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insektizid (romanauszug)

sophie reyer | insektizid (romanauszug)

Den Morgen als essigsauren Geruch zwischen den Achseln. Sie hält ihm die Handgelenke. Der Arsch eine winzige Doppelwölbung zwischen ihren aufgespreizten Händen. Er gähnt Salamigeruch aus. Das Laken lüpfen. Die Insektenfrau streckt einen Fuß in die Höhe und knackst mit den Zehen.
Reibt er die mit einem Schweißfilm überzogene Stirn an ihre Wange.
Was schreibst du immer, fragt er.
Sie steht auf. Öffnet das Fenster. Schindeldächer, Baum und goldige Sonnenstrahlen.
Wer ist dieses Insektenkind von dem du immer schreibst fragt er.
Eine Kindheitsfreundin, sagt sie.
Hats keinen Namen.
Die Augen kurz in den Handtellern rasten lassen. Sie nestelt an Schuppennestern auf der Kopfhaut.
Was ist mit dem Kind passiert fragt er.
Sie schweigt und zieht Rotz auf.
Frag es doch mal wie sie heißt.

Warum.

Müder Nachmittag und den Salamigeruch seines Rachenraums durch den Tag tragen. Hockt sie am Küchentisch. Türkensitz. Beguckt die adrette Bogenform der Bananen. Die getrocknete Rose in der Vase hat den Hals nach unten geknickt. Wie heißt du fragt sie und starrt in Luftlöcher.

Ich heiße Maria.

Sie schreibt.

Ich heiße Maria. Ab heute heiße ich Maria.

Das Licht bricht sich in den kleinen Wasserblasen des Glases. Sie schüttet Flüssigkeit nach. Trinkt. Legt den Kopf in den Nacken. Ein wenig Rotz aufziehn. Beine übereinander legen. Fußballen massieren. Die Stille der Küche die laut ist. Das zarte Wippen der Wipfel hinterm Fenster. Die Blätter welk geworden. Hängen leicht schaukelnd von den Ästen. Ein kleiner Wolkenfetzen wie hingespuckt. Schwimmt in Himmelssuppe. Dass nur wieder Sonne käm, denkt sie. Ein bisschen.

Ich heiße Maria. Die Leute sagen ich habe rote Locken. Sie sagen meine Haut ist rosig und schwammig. Sie sagen Maria hat grüne Augen. Sie sagen es als obs wichtig wäre.

Und.

Ich heiße Maria. Das ist wie wenns wichtig ist. Ich wachse am Land auf sage ich wenn mich jemand fragt. Später sage ich ich lebe in einer Neubauwohnung im zwölften Bezirk. Die ist eng sage ich sage nicht mein Vater ist traurig die Haare meiner Mutter werden grau und ihr Unterleib wölbt sich nach außen.

Du heißt Maria. Ich geb dir ein Freundschaftsbuch. Da klebt dann dein Foto drin. Die aufgeblähten molligen Backen. Die Schmollippen. Dassdu gern singst schreibst du und. Dassdu Wirtin werden willst.

Das Schulfoto mit weißem Rand und himmelblauem Hintergrund. Lachmal Maria habn sie gesagt.

Du lachst. Bisschen nach innen. Dasses nur an den Augenwinkeln zu sehn ist und. Die Sommersprossen in deinem Gesicht sind riesig.

Ich heiße Maria sage ich. Die Sommersprossen in meinem Gesicht sind Feuermale. Kein süßes Gesprenkel wie bei den hellhäutigen Mädchen in meiner Klasse. Keine putzigen Tupfer. Manchmal kletzle ich mir grünliche Fäden aus der Nase und ess die. Na und.

Die Kinder in der Klasse lachen dich nicht aus.

Ich heiße Maria sage ich wenn sie mich fragen und beginne es zu glauben. Ich heiße Maria und mit zehn Jahren trag ich Sackkleider. Fahr auf Jungscharlager weil da singen sie alle. Da schmiern wir die Türen der Typen mit Zahnpasta voll und klettern von Fenstersims zu Fenstersims da mögen dich alle Maria wir mögen dich Maria sagen sie. Ich heiße Maria und glaub ihnen auch wenn ich immer allein sitz am Swimming Pool mich nicht ausziehn mag meine Haut ist hell die wird rosig und brennt von der Hitze die ist schwammig und labbert so weißwieschnee.

Du heißt Maria. Auf den Jungscharlagern singen sie Lieder vom Negeraufstand in Kuba und du verstehst es nicht aber dir ist komisch du machst den Mund zu du willst das nicht singen weils Angst macht. Die andren grölen lauthals zur Gitarrenmusik und lasst uns miteinander. Das Zirpen der Grillen. Die Sternenhimmel. Das Morgengebet. Wir verkleiden uns als Maus und Mäuserrich. Pappohren an den Harreifen.

Maria heiße ich sag ich mir wenn ichs nicht mehr weiß.

Ich weiß.

Ich heiße Maria.

Vom Balkon rausrauchen. Goldiges Licht hängt zwischen Herbstblättern. Die Insektenfrau hört dem eigenen Herzen nach. Verhangener Blick. Das Rascheln des Windes in Ästen. Im Hof kramt einer in der Mülltone. Guckt sie runter. Sieht nur seine Arschspalte am Ansatz der Hängehosen als er sich bückt. Schindeldächer die aussehn wie verschrumpelt. Besoffen werden wollen von der Helligkeit denkt sie. Zittert ein bisschen vor Kälte. Auf dem Betonbalkon am Dach des Nachbarhauses hängt eine Frau in Legins und Plüschschlapfen Wäsche auf, bis irgendwo ein Kind plärrt.

Was ich werden will wenn ich groß bin das fragen die Leute Maria aber es ist nicht Maria die sie fragen.

Und du, Maria. Hast geschrieben du willst Wirtin werden weil der Vater das wollte.

Sie kauert sich in eine Ecke, zieht den Pullover über die Handgelenke, verkriecht die Nase am Ansatz des Rollkragens.

Was wirst du wenn du groß wirst Maria.

Ich werd nicht groß werden.

Na und.

Wenn ich groß bin werd ich ein Altersheim.
Wenn ich groß bin werd ich ein Schmetterling.
Wenn ich groß bin werd ich ein Straßenhund.
Wenn ich groß bin werd ich ein Blau.
Wenn ich groß bin werd ich kein Hauptabendprogramm.
Wenn ich groß bin werd ich kein Computerspiel.
Wenn ich groß bin werd ich ein Mistkübel.
Wenn ich groß bin werd ich eine große Pause.
Wenn ich groß bin werd ich keine Katze.
Kein Buch und.
Kein Säugetier.

Ein Schnauben aus der Tiefe des Bauches rausschießen lassen. Hört die Insektenfrau das Blut in den Ohren rauschen. Geschwollenes Auge. Sie geht ins Badezimmer. Wattebausch mit warmem Wasser und beträufeln. Bis er sich vollsauft. Nicht mehr flo­ckig und leicht. Sie legt sich die schwere Masse aufs linke Auge. Leicht. Pulsierts in den weißen Pampst rein. Schmerz abfangen.
Was wirst du noch wenn du groß bist, Maria.

Wenn ich groß bin werd ich ein Taschentuch.
Kein Kasten und.
Kein Bügeleisen.
Kein Auto.
Keine Waschmaschine.
Kein Haarshampoo und kein Kaufhaus.
Wenn ich groß bin werd ich eine Kaffeebohne.
Werd ein Apfelkern.
Werd Löwenzahn Veilchen Sonnenblume und kein Haferschleim.
Werd keine Macht werd keine Disziplin werd.
Wenn ich groß werd werd ich ein Angstmacher.
Werd ich ein Abstellraum.
Werd ich eine Warthalle.
Werd ich einen Kiefernalle. Eine Halde im nirgendwo.
Wenn ich groß bin werd ich eine Rinde werd.
Eine Kartoffelkruste im Backrohr werd ich.
Ein Morgenmantel aus Frottier werd ich.
Wenn ich groß bin werd ich eine Stille.
Werd ein Knacksen.

Hat die Insektenfrau sowas wie Halden ums Hirn. Sitzt im Türkensitz und ins Schrein der Stille reinhören. Und weiter Maria was wirst du noch wenn du groß bist schreiben.

Ein Weinen werd ich wenn ich groß bin aber keine Müdigkeit.
Ein Zweifel werd ich wenn ich groß bin aber kein Pappbecher.
Wenn ich groß bin werd ich kein Kofferradio keine E-Mail kein WLAN ich werd eine
Landschaft wenn ich groß bin. Werd ein Kornfeld. Eine Bierflasche am Boden. Eine Distel werd ich und ein Vogel. Keine Folgeerscheinung werde ich und kein Erfolg.
Kein Knien.
Kein Kummer.
Ein Stein werd ich wenn ich groß werd. Eine Schwalbe und ein Obdachloser am Straßenrand. Eine Kreide. Ich werd eine Sommersprosse wenn ich groß bin werd Müllhalden Morgenmuffel Muskatnuss und Flugkuss.
Und klein werd ich wenn ich groß bin.
Klitzeklein wenn ich groß bin.
Das sagt die Maria wenn keiner sie fragt und. Dann nichts mehr.

Weißt du noch Maria. Sind wir den Glühwürmchen nachgerannt. Nachts. Taschenlampe zwischen den Händen. Mädchenbande du und ich. Im Heu hinter der Hütte haben unsere nackten Zehen zu frieren begonnen. Gestank von Hundescheiße. Wenn ich groß bin werd ich Detektivin, hab ich gesagt und du Maria.

Maria sagt sie weiß nicht was sie werden will Wirtin vielleicht. Wenn sie wer fragt.

Sie lächelt. Tippt weiter.

Ich heiße Maria und spiele Klavier. Das Pedal ächzt wenn ich daheim üb der Flügel scheppert und ist alt wir haben kein Haus mehr und sind zuviele für eine einzige Wohnung und ich bin schon nicht mehr klein genug. Dass ich die Töne treff wenn ich sing sagen sie und ich beweg die Finger auch wenn da keine Tasten sind ich klapper die Melodien mit den Zähnen Maria ist ein bisschen verrückt sagen sie. Maria sagt nichts mehr.

Du heißt Maria. Bei meiner Geburtstagsfeier trägst du Wollstrumpfhosen schreibt sie die zwicken die kratzen auf der Haut. Winter. Die Lippen sind rau. Wir toupieren einander die Haare und stecken uns spitze Plastikzähne in die Münder. Kleine Vampire. Flatterst mit dem schwarzen Umhang und übst fliegen. Die Schokolade in den Mundecken ablecken und dabei die Schminke im Gesicht verwischen. Ich hab Augen wie Schas, sag ich und du lachst Maria. Der Speck an deinen Wangen ist weniger geworden. Wir laufen über knarrende Teppichböden und kleben einander glitzernde Sticker in Alben schreibt sie. Wir reißen einander an den Haaren das tut weh lass mich. Wir öffnen die Fenster. Wenn ich fliegen könnt. Maria sagt sie kann fliegen.

Die Sommer in der Stadt sind lang und die Schweißgerüche der Menschen in den U-Bahnen Maria trägt Sackkleider damit keiner sieht dass sie abnimmt und schwimmen geh ich nicht sagt die Maria.

Sie pickt mit den Fingerkuppen Brösel von der besticken Decke des Küchentisches. Seufzen. Den Rücken wieder gerade richten. Weiterschreiben: Eines Tages Jungscharlager Maria und du plötzlich klopfst du an unsre Zimmerfenster. Hockst am Sims. Bist über die Dachrinne zu uns geklettert und grinst. Spinnst Maria sagen. Du springst. Landest auf den Füßen. Das Zimmer der Herberge. Spinnennetze in den Ecken. Ranziger Geruch. Chips und angefangene Schokoladetafeln am Boden. Aufgewühlte Betten. Hab doch gesagt ich kann fliegen sagst du Maria.

Sag was.

Ich war eine Totgeburt ich heiße Maria. Ich bin als Kind gestorben. Danach habe ich mir mehrmals das Leben genommen. Mit sieben, siebeneinhalb. Mit Neun. Mit dreizehn und mit vierzehn fünfmal. Das letzte Mal habe ich mir das Leben genommen mit achtzehn. Ich bin aufs Dach meiner Eltern geklettert. Habe mich fallen lassen. Sekundenschlaglang. Eine Freundin meiner Mutter, die im Stockwerk unter uns wohnte, hat mich fallen gesehen. Ich glaube es war zwei Tage vor Weihnachten.

Ihr ist leicht in den Kuppen. Dem Handgelenk. Wie wenn das Schreiben nur Übung wär. Die Tasten des Laptops zum Knacksen zu bringen. Sonst nichts. Sie lächelt.

Später ins Zimmer und im unteren Bücherregal eine Schachtel entdecken. Sie hockt sich auf den Boden. Türkensitz. Zieht den linken Fuß über den Rechten. Das Geräusch kramender Finger. Findet das Foto. Sieht sich selbst. Rundes Gesicht. Weißgeschminkte Wangen. Haare, die nur so in die Luft wuscheln. Rötlicher Schimmer. Die großen Augen aus dem molligen Porzellanpuppengesicht gucken. Geschminkte volle Lippen. Der Kopf leicht nach hinten geneigt. Der schwarze Umhang. Mehrere Schichten langer dunkler Kleider. Dass sie aussieht wie aufgeplustert. Ich bin Maria denkt sie.

Ich heiße Maria. Mit fünfzehn treffe ich eine Freundin die schenkt mir einen Haarglätter mit der hau ich ab. Wir sitzen am Fluss und spucken ins Gras. Die Nacht kommt und Plattenbauten Maria erbricht sich zwischen Hundescheiße und Halmen dann rauchen sie weiter. Die Freundin lernt mir wie Make-up sich an die Wangen kleben lässt. Wattebäusche und Reinigungsmilch. Maria weißwieschnee. Der Geschmack von Lippenstift am Morgen. Die verwischte Wimperntusche von den Lidern säubern. Das Nesteln der Hände am Täschchen. Ich heiße Maria und verdeck die Sommersprossen mit rosa Soße. Ich heiße Maria ich kotz.

Maria sagen die Stimmen. Maria ist eine Totgeburt.

Maria schlag die Fenster ein sie schlägt die Fenster ein die Maria. Die Eltern lassen Gitter machen.

Wenn sie in den Spiegel schaut lo­cken sich ihre Haare aus werden karottenrot. Die kleinen Sommersprossen auf der Haut zu Feuermalen aufspringen.

Bist du ein Vampir Maria.

Du schreibst nur.

Schluss jetzt.

Maria hat ihre Geburt nicht überlebt. Maria Insektenkind trifft ein Insektenkind. Sie beschließen, Vampire zu werden. Hilft aber nix. Und.

Schluss jetzt.

(Gedankengrenze.)

Nein. Erzähl weiter, Maria.