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das römische kartell

erich schirhuber | das römische kartell

Heimatgefühle im alten Imperium

Da schaute ich neulich im Teletext die Meldungen an und las: „Römisches Kartell in Schwechat entdeckt.” Dachte mir: Vielleicht eine Preisabsprache bei der OMV oder am Flughafen? Hat sich Berlusconi eingeschaltet?

Ein zweiter Blick bewies, was ich ohnehin vermutete: Es war ein Kastell gemeint. In Schwechat, Ala Nova hieß das seinerzeit, gab es ein Reiterlager, seit der Zeit der flavischen Kaiser. Hilfs­truppen für Vindobona. Aber natürlich: Kartell ist geläufiger.

Die Schlamperei in Medien überschreitet manchmal etliche Grenzen. Gut, Teletext – eine zweitklassige Sache von vornherein. Aber auch diejenigen, die man Edelfedern nennt, auch über die gibt es manches anzumerken. Und in einem Reiseführer über Wien fand ich einmal vier Fehler in einem Satz, im allerersten Satz noch dazu: Vindobona wäre ein Kastell zum Schutz der Zivilstadt Carnuntum, vier Fehler waren es im Ganzen.

Ala Nova diente seinerzeit, seit den Flaviern also, dazu die Grenze zu sichern, die Grenze an der Donau, die Grenze zu den Ländern, in denen sogenannte Barbaren wohnten. Barbaren waren – schon für die Griechen – Plappernde, Leute, die nicht ordentlich reden können und deshalb auch so gut wie keinen Verstand haben. Jenseits der Donau lebten also die Plappernden, blonde zudem. Im Unterschied zur schwarzen Barbara, über die der blonde Heino sang, aber das gehört eigentlich nicht hierher.

Diese Grenze unterschied so manches: Weintrinker von Biertrinkern. Straßenpflaster von Stock und Stein. Ordnung von Tohu und Bohu. Prozesse mit Verteidigern und gesatztes Recht von Zweikampf und Gottesurteil als Mittel der Wahrheitsfindung. Kreuzigung von Blutadler und Ausdärmen als Hinrichtungsmethoden. Gut, das Beispiel ist vielleicht nicht so treffend. Wissen Sie übrigens, was das ist, der Blutadler? Ui, grauslich. Ich will es gar nicht erwähnen, oder vielleicht andeutungsweise: Also, da wurde dem Delinquenten der Rücken aufgeschnitten und die Rippen von der Wirbelsäule gelöst und nach außen gebogen – wie Adlerflügel eben und natürlich recht blutig. Blutadler. Oder das Ausdärmen, das kennen Sie, man sieht es ja oft in Kirchen dargestellt, der Heilige Erasmus, der eine Seilwinde als Zeichen trägt, weil er mit der Seilwinde, nun ja, ausgedärmt wurde. Sie verstehen, ich gehe nicht ins Detail.

So war es drüben, jenseits der Grenze bei den Barbaren, bei den Wilden. Herüben – für die meisten heutigen Österreicher war das Reich der Ordnung und des Straßenpflasters ja herüben – hatte man das Kreuzigen, das ja jeder kennt, nolens volens. Auch kein Spaß, es konnte Tage dauern, bis man starb, und die Krähen, die Geier, die Raben, die mitmischten dabei, sind auf den frommen Darstellungen meist ausgespart. Ein bisschen klingt etwas an beim alten Spartakus-Film mit Kirk Douglas, Sie wissen sicher noch: zuerst sagen etliche der Sklaven, nachdem sie sich ergeben mussten: „Ich bin Spartakus” und hoffen, so ihren Anführer decken zu können. Das nützt natürlich nichts, er wird enttarnt, ans Kreuz gehängt auf der Via Appia, und seine Geliebte, die unerkannt flüchten kann, raunt ihm als Abschied noch zu: „Stirb schnell!” Kirk Douglas schaut dabei drein wie immer, so wie als überschnappender Van Gogh, wie in allen Filmen halt: Der Rat der Frau war also „Stirb schnell”, was aber nicht vorgesehen war und meist nicht gelang. Wenn man die Schächer anschaut auf den Bildern in der Kirche, kommt man übrigens der Realität näher.

Heino sang von einer schwarzen Barbara – die Kaiser, die das Lager in Schwechat errichten ließen, nannte man die Flavier, Vespasian, Titus, Domitian, die Flavier, das heißt: blond. Auch keine guten Beispiele also. Heino ist übrigens „drüben” geboren, dort wo das Reich der Unvernunft war und das Land der Blonden. Nun gut.

Grenzen blieben bestehen, als es den Limes nicht mehr gab; gut, eine Zeitlang dann nicht, nicht in Europa, so zirka sind das die sogenannten Dunk­len Jahrhunderte – ohne Grenzen wird es finster, chaotisch, ein Papst ließ damals seinen Vorgänger, einen Herrn Formosus, dessen Leiche genaugenommen, ausgraben, öffentlich ohrfeigen und durch die Straßen der Citta eterna schleifen. Möglicherweise war der Ausgegrabene ein Ungustl, möglicherweise der Ausgräber – aus heutiger Sicht wäre jedenfalls die Grenze des guten Geschmacks überschritten worden, ein Surrealist (Wer war es doch gleich? Breton? Egal) schrieb bloß davon, eine Leiche zu ohrfeigen, und das wurde schon als grob ungehörig empfunden.
Manche, ich zum Beispiel, leben und erleben die Grenzen noch immer: Wo Römer waren, fühle ich mich ein bisschen daheim, vom Firth of Forth bis Akaba. Und „drüben”, bei den Barbaren, kommt manchmal trotz gleicher Sprache etwas wie Fremdheit auf. Berlin zum Beispiel: vital, tolle Museen, alles klar. Aber dort bekam ich ein Vöslauer, das „Hundertwasser” hieß wegen des Etiketts. Als in Bad Vöslau Gebürtiger stutzte ich ein bisschen, sagte: Ein Vöslauer, na so was. Und da fragte die Kellnerin: „Magst das nicht, willst du lieber ein Apollinaris?” Dass Vöslau eine Kleinstadt in Niederösterreich ist, wusste sie halt nicht. Innerhalb der Grenzen des römischen Imperiums wäre das nicht möglich, dachte ich. Da würden die Kellnerinnen auf Gälisch, Aramäisch oder was immer sagen: Ach, aus Vöslau sind Sie. Nett! Und auch nicht einfach Du sagen. Aber Vöslau, Hundertwasser, Berlin – das wollte nicht zusammen.

Ich behielt mein Vöslauer – wenn schon Apollinaris, dann die Basilica San Apollinare in Classe, bei Ravenna. Habe ich schon gesagt, dass ich mich im alten Imperium überall heimisch fühle? Und dort, wo es sich dem Ende zuneigte, besonders?

Granica, das Wort kommt aus dem Slawischen; sie konnte auch vor hundert Jahren recht problematisch sein, der arme Carl Joseph Trotta im Radetzkymarsch – Sie wissen eh: Helmut Lohner beim Kehlmann, Tilman Günther beim Corti – versandelte in einer Garnison an der russischen Grenze, die Gegend galt als Strafe, als Fluch. Ein Feuilletonist in einer Zeitschrift, die sich Wiener Journal nennt, seinen Namen unterschlagen wir gnädig, führte in einem Beitrag neulich aus, (Carl) Joseph Trotta wäre in dem Roman der Sohn von Joseph, dem sogenannten Helden von Solferino. Natürlich ist er dessen Enkel und der Sohn von Franz, dem Bezirkshauptmann, Sie wissen eh: Max von Sydow, Leopold Rudolph. Fernsehen sollte man zumindest können, anstatt Carl Joseph posthum nochmals zu strafen.

Der Bezirkshauptmann ließ sich übrigens, als er zu einer Audienz zum Kaiser ging, um für seinen liederlichen Buben zu bitten, rasieren – beim Friseur, wie es damals üblich war. Zweimal scharf, damit er würdig wäre der apostolischen Majestät. Das Rasiertwerden ist ja auch so eine Sache, wo über Grenzen gegangen wird, wie beim Urologen – nun ja, vielleicht nicht ganz so. Aber einmal versucht, nie wieder: fremde Hand mit Rasiermesser am Hals, uijegerl.

Apropos, ein Redakteur eines führenden Nachrichtenmagazins, auch seinen Namen unterschlagen wir, schrieb in einem Artikel das bekannte Hebbel-Zitat von der „kleinen Welt, in der die große” und so weiter dem Grillparzer zu, das kommt öfter vor bei Politikern und Schauspielern, aber ein Kulturredakteur – er wurde dann vom ORF engagiert. Eine sogenannte Edelfeder oder die Edelfeder schlechthin, verwendete kurz darauf im selben Magazin dasselbe Zitat wieder falsch, übrigens in einem Artikel über einen Promi-Friseur in der Wiener Innenstadt, der allgemein als intellektuell gilt. Einmal war ich selber in dem Salon, bei einem literarischen Termin ebendort, da traf ich bloß ein halbes Hundert mehr oder weniger angesäuselter Damen und Herren, die einen Mordslärm machten und keinerlei Interesse an Literatur hatten – und mitten drinnen, das Gesicht glänzend vor Zufriedenheit, der kluge Bader, der auch gleich auf mich zukam, an meinem Bart zupfte und meinte, den würde er jetzt schneiden, weil ich aussähe wie Fidel Castro. An meinem Bart zupfen, in einem solchen Umfeld oder sonst wo, ist eine Grenzüberschreitung, die eigentlich mit dem Dolch beantwortet werden sollte, natürlich fällt einem dazu auch Samson ein. Ich beließ es aber bei einem Halbsatz und einem Brauenzusammenziehen, das den klugen Bader sogleich zwischen seinen Gästen untertauchen ließ, es ist ihm gedämmert, dass ich kein steifer Bezirkshauptmann aus der Provinz bin, in welchem Verwandtschaftsverhältnis immer zum Helden von Solferino stehend, sondern ein Rüpel aus der Vorstadt, der Distanzen aufrecht halten will, zur Not mit Backpfeifen.

Joseph Trotta fiel bekanntlich im Ers­ten Weltkrieg, damals bekam ein österreichisches Bundesland eine neue Grenze zu Slawen. Die vierte Strophe der dortigen Landeshymne gilt als anrüchig, weil der Satz vorkommt: „wo man mit Blut die Grenze schrieb.” Kärnten, Abwehrkampf, keine zweisprachigen Ortstafeln, man versteht. Aber drüber der anderen Grenze gleich nach Arnoldstein singen die bekannt lebenslustigen Italiener in ihrer Hymne in der ers­ten Strophe „Siam pronti alla morte – Wir sind bereit zum Tod.” Und im allerersten Satz setzen sie schon den Helm des Scipio auf, um freudig den Heldentod zu sterben, in der letzten Strophe wird dann der österreichische Adler gerupft: „Gia l’Aquila d’Austria le penne ha perdute.” Quod licet iovi, non licet bovi. Was dem Tifosi erlaubt ist, ist nicht dem Gailtaler Fleckvieh erlaubt.

Grenzen, an denen man leicht versumpern kann, wie seinerzeit der Leutnant Trotta, habe ich dann selber noch erlebt – etwas nach Westen verschoben halt. Das Waldviertel in den sechziger, siebziger Jahren: Wohl zu ruhen, mein Name ist Fuchs! Eine sogenannte tote Grenze, manchmal mitten durch einen Ort, eine Stadt. Stacheldraht, Wachtürme, Minen. Da konnte man einen „Neunzigprozentigen” wie die Offiziere in Galizien schon brauchen.

Zufällig war ich 1968 dort oben, im August; einen Tag vor meinem Geburtstag, was aber nichts zur Sache tut, fand die sogenannte Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten in der CSSR statt, Prager Frühling, Dubcek, Sie wissen eh.

1968. Eigentlich war da Pazifismus angesagt, atomare Abrüstung, Ostermarsch, Vietnam-Protest und so – nicht grad im Waldviertel, auch nicht dort, wo ich herstamme, ich war ja außerdem erst 13 und gelte also nur bedingt als 68er. Wir hatten damals, oder eigentlich zwei, drei Jahre später, einen anderen Limes, nicht mit Wachtürmen gesichert, aber doch fest gefügt: zwischen Beatles und Stones, zwischen I wanna hold your hand auf den gepflasterten Straßen und Let’s spend the night together in den undurchdringlichen Wäldern der Barbaren.

Damals, an meinem Geburtstag 1968, freuten sich die Leute wie die Schneekönige, als die österreichischen Panzer Richtung Grenze rollten. Brecht sagt im Verwundeten Sokrates sinngemäß, nach einem Sieg seien die Friedlichsten kriegsbegeistert und nach einer Niederlage werden auch Generäle eine Zeitlang zu Pazifisten. Das trifft die 68er und die Situation im Waldviertel nicht wirklich genau, aber vielleicht ein bisserl. Grenzen mit Stacheldraht gibt es bekanntlich seit etlichen Jahren nicht mehr in Europa – zahlreicher sind sie halt geworden im Ganzen. Wissen Sie, was Kischinau ist? Die Hauptstadt von Moldawien, eine europäische Hauptstadt also. Ich muss­te auch nachschauen.

Neue Grenzen sind aufgetaucht, nicht nur in Europa. Globale. Die Grenzen des Wachstums. Der Club of Rome. Erinnern Sie sich? 1972. Die Beatles hatten sich aufgelöst, die Stones spielten weiter, Sticky Fingers und Exile on Main Street. Ein Limes weniger. Energiesparen war angesagt – manche der Rechnungen waren mehr als berechtigt und richtig, andere um ein paar Zehnerpotenzen falsch; ob ein Rohstoff in 30 Jahren aufgebraucht ist oder in 3000 Jahren, ist aber ohnehin nur ein subjektiver Unterschied: Einmal wird er aufgebraucht sein.

Oder auch nicht. Denn ökologisches Denken ist längst nicht mehr auf Studierstuben und Veganer beschränkt. In unregelmäßigen Abständen, aber nicht selten kommen etliche Hollywoodstars zusammen, auf den Seychellen zum Beispiel, wo man auch gleich ein bisserl surfen kann neben der Warnung vor steigendem Meeresspiegel wegen der abschmelzenden Polkappen. Jeder und jede kommt mit dem Privatjet, klar, Zeit ist kostbar. Soll man etwa rudern?

Ihr Sprecher heiratet häufig und erzeugt bei seinen Hochzeitsreisen im Flugzeug mehr Schadstoffe als ein Staat am Äquator, aber andererseits trägt er ungebleichte Unterhosen und fordert auf, Mehrwegwindeln zu gebrauchen und diese aus einer Fair-Trade-Weberei in Eritrea abzuholen, am besten per Rad oder Autostopp. Seine – derzeit fünfte – Gattin regt an, die Kühe auf der Weide mehr zu bewegen, damit sie weniger furzen und nicht so das Ozonloch vergrößern. Eine Billigzeitung titelt in der Folge: „Toll! Stars denken auch an die Zukunft der Menschheit.”

Und mancher Limes bleibt, die zwischen Denkweisen etwa. Befragt ein Mann, ein Pakistani, wie sich später herausstellt, in einer öffentlichen Bücherei den Auskunft gebenden Bibliothekar zu einem Buch, zu einem Band mit Briefen von Saint-Exupery: „Warum schreibt der immer ‚Meiner kleinen Mutter‘?”

Der Bibliothekar versucht zu erklären: Das sei als zärtliche und liebevolle Anrede gemeint, wie ein Diminutiv sozusagen. Der Pakistani weiß sehr wohl, was ein Diminutiv ist, er sagt: „Aha, er meint das liebevoll. Ja. Ja. Ich verstehe. Ich dachte nur, sein Vater hatte mehrere Frauen und diese in den Briefen sei halt ‚die kleine‘. Damit man sie unterscheiden kann.”
Der Bibliothekar fragt nach Polygamie in Pakistan, der Mann weiß selber gar nicht genau, ob der Staat sie erlaube, die Religion erlaube sie jedenfalls. „Aber dann muss man sehr viel Geld haben”, sagt er. Der Bibliothekar versteht. „Mit viel Geld kann man aber hier auch mehrere Frauen haben, wenn auch nicht am Standesamt”, sagt der Pakistani. Der Bibliothekar wiegt den Kopf, denkt: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Oder vielleicht eben doch nicht ...”

Einen Limes gibt es natürlich auch noch, immer noch, den Grenzwert, lim geschrieben, haben Sie sicher einmal gelernt. Der strebt gegen etwas – zum Beispiel gegen unendlich. Das geht noch an für Leute mit Hausverstand. Er strebt aber auch gegen minus unendlich, da wird der Vernünftige schon unruhig. Oder gegen minus null. Auch das will dem Soliden nicht recht schmecken: Null ist doch null und fertig.

Die Germanen, die Barbaren, kannten die Null nicht; sie kannten zwar das Nichts, das war zum Beispiel dort, wo sie auf ihren Feldzügen durchgekommen waren, etwa in einer römischen Provinz. Was sie zurückgelassen haben, war das Nichts. Später dachte der Gallier Sartre darüber nach. Aber die Null kannten sie jedenfalls nicht. Die kam aus Indien und die Inder – und die Pakistani – brauchten nur mehr die Eins dazu und konnten schon mit Computern umgehen. Und man sagt, sie können das tatsächlich recht gut, viele gute, billige EDV-Experten. Viele Firmen lassen in Indien rechnen und buchhalten, auch der Flughafen Schwechat, habe ich einmal gehört, dort wo es also doch kein Kartell gibt, nur einstens ein Reiterkastell gab.