstag zugezogen hat. Einige von ihnen hätten die Rettungsmannschaft der österreichischen Heeresbergführer getroffen. Der Trupp war losgezogen, um den erschöpften Männern beim Abstieg zu helfen.
Der Nanga Parbat im nordöstlichen Pakistan ist der neunthöchste Berg der Erde und gilt als einer der gefährlichsten Berge des Himalaya. Zahlreiche Bergsteiger verunglückten tödlich beim Versuch, ihn zu besteigen. Zwischen der Erstbesteigung durch den Österreicher Hermann Buhl am 3. Juli 1953 und 1999 kamen dort 69 Menschen ums Leben. Bisher erreichten etwa 200 Bergsteiger den Gipfel.

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Der katapultierte Stein schneller als der Vogel fliegt. Hattet ihr einen guten Tod? Hattet ihr ein gutes Leben? Es ruft der Berg – und schweigt.

Dreier Monde bedarf es, um wieder anzukommen, nicht zu Hause, sondern anzukommen bei dem Ich, das mein eigenes ist. Noch länger blättere ich in meinen Aufzeichnungen, lese Zeilen, wie die eben zitierte, ringe mit der Unmöglichkeit, den sprechenden Stein am heimischen Schreibtisch wieder zum Sprechen zu bringen, ihm jene Wahrheit zu entlocken, die die Seine ist. Was ist Wahrheit? Vom Gipfel des Berges rollen zwei Steine. Welcher löste die Lawine aus?
Du sagst: „Lass sie rollen, die Steine, und beginne mit dem Schreiben an jenem Punkt, an dem die sogenannten realen Erlebnisse am Nanga Parbat enden oder besser ein- und übergehen in die imaginierte Landschaft eines Theaterstücks, einen Ort, den ich bezeichne als „Der Berg, über den kein Vogel fliegt”.