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im kreis gehen

Ein Buch als Antithese zur aufklärerischen Reiseliteratur


Petra Nachbaur: Vagabonda. Eine Frau und ihr Pony unterwegs durch Europa.

im kreis gehen

Graz: Leykam 2010

Rezensiert von: werner schandor


Die 1967 in Begrenz geborene Germanistin Petra Nachbaur ist treuen Standard-Lesern vielleicht noch als Rezensentin in Erinnerung, die vor rund zehn Jahren etliche hervorragend geschriebene Kritiken zu den sperrigsten Elaboraten der österreichischen Gegenwartsliteratur publizierte. Dann stieg sie um auf Performances und Theaterarbeiten in der freien Szene und wurde eines Tages im November 2006 – sie hatte in Graz an einer Inszenierung zum Thema Straße gearbeitet – vom Wandertrieb überfallen. Sie sattelte ihr Pony Asterix und begann, für eine große Tour zu trainieren; das Pony als Lastenträger, Petra zu Fuß. Vagabonda heißt das Buch, in dem Nachbaur ihre Reiseerfahrungen festgehalten hat.
Im Mai 2007 machen sich Petra und Asterix dann auf den Weg, von Graz aus geht es nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien. Jeden Tag dieselbe Routine: In der Früh das Zelt abbauen und das Zeug aufs Pony packen, gehen, zu Mittag rasten, am Nachmittag weitergehen, am Abend einen sicheren Schlafplatz suchen, das Pony füttern, das Zelt aufbauen. Tag für Tag, bei jedem Wetter und bei jeder Temperatur: Zelt abbauen, Pony satteln, gehen, rasten, gehen, Zeltplatz suchen, Pony versorgen. Den Leuten, denen sie begegnet, und die sich nicht vorstellen können, warum jemand aus dem Westen in Begleitung eines Pferdchens ostwärts wandert, erzählt sie, sie gehe nach Bethlehem.
Nachbaur meidet die Städte und zieht übers Land, kommt durch viele Dörfer Ungarns und Rumäniens. Dabei begegnet sie Menschen, die sie gastfreundlich aufnehmen, aber auch argwöhnischen, misstrauischen Leuten und solchen, die ihr Böses wollen. Manche halten sie für eine Vagabundin, andere für Freiwild. Misstrauen und Paranoia bilden die Grundstimmung des Buches, die in einem nächtlichen Überfall am Rande eines Dorfes in der Walachei kulminiert, wo Nachbaur von zwei Kerlen misshandelt und krankenhausreif geprügelt wird.
Wenn ein Mensch aufbricht und ein Buch darüber schreibt, steht oft die persönliche Weiterentwicklung im Mittelpunkt: Wanderschaft als Signal, dass jemand Bewegung ins Sein bringen, seinen Horizont erweitern will. Verglichen mit den Büchern, die detailliert von den bereisten Ländern berichten und dadurch Aufschluss auch über die Erfahrungen der Autoren geben, stellt Petra Nachbaurs Vagabonda die Antithese zu diesem aufklärerischen Ansatz von Reiseliteratur dar. Denn weder gibt sie besonders viel Persönliches von sich preis, noch vermittelt sie Essenzielles über die Gegenden, die sie durchwandert. Symptomatisch dafür ein Satz von der Begegnung mit einem Donauschwaben in Südungarn: „Ich erfuhr viel von der Geschichte der Region, während die Tochter alles aus der Küche auftischte, was einer Vegetarierin schmecken könnte.“ – Was Nachbaur vom Gastgeber in seinem rostigen Deutsch erfahren hat, vergisst sie allerdings, den Lesern mitzuteilen. (Und was es zu essen gegeben hat, erfährt man auch nicht.) Auf diese Weise bleiben die Reiseschilderungen über weite Strecken farblos und distanziert.

Auf Campingkocherflamme
Die einzige persönliche Weiterentwicklung, die in Vagabonda zu verzeichnen ist, ist Nachbaurs Weg zurück vom Bukarester Krankenhaus, in das sie nach dem Überfall eingeliefert wurde, auf die Straße; von den ersten wackeligen Schritten in den Gängen der Klinik bis dorthin zurück, wo sie ihren Asterix wieder satteln kann, um nach Bulgarien weiterzuwandern.

„Ich musste nur gehen. Wusste nur das. Mich aufhalten lassen von Gewalt? Die Gewalt wirklich siegen lassen? Nein. Aufstehen. Weitergehen. Ich musste sowieso mit den Schäden an meinem Körper klarkommen. Mein Reha-Zentrum würden die Straßen, die Wiesen, die täglichen Aufgaben sein. Meine Psychotherapie jeder einzelne Schritt, den ich weiterging.“

Die Schilderung der Rekonvaleszenzphase, in die Erinnerungsfetzen an den brutalen Überfall eingewoben sind, gehören zu den nachdrücklichen und literarisch anspruchsvollsten Passagen in dem Buch, das ansonsten stilistisch eher auf der kleinen Flamme eines Campingkochers gehalten wird: einfache Sätze, kurze Dialoge, zurück­haltende Schilderungen.
Im kalten bulgarischen November bricht Petra Nachbaur schließlich ihre Wanderung gen Osten ab, lässt sich und ihr Pferd nach Österreich zurück­bringen und bricht 2008 wiederum im Mai zu einer Tour durch die Alpenregionen von Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Italien auf. Während die Durchquerung Südrumäniens in Vagabonda ausführlich geschildert wird, wirkt diese zweite Reise kursorisch drangepappt. Aber egal: Um einiges mehr Gewicht als auf die Länder, die sie durchwandert, legt Nachbaur ohnehin darauf, wie die Leute ihr und ihrem geliebten Pony gegenübertreten. Und so erfährt man vor allem, in welchen Ländern Pferde wie behandelt werden, wo es ein Problem ist, frisches Gras zu erhalten (Südtirol), und wo nicht (Rumänien, Schweiz), wo man leicht einen guten Schlafplatz findet und wo nicht. Jedes anerkennende Wort über ihr Pferdchen wird registriert. Über Kultur, Lebensweise, Bräuche und Gewohnheiten der durchwanderten Regionen dagegen erfährt man eigentlich nur so viel, als man im Westen – der Pilgerrenaissance sei Dank – an Wandersleute gewöhnt scheint, während die meisten Dörfler in Osteuropa eine allein reisenden Frau mit einem Pferd äußerst skeptisch aufnehmen. Und so stellt sich bei der Lektüre bald der Gedanke ein, dass es diese weite Reise im Grunde gar nicht gebraucht hätte, wenn allein die möglichst harmonische Fortbewegung von Mensch und Pferd im Mittelpunkt steht.

 

NACHTRAG 2012 - Richtigstellung

Bei der Einleitung ist mir ein Fehler unterlaufen: Petra Nachbaur, die Theatermacherin (Jg. 1967), und Petra Nachbaur, die Germanistin, Rezensentin und Sprachartistin (Jg. 1970), sind zwei verschiedene Petra Nachbaurs. Außer dem Namen teilen beide die Vorarlberger Herkunft und ein Faible für leichtes Schuhwerk. Ich bedaure die Verwechslung bzw. das Ineinssetzen der beiden Petra Nachbaurs. - W. S.