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Björn Kern: Das erotische Talent meines Vaters. Roman

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C.H. Beck: München 2010


Der deutsche Autor Björn Kern, Jahrgang 1978, wirft in seinem Roman Das erotische Talent meines Vaters ein kritisches Streiflicht auf die Alt-68er aus der Sicht ihrer Kinder. Die Story: Der Behindertenbetreuer Philip, keine 25 Jahre alt, besucht seinen Vater Jakob in dessen Villa am Bodensee. Jakob war einst Berater in der deutschen Autoindustrie und hatte als solcher schon früh die Nachhaltigkeit gepredigt. Jetzt ist er auftragslos und geschieden, aber wirkt für seine knapp 60 Jahre noch immer jugendlich frisch. Zwei Frauen scharwenzeln um den Rastlosen herum, der mit einem italienischen Freund die Genussküche zelebriert, und der das Haus, in dem er lebt, vergammeln lässt. Der Sohn kann sich kaum des Dranges erwehren, hinter seinem unordentlichen Erzeuger herzuräumen und generell Ordnung in die schlampigen Verhältnisse seines Vaters zu bringen.

Der Grundkonflikt in dieser Konstellation – hier der biedere Sohn, dort die betont unkonventionelle Elterngeneration – würde sich gut als flotte Klamotte eignen, zumal der Bodensee eine stimmungsvolle Sommerkulisse dazu abgeben würde. Dem Autor Björn Kern scheint aber daran gelegen, nicht zu viel gute Laune bei diesem Thema aufkommen zu lassen. Er berichtet aus der Ich-Perspektive des Sohnes und verleiht dessen Charaktereigenschaften literarisch Kontur: Phi­lipp ist im Gegensatz zu seinen Eltern sehr sozial orientiert, gewissenhaft bis pedantisch und eine Spur spröde. Und genau so erzählt Björn Kern die Geschichte, deren dünne Handlung sich nur langsam weiterentwickelt. Zudem verfügt der Autor über einen phänomenalen Wortschatz und lässt hier gern die Muskeln spielen. Ein Sicherungsseil an einem Felsaufstieg ist bei ihm „ein Halteseil aus verdrillten Stahllitzen“; ein Bergfalke in der Luft erzeugt „je nach Anstellwinkel der Außenflügel ein stärker und schwächer werdendes Surren“.

Das Ergebnis ist zwiespältig: Das erotische Talent meines Vaters ist wie ein Musterschüler, der bei jeder Prüfung eine glänzende Leistung hinlegt, aber im persönlichen Umgang etwas farblos erscheint. Erzählerisch hatten da die Hippies Oberwasser.