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die kunst des furzens

Über die Peristaltik des Serge Gainsbourg


Serge Gainsbourg: Das heroische Leben des Evgenij Sokolov. Roman. Aus dem Französischen von Hartmut Zahn.

die kunst des furzens

Berlin: Blumenbar Verlag 2010

Rezensiert von: wolfgang pollanz


Das ist wieder einmal typisch und man kennt es von diversen Filmen, denen vom deutschen Verleih oft sehr blumige Titel verliehen werden. Denn im französischen Original heißt dieses Buch schlicht Evguénie Sokolov, erschienen ist es 1980, im selben Jahr, als der Chansonnier, Komponist, Filmemacher und Hansdampf in allen Gassen der Provokation Serge Gainsbourg unter anderem seine Landsleute mit einer Reggae-Version der dortzulande bis heute sakrosankten Marseilleise schockierte. 1985 ist es schon einmal auf deutsch als Die Kunst des Furzens. Das explosive Leben des Evgenij Sokolov erscheinen, jetzt hat der Berliner Blumenbar Verlag das Buch in einer neuen Übersetzung herausgebracht und aus dem explosiven Leben ein heroisches gemacht.

 

Der Protagonist ist ein junger Maler, der sein Leben lang unter ständigen Blähungen leidet, dem das „unheilbare Gebrechen anhaftet, ohne Unterlass furzen zu müssen.“ Was zunächst wie der Ulk eines analfixierten Studenten daher kommt, entpuppt sich jedoch sehr schnell als witzige und geistreiche Glosse zu all den Ausdünstungen, die dem Kunstbetrieb im Großen und Ganzen so anhaften. Der junge Mann erfindet nämlich nach ersten erfolglosen Versuchen als Künstler Fuß zu fassen ein „Gasogram“, mit dessen Hilfe er die körperlichen Erschütterungen durch seine Flatulenzen als Kaltnadel-Radierung zur Kunst erhebt, von den Kritikern mit Termini wie „Hyperabstraktion, stilistische Strenge, formaler Mystizismus, mathematische Präzision, philosophische Spannung, seltsam schöne Eurythmie, hypothetisch-deduktive Lyrismen“ bedacht. Diese Unikate verhelfen ihm schließlich zum Durchbruch, zu einem Aufstieg in die geweihten Hallen der großen Kunst, was aber auch bald zu Dekadenz und Absturz führt. Als ihm dann auch noch die Darmwinde ausbleiben, bleibt Sokolov nur noch der Weg in den (erfolglosen) Suizid, für den er folgerichtig eine Apparatur ersinnt, mit deren Hilfe er sich durch seine körpereigenen Gase das Leben nehmen will.

 

Natürlich kann man spekulieren, ob dieses Buch so etwas wie eine persönliche Abrechnung des bekannten Bürgerschrecks und Künstlers Serge Gainsbourg mit dem Kunst- bzw. dem Establishment im Allgemeinen ist. Sollte es so sein, tut das dem Lesevergnügen auf jeden Fall keinerlei Abbruch, im Gegenteil. Das Buch hat Humor, ist großartig erzählt und lässt Charlotte Roches beinahe 30 Jahre später erschienene Hämorrhoiden-Prosa alt ausschauen. Im deutschen Sprachraum ist der Autor einem breiteren Publikum wohl nur durch seine Kollaboration mit Jane Birkin bekannt, Je t’aime ... moi non plus ist ja bis heute die Blaupause sexuell aufgeladenen Stöhn-Pops. In Frankreich galt der 1928 als Lucien Ginsburg in Paris geborene Chansonnier und Komponist trotz bzw. wohl eher wegen seiner Provokationen und der kleineren und größeren Skandale als Institution, er starb nach einem Leben mit viel Alkohol Nikotin und Sex, 1991 an einem Herzinfarkt. Evguénie Sokolov ist leider sein einziges Buch geblieben, doch es sorgte – wohl kalkuliert – wie so vieles andere für einen Mini-Skandal im heroischen Leben des Serge Gainsbourg.