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die aufschneiderin

Kein beruhigendes Meeresrauschen, keine sanfte Brise und kein Land in Sicht


Bettina Baláka: Auf offenem Meer. Erzählungen.

die aufschneiderin

Innsbruck-Wien: Haymon Verlag 2010

Rezensiert von: stefanie lehrner


„Bisweilen erschien es mir merkwürdig, Menschen so anzuschauen wie Schmetterlinge, die hinter einer Glasscheibe aufgespießt sind. Man betrachtete sie mit Interesse, manchmal sogar mit Bedauern, und dann ging man wieder fort, vergaß sie und kümmerte sich um sich selbst.“

Mit der Herangehensweise einer Pathologin nähert sich Bettina Baláka in ihrem Erzählband Auf offenem Meer der menschlichen Fehlbarkeit und variiert das Motiv des Gefangen- und Befangenseins gegenüber sich selbst und übermächtigen Instanzen. Messerscharf und präzise legt die Salzburgerin, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, schreiberische Hand an ihre Figuren und damit eindringliche Geschichten frei.
Die erste Erzählung Titanic konfrontiert den Leser mit dem Schauplatz eines sowjetischen Gefängnisses während des Zweiten Weltkriegs und seziert das Verhältnis des stellvertretenden Gefängnisdirektors zum Forscher und Biologen Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der wegen seiner Gentheorie als Rassist und Volksfeind klassifiziert und zum Tode verurteilt wurde. Die Frau des Direktors wird für den Gefangenen „wie eine winzige Insel in einem Ozean der Unmenschlichkeit“.
Das vermeintlich Gute entpuppt sich in Balákas Geschichten oft als sein Gegenteil – mit einem moralischen Konflikt und der Last einer Entscheidung haben fast alle Protagonisten zu kämpfen: ein Marinekapitän beim Seemanöver, zwei Insassinnen eines sadistischen Frauengefängnisses und eine gestresste Mama mit Kleinkind in der Provence. Trotzdem kommen die Geschichten nie nur bleiern schwer, sondern immer auch poetisch, fast leichtfüßig, ironisch und tragikomisch daher.
Auch die Episode Lignum vitae nimmt historische Persönlichkeiten zum Ausgangspunkt, springt aber weiter in die Vergangenheit zurück und schildert, wie ein einfacher Schiffsjunge im 18. Jahrhundert vielleicht maßgeblich an der Lösung des Längengradproblems beteiligt war. Ein Schlüsselsatz der Geschichte(n): „Und dennoch ist es eine Tatsache, dass man auf offenem Meer wie ein Gefangener lebt.“
In Blaue Augen, der letzten und gründlich durchkomponierten Erzählung, vererbt eine Großmutter und „Frau, die davon träumt Adolf Hitler im Jenseits endlich einmal die Hand zu schütteln“ einem jungen Paar ihre Villa. Nun hat es die Wahl zwischen arisiertem Besitz oder Verzicht. „... und ich hielt meinen Mund und freute mich darauf, im Schatten der Zypresse eine Sandkiste zu bauen.“
Bettina Baláka ist eine Vielschreiberin, die sich nicht auf bestimmte Gattungen oder Genres festlegen lässt. Mit ihren jüngsten Erzählungen beweist sie Spür- und Scharfsinn für Kurzgeschichten. Klug, lakonisch und moralisch, aber nie moralisierend sind ihre Erzählungen, gut recherchiert obduzieren sie Ab- und Tiefgründiges.