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das ego streicheln

Wie einer auszog, das Dienstleisten zu lernen


Clemens Berger: Das Streichelinstitut. Roman.

das ego streicheln

Göttingen: Wallstein Verlag 2010

Rezensiert von: werner schandor


Der Wiener Autor Clemens Berger, Jahrgang 1979, hat ein witziges Buch geschrieben über einen Typen, der die zündende Geschäftsidee hat, Streicheleinheiten anzubieten. Es geht nicht um Massage und schon gar nicht unter der Gürtellinie, nein, im Streichelinstitut in der Wiener Mondscheingasse können sich Leute das holen, was ihnen in unseren postmodernen Zeiten fehlt: Berührung.
Severin Horvath lautet der Künstlername, den sich der verbummelte Student Sebastian für seine Streichelarbeit zulegt. Er kommt aus dem Burgenland, hat Philosophie studiert und zitiert gerne große Denker. Anders als seine Freundin Anna hat Sebastian es nicht geschafft, an der Uni Karriere zu machen. Bis zu dem Tag, an dem er einen Gewerbeschein als Lebensberater erwirbt, lebt er in den Tag hinein, trinkt billigen Wein und fragt sich, wie er das Geld für die nächste Miete zusammenkratzen soll – ein typischer Vertreter des akademisch geschulten Prekariats eben.
Doch mit seinem Streichelinstitut wird aus dem Kaffeehausmarxisten und ratlosen Eklektiker des besseren Lebens mit einem Streich ein Vertreter der neuen Selbstständigkeit, ein Ich-Aktionär, dessen Kapital zwei unglaublich sanfte Hände sind; einer, der nun nicht mehr Foucault zitiert, sondern einer geregelten Arbeit nachgeht, will heißen: sich permanent selbst zur Arbeit regelt. Erste Kunden und Kundinnen stellen sich ein; eine Ex-Freundin holt sich, was sie während ihrer Beziehung nie von Sebastian bekam; die Wiener Stadtzeitung vulgo Sozialfaschistenblatt hebt den Streichler auf ihr Titelblatt und sorgt für noch mehr Kundenzulauf.
Clemens Berger beschreibt mit Witz und beißender Ironie Sebastians Wandlung vom sozialkritischen Saulus zum prototypischen Dienstleister Paulus/Severin, der in Zielgruppen denkt. Dabei wird Berger nicht müde, die nach wie vor skeptische Grundhaltung seines Ich-Erzählers bis in alle Einzelheiten im Buch auszubreiten. Von der Ich-AG zum Ego-Maniac ist es oft nur ein kleiner Schritt. Und so entpuppt sich der verkopfte Sebastian/Severin mit den Goldhänden als ziemlich mühsamer Zeitgenosse, der andauernd den Blick auf seinen eigenen Nabel gerichtet hat, der sich zielsicher in ein Gefühlsdilemma manövriert, aus dem er viele Seiten lang nicht herausfindet, und der schließlich regelmäßig zu tief in die Flasche schaut, ohne darin eine Lösung für seine Drangsal zu finden. Hier hätte Clemens Berger ohne Schaden für das Buch gern die eine oder andere mäandernde Gedankenschleife begradigen können.
Alles in allem aber muss man dem Autor, der wie sein Protagonist im südlichen Burgenland aufgewachsen ist, Respekt zollen: Bergers Sprache ist klassisch-elegant und formvollendet mit ein paar „recht eigentlich“ altmodischen Einsprengseln; sein Erzählwille ist ebenso ausgereift wie subtil raffiniert. Vielleicht nur ein Detail: Sebastian/Severin erhält regelmäßig dubiose SMS, die von der eigenen Nummer abgeschickt werden. Der Handyanbieter steht vor einem technischen Rätsel. Die meisten anderen Autoren hätten das Geheimnis im Lauf der Handlung mit einer banalen Koinzidenz oder mit schizoiden Anwandlungen erklärt. Berger aber widersteht der Versuchung und hält gerade dadurch den Zauber des Rätselhaften aufrecht, von dem unser Leben immer wieder gestreift wird.