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das davor und dahinter des sandsacks

Philipp Hagers Hunger nach Worten


Philipp Hager: Am Sandsack. Lyrik.

das davor und dahinter des sandsacks

Gosau: Arovell Verlag 2010

Rezensiert von: klaus ebner


Nach seinem Debütroman „Das Spektrum des Grashalms“ legt Philipp Hager mit „Am Sandsack“ nun im oberösterreichischen Kleinverlag Arovell einen Lyrikband vor. Knapp hundert Seiten Gedichte in freien Rhythmen, oft mehrseitig angelegt. Wie in seinem Prosaerstling schöpft der 1982 in Niederösterreich geborene Autor gern aus eigenen Erlebnissen, macht persönliche Erfahrungen zum Thema und transformiert diese literarisch zu allgemein Gültigem. Dabei scheut er sich keineswegs, auch einmal über den eigenen Tellerrand, also quasi auf die andere Seite des Sandsacks, zu schauen. „Die Welt ist zum Greifen nah.“, heißt es etwa in FERNE, und so holt sich Hager gleich die ganze Welt in sein Buch. Von Gujarat geht es über Havanna nach Hokkaido – in Gedanken wohlgemerkt, denn:

„ich bin wie berauscht
von diesen fernen Ländern,
denke, lese, träume mich hin,
während ich mein Kleingeld zähle,
um zu sehen,
ob es für ein Mittagessen reicht.“

Ein ganz typischer Stimmungswechsel, und im ersten Moment möchte man sagen: aus der Traum. Doch Phi­lipp Hager denkt nie ans Aufgeben und konstatiert lustvoll:

„Die Außenwelt ist heute bedeutungslos.
Es bleiben nur ich und meine Gedanken
die ausbrechen wollen
die sich gegen mich verbünden
und die ich im Zaum halten muss.
Vielleicht die ganze Nacht.“

Viele der lyrischen Texte erzählen Geschichten vom Leben, geschrieben in einem locker-burschikosen Stil, der umgangssprachliche Ausdrücke und Formulierungen gekonnt in ein ästhetisches Gesamtkunstwerk einbindet. Auch Ironisches findet Platz in diesem Buch. Mit einem Augenzwinkern stellt der Autor in ICH BIN Überlegungen zu seiner eigenen Rolle an. Am Ende sprudelt er dann heraus:

„Nur eines bin ich mit völliger Gewissheit:
Ein Dummkopf.
Zumindest
bis ich weiß,
worauf genau
es denn
ankommt.“

Worauf es in seinen Gedichten ankommt, hat er immerhin längst heraußen. So vermögen seine eigenen Worte das Buch vortrefflich zu charakterisieren: „Beethovens dreiundzwanzigste Klaviersonate/ läuft: Appassionata. Ein Sturm aus Klängen.“
Kritische Gedanken zur Drogensucht finden sich ebenso wie die Be­obachtung des vielschichtigen Lebens an einem kaum begonnenen Tag und kuriose Überlegungen zum Tod: „So aber,/ ohne all die Toten,/ existiert nichts,/ außer dem Leben.“
Das Grau des Arbeitsprozesses klingt folgendermaßen:

„Morgen früh beginnt mein neuer
Job. Vielleicht trägt das dazu bei.
Das Gewehr geschultert
und rauf auf den Lastwagen,
es geht zurück an die Front.
Es waren gute Monate, aber jetzt
heißt es: Entweder salutieren,
vor irgendeinem Verrückten,
Rang: Senior Sales Manager,
der mich als Kanonenfutter
willkommen heißt –
oder die Miete nicht bezahlen
und aufhören zu essen.“

Ein ziemlich gewagter Vergleich mit dem Kriegsdienst; am Ende desselben Textes wird die Grundaussage mit einem englischen Einsprengsel noch einmal auf den Punkt gebracht: „work sucks“. Immer wieder das Motiv des wirtschaftlichen Überlebenskampfes, die Gegenüberstellung eines freudlosen auslaugenden Jobs mit Arbeitslosigkeit und sozialem Abrutsch.
Der ubiquitäre narrative Tonfall führt dazu, dass sich viele der Gedichte wie Kurzgeschichten lesen. Zwar wurden sie in Versen gesetzt, doch bestehen sie aus Prosasätzen, auch typografisch vollständig mit allen Satzzeichen sowie Anführungen bei den ebenfalls enthaltenen direkten Reden.

„Es war nach Mitternacht, und ich saß einem
alten Bekannten gegenüber. Er hatte bereits
eine Schlagseite und klammerte sich an sein
Bier. Er klebte mit seinen Augen kurz an der
Tischplatte fest, dann riss er sich los und sah
mich mit schiefem Blick an: ‚Mann, was du
machst, das ist nicht gesund.‘
‚Was meinst du?‘, fragte ich.
‚Deine Einsamkeitskiste. Jaja, ich weiß
schon, was du sagen willst. [...]‘“

– So beginnt der Text EINMAL sehr beispielhaft und führt seine Geschichte über zwei ganze Seiten fort. Persönliche Erfahrungen, politisch-soziales Engagement und trotz allem ein erfrischender Sinn für lyrische Ästhetik – das sind die vielfältigen Facetten dieses Werkes.
Eigentlich spricht Philipp Hager in DER ZEIGER vom nervtötenden Ticken einer Uhr, doch verbergen sich in diesem Gedicht ein paar der wohl schönsten Zeilen des Buches:

„Ich ziehe die Jacke an, schlüpfe in Schuhe,
und werfe mich hinaus in die Nacht.
In mir brennt ein unglaublicher Hunger nach
Zufall Worten Gedanken Licht Menschen
Lärm Farben Tumult Neuerung Leben!“