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bernhard horwatitsch | google ergo sum

Wie wir uns Facebook und Co preisgeben

„In Deutschland reizt der Essay zur Abwehr, weil er an die Freiheit des Geistes mahnt.“ - Theodor Adorno: Der Essay als Form

„Privatsphäre ist heutzutage nicht mehr zeitgemäß”, meinte der Gründer des digitalen sozialen Netzwerkes Facebook einmal in einem launigen Interview. Der Terminus Privacy wurde 1890 von dem späteren Richter Louis Brandeis und dem Schriftsteller und Rechtsanwalt Samuel Warren „Individual’s right to be let alone” definiert, als „das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.”

75 Prozent aller Internetbenutzer sind inzwischen Mitglied bei einem sozialen Netzwerk – ob es nun Facebook (internationaler Marktführer) oder StudiVZ (deutscher Marktführer) ist. Was bedeutet es für die Gesellschaft, wenn sie sich komplett entprivatisiert?

Zunächst einmal ist das gar nicht schlimm. Jeder kennt jeden, jeder liebt jeden, jeder kommuniziert mit jedem. Wir sind dann so eine Art digitaler Hippie. In der deutschen Sprache kann man das schön auf den Punkt bringen: Der Mensch gibt sich preis. Und fügt man ein Indefinitpronomen hinzu, wird daraus: Der Mensch gibt sich einen Preis. Und schon sind wir wieder mitten in der Ökonomie! Mark Zuckerberg, der Jungunternehmer, der Privatsphäre für nicht mehr zeitgemäß hält, ist der jüngste Milliardär der Welt. Grade mal 26 Jahre alt. Typ College Boy. In seinem kalifornischen Appartement gibt er ständig launige Interviews. So ein soziales Netzwerk ist schon eine tolle Sache, man kann von München aus mit seinen Großeltern in London Scrabble spielen, ohne das Haus zu verlassen, man weiß dank Facebook immer, was die Freundin gerade treibt, auch wenn sie weit weg ist wegen des Erasmus-Austauschstudiums. Und das Schönste: Niemand erfährt was von deinen Daten, außer deinen 200 Freunden innerhalb dieses sozialen Netzwerks. Und die erfahren davon nur, weil du – der Nutzer des Netzwerks – es ausdrücklich erlaubt hast. Wie wird man dann eigentlich dadurch Milliardär? Facebook ist für alle kostenlos. Für alle? Nein, nur für die Nutzer. Die Daten der Nutzer sind keineswegs kostenlos. Wer im Datenkaufhaus von Facebook einkaufen will, der muss schon was hinlegen. Der Mensch gibt sich einen Preis. Fast. Denn der Nutzer von Facebook bekommt kein Geld. Der Nutzer ist in dem Fall der Benutzte. Sich preisgeben: seit dem 16. Jh. bezeugtes Verb für „ausliefern, aufgeben, im Stich lassen; verraten” enthält das aus dem Französischen entlehnte und eingedeutschte prise („Weggenommenes; die Beute”). Es übersetzt frz. donner [en] prise und bedeutet demnach eigentlich etwa „zum Nehmen, zur Beute hingeben”. Sich preis(geben) und Preis leiten sich allerdings etymologisch unterschiedlich her.

Während sich die digitalen Hippies untereinander innig lieben, durchwühlen Herren in feinen Anzügen ihre Kleider, ihre Geldbörsen und rauben sie aus. Der Handel mit Daten ist ein wirklich einträgliches Geschäft. Wäre dem nicht so, hätte die Holtzbrinck Medien Group als größte deutsche Mediengesellschaft wohl kaum StudiVZ aufgekauft (2007), und hätte Mark Zuckerberg wohl kaum kurz darauf StudiVZ eine Plagiatsklage an den Hals gehängt (2008). Alles, was man in Facebook hineinstellt, gehört Facebook und kann an Dritte verkauft werden, ohne dass der ursprüngliche Besitzer der Daten auch nur einen Cent dafür bekommt.

Datensklaven
„Privacy bedeutet […] mehr als ‚das Recht in Ruhe gelassen zu werden‘, sondern das aktive Recht, darüber zu bestimmen, welche Daten über sich […] von anderen gebraucht werden und welche Daten auf einen selbst einwirken dürfen.“ - Reiner Kuhlen: Die Konsequenzen von Informationsassistenten.

Die meisten Nutzer digitaler sozialer Netzwerke wissen das. Die Warnungen von Datenschützern und Politikern verhallen trotzdem. Denn inzwischen hat sich etwas ganz Entscheidendes getan. In der prästabilierten Harmonie zwischen analoger Welt und digitaler Welt hat die digitale Welt die Dominanz über die analoge Welt errungen. Meine digitale Identität ist längst zwingender als meine analoge Identität. Google ergo sum könnte man den Cartesianismus des 21. Jahrhunderts auf den Punkt bringen. Wer nicht im globalen Dorf der Nullen und Einsen mitmacht, der existiert faktisch nicht. Seine analoge Existenz ist ganz real gefährdet, da ihm der Zugriff auf lebensnotwendige Informationen verwehrt ist – von wichtigen Produktinformationen, Arbeitsinformationen, Wissensinformationen bis hin zu Personeninformationen. Die Selbstpräsentation im Internet ist ein wichtiger Karrierefaktor geworden. Und je mehr Menschen auf diese Selbstpräsentation Zugriff haben, desto realer wird man dabei. Die analoge Realität wird zunehmend sekundär.

Teilen wir unsere Zeit in eine notwendige Zeit und eine Surplus-Zeit ein: Die notwendige Zeit betrifft unsere Arbeitszeit, die wir schon seit langem dem Markt zur Verfügung stellen. Die Surplus-Zeit betrifft unser Privatleben. Was geschieht nun, wenn die Gesellschaft ihre private Surplus-Zeit dem Markt zur Verfügung stellt? Man muss nicht lange suchen, um eine Klasse von Menschen zu finden, die keine Privatsphäre haben: Sklaven. „Sklaven stehen außerhalb des Rechts, sind zur Ware verdinglicht beziehungsweise entmenschlicht und werden willkürliche Verkaufs- und Wiederverkaufsgegenstände.” Nimmt man diese Definition ernst, so lässt sich sagen, dass jeder Nutzer eines digitalen sozialen Netzwerkes ein Sklave ist, denn er wird im Datenkaufhaus von Herrn Zuckerberg komplett zur Ware verdinglicht.

Es wundert einen also nicht, dass die zweite Runde der Anschubfinanzierung (12,7 Millionen US-Dollar) für Facebook von der Risikokapitalfirma Accel Partners kam, in deren Vorstand auch Gilman Louie sitzt, der zugleich CEO von In-Q-Tel ist, einer Firma, die 1999 von der CIA gegründet wurde mit dem ausdrücklichen Geschäftszweck des Data Mining.
Es wundert nicht, dass eine Nutzerin 2009 über 200 Seiten mit Nazipropaganda auf Facebook fand.

Es wundert nicht, dass der US-Geheimdienst CIA – als „National Clandestine Service” – eine Facebook-Gruppe nutzt, um Personal anzuwerben. Es wundert nicht, dass die iranische Polizei Facebook-Profile benutzt, um bei Verhören den Freundeskreis von Regimegegnern und Demonstranten auszumachen und namentlich zu identifizieren. Abgesehen vom totalen Verlust der Privatsphäre, abgesehen von all dem, was allein schon ausreicht, um hier kritisch zu werden: Was geschieht hier auf soziologischer Ebene? – Um diese Frage zu klären, wird es unumgänglich sein, die ökonomische Grundlage gesellschaftlicher Verhältnisse in den Blick zu nehmen.

Diese Verrücktheit
„Es ist als ob neben und außer Löwen, Tigern, Hasen und allen andern, wirklichen Thieren, die gruppirt die verschiednen Geschlechter, Arten, Unterarten, Familien u. s. w. des Thierreichs bilden, auch noch das Thier existirte, die individuelle Incarnation des ganzen Thierreichs.“ - Karl Marx: MEGA II.5, S. 37

Dass die Gattung ganz real existiert, dass das Tier an sich herumläuft, das ist eine Verrücktheit. Aber das Geld ist die reale Existenz dieser Verrücktheit. Geld ist selbst als Ware vorhanden, aber eben auch zusätzlich mit einer irrsinnigen Eigenschaft ausgestattet: Für Geld bekommt man jede Ware. Geld ist ein für jede Ware gültiges Wertmaß. Was aber 10 Euro wirklich sind, das ist schwer zu sagen. Denn es verwandelt sich sofort in jedes Objekt, das einem Gegenwert von 10 Euro zu entsprechen scheint. Dass es so weit kommen konnte, dass man mit einem Ding – wie von Zauberhand – alles eintauschen kann, ist der logischen Entwicklung eines Systems geschuldet, das ohne böse Absicht alle Grundlagen des Lebens zerstört. Im Kapitalismus werden nicht Gebrauchsgüter hergestellt, um Bedürfnisse zu befriedigen, sondern Waren, mit denen aus dem investierten Geld noch mehr Geld gemacht werden soll; der konkrete Gebrauchswert einer Ware ist lediglich Mittel zum (abstrakten) Zweck. Ziel ist die Rendite. An diesem System nehmen wir alle teil. Es scheint ein Naturrecht zu sein.

Was hat dies nun mit Facebook zu tun? Mehr, als man glaubt. Die These, die hier aufgestellt wird, ist so gespens­tisch und gleichzeitig so real wie das Geld. Der Mensch selbst ist in der zukünftigen kapitalistischen Ordnung das allgemeine Äquivalent. Er, der Mensch selbst, ist die logische Klimax des Geldes. Im Netz selber sind Menschendaten das Zahlungsmittel, die Anzahl der Freunde in einem digitalen sozialen Netzwerk spiegelt Kreditwürdigkeit wider.
Angenommen du gehst am Montag Socken kaufen. Für 10 Euro bekommst du 2 Paar Socken. Am Dienstag bekommst du für 10 Euro nur noch 1 Paar Socken gleicher Qualität und am Mittwoch plötzlich wieder 3 Paar Socken gleicher Qualität. Die 10 Euro bleiben immer gleich, sie sind das Wertmaß. In digitalen sozialen Netzwerken ist das Wertmaß der Mensch bzw. seine Daten. Für 10 Menschendaten bekomme ich von dem einen Unternehmen 100 Euro, von dem anderen vielleicht 500, und wieder ein anderes zahlt nur 50 Euro. Gleich bleibt immer: 10 Menschendaten. Denn sie sind das Wertmaß. Auf diese Weise wurde Herr Zuckerberg sehr reich.

Zirkulierende Identitäten
Auf Facebook zirkulieren Identitäten. Die Etikette digitaler sozialer Netzwerke verlangt von ihren Nutzern, sich mit dem realen Namen einzutragen. Um mit anderen Nutzern in Kontakt treten zu können, sollte man seine E-Mail-Adresse freischalten lassen. Schon rasen die ersten Algorithmen über diese E-Mail-Adresse. Mit wem der neue Nutzer privat verkehrt, ist nun kein Geheimnis mehr und es wird ausdrücklich erlaubt, diese Daten an Unternehmen zu verkaufen. Eingekauft wird Geld. Denn Geld ist nach wie vor das bevorzugte Tauschmittel. Aber es ist nicht mehr das bevorzugte allgemeine Äquivalent.

Der Handel mit Identitäten, die hinter privaten Daten nun mal vorhanden sind, hat begonnen. Der einzelne Mensch zirkuliert im Netz bereits als Ware. Personifizierte Werbung (Targeting) ist dabei noch die harmloseste Variante. Denn der Mensch selbst wird zum Wertmaß. Wie funktioniert das? Durch drei Reduktionen:

  1. Die einzelnen individuellen Daten, die sich auf eine eigenständige Identität beziehen, werden auf die für das digitale soziale Netzwerk notwendigen Daten reduziert. Als wertbildend zählen dabei natürlich nur die Daten, die man auch verwerten kann. Im Datenkaufhaus von Herrn Zuckerberg geschieht ähnliches wie in anderen Kaufhäusern auch. Die Ware wird mit einem Preisschild versehen, sie wird sortiert und in Regale gestellt. Manche Daten sind teuer, manche Daten billig. Warum dies so ist, liegt nicht an dem Gebrauchswert der Daten, sondern am Tauschwert. Ziel ist es, Daten mit Gewinn zu verkaufen. Der Gebrauchswert der Daten spielt darin eine nachrangige Rolle. Wenn man eine schlechte Ware mit mehr Gewinn als eine gute Ware verkaufen kann, wird man die schlechte Ware verkaufen und nicht die gute. Mit den Daten ist das genauso.
  2. Der dabei entstehende Durchschnitt der allgemeinen Rendite wird immer wieder im Austausch der Daten einzelner Teilnehmer untereinander neu ermittelt. Die Bereitstellung von Daten auf der einen Seite und der Austausch von Daten auf der anderen Seite. Beides ist nötig, um die optimale Verwertbarkeit zu ermitteln. Dabei werden diese ermittelten Daten permanent an Franchise Unternehmen weiter vermittelt.
  3. Dabei entstehen Regeln. Der konkrete Austausch von Daten und die konkrete Bereitstellung von Daten werden abstrahiert auf gesellschaftliche Mittelwerte. Es kommt zur Formalisierung des Einzelnen. Kongruenz und Ähnlichkeit der Teilnehmer an sozialen Netzwerken werden zum Wertmaß. Der Mensch ist zum allgemeinen Äquivalent eines Tauschhandels von Daten über Identitäten geworden. (Äquivalent ist etwas, das genau den gleichen Wert, die gleiche Bedeutung oder Größe hat, wie etwas anderes = Entsprechung, Gegenwert.) Er ist anerkanntes Zahlungsmittel, um (bevorzugterweise) Geld einzukaufen.

In sozialen Netzwerken, die auf digitalen Verwertungen basieren, wird der Mensch so zu einem Zauberwesen, das dem Geld selbst in nichts nachsteht. Er ist gleichzeitig eine Ware, die man erwerben kann, und er ist auch noch ganz gegenständlich allgemeines Äquivalent. Der Mensch wird komplett zur Ware verdinglicht und er ist dazu das allgemeine Tauschäquivalent der Ware Mensch.

Verschenkt
In dem Augenblick, wo ich meine Daten in ein digitales soziales Netzwerk gebe, habe ich mich verschenkt. Ein Tauschhandel beginnt, an dem ich selbst nicht teilnehme. Meine Teilnahme an diesem Geschäft beschränkt sich auf die Kommunikation mit anderen Waren im Regal des Warenkaufhauses! Der Wert eines Menschen, der hier entsteht, hat mit unserem herkömmlichen Menschenbild (Menschenrechte etc.) nichts mehr zu tun.

Dies erfüllt nur einen Zweck: Rendite. In sozialen Netzwerken hat der Mensch selbst einen Tauschwert. Es zählt nur die mögliche Rendite im Tausch eines Menschen. Und die mögliche Rendite in einem digitalen sozialen Netzwerk ist der Mensch selbst. Am Ende des Kapitalismus steht also eine Art Selbstverwertung. 734 Millionen Menschen nutzen laut dem Marktforschungsunternehmen Comscore inzwischen ein solches Netzwerk. Das sind zwei Drittel der Online-Bevölkerung bei geschätzten 2000 Internet-Netzen. Ein Bombengeschäft! „Es sind die Goldminen des 21. Jahrhunderts”, schrieb Bernd Graff in der Süddeutschen Zeitung.

Aber selbst wenn man nun nicht Teil des Google-Kosmos ist, ist man Teil des Google-Kosmos. Bzw. wer nicht Teil dieses Google-Kosmos ist, ist analog trash. Wer sich nicht verwerten lässt oder schlicht nicht verwertbar ist, ist Abschaum. Wie konnte es zu so einer Welt kommen? Wo wir doch in einer so tollen Demokratie leben? Wo wir doch unsere tollen Menschenrechte in jeden Arsch blasen wollen, und sei er noch so abgelegen.

Die Parabel vom Fischer
Ein Fischer fischt jahrelang nach Fischen und kommt zu dem Grundgesetz, dass alle Fische größer als fünf Zentimeter sind. Der Philosoph antwortet ihm, dass das nicht sein kann, denn die Maschenbreite seines Netzes ist fünf Zentimeter, wodurch er kleinere Fische nicht fangen kann. Der Fischer antwortet, dass er nur mit Dingen operiert, die exakt sind.
Und in seiner Disziplin ist ein Fisch eben dadurch definiert, was er fangen kann. Außerdem sei er nun mal Fischer und trage seine Fische auf den Markt, und dort habe noch nie jemand nach Fischen gefragt, die man nicht fangen kann.

Der Philosoph und Sohn pietistischer Eltern, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, bringt es auf die einfache Formel: Was wirklich ist, ist vernünftig, und was vernünftig ist, ist wirklich. Dieses Denken in zwei Welten war schon früh angelegt. Die protestantische Arbeitsethik ist dabei nicht die Ursache, sondern schon die Folge einer Weltanschauung, die Wirklichkeit und Wahrheit in ein antagonistisches Verhältnis setzt. Die Digitalisierung und damit komplette Versklavung ohne Gewalt entspringt der Dialektik des Sollens. Bereits in Platons Höhlengleichnis erscheint die Schattenwelt als Trugbild, dem wir anhaften, während nur der wahre Philosoph überhaupt in der Lage ist, die Wirklichkeit zu ertragen, das echte Feuer des Seins.

In der Parabel des Fischers zeigt sich, dass in unserem Wirklichkeitsmodell als formalisiertes Wissen die Logik der Herrschaft steckt. Nicht das, was ist, sondern das, was sein soll, treibt uns an. In dieser Dialektik verwischt sich das Seiende mehr und mehr im Sollenden. Auf eine eigentliche Wahrheit ist nicht mehr zurückzugreifen. Die Realität ist schlecht und die Wahrheit ein transzendentes, durch Rendite zu erschaffendes Paradies.

Diesem Paradies nähern wir uns im digitalen Zeitalter. Die Wahrheit besteht aus Einsen und Nullen und den daraus resultierenden Algorithmen. Eine Umkehrung der Werte in Mittel. Freundschaft ist ein Mittel geworden, um Rendite einzufahren. Freundschaft ist kein Wert mehr. Wert ist nur noch Verwertung. Die Grenzenlosigkeit unseres Systems, der metaglobale Hype eines Megakosmos in einem unendlichen Raum mit unendlichen Möglichkeiten steht in diametralem Gegensatz zu unserer Sterblichkeit, unserer Hinfälligkeit, Schwächlichkeit, zu unseren natürlichen Grenzen. Frustrationen für den Einzelnen sind bei so einer Gegensätzlichkeit wohl kaum zu vermeiden. Aber in der kapitalistischen Weltordnung haben Frustrationen keinen Platz. Jeder Mensch will Freunde, will am Leben teilnehmen, und hat nichts von einem Privatleben, das nur ihn allein betrifft. Wenn ich mein Privatleben nicht teilen kann (mitteilen, austeilen, verteilen), dann ist es wertlos.

Easy talk
„In der spirituellen Pubertät geht uns auf, dass der große transzendente Horror die Einsamkeit ist, die Ausgeschlossenheit, die Einsperrung im Selbst. In diesem Alter würden wir alles dafür geben oder nehmen, jede Maske anlegen, um zu passen, um dazuzugehören, nicht allein zu sein, wir Jungen.“ - David Foster Wallace: Infinite Jest

Dieser „transzendente Horror der Einsamkeit” von dem David Foster Wallace spricht, wird nun kommerziell ausgebeutet. Social Networks schaffen eine Art prästabilierte Harmonie zwischen den persönlichen Bedürfnissen der Privatperson, sich mitzuteilen und teilzunehmen an der Gesellschaft und den ökonomischen Bedürfnissen nach unendlicher Rendite. Die Allianz zwischen Verbraucher und den Herstellern von Verbrauchsgütern scheint unübersehbar. Die Manipulation der Verbraucher zur Ausschöpfung unendlicher Rendite erreicht eine Dimension, die Kontrolle überflüssig macht. Identität und Konsumartikel sind ein und dasselbe geworden. Nicht was auf Facebook passiert, ist entscheidend, sondern was dahinter passiert. Weil das Verwertungssystem den Menschen auf Algorithmen reduziert, wird der Konsument der Ware Mensch frustriert. Künstliche Lightprodukte, die als authentisch verkauft werden, human weight.

Süßstoff für die Seele. Easy talk. Nie war es leichter Freunde zu gewinnen.

Du bist nicht mehr allein
Noch einmal: Es handelt sich nicht um Kritik am Internet, nicht um Kritik an sozialen Netzwerken, nicht um Kritik an den Betreibern sozialer Netzwerke. Dies ist ausschließlich eine Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen diese neue Technologie ihre Anwendung findet.

Es ist tragisch, grotesk und perfide, dass an sich segensreiche Technologien im kapitalistischen Verwertungssystem das Gegenteil von dem bewirken, was sie eigentlich bewirken könnten. Die Chance zu mehr Demokratie, zu mehr Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, die im Internet gegeben scheint, war von Beginn an nicht durchführbar. Die Rendite permanent hochzuschrauben ist kein erreichbares Ziel. Es entspricht der unendlichen Teilbarkeit des Atoms, ebenso wie das permanente Ansammeln rationalen, technischen Wissens. Entwertung ist stets die logische Folge. So wie Geld in der Krise entwertet wird, wird auch der Mensch in der Krise entwertet.

„Wenn man neue Daten in den Computer eingibt, besteht eine hohe Fehlerwahrscheinlichkeit; lädt man dagegen Daten vom eigenen Computer herunter, geht man davon aus, dass sie genau das wiedergeben, was in den Dateien auf der Festplatte gespeichert ist. Wenn ein Text von der untergeordneten an die übergeordnete Welt (vom Modell an die Realität) übermittelt wird, rechnet man nicht mit einer Verstümmelung der in diesem Text enthaltenen Daten. Doch im umgekehrten Fall – wenn der Realität entnommene Daten ins Modell eingehen – besteht durchaus die Möglichkeit, dass eine gewisse Verstümmelung auftreten kann und Informationen verloren gehen.“ - Adam Roberts, Science-Fiction-Autor

Die Informationen, die über den Datentransfer sozialer Netzwerke verloren gehen, betreffen vor allem Werterfahrungen, die sich aufgrund von verarbeiteten Erlebnissen im Gefühl verankert haben (Freundschaft, Ehrlichkeit, Lust, Glück etc.), also so genannte innere Werte. Sie werden aus Gründen der Verwertbarkeit verstümmelt. Wer am Ende feststellt, dass die Hoffnung auf ein schönes und erfülltes Leben mit der Preisgabe gerade dieses Lebens verknüpft ist, wie kann er in seinem Tun noch Sinn erkennen? Wer am Ende feststellt, dass Ausbeutung ubiquitär ist, egal wo er seinen Fuß hinstellt, wie kann er noch Vertrauen fassen? Wie kann er moralisch argumentieren, wenn seine Moral letztendlich mit seiner Geldbörse, seiner Verwertbarkeit verknüpft ist? Diese Matrix entwertet am Ende alles: Sie hinterlässt eine verödete Erde, einen verödeten Himmel und einen verödeten Menschen.