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regenwurmliteratur

claudia chibici-revneanu | regenwurmliteratur

Warum die Geschichte des Romans durchaus zum Kotzen verleiten kann

Was wären wir Armen ohne Grenzen, wenn wir uns nicht abgrenzen, andere nicht ausgrenzen und uns selbst nicht so schön begrenzen könnten. In ihrem recht berühmten Buch Pouvoirs de l’horreur, die „Gewalten des Grauens”, schreibt die selbst oft grenzwertige Theoretikerin Julia Kristeva von dem Ausgestoßenem, all dem, was wir grauslich, stinkend, peinlich, grässlich, unvorstellbar, unappetlich, ekelerregned etc. finden. Regenwürmer und Abwaschwasser, Menschen, die nicht aus unserer Alpenrepublik gehüpft kamen und so weiter und so fort. Und sie sagt, die Frau Kristeva, dass wir diese Bilder des „Schrecklichen” brauchen, damit wir wissen, wer wir sind, oder besser gesagt erfinden können, wer wir sein wollen. Weiß gewaschen, reizend, sauber, sündenlos, einheimisch und im Übrigen sowohl dem Regenwurm als auch dem Abwaschwasser völlig wesensfremd.

So wie wir Menschen unsere Grenzen brauchen, so braucht sie auch die Arme, die Literatur, weil sie aus Menschen besteht, geradezu bedrucktes Menschenfleisch ist, wenn wir den Leiden vieler Künstler Glauben schenken wollen. Denn auch in ihr, der hohen, der würdigen, Menschheits-verewigenden und veredelnden Schriftenwelt muss deutlich gemacht werden, was ausgestoßen und grauslich zu sein hat (die liebe Kristeva nennt das natürlich, viel appetitlicher, „abjekt”), und was als frisch geputzt, reizend, ja sogar – das höchste Lob der sauberen Kunst – als genieartig gilt.

Als der Roman entstanden ist, und alle sagen, dass er wo anders entstanden ist, die Spanier in Spanien (mit ihrem Don Quixote) und die grenzwertigen Japaner in Japan (mit der lieben Murasaki Shikibu und ihren Geschichten des Prinzen Genji), aber ist ja egal, sagen wir, es war in England, weil dort zumindest in kurzer Zeit, um das 18. Jahrhundert, so viele Romane entstanden sind und die dann überhaupt nicht mehr aufgehört haben, zu entstehen, also: Als der Roman verstanden hat, dass wir ihn entstanden haben wollten, da war er selbst – dieses nun so geliebte Wesen der Buchläden, Filmemacher („nach einem Roman von, blablabla...”), Lerner und Leser – gar nicht so geliebt, sondern eher peinlich, ein bisschen grauslich und stinkend, sagen wir also „abjekt”, im Vergleich zu der hochverehrten Dichtung und dem Drama obendrein. Ja, der Roman war durch und durch aussperrwürdig, heimlich und undenkbar, war er denn nicht nur in unverschämter, oft „ungebildeter Prosa” geschrieben, sondern in seinem Inhalt, beinahe so, als sähe man den Politikern beim (nackt mit und über andere) Purzeln und den Putzfrauen beim Putzen zu!

In Regenwümer beißen
Natürlich heißt das nicht, dass ihn alle gehasst haben. Niemand hasst das Ausgegrenzte wirklich, ganz im Gegenteil. Kinder beißen in Regenwürmer und Hausmänner schnüffeln verzückt am Abwaschwasser. Ja, im Gegenteil, und das weiß die Kristeva auch, was wir als unsauber denken und wegschieben wollen, das laden wir schnell noch mit unseren tiefsten Wünschen und Phantasien voll. Das riecht dann alles heimlich nach SEX und fett-triefendem Fleisch und schlecht beleuchteten Puffs und Reisen durch die exotisch leuchtende Welt und dem seinerseits nach Abwaschwasser miefendem Unterbewusstsein.

Also, was ich eigentlich damit sagen will, ist das: Wenn der Roman an seinem möglichen Anfang, damals im nebligen England und selbst wohl recht übel riechendem London ein biss­­­chen verachtet und – ausgegrenzt – war, dann war er das auch mit Begeisterung, ekelerregendem Ruhm und Verzückung. („Ja darf man das denn? Den Politikern beim Purzeln, den Putzfrauen beim Putzen zuschauen?”)

Das heißt, viele Leser lasen dieses durch und durch grenzwertige Geplauder oft – und auch noch, ehrlich gesagt, gerne. Und gleichzeitig war dieser Prosa-Mist abscheulich genug, dass etwas ganz Seltsames geschah. Die Ausgegrenzten selbst, die eigentlich keine Literatur und idealerweise nicht einmal ihren eigenen Namen schreiben sollten und die der kluge Aristoteles, den wir ja alle noch verehren und äußerst sauber und denkbar finden, als per Definition dem Manne unterlegen erklärte, die FRAUEN also, krochen aus ihren Kämmerchen oder blieben in ihren Kämmerchen und klauten sich einen Stift und ein Heft und fingen in diesem Regenwurm-Genre zu wurmen an. Zu schreiben. Ja.

Und so schrieben sie, wild und schön und gut noch dazu, in der Mitte von all dieser Schrecklichkeit. Da war sie, Ende des 17. Jahrhunderts, die ehemalige Spionin, angebliche Bettgefährtin von Charles II., Aphra Behn, mit ihrem ersten englischen Briefroman, Love Letters Between a Nobleman and His Sister und ihrer Romananklage gegen Sklaverei, Oroonoko. Oder, ein wenig später, die liebe Delarivier Manley, die es tatsächlich in dem Roman New Atalantis wagte, Politikern beim Purzeln zuzuschauen (und dann später, in Adventures of Rivella, einer grauslichen Frau beim grauslichen Schreiben, sich selbst). Und dann war da natürlich, fast gleichzeitig wie Manley, eine, die ich besonders gern mag und die Eliza und Haywood hieß und selbst eine schöne Romanfigur wäre, wie sie da, mit ihren zwei unehelichen Kindern kritzelt und formt und verfasst und – wie Behn und Manley und so weiter und so fort – so gut noch dazu, innerhalb (das versteht sich) so viel undenkbarer Unappetitlichkeit.

Besonders viel über Sex
Außerdem schrieb sie ganz besonders viel über Sex, aus einer Sicht, die eher den Phantasien von Frauen entsprach, was nun wirklich ganz unsagbar Regenwurm-artig ist. In ihrem ersten Roman, Love in Excess, zu viel Liebe, ja, da erzählt sie von dem wunderschönen Count D’Elmont, der so ziemlich über alles purzelt, was ihm über den Weg läuft (oder wohl besser gesagt, stöckelt), bis er von seiner wahren Liebe bekehrt wird (seufz). Und in dem kurzen Roman Fantomina geht es um eine junge Frau, die endlich eine Lösung für die ständig nach Veränderung gierende Lüsternheit der Männer findet: Sie spielt fröhlich schau und verführt den von ihr verehrten Jüngling immer wieder aufs Neue, als willige Witwe, Dienstmädchen, Versehentlich-Nutte und so weiter – ohne dass der Arme es merkt, weil er nicht nur eingegrenzt, sondern auch ein biss­chen begrenzt zu sein scheint. Und die Moral von der Geschicht’? Gibt es nicht. Sie kriegt ein Kind und geht ins Kloster, aber mit der Andeutung, dass es dort durchaus so lustig weitergeht.

Also. Literatur. Literatur? Wundervoll. Schrecklich. Abwaschwasserfrauen schreiben über Abwaschwassergelüste, gelesen von abwaschwassersüchtigen Abwaschwasserfrauen selbst und noch dazu in großer Zahl.

Saubere Studien
Denn das geben auch die großen, vor Sauberkeit strotzenden Studien zu, die sich mit dieser blutig-ekligen Romangeburt auseinander setzen, dass nämlich die weiblichen Leserinnen, peinlicherweise, besonders vielzahlig waren zu dieser Zeit. Und nicht nur das. Wer glaubt unsere lieben drei Damen, Behn, Manley und die lustig und lüs­tige Haywood seien eine Ausnahme gewesen, eine Bestätigung irgendeiner sonst männlichen Regel, der hat sich geirrt. Denn tatsächlich, das muss man heimlich gestehen, wurde der Großteil aller Romane zu dieser Zeit aus ihren Stiften gezogen.

Das fing dann, irgendwann, wie könnte es auch anders sein, die Sauberen, Richtigen, Eingegrenzten, Normalen – das heißt, die Männer – zu wurmen an. Da waren sie, die Richardsons und Popes und Godwins (und wie sie nicht alle hießen) und meinten, die Frauen hätten jetzt lange genug kritzelnd zur Unappetlichlikcheit der Kultur beigetragen.

Man möchte meinen, die Tatsache, dass diese schreibenden Tanten auch noch viel (grausliches, stinkendes) Geld mit dem Insektengenre machten, trug dazu bei. Ebenso wie die unakzeptable Neigung der Schrift(ent)stellerinnen, ihre weiblichen Phantasien zu verbreiten, was bestimmt früher oder später dazu führen hätte können, dass die Literateninsel sich unwiederbringlich in eine bevölkerte Östrogenkloake verwandelte.

Einer der ersten, der zerschlug – oder besser gesagt den Weibern mit seiner Tintenwaffe metaphorsich über den Schädel fegte (was oft bleibende Flecken macht) – war tatsächlich der anerkannte Dichter Alexander Pope. Ja, und der ärgerte sich scheinbar so, zum Beispiel über unsere liebe Eliza – die auch noch dazu die unerhörte Frechheit besaß, wie er schon sehr jung ihre „Werke” (sowas wie gefeierte „Best Of CDs” für Schriftler zu diesen Zeiten) zu veröffentlichen – dass er sie als kuhartige Figur in seinem hochangesehenen Werke The Dunciad literarisch als ersten Preis für einen Pisswettbewerb, ja, Pisswettbewerb, verscherbelt. Ja! Seht sie, die liebe Eliza, fett und grauslich, in den Worten des ehrenwerten Dichters: „Juno of majestic size, With cow-like-udders, and with ox-like eyes”. (Das will ich gar nicht übersetzen, versteht man ja). Und so wurde die Schriftstellerin, die dann komischerweise jahrelang fast nichts mehr schrieb, brav und tüchtig, wie es sich gehört, ins Ausgegrenzte befördert. Tiefer ins Abwaschwasser hinein, zu den Regenwürmern, für alle Ewigkeit mit Uringeruch assoziiert. Grauslichkeit, wem Grauslichkeit gebührt.

Sperma-Schutzpatron
Und so ging es dann weiter. Dann kam der große Samuel Richardson, den wir jetzt als einen der ehrenwürdigen Väter des Romans entwurmen. Und man munkelt, er habe in einem Vorwort für eine andere Schriftstellerin, Penelope Aubin, geschrieben, dass sie, als angebliche Verfasserin einer Art hochmoralischen Reinheitspropaganda, doch wirklich wesentlich lobenswerter war, als diese ungenannten, schmutzig-erfolgreichen Romantanten, die, schreck­licherweise, dem Genre seinen schrecklichen Namen gaben („brought a Disreputation on the very name”), weil sie so ganz und gar keine eingrenzbare Reinheit, keine „Purity of Style and Manner”, besaßen und, im Übrigen, wie „fallen angels”, geplumpst-gefallene Engel waren. Die Plumpsengel! Was für eine hübsche Art, Autorinnen wie Behn, Manley und Haywood auch noch versehentlich mit dem König der Ekelwelt selbst, dem Augegrenzt-Preis-Gewinner, dem Teufel zu assoziieren! Und so hilft unser Samuel, ein Jahr bevor er seinen eigenen Roman Pamela auf den Markt wirft (und zu dem kommen wir noch), bei dem wachsenden Projekt, die drei schreibenden Damen (und andere) mit ihren Sklaverei-, Skandal- und Sexgeschichten zu der Antidefinition der Romandefinition zu machen. Zu dem Abschaum, der schäumen muss, damit die Großen wie Pope und Richardson selbst, die dann bald „Genie” genannt werden (was bei den potenten Römern der Geist der Männlichkeit war, so eine Art heidnischer Sperma-Schutzpatron), besonders glänzend glänzen können. Und damit sich die anderen Weiber fürchten und ab jetzt damenhafter oder am besten überhaupt nicht mehr schreiben.

Reinheitsschicksal
Irgendwann kommt dann noch, neben vielen anderen, der hoch verehrte Herr Godwin, William Godwin, Mann der Oberemanze Mary Wollstonecraft und Vater der Monsterliteratin Mary Shelley. Und wir wissen nicht, ob er von seinen Frauen zu Hause genug hatte oder ehrlich um das Reinheitsschicksal des Romans besorgt war, aber jedenfalls beschloss er, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, dieses arme Genre jetzt ein für alle Mal von seinen Regenwurm-Assoziationen zu befreien. Und so erklärte er in seinem Text Of History and Romance, womit er angeblich Geschichtsschreibung und Romane meint, mehr oder weniger direkt, dass letzterer doch so viel würdiger und gänzlich als Hochkultur eingrenzbar wäre, wenn man nur von diesen „women”-Weibern abschauen würde, diesem „scum” und „trash”, mit dem sie dem potentiell schönen Roman seinen unschönen Namen gegeben haben. Ja! Die Augen der Frau Kristeva leuchteten bestimmt auf – sollte sie sich jemals mit dem Herrn Godwin beschäftigt haben – als sie in seinen Werken so viele hübsche Beweise für ihre Ausgrenzungstheorie fand! Schickt der Philosoph und Schriftsteller unsere Schrifstellerinnen doch ganz ohne delikate Satzspiele und Scherzchen direkt in den wortwörtlichen Abschaum und Abfall hinein. Ab in den trash! (Was natürlich immer noch, so ein Zufall, synonym ist mit „Schundliteratur”.)

Aus dem Trash-chen
So gelang es also allmählich den Herren der (eingegrenzten) Schöpfung, den Roman aus dem weiblichen Trash-chen in ihr eigenes Täschchen zu ziehen. Ja, die Sauberen vollzogen erfolgreich das Werk, das zweifelsohne aus ihrem unsauberen Unterbewusstsein entsprungen war, die Kritzeltanten in Kristevas philosophischen Mistkorb zu verbannen, wo sie ja bis heute im Allgemeinen verblieben sind, die Weiber, die immer noch solchen Müll produzieren wie Geschichten von Zauberkindern, Vampirmädchen und Frauen, die Babies kriegen, ohne sie dann gleich, wie in angeseheneren Werken, literarisch zu zerkauen.

Und die Ausnahmen, bzw. Einnahmen? Die versehentlich eingegrenzten Schreiberinnen? Ja, das ist eine lange Geschichte und die sollen sie am bes­ten gleich alle selbst erzählen. Ich will nur eine aus dem kleinen weiblichen Chlorteich fischen, Jane Austen, weil sie dann gleich nach all den oben genannten Gesellen und Gesellinnen in die Menschheitsgeschichte taumelt und weil sie schön schreibt und fast alle finden, dass sie schön schreibt, ihre Romane aber gleichzeitig fast so sind, als hätte sie die Jungfrau Maria persönlich verfasst, weil die liebe Jane unverheiratet war und ihre Hauptdarstellerinnen eigentlich nichts lieber wollen, als möglist schnell unter die Haube zu kommen.

Aber ansonsten schrieben jetzt immer mehr Männer an diesen neuen, anerkannten und frisch geputzten Romanen, von Frauen, von Nutten oder moralischen Putztauben, wie Richardsons Hauptdarstellerin in Pamela, die an nichts so sehr wie an ihrer wunderschönen ‘virtue’, ihrer leuchtenden Jungfräulichkeit hängt.

Ein bisschen langweilig beim Lesen. Aber das macht ja nichts. Das grenzt an einen neuen Wert! Der Roman. So unstinkend wert-voll.

Da kann man was lernen, dabei.