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postkartenblau für alle fälle

Brigitte Schwaner improvisiert in Prosa


Birgit Schwaner: Held. Lady. Mops – Improvisation.

postkartenblau für alle fälle

Wien: Klever Verlag 2010

Rezensiert von: lisa spalt


Es sollte bekannt sein, dass es nicht genügt, von Meer und Möwen zu reden, um dieses spezielle Reiseimpressionenparfum zu versprudeln. Man fängt besser damit an, von einer Reling zu sprechen, einem Wort, welches das Zwischen fixiert, stählernes Changieren. So erzeugt man, darüber hinwegturnend, ordentliches Postkartenblau, darin die Reise sich unter leichtem Kleid rüschen kann. Die Reling, „festgeschraubt unter den Handflächen“ – sie umfasst ein Wort: Schiff. Ja, wir balancieren in Brigitte Schwaner Prosaband Held. Lady. Mops auf verchromten Topoi. Die Autorin nimmt uns mit, mit ihr an einer Reling zu stehen. Man sehe: Sie lässt sich mit uns als Foto links liegen. Sehen Sie, man sieht uns doch, ohne Ansehen des Geschlechts in die Rolle des Gegenübers wienerblonder Damen gesteckt. Ja, man spricht über „ihn“, der wir sind, als ginge er uns persönlich nichts an. Hier gibt es Gelegenheit, uns von außen zu prüfen. Wir – durch die Namen reisende Körper, an deren Oberflächen sich unsere Pölsterchen reiben. Nur das Wort (Reling) bleibt – „die stabile Stütze am Panorama“. Oder? Muschelsandpanierte Welt aus Sprache, unsere fortlaufende Frage nach den Identitäten: Sie ist Bewegung. Diese Welt zerrt „vom Wasser her stark an der Luft“. Zu diesem Behuf lässt der abgespeckte Seemannston die Erzählung fliegen, dafür zeigen die Maschinisten „Gesichter voll Ruß und Börsen voll Luft.“ Man ist versucht zu bemerken: Durchgängig ist es in diesem Buch Schwaners die Luft, die bleibt, wo man die schweren Teilchen, die man mit leichter Hand beschreibt, nur unter Kraftaufwand bewegt. Die Wörter sind auf beiden Seiten zu finden: auf der materiellen und auf der begrifflichen – kein Wunder, da in dieser Fiktion alles Mobile ist. Da schaukelt sich ein „beinah“ ins kalauernde „Bein nah“ hinüber, wo das Wort dem Gegenstand so wohltuend inhärent ist („beneath“). Da ist Sprechen zum Angreifen, danke schön, Balance auf der Reling; und die Figuren – wie Slatin (zu Deutsch: „Goldfeder“ – sagt das nicht alles?) – geben – wie im Fall des Meerestierforschers Beuchel – Namen, aber sie verlieren sie auch wieder. War‘s Slatin oder Platin, der im Wasser aufgeglänzt hatte, bevor die Haie kamen? War‘s der dämmernde Kratin? Über die Entfernung der Historie versinken Teile der Person im Meer, zerfällt die Person in Facetten: „Horde von Phantomen“. Die Zukunft: Liste von Plänen. Und als Beweise für ihre kühnsten Behauptungen mag die Autorin sich die benötigten Szenen selbst erschreiben. Denn auch sie gibt es in dieser Fiktion. Nur diese in der Vorstellung erfahrene Welt, da wir sie als Produkt annehmen, lässt uns die Produzentin außerhalb des Buches erleben, Hagazussa, Zaunreiterin zwischen den Welten, dem System immanent; wie der Matrose – als Teil der Beschreibung stummes Bild; er tritt dem singenden Matrosen, der Teil der Geschichte ist, in dem das Bild aufblitzt, gegenüber.
Bitte, eine mögliche Tradition für ein solches Schreiben? Lewis Carroll vielleicht, gevielteilt durch das Genre der kolonialistischen Abenteuererzählung? Doch: Wo ist dann der Forschungsreisende Slatin hingekommen – im literarischen wie im geografischen Sinn? Lesen Sie dazu Held. Lady. Mops, unbedingt, und erfahren Sie es!