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die arbeitssammler von heute

Über die Verschiebungen des Arbeitsbegriffes


Peter Plöger: Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten. Viel gelernt und nichts gewonnen? Das Paradox der neuen Arbeitswelt

die arbeitssammler von heute

München: Carl Hanser Verlag 2010

Rezensiert von: rita könig


Für die Eltern- und Großelterngenerationen hieß es: „Leben, um zu arbeiten“. Diejenigen, die sich bewusst gegen diese Maxime entschieden, formulierten: „Arbeiten, um zu leben.“ Die „Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten“, um die es in dem gleichnamigen Sachbuch von Peter Plöger geht, würden weder den einen noch den anderen Satz unterschreiben. Für sie, so der Autor, „läuft das Leben, und die Arbeit läuft mit.“ Als Arbeitssammler bezeichnet Peter Plöger – vereinfacht zusammengefasst – diejenigen, die gleichzeitig verschiedene Erwerbstätigkeiten ausüben. Dabei unterscheiden diese Menschen selten zwischen Arbeits- und Freizeit, denken fast rund um die Uhr und, glaubt man dem Autor, auch noch mit Freude an ihre soloselbständige Tätigkeit, haben Spaß am Tüfteln und genießen ihre Freiheit, auch wenn die bei näherer Betrachtung gar nicht so groß ist.
In sieben Kapiteln legt Peter Plöger mit von Statistiken und Auszügen aus Interviews dar, wie sich die (Arbeits-)
Welt verändert hat. Zeitarbeit, Leiharbeit, wechselnde Beschäftigungen: als Brotjob, als Nebentätigkeit, als Mittel zum Zweck sind heute, so beweist der Autor anhand zahlreicher Untersuchungsergebnisse aus dem In- und Ausland, kein Phänomen Einzelner mehr und schon gar nicht in fehlender oder unzureichender Ausbildung begründet. Die Arbeitssammler, die der Autor in seinem Buch vorstellt, haben allesamt einen Hochschul- oder gleichwertigen Abschluss – und dennoch leben sie finanziell am Existenzminimum. Sie sind die „Modellathleten der neuen Arbeitswelt“, doch nicht nur das, sie sind sogar ein „Krisenreaktionsmodell“. Ihre Anpassungsfähigkeit, ihre Kreativität und nicht zuletzt ihr Wissen sorgen neben einem hohen Maß an Selbstdisziplin dafür, dass sie weder resignieren noch in Existenzangst gelähmt sind, sondern Mittel und Wege suchen (und finden), die ihnen eine Beschäftigung und vor allem einen Sinn geben. Damit unterscheiden sie sich wesentlich von all den „Prekären“, die in den Medien dargestellt werden – und leben doch auf einem ähnlichen (finanziellen) Niveau.
In den ersten Kapiteln überwiegt die Unentschiedenheit des Autors, der sich selbst zu den Arbeitssammlern zählt: Sind die in prekären Verhältnissen lebenden Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten zu bedauern, weil sie zu wenig Geld zur Verfügung haben, ihre Einkünfte nicht langfristig planen können und sie von etlichen Privilegien „Normalbeschäftigter“ ausgeschlossen sind – oder sollte man sie eher beneiden dafür, dass sie ihre Zeit relativ frei einteilen und bei jeder Tätigkeit neue Erkenntnisse, Erfahrungen und Lebensfähigkeiten erwerben? Damit schafft dieses Buch eine Diskussionsgrundlage: Man kann die persönlichen Geschichten als Provokation Einzelner lesen, die lieber frei und arm als abhängig und weisungsgebunden arbeiten und leben – und sich fragen, ob es keine anderen Probleme gibt.
Man kann überlegen, ob Selbstausbeutung, Verschwimmen von Arbeits- und Freizeit, Rückbau von Privilegien nicht auch zunehmend für Festangestellte in Hierarchien gelten. Man kann auch begreifen, dass alle Anstrengungen, Kindern mit höherer Bildung auch Sicherheit mit auf den Weg zu geben, an den sich veränderten Arbeitsbedingungen unserer Zeit scheitern müssen. Man kann sich – und die Politiker – fragen, weshalb jemand, der gut ausgebildet, hoch motiviert, eigenverantwortlich, kreativ und diszipliniert auf ein festgelegtes Ziel hinarbeitet, ohne den Begriff „Überstunden“ überhaupt zu benutzen, nicht die gleiche finanzielle Entlohnung für seine Leistung erwarten darf wie derjenige, der innerhalb einer bestehenden Hierarchie und innerhalb der gesetzlich bestimmten Arbeitszeit eine ähnliche Tätigkeit ausübt.
Peter Plöger stellt in seinem Buch nicht nur die positiven und negativen Auswirkungen von Arbeitssammlern dar, sondern setzt sie ins Verhältnis zu den gesamtgesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahre und Jahrzehnte, prognostiziert einen Anstieg für die Zukunft – und fordert eine politische Reaktion, eine Anerkennung dieses Erwerbsmodells als „ein(es) unter vielen anderen, eines von mehreren neuen Normalarbeitsverhältnissen.“ Der Autor appelliert an die Politiker, nicht länger zu versprechen, dass es „Arbeit für alle“ geben wird. Die gesellschaftliche Anerkennung einer veränderten und sich weiter verändernden Arbeitswelt ist die Voraussetzung dafür, die sozialen Sicherungssysteme an die neuen, flexiblen Arbeitsbedingungen anzupassen.