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keinen schritt weiter!

hannes luxbacher | keinen schritt weiter!

Man möchte doch meinen, den Menschen sei es wenigstens ein bisschen unangenehm, sich vor anderen, insbesondere wenn es sich bei den anderen um Fremde handelt, zu entblößen, also geistig und sprachlich jetzt. Ist es aber spürbar und vor allem hörbar nicht. Oder wie interpretieren Sie die lautstarken Erörterungen ihres Gegenübers am Kaffeehaustisch bezüglich persönlicher Finanzgebarung, insbesondere der dem Privatkonkurs naheliegenden prekären Situation, oder die um sich greifende Ignoranz jedweden Respektabstands im Ausmaß von wenigstens einer Badehandtuchlänge in Freibädern? Die einst üblichen Grenzen scheinen aufgehoben und der öffentliche Raum gänzlich durchwirkt von in sich greifenden Privatsphären, an denen man Interesse zu haben gezwungen wird. In Bälde nützt es da nicht einmal mehr, das Zeitliche zu segnen, wie Gerhild Perl in ihrem Beitrag ausführt, denn auch untertags im persönlichen Grab steigt das Risiko zum ungefragten Anteilnehmer zu werden. Apropos ungefragte Anteilnahme: Wer mir die Substanz und Relevanz von facebook-Einträgen wie „XY kocht“ oder „XY bereitet ein Gespräch vor“ erklären kann, dem schenke ich via Farmville Baugrund und -material in rauen Mengen. Können Sie nicht und brauchen Sie auch nicht? Dann wird Sie der Beitrag von Bernhard Horwatitsch über facebook und dem damit zusammenhängenden Informationsfluss betreffend persönlicher Daten nur bestätigen. Dass aber auch professionelle Kommunikatoren ihr Kreuz mit Substanz und vor allem Relevanz der vom Kunden beauftragten Informationen haben, davon weiß Katharina Körting zu berichten. Ein Schelm, wer denkt, die Redaktion, die zu vier Fünfteln aus Kommunikationsarbeitern besteht, habe den Beitrag in Auftrag gegeben. Wie willkürlich und künstlich die Grenzen des Sozialprestiges sind, führt Gabriele Feyerer in ihrem Essay über Gert Postel aus, der als gelernter Postbote Karriere als Oberarzt für Neurologie machte, ohne auch nur ein Semester Medizin studiert zu haben. Nicht fehlen darf in einem Heft namens „grenzwertig“ natürlich ein Schwerpunkt zum Thema geografische und nationalstaatliche Grenzen. Lesen Sie dazu die Beiträge ab Seite 30. Wie gewohnt finden Sie neben den Themenbeiträgen Rezensionen zu aktuellen Veröffentlichungen aus Klein- und Kleinstverlagen und ausgewählte literarische Beiträge von Mieze Medusa, Sophie Reyer, Christoph Dolgan und Reinhard Lechner.

Übrigens: Grenzen überschreiten wir im Dienste des Karriereschubs auch für unsere AutorInnen gerne. Christoph Dolgan wurde von der schreibkraft-Redaktion an die Zeitung Korso weitervermittelt. Auf seinen Beitrag dortselbst wurde sodann Alfred Kolleritsch aufmerksam und er hat Christoph Dolgan eingeladen, einen Beitrag für die manuskripte zu schreiben. Schön, wenn sich die Grenzen so ineinander verschieben und auflösen. Jetzt muss nur noch ein Verlag anklopfen.

PS: Die Bilder in diesem Heft stammen vom Künstler Christian Eisenberger. Ausschnitte davon sind auch bei den Online-Beiträgen zu sehen.