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PRostitution en blogs

katharina körting | PRostitution en blogs

Von Löchern und Lücken der PR

I Öffentlichkeitsarbeit
Es schneit. Ich registriere, wie die Tage ganz langsam heller werden, bin nur ein kleines Licht. Ich arbeite als freie PR-Texterin. Wir produzieren im Namen der Absender (Unternehmen, Verbände, Ministerien etc.) Inhalte und transportieren sie zu den Empfängern (Bürgerinnen und Bürger), und immer öfter merke ich: Ich würde lieber meinen eigenen Inhalt kreieren, anstatt anderen nach dem Munde zu reden. Mir ist klar, dass das ein Luxusproblem ist. Hier gönne ich mir den Luxus, darüber zu schreiben: über diesen Gap. Über diesen Job.

Obwohl man schreiben ja nicht mehr sagt. Man bloggt, kommentiert, redigiert, oder textet – ich auch. Ich texte Inhalte. Der Plural ist wichtig, denn jeder Inhalt hat sich Web-PR-evolutionär weiterentwickelt zum Content, und in der Warenkommunikation bedeutet das so viel wie „Nichts sagende, den Kunden befriedigende Einflusssicherungsmaßnahmen”. Maßnahme zum Beispiel ist so ein Wort, das nichts sagt. Oder zentral, gerne auch in der Wortgruppe zentrale Grundlagen (für fortgeschrittene PR-Leute gerne auch zentralst). Was passiert nur mit all den anderen, den weniger zentralen, den Grundlagen am Rande? Bröckeln die weg? In den Ab-Grund gar? Ich lese Verlautbarungen: „… zentrale Grundlage für das Fenster der Geschichte, das gerade weit offen steht …”, winde mich, suche einen Hammer, um die Scheiben dieses historischen Fensters zu zertrümmern, jene gläsernen Wände, an denen ich mich stoße, sehe jedoch nur den späten Schnee am – weiterhin geschlossenen – Fenster vorbeirieseln. Ein Hammer ist kein branchenaffines Instrument, so viel ist sogar mir klar, und Beliebtheit, so die Arbeitsgrundlage, auf der wir Öffentlichkeitsarbeiter uns tagtäglich die Finger wundtippen und allerlei Konzepte aus denselben saugen – Beliebtheit kann nur hergestellt werden durch Beliebigkeit. Am liebsten als Verpackung. Ich finde Verpackung langweilig, aber ich verdiene damit mein Geld.

II Wendungen
Das ist das Setting: Wir Kommunikationsarbeiter sind bemüht, die Intention des jeweiligen zahlenden Auftraggebers, der von uns gerne Kunde genannt wird, zu erahnen und passgenau zu formulieren. Ob etwas Richtiges dabei herauskommt, ist irrelevant, aber im Zweifel gilt: besser wortgewandt nichts sagen als etwas Falsches, denn „richtig” und „falsch” sind nicht artgerechte Kategorien.

In den PR-Agenturen verwenden wir jeden Tag Worte und Wendungen, die der Kommunikation wenig zuträglich sind. Es ist hier gar nicht so sehr das Fremdsprachige, das durchaus seinen Charme haben kann in einem Meeting. Schwerer wiegen die aufgeblasenen Sätze, die künstlich gebauschten Nichtigkeiten, das Blubbern und Nachplappern, die ganze Blenderei, die sich im Briefing mit dem Kunden potenziert. Dabei ist kaum von Belang, ob es sich bei diesem um eine politische Institution oder eine privatwirtschaftliche Firma handelt, weil es in beiden Fällen um eine Dienstleis­tung geht, die zur Ware wird, sobald dafür bezahlt wird: Kommunikation als Leerverkauf.

Wir Öffentlichkeitsarbeiter reproduzieren die zweifelhaften sprachlichen Konstrukte, die abgenutzten Verben und Adjektive wie vernetzen, namhaft, hochwertig undsoweiter: allesamt redundant, bestenfalls angeberisch; oder zeitnah, das bei näherem Hinsehen weit weg gelassen werden kann, denn die Zeit ist ja immer gleich nah oder gleich fern – welche Zeit auch immer. Und unser allzeit beliebtes Zeitfens­ter ist gleich kompletter Unsinn, nur noch übertroffen von aktuell im superlativen aktuellst, der PR-Variante vom grammatisch gequälten das Einzigste.

Damit wedeln wir schlüpfrig vor unseren Kunden: mit löchrigen Glitzer-Strapsen, notdürftig von ausgeleierten Strumpfhaltern ausgehalten. Es kommt vor, dass ich für Auftraggeber texte, deren politische Richtung mir ein Gräuel ist, aber je mehr Meinung ich mir gestatte, desto schmerzhafter verursacht mir die PR-Sprache Verdauungsbeschwerden. Ich leide an Textbausteinen, Sprechblähungen. Aus Langeweile, die manchmal schwer von Depression unterscheidbar ist, suche ich mir einen hipperen Kunden, der irgendwas mit Kultur macht.

III Neu
In der neuen Agentur sind alle Mitarbeiter jung oder tun wenigstens so, als sei das Voraussetzung in der Branche, und ich texte meine ersten Linien in diesem Strom, aber winde mich, ertappe mich, wie ich tauchen möchte in ein anderes Jahrzehnt, eine andere Zeit, in die notorisch-engagierten Siebziger zum Beispiel, die grell geschmacklosen 80er, oder gar die gedankenlosen Neunziger, oder lieber noch früher, die 20er ohne den Krieg danach, in irgendeine Aufbruchstimmung, Offenheit, Unangepasstheit, denn dieses 20Zehner, dieses noch nicht ganz so neue Jahrzehnt, dieses Immerzu-Neusein-Müssen, dieses Kids-Syndrom der verantwortungslosen Frühvergreisung verursacht mir jetzt schon Zahnbelag. Noch hab ich nicht Meeting gesagt, auch noch nicht aktuellst, obwohl ich es ständig höre, und es ist verdammt anstrengend, gegen den Strom zu denken, und ich hoffe, dass ich mich nicht vertippe, und dass mein Herz nicht stehen bleibt vor der Zeit.

IV Berater
Im PR-Geschäft gibt es außer den Textern und Kreativen vor allem Berater. So ein Junior-Berater hat seine Bartstoppeln (oder eine andere aktuelle Variante des gestutzten männlichen Gesichtshaars) auf den Millimeter rasierberechnet, die Haare maximal fluffig seitwärts gegelt, und ich mutmaße: Diese Haare sehen zwar unordentlich aus, werden aber noch am Abend exakt an derselben Stelle liegen wie am Morgen vor dem Spiegel, ähnlich wie einst bei meiner Oma nach ihren Friseurbesuchen alle 14 Tage. So ein Junior sieht zu gut aus, um wahr zu sein, hat ein unablässig strahlendes Lächeln und etwa drei Block-Seminare in Personality belegt: „Strahle wahllos jeden an, als wäre er dein bester Freund. Bedenke immer: Jeder könnte dir nützlich sein. Alles, was du bist, zahlt auf deine Karriere ein.” Jeder Berater zahlt immerzu auf etwas ein, weil er gerade erst sein Studium abgeschlossen hat und es trotzdem nicht peinlich findet, sich „Berater” zu nennen. In dieses Heer der Käuflichen reihe ich mich ein: Wir eiern um die Kunden herum, aus „freier Wirtschaft”, Kultur-”Szene”, Politik, und unsere Kunden eiern mit, bis es matsch macht, bis zum nächsten Berater. Manch ein Senior Berater trägt ein kleines Loch im Ohr (kündend vom einstigen, nunja, Rebellenanspruch), allein gelassen – kein Ohrring ist auch ein Statement. Und „Senior” hat nichts mit Alter, nur mit Geltung (und Geld) zu tun.

V Kunden
Ich beginne zu begreifen, dass meine Rechnung nicht aufgeht: Ich bleibe käuflich, egal welchem „Projekt” , welcher „Agentur” oder welchen Kunden ich meine Arbeit verkaufe. Bin käuflich wie jeder Dienst am Kunden, dessen Willen sich meine Gedanken zu unterwerfen haben, denn in der Freiheit der Gedanken steckt ja schon die große Lüge; Privatleben gibt es kaum für einen Öffentlichkeitsarbeiter. Überall lauert Kommunikation, lauern Gedanken, für die ich nicht bezahlt werde, die meinen Job bedrohen, ihn porös machen, denn was soll man mit einer Käuflichen anfangen, die ständig darüber nachdenkt, ob ihr die Kundenwünsche gut genug sind? Die grundsätzlich an jeder Geschäftsbeziehung zweifelt? So eine lässt man wohl besser an der Straße stehen mit ihren durchlöcherten Strapsen, dem verschmierten Lippenstift.

Sie wollen meinen Output – nicht meine Zweifel. Dass die Fähigkeit zur Kreativität, zur erfinderischen Anverwandlung der Gegenwart auf ein bestimmtes Ausdrucks-Ziel hin sine qua non eine wahrnehmende Person voraussetzt, einen Menschen, der sich in dieser Welt vor-findet und hinterfragt – dieser Widerspruch ist ganz und gar mein Problem.

Wir PR-Leute sind die Geisteigenen, die Leibeigenen der Gegenwart, gut bezahlt, gut gekleidet, immer dezent, zurückhaltend modisch, latent konservativ, in gedeckten Farben lassen wir uns aushalten, denn wir sollen nicht auffallen. Unsere Tätigkeit muss geräuscharm vonstatten gehen. Wir hängen uns leichtgewichtig an die Kunden, begleiten sie, klappen unser Portefeuille auf, bücken uns, um die Informationsbrosamen aufzusammeln, die sie uns scheinbar achtlos hinwerfen, und – Herz! Wie wir drum betteln, dazuzugehören! – Wie aufdringlich wir sind, indem wir eine ganz spezielle, hochmütige Unterwürfigkeit kultivieren, über die wir uns oft genug mit Zynismus hinwegtrösten! Und wie eilfertig wir unsere neueste Ware feilbieten, unsere innovativen Produkte, und dabei über unsern vorauseilenden Gehorsam stolpern, denn am Markt herrscht Gedränge!

VI Dienstleister
Ich hole mir den dritten Verweis, auch wenn das niemand hier so nennen würde, weil wir ja alle ungeheuer frei und gleich sind. Ich bekomme Angst, diesen Job zu verlieren. Es sei nicht meine Aufgabe nachzudenken, wird mir gesagt, und Kritik dem Kunden gegenüber sei grundsätzlich kontraproduktiv (eine Hure schreibt ihrem Freier nun mal nicht vor, wann er zu kommen hat), auch wenn sie nur intern geäußert werde; grundsätzlich dürfe ich schon gar nicht werden (ich weiß schon: mein Hang zum Grundsätzlichen ist ein grundsätzliches Problem). Wir seien Dienstleister, mahnt mich der Geschäftsführer, mein Verhalten zerstöre den Spirit.

Ich frage nicht nach, sondern entschuldige mich artig, weil er natürlich Recht hat, möchte mir gern kindgleich ins Hemd heulen, weil meine grundsätzlichen Probleme so grundsätzlich nicht vorgesehen sind, auch hier nicht, gerade hier nicht, als Texterin. Ich bin ein rostiges Rädchen in dieser PR-Maschine, und die eigentümliche Elite der überinformierten Kommunikatoren, zu der ich schicksalhaft zu gehören scheine, deprimiert mich. Abends flenne ich in die Badewanne und hoffe, dass morgen keiner meinen Heul-Rost in den Augen sieht. „So viel Kommunikation”, jammere ich, während der Schaum in den Ausguss trudelt, „und keiner, mit dem man reden kann”.

VII Frühlingserwachen
Meine Augen fangen an zu jucken, während ich hier tippe. Ich niese. Obwohl immer noch Schneedreck in grauen Haufen auf den Bürgersteigen liegt, kommt der Heuschnupfen früh, und ich schätze, ich muss eines verstehen: Ich bin es, die falsch tickt, nicht die anderen. Eine simple Anpassungsstörung, die man pflegen – oder beheben lassen kann. Ich überlege, ob ich mich schon morgen feuern lassen soll oder erst im nächsten Monat. Aber wenn es keinen Ausweg gibt, soll man tiefer reingehen, heißt es. Also gehe ich tiefer, halte mir die Nase zu, atme durch den Mund, denn im Namen der Allverwert- und Wendbarkeit und des Nirgendwo-Aneckens treibt das dekorative Nichtssagertum, von dem ich lebe, seine sprachzerstörerisch bunten Blüten – und ihr Geruch sticht mir täglich in die Nase als muffig riechende, heiße Luft. Klar: Niemand hat mir einen Rosengarten versprochen, blablabla. Und wer in die Küche geht, sollte sich nicht über die Hitze beschweren. Andererseits: Warum eigentlich nicht? Wofür denn die ganze gute Hitze, wenn man damit – sage und schreibe! – weder etwas Gutes kochen noch essen darf? Wenn alles Sprechen nichts als ein billiges Trostpflaster ist, das ich mir auf den Mund klebe?