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das gedankengebäude von summer of ‘69

| das gedankengebäude von summer of ‘69

Zwei Gedichte

wie lange braucht das licht vom mond zur philosophin am imbissstand, rechne ich,
sie zitiert kant,
und wann hat es die beiden schlechten enden ihrer currywurst abgebrannt, frage ich mich,
wir müssen weiter von unmündigen menschen ausgehen, sagt sie, die nicht über den papptellerrand sehen können, wir müssen das gekritzel auf den servietten als briefe ans leben am ponyhof verstehen,
oder fällt dir ein besserer erkenntnisweg ein,

ja, sage ich, das gedankengebäude von summer of ‘69,
wie lange braucht das licht vom mond, bis es der joblosen philosophin am imbissstand aufgeht,
alles hat ein ende,
auch schlechte currywurstenden der unterschicht am stadtrand,

wie lange braucht das austerngericht vom grand hotel zur philosophin am imbissstand, rechne ich,
sie zitiert aus ihrer sicht kant,
und wann bringt eine fahrt ans meer das arbeitslose mädchen endlich um den verstand, frage ich mich,
wir müssen weiter von unmündigen menschen ausgehen, sagt sie, wir müssen von der papptellermitte aus sehen, dass die musik aus den boxen kein wunschkonzert ist und wir müssen verstehen, dass sich das pony immer ins grand hotel verpisst,
oder fällt dir eine bessere erkentnismethode ein,

ja, sage ich, das gedankengebäude von summer of ‘69,
vielleicht, denke ich, ist die philosophin am imbissstand dafür reif, führt die theorie in die praxis und blickt zurück, those were the best days of my life,
wie lange braucht das austerngericht vom grand hotel, bis eine muschel aufspringt und ihr eine perle gibt,
ihr, der joblosen philosophin am imbissstand,
alles hat ein ende,
auch gedanken in schalen der unterschicht am stadtrand,

wie lange braucht das sms-gedicht von meinem zu deinem handy, philosophin am imbissstand, und ist es nicht magie, wie kurz die buchstaben zum zerlegen brauchen, wie sie lautlos in der luft wandern und durch dein gewand auf deinem display sind, wer nicht kant zitiert, gewinnt heute vielleicht, wir müssen davon ausgehen, dass das gedankengebäude eines songtexts reicht und rückblickend alle erkenntnistheorien vereint, man, we were killing time, we were young and restless, we needed to unwind,

wie lange braucht das licht vom mond, bis es der philosophin am imbissstand aufgeht,
wie lange braucht der wind von summer of ‘69, bis er ihr ins gesicht weht


herr-aquarium-unterm-hut und die
postmodernen passanten im vorbeigehen

erzähl’ mir nicht, dass du noch drachen durchs fenster siehst,
erzähl’ mir nicht, herr-aquarium-unterm-hut, dass du mit rittern in der küche schweine frisst,
ich glaube nicht, dass du als minnesänger durchs mittelalter im 1. stock ziehst,
ich glaube, dass du auf die armbewegungen in deinem haus nur heiße luft spießt,
also erzähl’ mir nicht, herr-aquarium-unterm-hut,
erzähl’ mir nicht, dass dein hund du und du dein hund bist,
erzähl’ mir nicht, herr-aquarium-unterm-hut, dass kafkas verwandlung passiert, wenn du mit waldi daraus liest,
ich glaube nicht, dass du weißt, was hundeelend ist,
ich glaube, dass nur du es bist, der um vier uhr früh an einen baum pisst,
also erzähl’ mir nicht, herr-aquarium-unterm-hut,

wie es kommt,
dass der kleine fisch den großen frisst,
ich weiß längst,
dass du bei den clownfischen über deinem kopf die fantasie abzudrehen vergisst,

also erzähl’ mir nicht, ob euch jemals irgendwer zusammen sah,
erzähl’ mir nicht, herr-aquarium-unterm-hut, ob es liebe war zwischen der astronautin nahe dem jupiter und dir, abwäscher der kellerbar,
ich glaube, nicht einen karaoke-star kennst du da unten,
ich glaube nicht, dass du die duett-partnerin für i got you babe schon gefunden hast,
also erzähl’ mir nicht, herr-aquarium-unterm-hut,
erzähl’ mir nicht, wie gut du in dunklen tagebüchern von mädchen klebst,
erzähl’ mir nicht, herr-aquarium-unterm-hut, wie gut du in one night-stands von hinten nach vorne lebst,
so, dass ihr euch am ende wieder nicht kennt und postmoderne passanten im vorbeigehen auf den parties nennt,
also, erzähl’ mir nicht, herr-aquarium-unterm-hut,

wie es kommt,
dass der große fisch den kleinen lehrt,
ich weiß längst,
das pädagogische verhältnis zwischen lachs und aufgebrummten bären ist in deinem fischbecken verkehrt

Reinhard Lechner