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die unmenschliche menschlichkeit

jan-erik riemenschneider | die unmenschliche menschlichkeit

Kurze Episoden über Grenzen

Es gibt Grenzen, die man für sich selbst zieht. Grenzen moralischer, präskriptiver Natur, mit denen man sich ein besseres und angenehmeres Leben verspricht: Keine One-Night-Stands, täglich 4 Liter Wasser trinken, ständig unter 55 Kilo bleiben und dergleichen mehr. Wenn man diese Grenzen überschreitet, schmerzt es, kann aber auch heilsam sein.

Andere Grenzen werden von der Gesellschaft gezogen. Sie zieht Grenzen mit dem Ziel, das Zusammenleben erträglicher zu machen. Um seine relative Freiheit zu erhalten, muss man einen kleinen Teil seiner absoluten Freiheit aufgeben, erkannte schon Johann Gottlieb Fichte. Nicht so radikal wie bei Hobbes vielleicht, aber doch in beträchtlicher Menge. Um gesellschaftliche Grenzen gibt es eine Menge Kontroversen. Aber wenn wir ehrlich sind, kommen wir mit ihnen im Allgemeinen ganz gut zurecht. Weil es nicht zuletzt unser freier Wille ist, ob wir sie einhalten oder übertreten wollen. Vor allem können wir sie ändern. Ganze Staaten können so abgeschafft werden.

Verrückt macht es den Menschen dagegen, wenn er eine Grenze nicht überschreiten kann, so sehr er auch will und dafür kämpft. Die Staatsgrenze ist spätestens seit der DDR ein Sinnbild für die Ohnmacht, die die Menschen angesichts solcher unüberwindbaren, physischen Grenzen ergreift. Natürlich ist es möglich, diese Grenze zu überwinden. Aber im Moment ihres Überwindens ist der Mensch vogelfrei, auf ein störendes Nagetier reduziert. Ein ziemlich hoher Preis für das Überwinden einer Grenze.

Der Eiserne Vorhang
Für mein Alter habe ich in unserer westlichen Gesellschaft vielleicht ein etwas ungewöhnliches Verhältnis zu solchen Grenzen: Ich nehme sie wahr. Für meine Generation, die den Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs nur indirekt miterlebt hat und ihn in Geschichtsbüchern nachlesen muss, existieren Grenzen nur noch als verfallene Betonbauten aus den 70ern an der Autobahn, von denen man beim Vorbeirasen nicht einmal mehr Notiz nimmt. Ein blaues Schild mit 12 im Kreis angeordneten Sternen, in deren Mitte dann etwa „France” steht. Stattdessen guckt man auf das Schild, das einem sagt, wie schnell man hier fahren darf. Man bemerkt, dass sich Farbe und Form der Bordsteine ändern. Manche kennen vielleicht die Grenze zur Schweiz, wo die Autos nach Geld durchsucht werden. Eine ungewöhnliche, anachronistische Grenze im Herzen Europas. Als Nicht-Oligarch kann man aber nur über sie lachen.

Grenzen existieren in den Köpfen unserer Generation nur noch am Flughafen in der Türkei oder Thailand. Aber auch da sind sie keine große Sache. Stempel rein, manchmal nicht mal das, deutscher Pass, aha, willkommen. Wir dürfen eh immer durch die Tür gehen, auf der „EU Citizens” oder „Nothing to declare” steht. Und man glaubt uns. Wir werden nie aufgehalten. Dass EU-Bürger am Flughafen vorsätzlich belangt wurden, habe ich überhaupt nur einmal in den USA erlebt. Unter lautem Protest wurde eine Gruppe Italiener von uns abgetrennt und gesondert durchsucht. Die Italiener beklagten sich lautstark über Rassismus und Intoleranz, doch es stellte sich heraus, dass jeder Einzelne von ihnen Frischfleisch, Tomaten und andere für Italiener existenzielle (weil von Oma daheim) Lebensmittel in ihren Taschen hatten – alles, was bei einer Einreise nach Amerika illegal ist, weil es globale Pandemien heraufbeschwören kann. Die Einreise in die USA ist überhaupt nicht so ein Selbstläufer wie das Reisen in Europa. Man muss einen Haufen Fragen beantworten, seine Fingerabdrücke abgeben, sich fotografieren lassen und diese Prozedur zur vollkommenen Demütigung auch noch bezahlen. Aber wer will und sozusagen einen Seelenstriptease hinlegt, kommt auch da rein. Ohne dass man sich Monate vorher um ein Visum kümmern muss (wie etwa in Russland), aber auch ohne die Möglichkeit seine Persönlichkeit wahren zu können (was man bei der Einreise nach Russland kann). Da wird man dann mit finsterer Mine gefragt, was man hier wolle. I visit my girlfriend. Ehrlichkeit, gleich in die Falle getappt. Aha, fragt der Officer hinter seinem Mundschutz hervor, und was macht die Freundin hier? Studieren. An welcher Universität? Da und da. Und diese „Freundin”, hat die Sie denn auch schon mal besucht?, fragt der Customs Officer mit höhnischem Grinsen. Äh, ja, sie kommt wie ich aus Deutschland. Das befriedigt ihn oder nimmt ihm zumindest den Wind aus den Segeln. Ich gebe ihren Namen an, er kritzelt irgendwas auf einen Zettel, den ich einem anderen bewaffneten Polizisten am Ausgang des Flughafens aushändigen muss. Welcome to America.

Mir sind echte Grenzen noch gut in Erinnerung. Von damals, als man bei ihrer Überschreitung auch als Bürger der BRD noch auf das Wohlwollen des Grenzers angewiesen war. Eine meiner prägnantesten und deutlichsten Eindrücke aus meiner frühen Kindheit überhaupt. Das Urlaubsauto vollbepackt, hält man irgendwann mitten auf der Autobahn an, in einer langen Schlange. Der Papa dreht sich um und schärft einem ein, ja nicht zu lachen und jetzt keine dummen Scherze zu machen. Ernst gucken! Wann hört man das schon als Kind? Immer soll man fröhlich lächeln, selbst auf Porträtfotos, auf denen man viel lieber cool gewirkt hätte. Wie Clint Eastwood. Jetzt hat man die Chance dazu. Dem Sheriff kaltblütig in die Augen zu gucken, obwohl man weiß, dass hinten in seinem Verhau dein Steckbrief hängt.

An welchen Grenzen ich so war, ist dagegen verschwommen. Dänemark, die DDR. Immer guckten die Zöllner grimmig, in ihren Uniformen, mit Pis­tole oder MP und breiter Mütze. Nicht mit Lederjacke und Gel in den Haaren wie heute. Richtig furchteinflößend. Papa und Mama waren ganz klein, der Zöllner scannte mit seinen Augen das Wageninnere, manchmal musste der Kofferraum aufgemacht werden. Dann verschwand er mit den Pässen, und wenn er wiederkam und man fahren durfte, atmeten alle auf und durch, waren ungewöhnlich fröhlich. Man hielt hinter der Grenze und es gab Pommes und Bier. Wobei, das kann nur in Dänemark gewesen sein, in der DDR hat man gemacht, dass man da hinkam, wo man hinwollte. Wenn man da auf der Autobahn hielt, kam gleich die Stasi aus den Büschen gesprungen. Auch wenn man nur pinkeln wollte. Das muss eine koordinatorische Meisterleistung gewesen sein.

Zollschein auf Russisch
Für mich ist dieses Grenztum normal, fast sehne ich mich ein bisschen danach. Wenn ich heutzutage an einer solchen Grenze stehe, nach Russland etwa, fährt mit mir immer jemand, der so was nicht kennt. Der Milizionär kommt in den Bus, erst der Polnische, sammelt alle Pässe ein, man muss den Zollschein (auf Russisch wohlgemerkt!) ausstellen. Dann fährt der Bus 500 Meter und der russische Milizionär erscheint. Sammelt wieder ein, alle müssen raus, anstellen, das Gepäck wird durchleuchtet. Das alles zieht sich mindestens eine Stunde. Einmal verharkt sich der Interrail-Rucksack meines Freundes in der Durchleuchtungsmaschine. Der Zöllner ist fett und fettig, es ist Hochsommer, er guckt gelangweilt in den Bildschirm. Ich wuchte meinen Rucksack aufs Band, hole ihn auf der anderen Seite wieder runter und gehe durch die Absperrung nach Russland. Aber Felix hinter mir kommt nicht so einfach nach Russland. Ich drehe mich um und sehe, wie der träge Zöllner gerade aus seiner Lethargie erwacht. Irgendwie ist der endlose Strom des Gepäcks, das durch seinen Bildschirm fließt, abgebrochen. Ich sehe auch Felix, der sich zu seinem Rucksack runterbeugt und mit einer Seelenruhe versucht, ein Bändel aus der Eisenbegrenzung zu entwirren, welche das Einschubförderband der Durchleuchtungsmaschine umgibt und in die sich sein Ruck­sack verfangen hat.

Nu schto?, ächzt der Zöllner und blickt etwas verwirrt auf Felix. Dawai, dawai!, ruft er und versucht selbst, den Rucksack durchzuschieben, was aber nicht gelingt: Er lässt sich nicht bewegen. Dann sehe ich Felix und den Zöllner aus Leibeskräften an dem Riemen ziehen und zerren, bis er nachgibt und reißt. Der Zöllner grummelt irgendwas und verzieht sich wieder hinter den Bildschirm. Solche Szenen können übel enden. Behinderung der ausführenden Staatssicherheit. Am Ende noch Beschädigung der wertvollen Durchleuchtungsmaschine. Andererseits lässt sich aber an russischen Grenzen auch viel verhandeln. Ich habe schon Menschen gesehen, die eine Propangasflasche im Handgepäck nur mit beschwichtigendem Gerede durch den Zoll gelotst haben. Und sowohl in Russland als auch in Bosnien habe ich beobachtet, dass es anscheinend Sitte ist, dass der Busfahrer zuallererst einmal ein paar Flaschen Bier ins Zollhäuschen bringt. Um die Zöllner für ihre menschenunwürdige Arbeit zu entschädigen und den Verlauf etwas anzukurbeln, gewissermaßen. Menschen, die solche Grenzen zum ersten Mal erleben, reagieren äußerst gereizt und erbost. Sie fühlen sich all ihrer Menschenrechte beraubt, ereifern sich, dass die Prozeduren gar keinen Sinn hätten, und plädieren lautstark für allgemeine und vollkommene Reisefreiheit. Stellen sich extra unverständlich dem Zöllner gegenüber und geraten bei einer Frage gleich in Rage.

Dabei ist Reisen als Deutscher oder EU-Bürger gar kein Problem. Fast alles, was ich von Grenzen Besonderes zu erzählen weiß, ist nur eine Beobachtung von Angehörigen weniger glück­licher Nationen, die an Grenzen generell immer irgendwie Probleme kriegen. Für die Grenzen noch so sind, wie für mich als 5-Jähriger. Ein deutscher Pass öffnet Herzen und Tore, wo man es kaum für möglich gehalten hätte. Fast schäme ich mich für ihn, bin ich doch bei weitem nicht so gut, wie es meine Nationalität offensichtlich vermuten lässt.

An der Grenze von Andorra nach Frankreich etwa kommt ein französischer Zöllner in den Bus. Andorra hält nicht viel von Steuern und hat sie deshalb bei Alkoholika, Tabak, Parfüm und weiteren beliebten Dingen vorsichtshalber abgeschafft. Womit es Spanien und Frankreich natürlich ärgert. Der Zöllner jedenfalls sieht unsere Pässe, ruft „Ah, des allemands!” und will wissen, wie viele Flaschen wir dabei haben. Jeder eine, sagen wir. Sonst nichts? Sonst nichts. In Ordnung. Die Franzosen und Engländer im Bus behaupten das Gleiche, werden aber trotzdem barsch aus dem Bus gebeten und aufgefordert, ihre Taschen und Koffer zu öffnen. Prompt kommen auch mehrere Flaschen Schnaps und stangenweise Zigaretten zum Vorschein und müssen nachverzollt werden.

Mit Gras bis Spanien
Auch wenn man gern die Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich hervorhebt, so konnte ich mich über die französischen Zöllner nie beklagen. Einmal, ich war noch recht jung, saß ich mit einem Freund im Nachtzug von Amsterdam nach Paris. Wie wir überhaupt in diesen Zug kamen, ist schon bemerkenswert. Noch kurz vor der Abfahrt des Zuges standen wir in Brüssel am Hauptbahnhof, wo sich dann allerdings herausstellte, dass der Zug entgegen unseren Erwartungen gar nicht hier halten sollte. Doch hat dies weniger mit realen Grenzen zu tun, eher mit kommunikativen. Die belgischen Bahnbeamten klärten die Situation aber unter Einsatz ungewöhnlicher Hilfsbereitschaft. Zeigten uns also, dass solche Grenzen auch überwunden werden können, wenn man nur will.

Die Reise in jenem Zug glich zu Beginn der Fahrt in Timothy Learys Hippiebus. Überall rauchten Jugendliche ihr Gras weg und boten es über die Sitzreihen hinweg vollkommen Fremden an. Es musste ja weg. Flo und ich jedoch gedachten, noch bis Spanien mit unserem Gras auszukommen. Wir wussten aber, dass die Franzosen gerade bei Direktzügen aus Holland genau hinsehen würden. Da wir weder ein Abteil noch ein Bett, nur ganz normale Sitze hatten, entschieden wir uns, das Gras einfach unter den Sitz vor uns zu kleben. Unserer Meinung nach konnte man uns auch im Falle des Entdeckens nichts nachweisen.

Flo ist ein Meister, wenn es darum geht, im Zug zu schlafen. Ich hingegen sitze auf dem Platz am Gang und werde von dem Problem gequält, im Sitzen nicht schlafen zu können. Im Liegen immer. Sogar im Dreck auf dem Bahnhof von Madrid. Im Sitzen aber so gut wie nie. Also stolpere ich breit, erschöpft und müde durch den Zug und finde zu meiner Freude ein ganzes Abteil ohne Fahrgäste. Ich mache ein paar Freudensprünge, schmeiße mich auf die Sitze und schlafe im Nu ein.

Das Nächste, was ich weiß ist, dass die Tür mit einem unglaublich lauten Knall auffliegt und ein französischer Zöllner, Louis de Funés wie aus dem Gesicht geschnitten, „Douane!” und „Passeports!” schreit. Als ich mich schlaftrunken aufsetze und ihm meinen Pass gebe, bemerke ich, dass sich auf den Sitzen gegenüber ein kleiner Araber den Schlaf aus den Augen reibt, was mich einigermaßen verwundert. Der war noch nicht da, als ich rein kam. Der Zöllner mustert meinen Pass, fragt mich, wo mein Gepäck ist und zeigt sich mit der Antwort zufrieden, dass ich hier nur schlafe und mein Platz weiter hinten ist.

Dann nimmt er sich den Marokkaner vor. Durchsucht den kleinen Ruck­­sack, lässt ihn aufstehen, tastet ihn ab, lässt ihn sogar die Schuhe ausziehen. Ich beobachte die Szene von meinem Platz und lange in die Hosentasche, auf der Suche nach einem Taschentuch. Doch was ich ertaste, lässt meinen Körper von Hitzewellen überrollen. Kalter Schweiß bricht mir aus, ich zittere unkontrolliert: In meiner Hosentasche ist noch eine Tüte mit Gras aus Amsterdam! Währenddessen scheint der Franzose besessen von der Idee, dass bei dem Marokkaner unbedingt etwas zu finden sei. Er durchsucht die Sitze, den Aschenbecher und was es sonst noch alles im Abteil gibt. Schließlich gibt er auf und verschwindet. Das Licht geht wieder aus, der Marokkaner flucht leise vor sich hin, der Zug steht. Und steht. Und steht. Ich denke an Flo. Wenn sie da genauso gründlich suchen, ist er am Arsch. Bald bin ich mir sicher, dass der Zug nur so lange steht, weil sie ihn rausziehen. Haben das Gras gefunden und ihm nicht geglaubt. Als ich es nicht mehr aushalte und aufstehe, ruckt der Zug und setzt sich wieder in Bewegung. Ich renne zu meinem Platz. Flo schläft. Ich rüttele an ihm, starre ihn an. „Und?” „Was?” „Wie was? Was war mit dem Zöllner?” Flo hat den Zöllner nicht bemerkt. Wie das genau ablief, lässt sich nicht rekonstruieren.

Fakt ist, dass Flo sehr tief schläft. Als wir einmal in Spanien kontrolliert wurden, konnten weder der Kontrolleur noch ich ihn wecken. Der Kontrolleur gab sich dann damit zufrieden, dass ich ihm versicherte, er hätte genau wie ich ein Interrailticket. Fakt ist auch, dass Flo sofort krank wurde bei dem Gedanken, wie es ihm hätte ergehen können. Wieder hatten wir davon profitiert, Deutsche zu sein. Von unserer Herkunft. Hätte man auch einen Marokkaner einfach schlafen lassen? Dass wir Jungs waren, die eine Kontrolle viel eher verdient gehabt hätten als die anderen Menschen, die nur einen falschen Pass hatten, spielte an der Grenze keine Rolle.

Für uns Westler sind solche Grenzen kleine Abenteuer. Klein, weil uns nicht wirklich etwas passieren kann. An diesen Grenzen wird man sich aber bewusst, dass es auch heute genau wie vor Tausend Jahren Menschen gibt, die nur wegen ihrer Herkunft schlechter behandelt werden als andere.

Das sieht man besonders deutlich in Ceuta, dem äußersten Stützpunkt der so sehr geschmähten „Festung Europa”. Dort trafen wir einen gestrandeten Algerier, der zwar den Zaun überwunden hatte, aber jetzt keine Mittel mehr zur Überquerung der Straße von Gibraltar aufbringen konnte. Seinen Pass hatte er im Schuh, die Polizei durfte diesen nicht finden, wenn sie ihn aufgriff. Die zerreißen ihn und prügeln ihn wieder hinter den Zaun zurück, erklärte er. Nach Deutschland will ich, sagte er mit funkelnden Augen, da gibt’s Arbeit für jeden, da mach ich Geld. Wir guckten ihn nur betreten an und kauften ihm ein Bier. So gern man sie auch reinlassen würde, würde es ihnen wirklich etwas nützen? Braucht eine Gesellschaft auch nach außen feste Grenzen, um existieren zu können?

Zum Grenzverständnis
Angenommen, wir brauchen diese Grenzen, so sollte es an ihnen doch human zugehen. In Deutschland habe ich erlebt, wie eine hochschwangere Nigerianerin aus dem Nachtzug von Bologna nach München gejagt wurde, weil ihr Visum nur für Italien galt. Da stand sie nun morgens um 5 im gottverlassenen Rosenheim mit all ihrem Gepäck. Sie sah nicht aus, als hätte sie das nötige Geld für den Zug zurück.

Ein ernüchterndes Erlebnis hatte auch mein Freund Njazi an der ungarischen Grenze. Njazi ist Kosovo-Albaner und hatte damals einen Pass für Staatenlose. Mit seinen deutschen Freunden fuhr er im Reisebus zum Balaton. Und geriet zu seinem Leidwesen in eine Passkontrolle, in deren Verlauf ihm die Einreise nach Ungarn verweigert wurde. Trotz der nun schon seit über 10 Jahren gültigen Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland vermutete man an der ungarischen Grenze einen mit Badesachen getarnten, durchtriebenen, jugendlichen Kosovaren, dessen Ziel es war, unter Umgehung der vorgeschriebenen staatlichen Abgaben in Ungarn schwarz zu arbeiten. Der Bus fuhr weiter, Njazi stand mit seinem Gepäck auf der österreichischen Seite der Grenze im burgenländischen Niemandsland, bis er einen Trucker dazu überreden konnte, ihn in den nächsten Ort zu fahren, von wo er die Zugfahrt zurück nach Kiel antreten musste. Dass er aus Kostengründen auf den Abschluss einer Reiserücktrittsversicherung verzichtet hatte, wurde ihm zum Verhängnis: Er musste den Urlaub voll bezahlen, der ihm an der Grenze verwehrt wurde, und noch dazu die Kosten für die Rückfahrt per Zug.

Diese Anekdoten sollen nichts anprangern. Vielmehr sollte man die Verfahren überdenken. An der Außengrenze der EU fühle ich mich regelrecht gedemütigt, weil jeder außer mir lange befragt und durchsucht wird. Personen wird das Visum verweigert, weil sie in Europa heiraten könnten. Täglich spielen sich an unseren Grenzen menschliche Dramen ab. Und wir gehen über diese Grenzen hinweg, als wären wir Übermenschen, die das alles nichts angeht.

Staatsgrenzen sind Grenzen zwischen zwei autonomen Bürokratien, und daher blinde Flecken im Menschenrecht, auch wenn man gerne beteuert, dass dem nicht so wäre. Doch an Staatsgrenzen wird man gezwungen, man wird abgewiesen oder in Lager gesperrt, weil man am falschen Ort geboren ist. Von der Freiheit, auf die die westliche Welt so stolz ist, ist an unseren Grenzen nichts zu spüren. Kein ewiger Frieden.

Die Frage nach unserem Verständnis von solchen Grenzen ist wichtig. Schließlich hängt sie eng mit der Einstellung zusammen, wie wir Menschen anderer Nationen gegenübertreten. Und ob wir so ganz unschuldig daran sind, dass sie es in ihrer Heimat nicht mehr aushalten. An Staatsgrenzen werden wir immer sehen, ob wirklich alle Menschen gleich sind, oder ob wir das nur auf Papier geschrieben haben, um unser eigenes Gewissen zu beruhigen.