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die idee eines kontinents

ernst kilian | die idee eines kontinents

Erinnerung an die Grenzen Europas

Ich erinnere mich. Es war Ostern 1991, in Vyšne Nemecké, Ostslowakei. Ich stand etwas abseits der Hauptstraße auf einem Seitenweg und fotografierte den Endpunkt dieser Reise: einen kleinen Friedhof, nicht mehr als ein paar unregelmäßig aufgestellte windschiefe Kreuze. Den Hintergrund bildete eine niedrige Anhöhe mit Wachturm, zwischen Baumwipfeln ragte das Dach der Grenzstation hervor. Die Staatsgrenze, die sie markierte, war die letzte bis zur Pazifikküste. Aber weiter als bis hierher ging es nicht. Denn hinter der Anhöhe lag die Sowjetunion, und in die kam man nicht so leicht hinein, schon gar nicht als motorisierter Individualtourist. De facto war dies die Grenze Europas.

Ein Jahr später war alles anders. Ich befand mich wieder in Vyšne Ne­mecké, diesmal im Begriff, die Grenze zu überqueren, doch das Land dahinter war geschrumpft und hieß nun Ukraine. Die Grenzen in Europa hatten angefangen, sich zu vermehren. Ein fiktiver Autotourist, der, sagen wir, von Brünn aus, mehr oder weniger dem 49. Parallelkreis in östlicher Richtung folgend, bis an das geografische Ende Europas vordringen wollte, wäre vor 1992 zwar auf jede Menge bürokratischer Hindernisse gestoßen, aber nur auf einen einzigen zwischenstaatlichen Schlagbaum: den von Vyšne Nemecké. Inzwischen sind es vier.

Minarette und Bazare
Ich wechsle den Schauplatz und tausche den fiktiven Reisenden gegen einen von Millionen real existierender, die vor 1991 zwischen Österreich und Griechenland unterwegs waren und damals lediglich zwei Grenzen vor sich hatten. Heute sind daraus fünf geworden, und wer auch nur einen kleinen Abstecher machen will, zum Beispiel auf das Amselfeld (Kosovo polje), wo der Serbenfürst Lazar Hrebeljanovic 1389 so ruhmreich erfolglos das christliche Europa verteidigte, bringt es leicht auf sieben oder mehr. Und dabei gelangt er oder sie in Gegenden, wo sich angesichts von Minaretten, Türben und Bazaren jeder aufrechte Verteidiger des christlichen Europa fragen muss: Ist das denn noch Europa? Es ist.

Wir erinnern uns: Als zu Beginn des 8. Jahrhunderts die Araber die Iberische Halbinsel besetzten, kamen sie auf einen Kontinent, der noch lange kein christlicher war. Als in Litauen endlich der letzte Heide offiziell chris­tianisiert wurde (und wahrscheinlich insgeheim parallel noch weiter zu den alten Göttern betete), waren die Mauren bereits 700 Jahre in Europa aufhältig, hatten den Europäern das heute gebräuchliche Ziffernsystem vermittelt, die höfische Kultur beeinflusst, die weitgehend vergessenen Werke des Aristoteles überliefert und damit indirekt den Anstoß zur Renaissance gegeben. Und als sie schließlich vertrieben wurden, saßen schon lange die Türken am östlichen Rand des Kontinents. Der aufrechte Verteidiger eines christlichen Europa verteidigt etwas, das nie existiert hat.

Natürlich kann man einwenden, die Muslime hätten beide Male europäisches Gebiet kriegerisch erobert. Aber die christlichen Kreuzfahrer, die 1099 das Königreich Jerusalem errichteten, waren auch nicht auf den Knien zum Sultan gekommen, und die innereuropäischen Grenzen sind eher selten auf friedliche Weise verändert worden. Jene zwischen Österreich und Italien ist dafür durchaus exemplarisch, und bei der verweile ich jetzt einmal und genehmige mir einen Cappuccino.

Ich erinnere mich. Das war 2001, ich betrat die Bar einer Raststation an der A22 (Brennerautobahn) und fand es plötzlich schwierig, meinen Kaffee sozusagen ethnisch korrekt zu bestellen. An sich ist die Volkstumsgrenze in Südtirol/Alto Adige leicht auszumachen. Die Landgemeinden sind deutschsprachig, und in Bozen ist die Apartheid so gut entwickelt, dass man genau weiß, wo das Idiom wechselt, nämlich an der Talfer, die vom anderen Ufer aus betrachtet Talvera heißt. Aber hier, an der A22 (Autostrada del Brennero)? Noch dazu, da ich vom Aussehen her durchaus für einen Einheimischen gehalten werden konnte, die Frau hinter der Theke dagegen nicht so leicht einzuordnen war. Was passt hier am besten? Verlange ich „Un cappuccino, prego”, hält mich die (möglicherweise) Südtirolerin („Do redt ma deitsch”) für einen, der nicht zu Heimat und Muttersprache stehen will. Sage ich „Einen Cappuccino, bitte”, hält mich die (möglicherweise) Altoatesina („Ma che cazzo siamo in Italia, no?”) für einen verbohrten Deutschnationalen. Ich murmelte kompromisshalber „’n cappuccino” und machte die Entdeckung, dass die Sprachgrenze auch die Grenze der Sprache sein kann: der Punkt, an dem sie ins Verstummen übergeht.

Sprachliche Mimikry
Das Problem war in diesem Fall zugegebenermaßen ein eher künstliches, das aus einem persönlichen Hang zu sprachlicher Mimikry resultierte. Aber wie ist das in Orten, die, sagen wir, vier Namen aufzuweisen haben wie Vyšne Nemecké / Felsönémeti / Vyšne Nimezkje / Oberdeutschendorf und hinter diesen Namen vier Sprachen, vier Ethnien, vier Identitäten? Vier Versionen von Geschichte, kollektive und persönliche Ressentiments, Vorurteile, Schuldgefühle, Schuldzuweisungen? Und Themen, über die man nicht miteinander reden kann, über die man nebeneinander schweigen muss. Oder einander in die Haare gerät. Wenn man dann doch einmal reden muss, hilft mitunter eine Art Basic English, und das kann mühsam sein. Ich erinnere mich, es war 2005, zehn Jahre nach dem Bosnienkrieg in Sarajevo, wo sich die Wächterin vor dem zerschossenen Oslobodenje-Gebäude hart­näckig weigerte, auf Serbokroatisch an sie gerichtete Fragen auch nur zu verstehen, geschweige denn zu beantworten, obwohl ihr auf Englisch nicht einmal das Wort für „Krieg” einfiel. Vorher hatten sich alle gut auf Serbokroatisch verständigen können, im Laufe von nur drei Jahren wurden aus Regionalvarianten Fremdsprachen.

Das kann auch in Italien passieren, wenn Umberto Bossi („Il Senatúr”) seinen Traum von Padanien verwirklicht. Die Grenzen Europas haben immer noch ein kreatives Potenzial, sich zu vermehren: Die Basken sind jederzeit gut dafür, auch die Schotten, die Katalanen. Die Republika Srpska sowieso, wenn nicht die so genannte internationale Staatengemeinschaft dagegen wäre. Aber sobald sie eine Weile ihre eigene Grenze kontrollieren, ihre eigene Flagge hissen, ihre eigene Hymne absingen dürfen und Herren im eigenen Haus sind, wollen sie doch alle irgendwann zur Europäischen Union, besonders, wenn die sich an den Betriebskosten beteiligt. Und weil die EU im Gegenzug offenere Grenzen verlangt, gibt man schon mal dem inneren nationalistischen Schweinehund, der gerade noch so laut gebellt, so eindringlich gegrunzt hat, einen öffentlichen Tritt und einigt sich beispielsweise sogar darauf, sich auf ein paar Kilometer Seegrenze im Golf von Piran vorläufig nicht zu einigen, bis der Internationale Gerichtshof entschieden hat. Insgeheim kann man den Schweinehund ja wieder streicheln (so wie der letzte christianisierte Litauer insgeheim auch noch ein Altärchen für die alten Götter bereithielt) und nach erreichter Mitgliedschaft kann man ihn auch wieder – an der Leine, versteht sich – spazieren führen, wie das Ungarn und die Slowakei tun. Was aber wird aus der EU, wenn erst einmal deren Hauptstadt entlang der Sprachgrenze in Brussel und Bruxelles zerfällt?

Haltbarkreitsgrenze der EU
Das wirft die Frage nach der Haltbarkeitsgrenze der Europäischen Union auf. Werden wir uns irgendwann an die innereuropäischen Grenzen erinnern als etwas, das längst überwunden ist, Produkt einer barbarischen Vorzeit, da der Mensch dem Menschen Wolf war, wie es die Verfechter eines geeinten Europas ersehnen? Oder als etwas, das durch einen blödsinnigen Vereinigungswahn zugekleistert wurde und das schleunigst wieder errichtet werden muss, wie es uns Ex-Jugoslawien Phase für Phase in Echtzeit erleben ließ? Und falls Letzteres, wann wird es geschehen? Demnächst, im Gefolge der Eurokrise oder in hundert Jahren? Oder peinlicherweise gerade in dem Augenblick, da die Türkei endlich aufgenommen wird, so dass sie als einziges EU-Land übrigbleibt? Sie kann sich dann zu Recht als „Europäische Union” bezeichnen, und das ist gar nicht so abwegig, wie es scheint, denn Ägypten nannte sich, nachdem 1961 seine Verbindung mit Syrien geplatzt war, immerhin noch volle elf Jahre lang „Vereinigte Arabische Republik”, obwohl es nur noch mit sich selbst vereinigt war. Die Grenze zur Absurdität ist oft rasch erreicht.

Vielleicht gerät die EU auch irgendwann mehr oder weniger in Vergessenheit, und wenn supranationale Strukturen fast vergessen sind, können sie, wie das Heilige Römische Reich, noch eine ganze Weile fortbestehen. Wer denkt noch viel an das British Commonwealth of Nations, die EFTA, den EWR oder an die „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten” (GUS), die den größten Teil der Konkursmasse der Sowjetunion geerbt hat? Schon lange nichts mehr von denen gehört. Aber es gibt sie alle noch. Nur Georgien ist 2009 aus der GUS ausgetreten, was außerhalb der Region kaum aufgefallen sein dürfte. Die Ukraine hingegen ist weiterhin dabei, und ich erinnere mich, dass ich eigentlich noch vor dem Grenzbalken von Vyšne Nemecké stehe und nach Užhorod hinüber will. Vorher jedoch mache ich einen kurzen Abstecher auf die andere Seite des Kontinents, wo ich meinen Pass vergessen habe.

Verlustmeldung
Es muss Ende der Achtziger- oder Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein, noch vor der Computerisierung der Polizeistationen, denn ich erinnere mich sehr deutlich an die klobige mechanische Schreibmaschine des kleinen Kommissariats im Segretal südlich von Andorra, in die der Polizist, bedächtig Taste für Taste suchend, meine Verlustmeldung hämmerte. Was war geschehen? Ich war auf der Heimreise und hatte soeben bemerkt, dass ich den Pass im Hotel einer aragonesischen Kleinstadt mit dem schönen Namen Calatayud (Qal’at ’Ayyub, die Festung des Ayyub – ach du christliches Europa!) zurückgelassen hatte. Was tun an den Grenzen? Ich probierte einen Trick. Ich hielt dem andorranischen Kontrolleur den Pass meiner Lebensgefährtin aus dem Autofenster entgegen und darunter, durch ihn verdeckt, meinen Führerschein mit eingelegter Verlustanzeige. Es funktionierte. Auch an allen folgenden Übergängen, und ich kam, lange vor der EU-Mitgliedschaft Österreichs und noch länger vor Schengen, problemlos über sechs europäische Grenzen.

Sechs Grenzen waren es deswegen, weil ich kurz vorher von der Existenz eines dreieinhalb Jahrhunderte alten Kuriosums erfahren hatte, der spanischen Enklave Llívia in der französischen Cerdagne, auf deren Besuch ich nicht verzichten wollte. Das Fehlen eines Ausweises sollte mich daran nicht hindern und tat es auch nicht. Weder bei der Einfahrt noch bei der Ausfahrt war ein Kontrollposten zu sehen. Ein schönes Beispiel für gute Nachbarschaft? Schon. Aber andererseits fragt man sich doch, warum die französischen Hauptstraßen den Ort so sorgfältig umgehen und warum kein einziges Straßenschild nach Llívia weist. Alle weisen sie südlich und nördlich und östlich und westlich daran vorbei – nach Saillagouse, Font-Romeu, Bourg-Madame, so als läge dazwischen nicht nur keine Staatsgrenze, sondern auch kein Ort. Bloß Brachland. Ein schönes Beispiel für gute Nachbarschaft eben.

Von den sechs damals überquerten Grenzen waren übrigens drei Außengrenzen der Europäischen Gemeinschaft. Denn die stolz an der andorranischen Grenze aufgestellte Tafel mit den zwölf Sternen auf blauem Grund kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Pyrenäenfürstentum kein Teil der EU ist, obwohl seine beiden „Landesfürsten” EU-Bürger sind: der Bischof von La Seu d’Urgell und der französische Staatspräsident. Und ebenso wenig gehören zur Union Monaco, San Marino, der Vatikan, die Isle of Man, die Kanalinseln und die beiden britischen Stützpunkte auf Zypern. Sehr wohl dazu gehören hingegen die spanischen Stadtenklaven Ceuta und Melilla und die Kanarischen Inseln, Französisch Guayana, die Antilleninseln Guadeloupe, Martinique und St. Barthélémy sowie, weit draußen im Indischen Ozean, Réunion. Und weil Zypern auf dem asiatischen Festlandsockel sitzt, ist die EU, ohne erst die Türkei oder Russland aufnehmen zu müssen, längst auf vier Kontinenten gegenwärtig, wenn auch in Form postkolonialer Residuen. Soviel zu den politischen Grenzen Europas.

Und die geografischen? Mal sehen. Ich komme zurück nach Vyšne Nemecké, passiere endlich den Übergang zur Ukraine und verwandle mich in den anfangs erwähnten fiktiven Autotouristen, der alle bürokratischen Hürden überwindet, sich vor der hohen russischen Kriminalitätsrate nicht fürchtet, die osteuropäischen Straßenverhältnisse meistert und entlang des 49. Parallelkreises bis zur geografischen Grenze Europas vordringen will. Irgendwo hinter Wolgograd werde ich auf einen kasachischen Schlagbaum treffen, weil auch Kasachstan, wer hätte es gedacht, mit ungefähr fünf Prozent seiner Fläche – etwa soviel wie die Türkei – noch zu Europa gehört (aber vorläufig nicht in die EU drängt, vielleicht tritt es dann bei, wenn diese nur noch aus der Türkei besteht). Nach ein paar weiteren hundert Kilometern werde ich den Uralfluss erreichen, und das war es dann.

Komplizierter wird es, wenn ich mir die kasachischen Einreiseformalitäten erspare und in Wolgograd nach Süden abbiege. Da gerate ich über kurz oder lang in das Sumpfland der Manytsch-Niederung, wo der Zar 1730 per Dekret Europa aufhören ließ. Schließe ich mich dieser Auffassung an, habe ich die Gewissheit, am Ziel zu sein. Ungewiss bleibt allerdings, in welchem Land nun der höchste Berg Europas liegt, denn der Mont Blanc/Monte Bianco ist nur aus Pariser Sicht rein französisch, aus römischer (oder Mailänder) Sicht ist er zur Hälfte italienisch (oder padanisch). Das Dilemma löst sich auf, wenn man, einer anderen Tradition folgend, den Kaukasus zur Grenze Europas macht. Dann ist der höchste Gipfel der Elbrus, und der liegt eindeutig in Russland (oder in Kabardino-Balkarien).

Nicht nur deswegen hat die zweite Variante, bei der übrigens – ach, du christlich Abendland! – auch Tschetschenien noch europäisch ist, mehr Charme. Denn ich erinnere mich, es war 1995, in Kalifornien, als ein Polizist mich wegen Schnellfahrens anhielt, meine Personalien aufnahm und auf seinem Formular unter „Race” politisch vollkommen korrekt „Caucasian” eintrug, um dem rassistisch konnotierten „White” auszuweichen. Seither fühle ich mich irgendwie als Kaukasier. Und wäre gekränkt, wenn ich nicht ein bisschen zu Europa gehörte.

Wir können uns nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich kann sich niemand mehr erinnern, wann er/sie zum ersten Mal gehört hat, dass Europa ein Kontinent sei. Es muss vor dem ersten Blick in einen Atlas gewesen sein. Sonst hätten wir auf einer, sagen wir, schwarz-weißen Weltkarte vor allem Folgendes gesehen: Einen riesigen, bizarr geformten dunklen Fleck (die afrikanisch-eurasische Landmasse), der in seiner oberen Hälfte ganz links außen ein großes, nicht weniger bizarr geformtes Loch aufweist (das Mittelmeer). Auf den Gedanken, dass das, was sich oberhalb dieses Lochs befindet, etwas Besonderes – und gar ein eigener Erdteil – sein könnte, wären wir vermutlich ohne vorherige Indoktrinierung niemals gekommen.

„Europa”, sagt Bernard-Henri Lévy, „ist kein Ort, sondern eine Idee.” Wer aber einer Idee folgt, stößt leicht an die Grenzen des Realen.