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netzwerke für anfänger

Ein Hybridroman schildert die Systemtheorie für Dummies


Barbara Fink, Thomas Friedschröder: Nebel wurde die Silhouette eines mittelprächtigen Hauses sichtbar. Ein Roman für Denker!

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Graz: edition keiper 2009

Rezensiert von: karl mellacher


Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Tornado auf der anderen Seite der Welt auslösen und ein zertrümmerter Scheinwerfer in Schottland kann am Anfang einer Veröffentlichung in der letzten Bereicherung der Grazer Verlagslandschaft stehen. Der Unternehmensberater Thomas Friedschröder und die Literaturwissenschaftlerin Barbara Fink versuchen in ihrem Roman Im Nebel wurde die Silhouette eines mittelprächtigen Hauses sichtbar die Folgerungen der Systemtheorie für die Analyse sozialer Netzwerke zu veranschaulichen.
Durch Zufall findet sich ein ungleiches Paar: Der nachtblinde Unternehmensberater Ralph rammt im Finsteren das Schild der Tankstelle, in der der Mechaniker Frank arbeitet. Der Yuppie heuert den Slacker als Chauffeur an und die beiden beginnen eine Reise durch die Subsysteme, aus denen unsere gesellschaftliche Wirklichkeit zusammengesetzt ist. Sie beginnen in einem besonders hermetisch abgeriegelten: Ralphs Tante Vera zieht sich nach dem Tod von Mann und Sohn in ein autistisches Umfeld zurück, in dem Besuchern die Rollen der Verstorbenen zugewiesen werden. Ralph wird als Sohn umsorgt, und der lakonische Frank wärmt die kalten Füße der Tante. In London schauen die beiden im Pub Fußball und versuchen der giftgrünen Phase des Malers Daniel Final Bedeutung abzuringen. Der unorthodoxe Unternehmensberater Nex wiederum erklärt mit Pasta, Gemüse und Playmobil-Figuren die komplexen menschlichen Interaktionen ...
Ludwig von Bertalanffy setzte mit seiner General Systems Theory 1949 einen Gegenentwurf zum Newton‘schen Weltbild: Die kausale Analyse von Einzelphänomenen kann viele Prozesse nicht erklären; offene Systeme, beispielsweise biologische oder gesellschaftliche Einheiten, können sich durch Selbstorganisation selbst umstellen und so in einem dynamischen Gleichgewicht in eine Beziehung zu ihrer Umwelt zu treten. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, Systeme generieren ihre Eigenschaften, Elemente und Codes aus sich selbst heraus und grenzen sich voneinander ab. In der Interaktion mit anderen Systemen interpretieren sie – unter Schwierigkeiten und nach Fehldeutungen – deren Signale und verändern sich: Für den Unternehmensberater – bzw. für den Unternehmer – bedeutet das, dass auch gründliche Analyse keine exakte Prognose ermöglicht und eine flexible Reaktion auf die ausgelösten Prozesse ersetzen kann.
Dies durch eine Hybridisierung der Gattungen Roman und Sachbuch zu erklären, bringt naturgemäß Probleme mit sich: Handlung, Witz und Protagonisten sind der didaktischen Absicht unterworfen und ein wenig holzschnittartig. Die in „homöopathisch kleiner Dosierung“ verabreichte Systemtheorie bleibt in ihren Grundzügen. Penibel könnte auch ein sorgfältigeres Lektorat moniert werden: Die Redundanzen in der Erläuterung der theoretischen Grundannahmen sind unnötig, und auch dem flüchtigen Leser fällt auf, dass ein Wechsel vom Du zum Sie im Englischen nicht möglich ist. Als Geburtsgeschenk an den im zweiten Semester BWL studierenden Neffen oder den frischgebackenen Unternehmer, der sich wundert, warum der eine Kunde das will und der andere jenes reklamiert, eignet sich das Buch allemal.