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no pasaran

christoph dolgan | no pasaran

Fragmente für ein Verweilen

I – Der Tod, zum Beispiel, die Grenze.

Grenzwert|Übertretung
II – Mit Georges Bataille am Meer. Die Wellen tragen Schaum. Manchmal auch einen toten Fisch, der noch nicht groß genug ist, sich in einem der Fischernetze zu verfangen. Unter einem Kai häuft sich das Treibgut. Vereinzelt fallen Sonnenstrahlen durch die Bohlen in den Abfall. Verdorrtes Seegras verschweißt Dosen, Glas, Treibholz, Binden, aus Illustrierten gerissene Seiten (das aufgeweichte Grinsen eines Bankiers: Wellen auch im Nadelstreif), eine Babyrassel, die grenzenlosen Erinnerungen, das grenzenlose Meer: Ma Mère. „Grenze und Übertretung verdanken einander die Dichte ihres Seins: Inexistenz einer Grenze, die absolut nicht überschritten werden kann; umgekehrt Sinnlosigkeit einer Übertretung, die nur eine illusorische, schattenhafte Grenze überschritte.“ Das Zauberwort heißt ‚Transgression’: ‚souverän’ das Subjekt. Das Gesetz konstituiert die Grenze, die es zu zerreißen: die Grenze das Gesetz, das es zu überschreiten gilt. Gesetz um Gesetz, Grenze um Grenze, bis an die letzte Grenze und das letzte Gesetz: tôt.

III – Die Matratze, auf der er sitzt, ist nicht bezogen. Die Gitter am Kopfende des Bettes sind höher als die am Fußende. Um einen der Stäbe ist ein Stück Wolle gewickelt: Es hat keinen Sinn, ist nur da, wie die Stäbe selbst. Nur weil niemand sich die Mühe macht, es abzureißen und wegzuwerfen, hängt es noch. Er lässt seine Beine über die Bettkante hängen. Sein Rücken ist gewölbt, der Kopf stößt zwischen den zurückgezogenen Schultern hervor. Lacht er? Dünner Kot rinnt über seine Unterschenkel. „Das ist ein groteskes Wunder. Er ist nie ein unschuldiger Säugling gewesen, schon als Fötus war er ein Mörder, und in gewisser Weise ist er immer dieses mordende Ungeborene geblieben.“ Wertet nicht erst der koprophil zu sich gekommene Nietzsche alle Werte um? Setzt sich nicht erst das Subjekt als souveränes und der Mensch sich als Herr, der bereit ist, seine Scheiße zu verschlingen? (Ohne Gier.) Dann, wenn er in der Lage wäre, dieses Spiel ad infinitum zu treiben: Leben von den eigenen Körperabfällen? Nicht im kindischen Spiel mit Ekelschranken. Sondern in nutritiver Autonomie. In nicht endender fäkaler Wiedergeburt: im Dauerschiss. Lang lebe der Kotfresser. Der Übermensch. Der Souverän.

Grenzwert|Enge
IV – Am Wochenende kulminiert der Frust. Die dreiundvierzig Quadratmeter der Mietwohnung sind noch kleiner, wenn man sie zwei volle Tage hindurch teilen muss. Einundzwanzigkommafünf Quadratmeter für jeden. So will es die Milchmädchenrechnung. Aber die Mathematik muss scheitern: Wut, Angst, Frustration, Enttäuschung: gesammelt und komprimiert: halten sich nicht an arithmetische Mittelwerte. Sie weicht ihm aus. Verzichtet. Einen Quadratmeter um den anderen tritt sie ab. Sie schleicht durch die Wohnung. Selbst Geräusche werden nun zum Affront. „Then fire make your body cold, I’m going to give you mine to hold.” Dann wird es still. Der Brandbeschleuniger erstickt die Schreie. Die Ruhe, die vom dunklen Orange der Flammen ausgeht. Er hält den Atem an, er ist glücklich. Und schließlich das Martinshorn der Feuerwehr, das die Stille ein für alle Mal zerbricht.

V – Oder: Ohne Namen. Ohne Gesicht. Sie hat alles getan, damit es nicht wieder geschieht. Da ist das Mantra, das sie herzusagen beginnt, wenn der Druck zunimmt. Und die Duschen, kalt manchmal, dann heiß, wenn ihr Körper seine Konturen verliert. Die Rasierklingen hat sie weggeworfen. Auch die letzte, die sie so lange in einem Karton im Keller versteckt hat. Sie hat sich eine CD gebrannt, die sie rausholen soll aus dem Loch, falls es wiederkommt. „Es war der Mythos von der Dichterin als Weiheopfer, der Dichterin, die sich selbst für ihre Kunst hingibt, nachdem die Musen sie durch Prüfungen aller Art bis zum letzten Altar gezerrt haben.“ Das Anlegen der Verbände bereitet ihr keine Schwierigkeiten. Mehr. Schwierig wird es sein, sie zu verstecken. Sie verabscheut sich. Auch dafür. Und sie wird es wieder tun. So lange, bis ihre Haut aufbricht und sie entlässt.

Grenzwert|Passage
VI – Lear, der König, an dessen Mantel der Staub der Reisen und der Nächte zurückgeblieben ist. Er fordert das Wort im Niemandsland. Fordert’s von denen, die nicht sprechen können, weil ihr Mund voll Reden ist. „Das Gespräch mit ihm war ein bisschen mühsam, weil er so Hemmungen mit den Worten hatte. Er fand sie schon, die Worte, aber er brachte sie nicht raus, sie blieben in seinem Mund hängen und machten da Geräusche.“ Der König fordert das Wort im Nichts. Es wird ihm gegeben und man zieht weiter. Zurück bleibt ein vergreister Mann: in irgendeinem Altersheim: irgendwo in der Provinz: zwischen Maisfeldern und einer aufgelassenen Bahnstation. Er ist enttäuscht, man hat ihn betrogen. Sie wollten nur passieren: Er wollte mit ihnen im Übergang verweilen.

VII – Und Celan, der ihm antwortet. Im Irrenhaus liest er Shakespeare, am Papier antwortet er Seiner Majestät. Gemeinsam macht man sich auf den Weg. Sie kappen die Taue und verbrennen ihre abseits gelegenen Hütten. Zu verlieren haben sie nichts mehr. Alles liegt vor ihnen, und wenn sie sich auf den Kopf stellen, liegt alles hinter ihnen. „Vielmehr unter dem Druck des bösen Geistes, der, zwei Tage vor seinem Tode, Doktor Gachet hieß, improvisierter Psychiater, der die direkte, wirksame und zureichende Ursache seines Todes war.“ Auch Celan verharrt im Liminalen. Das Schibboleth, so es sich verschweigt, fast, macht die Grenze bewohnbar. Nicht als Heimat, in der die Inzucht auf sich selbst zurückfällt, nicht als Exil, durch das Flüsse fließen, die auf Ertrinkende warten. Celans Wohnung ist der Mund, der das Wort in seiner Artikulation einfriert. Ein kaltes Heim. Und ein einsames.

Grenzwert|Mensch
VII – Wenn sie es eilig haben, dann schlagen sie Räder. Sind ihre Körper erst einmal in Bewegung. Verbinden sich ihre acht Extremitäten erst einmal zu einer einzigen. Einem Fluss. Doch man zürnt ihnen. Sie begehren auf und dafür zürnt man ihnen. An oberster Stelle erregen sie Unmut. Es gibt Grenzen. Man will sie eingehalten wissen. Gegebenenfalls ist man bereit, sie kenntlich zu machen. Kenntlicher: mit Gewalt, wenn es sein muss. Mit dem Schwert. Oder der Sense. Auch mit der bloßen Hand könnte man sie zerreißen. „Wer geteilt ist, hat nicht mitzuteilen Wir sorgen für Dich Wir triggern Deine Seele Halber Mensch Mir nichts Dir nichts Steht da der Schnitter Geh weiter.“ Zeus etabliert die Dichotomie. Die Null und die Eins. Den Code, der formiert und formatiert. (Am Bauch hat er die klaffende Haut zusammengedreht: ein Schnürbeutel: der Nabel des Geldes wegen.) Sie ergeben sich ihrem Schicksal. Im Binären glauben sie fortan die Logik beheimatet: die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen. Was aber, wenn Zeus seine Drohung wahr macht und wieder zum Schwert greift? Was, wenn ihm das Entwederoder nicht länger gefällt? Und dieses Mal, er hat es angedeutet, mitten durch die Nase?

IX – Autismus? Man schreibt Zivildienst. Ein privat geführtes Altersheim mit zwei Stockwerken und einer Sonnenterrasse. (Die Pflastersteine sind so ungenau verlegt, dass es unmöglich ist, darauf mit dem Rollstuhl zu fahren.) Herr L. ist Autist. Herr L. fasziniert ihn. Er ist ihm unheimlich, aber er schleicht immer wieder vor der Tür zu seinem Zimmer herum. Herr L. sitzt den ganzen Tag in einem Sessel vor dem Fenster. Er lässt nichts an sich heran. Niemanden. Registriert (vielleicht?) und wendet sich ab (wenn überhaupt). Seine Autarkie ist absolut: seine Haut ein Panzer: Ist er einsam? „Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.“ Und der Grund? Gibt es einen? Der Mensch ist sterblich, weil der Mensch sterben muss. Der Mensch muss sterben, weil der Mensch sterblich ist. Nur noch Tautologien sind wahr. Die Tautologien, diese perfiden Autisten der Sprache. Ihnen allein gilt seine Sympathie.

Grenzwert|Gesellschaft
X – Eine Umfriedung. Die Mauer als Inbegriff. (Es ist nicht wahr, dass man die Chinesische Mauer vom Mond aus sehen kann. Wahr ist vielmehr, dass er eine Toilettenbrille hat, in deren transparentem Plastik ein Stück Stacheldraht eingelassen ist, das von der Berliner Mauer stammt.) Diesseits der Mauer das Grab eines Dichters. 19. Jahrhundert. Deutschnational. Epigonal. Seine Büste: wallendes Haar und Schnurrbart. Ein weiblicher Engel trägt ihm den Lorbeer zu. „An dem Zaun angekommen, brachen die meisten von ihnen zusammen. Sie blieben mit weit offenen Augen auf der Seite liegen,in einer Agonie, die für einige von ihnen Stunden dauerte.“ Jenseits. Der Mauer: am Friedhofserweiterungsgrund. Metallcontainer für Obdachlose. Zu zweit teilen sie sich einen Container. Gegen Abend, wenn ihr Atem schwer wird vom Alkohol und von den Zigaretten, ist die Luft im Container ein Quader, in das der Steinmetz ihre Namen meißeln könnte. (Manchmal, wenn die Autos auf der angrenzenden Durchfahrtsstraße weniger werden, hört man ihn arbeiten: konzentriert und in einem Takt, der einem bekannt vorkommt.) Und die Mauer als Inbegriff: Wie hoch müssen die unsichtbaren sein, in einer Stadt, die mit den sichtbaren so freizügig umgeht?

XI – Menschen drängen nach. Sie zerren an ihr, rempeln sie an. Es fällt ihr schwer, ihren Blick an der Front des Gebäudes ruhen zu lassen. Sie will sich konzentrieren, sich eines der vielen Fenster herausgreifen und die Augen nicht wieder davon abwenden. Sie glaubt die Silhouette eines Menschen dahinter auftauchen zu sehen. Für kurze Zeit streicht sie über das Glas. Dann wird das Rollo heruntergelassen. Die dünnen Lamellen gleiten geräuschlos vor das Fenster. Versiegeln es, als käme es auf Schutz noch an. „Das Fließen stoppen. Dich festlegen. Dir ins Gesicht sehen. Nägel einschlagen. Das Land abmessen: Grenzpfähle, weiter bist Du nie gekommen. Ich habe nur gelernt, mich schriftlich auszudrücken.“ Später wird man den Steinwurf zu einem Wendepunkt erklären. Zu jenem alles entscheidenden Schritt, der aus der Journalistin eine Terroristin macht. Ulrike Meinhofs Biografen werden nicht müde werden, die Szene wieder und wieder zu schildern: das Schlüsselerlebnis: zu perfekt passt es ins Bild: die Füllfeder zur Seite gelegt, der Griff nach dem Pflasterstein. Jemand stößt sie in den Rücken. Ihr Blick gleitet ab. Sie findet das Fenster nicht wieder. Der Stein in ihrer Hand wird warm von ihrem Körper.

Grenzwert|Schweigen
XII – Er fragt sich nach dem Wahrheitsgehalt. Sucht nach eindeutigen Hinweisen. Einer der Namen kommt ihm bekannt vor: Er gehört einer Person von öffentlichem Interesse. (Die Kinder, weiß er, die da pünktlich im Fünfsekundentakt verhungern, haben keine Namen: Darum sind sie für die Öffentlichkeit uninteressant. Vielleicht, sicher weiß er es nicht, sind sie auch gar nicht wirklich.) Andere Namen glaubt er erfunden. Fingiert, ohne dass jemand sie dafür belangen könnte. Er verliert sich in Andeutungen. „Die Müdigkeit stellt sich ein als Ergebnis des Informationsverschleißes und bewirkt gegenüber der Information eine gewisse moralische Indifferenz.“ Im Schweigen, glaubt er schließlich zu erkennen, während er in der Straßenbahn sitzt und einen Jungen beobachtet, der einen hellblauen Gummiball vor sich auf- und abspringen lässt, ist der Glaube an Demarkation eine Absurdität. Nichts scheidet die Wahrheit von der Fiktion, nichts die Reportage von der Erzählung. Alles Verschwiegene ist wahr: fingiert, eindeutig: unbestimmt. Und tödlich, natürlich, in seiner Gleichgültigkeit.

XIII – Scheherazade darf nicht enden. Ihr stehen alle Wörter zur Verfügung. Und die Pausen zwischen ihnen. Die Pausen, die sie manchmal ausdehnt, nur um in ihnen mit dem Tod zu kokettieren und ihn im nächsten Moment wieder von sich zu stoßen. Die letzte Pause fürchtet sie: den Punkt, der alles abschließen wird. Die kleinen Leerräume aber, das ein wenig verzögerte Atemholen, lässt sie zittern. Es ist ein Innehalten im Bewusstsein der Sterblichkeit: ein Fort-da-Spiel: der Tod an der Leine, über den sie gebietet. „Die Texte sollen nicht länger als 18.924 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sein“. Die Textabschlussschwelle: definit machen: Nägel mit Knöpfen. (Hemingway, heißt es, hätte wie ein Verrückter auf seine Schreibmaschine eingehämmert: Die Punkte, heißt es, hätten das Papier perforiert.) Einmal noch die Hand heben und den Finger auf die Taste drücken. Eine Grenze ziehen, für sich, und die scheußliche Angst davor.

XIV – Der Tod, zum Beispiel, die Grenze


Die Zitate stammen von: M. Foucault, H. Mulisch, L. Cohen, A. Alvarez, L. F. Céline, A. Artaud, B. Bargeld, F. Kafka, J. Ziegler, B. Vesper, J. Améry, schreibkraft.