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ficken am friedhof


Carl Weissner: Manhattan Muffdiver. Roman.

ficken am friedhof

Milena Verlag: Wien 2010

Rezensiert von: werner schandor


Gänzlich anders gestrickt als Josh Weils Herdentiere und doch auch zutiefst amerikanisch ist Carl Weissners Text Manhattan Muffdiver, der in E-Mail-Form Beobachtungen, Reflexionen und Fantasien von einem mehrwöchigen New-York-Aufenthalt umfasst. Bevor man über den Text redet, muss man bei Weissner vom Autor reden, denn der 1940 in Karlsruhe geborene Deutsche ist nicht irgendwer, sondern Übersetzer, Freund und Europa-Agent amerikanischer Beat-Poeten. Ob Ginsberg, Burroughs oder Charles Bukowski – Weissner hat sie alle gekannt, war mit ihnen befreundet, hat ihre Werke zum Teil selbst übersetzt und ab den 1970ern in Europa populär gemacht. „Benjamins Theorie vom Verschwinden des Originals in der Moderne hat ihn glatt verfehlt“, würde – in Weissners Diktion – eine treffende Charakterisierung dessen sein, der da aus den Texten vom New Yorker Muffentaucher spricht. Fritz Ostermayer schreibt in seinem Vorwort, dass er Carl Weissner für seine Verdienste nach wie vor jederzeit einen blasen würde. Ich meinerseits kann Fritz Ostermayer gerne eine Liste von Männern zukommen lassen, denen er in meinem Namen ebenfalls einen blasen könnte. Dass Weissner darunter ist, glaube ich nach der Lektüre von Manhattan Muffdiver eher nicht.

Belesene Zitate und coole Sprüche, ein gerüttelt Maß an Namedropping und die forcierte Scheißdirnix-Pose, die man von den Beat-Poeten kennt, sind die Hauptzutaten des Textgemisches von Manhattan Muffdiver. Es geht ums Schreiben, um Verrückte im New Yorker Großstadtdschungel und irgendwann und irgendwie auch um Nekrophilie. Was Genaueres ist dem Text nicht zu entnehmen, und es ist eigentlich auch egal. Zig Fäden werden aufgegriffen, zerfasern und lösen sich im Gedächtnisverlust auf. Insofern ist Manhattan Muffdiver das authentische literarische Abbild eines zerkifften Gehirns, was hier vielleicht weniger jahrelangem Drogenkonsum geschuldet ist als vielmehr der zum Exzess getriebenen Cut-up-Technik, der Weissner in seinen eigenen Texten stets gerne gehuldigt hat.

Wo die Textbausteine von Manhattan Muffdiver stellenweise recht amüsant sind, ist erst der Bonustrack des Buches, Das Ende des Suicide Kid, wirklich lesenswert: Weissners Erinnerung an das Begräbnis von Charles Bukowski, bei dem er gemeinsam mit Sean Penn und noch zwei anderen den Sarg des Dichters zur letzten Ruhestätte geleitet hat. „Unten wuchten wir den Sarg auf das Gestell über dem akkurat ausgeschachteten Grab, und vor dem Weggehen klopft jeder auf den Deckel – wie am Spieltisch, wenn man noch nicht satt ist und vom Kartengeber eine weitere Karte verlangt.“