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geh mit kant, aber geh

mieze medusa | geh mit kant, aber geh

Kant wurde mir empfohlen. Meine sehr gute Freundin Angelika, Änschi wie sie sich gern genannt hört, schwört auf Kant. „Ohne Kant“, verworrener Blick, Pusten auf lackierte Fingernägel, Händewacheln, „ohne Kant könnt ich nicht mehr.“ Dann wird geheimnisvoll pausiert, nochmal auf die Fingernägel gepustet, das Thema gewechselt, aber nicht für lang und am Ende unseres Lunchs bin ich überzeugt: Ohne Kant geht gar nichts. So wie Änschi redet, was Kants Stellenwert in Änschis Leben betrifft, könnte Kant von Beruf Scheidungsanwalt sein. Änschi lebt nach der Devise: She never found a job, where she wasn’t fired, but she never found a town, where she wasn’t hired. Die Welt ist groß genug für mich, sagt Änschi gern. Ihr Job ist Ehefrau, ihre Arbeitsmoral sammelt ordentlich Flugmeilen für sie, Änschi ist Weltbürgerin, sie ist in Maßen monogam, soll heißen nie für lang monogam, aber erstaunlich häufig lang genug für einen Ring mit ein paar Gramm Diamant drauf. Die später erfolgende Scheidung füllt ihre Portokasse, Änschi hat ihre Nische im Arbeitsmarkt gefunden. Aber zurück zu Kant, besser gesagt, zurück zu mir.
Ich brauche keinen Scheidungsanwalt, bin nämlich Single. Kant wäre ein schlechter Scheidungsanwalt, er glaubt nämlich an die Liebe. Kant glaubt an die Liebe, an die wahre echte und große Liebe, die mit dem L, das so groß geschrieben wird, dass es von der Tiefe des Marianengrabens bis zur Unterseite der Wolke 7 reicht. Kant glaubt außerdem an äußere Werte. Die große Liebe, so Kant, braucht eine Einladung zum Verweilen. Großporige Haut wäre so das Gegenteil einer offenen Tür, ein abgesenktes Hinterteil wäre die Senkgrube der Leidenschaften, soviel wäre a priori gewiss.
Aber, sag ich.
Nichts aber, sagt Kant, bist du Single oder nicht? Liegt das an deinem unausstehlichen Charakter oder an deinen Schwimmreifen um die Hüfte? HoppHopp. Geht schon. Wievielte Kniebeuge?
5, sag ich.
Kant ist Bewegungsberater.
6, sag ich.
7, sag ich.
Sag mal, sagt Kant. Zählst du nur? Deine Webcam ist kaputt. Ist das Absicht? Deinen Bewegungsberater anzuschwindeln, das ist doch die Höhe, daswird später mal als Todsünde abgerechnet.
Kant, was sollen die ollen Katholenmetaphern?
An deiner reinen Vernunft kann ich ad hoc nur Kritik üben, sagt Kant. Später ist nicht jenseits. Oh nein, später ist im Heute und Hier nur ein wenig später und dein Petrus, also der, der mit einem Fingerzeig für ein Schlüsselerlebnis sorgt, bin ich.
15, sag ich.
16, sag ich.
17, sag ich.
Es passt zu Änschi, dass der von ihr empfohlene Bewegungsberater online arbeitet. Eine Jet-Set-Biene, die verhindern will, dass ihre Figur sie zu einer Jet-Set-Hummel macht, braucht einen Personal Trainer, der immer und jederzeit erreichbar ist und immer und überall zur Verfügung steht. „Das Internet“, verworrener Blick, pusten auf lackierte Fingernägel, Händewacheln, „hat mein Leben revolutioniert.“
Änschi und ich skypen gerade, ich versuche sie dazu zu überreden, zum Maturatreffen nach Vöcklabruck zu kommen. Änschi lacht gelangweilt, ihr Skype-Icon zeigt sie vor einem Dubaier Wolkenkratzer, das Haupthaar hat sie dezent verhüllt, der diesmalige Diamant wiegt wohl mehr als ein paar Gramm, aber ich hoffe, dass sich ihr Scheidungsanwalt auch im Dubaier Scheidungsrecht auskennt. „Und, wie findest du Kant?“

Kants Stimme dröhnt in meinen Ohren. Ich habe mir eine Freisprechanlage besorgt und powerwalke durch den Prater. Kant motiviert mich, indem er mich über meine Dates ausfragt. Seit Kant habe ich wieder Dates. Leider habe ich keine erfolgreichen. Schritt für Schritt hecheln wir das letzte Date durch. Pünktlich wär er im Lokal gewesen, sag ich. Hat er dich nicht abgeholt, fragt Kant. Unterhaltsam wäre er gewesen, sag ich. Hat er dir Fragen gestellt, fragt Kant. Hmpf, sage ich. Er hat also nicht mehr angerufen, sagt Kant. Nach einer kurzen Pause, ich nehme an, Kant hat den Prater gegoogelt und berechnet meine Gewaltmarschroute neu, schickt er mich beim Heustadlwasser nach rechts und befiehlt mir Beschleunigung. Das werden wir schon noch sehen, sagt Kant.

„Ich könnt nicht klagen“, sag ich zu Änschi. Kant rufe mich neuerdings jeden Tag um 4 Uhr 45 an, rufe „Es ist Zeit!“ in mein verschlafenes Ohr und verdonnere mich zu Pilatesübungen bei Regen und zu Hochgeschwindigkeitsspaziergängen bei Schönwetter. Änschi gibt zu, ihr Handy gelegentlich auf lautlos zu stellen, wenn ihr danach ist. Kant gegenüber rechtfertigt sie diese Praxis mit den Schlafgewohnheiten des die Kant‘schen Rechnungen zahlenden Scheichs, mir gegenüber gesteht sie egoistischere Gründe ein. Ausreichender Schlaf war immer schon ein Schönheitsrezept, gurrt sie in die Glasfaserleitung, ihre Fingernägel bleiben diesmal unbepustet. Vöcklabruck, das könne ich mir übrigens abschminken, das käme überhaupt nicht in Frage.

Manchmal macht mich Sex traurig, gestehe ich Kant bei einem der nächsten Spaziergänge. Er hat also doch wieder angerufen, fragt Kant. Nein, hat er nicht. Ein anderer. Ist so passiert. Beim ersten Date doch nicht, entsetzt sich Kant. War kein Date, entgegne ich. War Shopping. Nach meinem letzten Gespräch mit Änschi hab ich jede Hoffnung fahren lassen, ich fahre jetzt also allein nach Vöcklabruck, um die Schäden in den Gesichtern und Silhouetten der Menschen in Augenschein zu nehmen, die mir meine Jugend zur Hölle gemacht haben, immer hoffend, dass sie größer sind als die Risse in der eigenen Fassade. Änschi hätte meine Rückende­ckung sein sollen, Änschi hätte das zurückgeworfene Spiegelbild verzerren sollen, Änschi hätte mein bisschen Glamour des Weggegangenseins mit ihrem Dubaier Diamanten erhärten sollen. Wenn schon keine Änschi, brauch ich ein Panzerkleid. Deshalb shoppen. Und der junge Verkäufer hat sich als doch nicht schwul herausgestellt, der Ort für einen Quickie dafür als außerordentlich bedachtlos gewählt. Du hast in einer Umkleidekabine? Bist du wahnsinnig, ereifert sich Kant. Weißt du nicht, wie fies die Spiegel darin sind. Jetzt schon, sag ich. Bei wie vielen Sit-ups stehen wir, fragt Kant.
43, sag ich.
44, sag ich.
45, sag ich.
Ich glaub, du schwindelst, sagt Kant. Dann sagt er: 0.
1, sag ich.
2, sag ich.
Brav, sagt Kant. Hast du das Kleid dann eigentlich auch gekauft?

Ist es möglich, sag ich zu Kant, dass wir wirklich so an der Oberfläche kleben? Hat dich Vöcklabruck aus deinem dogmatischen Schlummer gerissen? Kant versucht witzig zu sein und sitzt, nehme ich an, vor dem Wikipedia-Eintrag seines Namensvetters. Wir werden alt, sag ich. Ich nicht, hat Änschi neulich beteuert, aber dann doch zugegeben, dass sie gar nicht so viel dagegen hat, in Dubai nicht ständig in der Bikinifigur rumtänzeln zu müssen. Von Vöcklabruck wollte sie nichts wissen. Ich will von Vöcklabruck auch nichts mehr wissen, die flachen Beteuerungen der jeweiligen Erfolge und die Überhöhungen der geteilten Erinnerungen an früher haben bei mir einen Knoten im Magen hervorgerufen, der zu einem vorbildlichen Diätverhalten geführt hat und zu schlechter Laune. 300 Sit-ups, verordnet Kant. Bist du wahnsinnig?, donnere ich zurück. Ich hab keine Schokolade gegessen, ich hab meinen Kaffee schwarz und ungesüßt getrunken, ich ernähre mich von Frust und frischen Früchten. Und der Vöcklabruck‘sche Alkohol?, donnert Kant zurück.
1, sag ich.
2, sag ich.
Brav, sagt Kant.

Hast du von Änschi gehört, fragt Kant beim überüberübernächsten Work-out. Ich schüttle den Kopf, ich versuche meinen linken Arm vor mir, mein rechtes Bein hinter mir zu balancieren und dabei keinen Rundrücken zu machen. Meine Stimmbänder zu bedienen, überfordert mich multitasktechnisch. Ich mach mir Sorgen, meint Kant. Wir haben schon länger nicht trainiert, das passt nicht zu Änschi. Hoffentlich hat ihr Mann, hoffentlich noch Bewegungsspielraum, hoffentlich guter Scheidungsanwalt. Vielleicht lieben sie sich ja, vielleicht poliert Änschi weniger an ihrer Oberfläche, weil sie glücklich ist. Sei nicht geschmacklos, entgegnet Kant und beginnt mit seinem Markenzeichen.
Was ist der Mensch?, fragt er.
Fehleranfällig und verfallsgefährdet, antworte ich kantisch indoktriniert.
Was kann ich wissen?, fragt Kant.
Tomate 17 Kalorien bei 100 g, Kürbis 25 Kalorien bei 100 g, ein After Eight 45 Kalorien, Wasser trinken macht schön, Alkohol trinken eher nicht.
Was soll ich tun?, fragt Kant.
Sit-ups, Pilates, Power-walking, schwimmen.
Ich wische mir mit meinem T-Shirt-Ärmel über die Stirn.
Was darf ich hoffen?, frag ich.
Die Antwort darauf bleibt Kant mir schuldig. Gib Bescheid, wenn du von Änschi hörst, ja? Und schreib ein SMS, wenn du mit dem Programm durch bist. Wir hören uns morgen.