schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

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Rezensionen der Ausgabe 20 - grenzwertig

die kunst des furzens

Über die Peristaltik des Serge Gainsbourg

Serge Gainsbourg: Das heroische Leben des Evgenij Sokolov. Roman. Aus dem Französischen von Hartmut Zahn.

Das ist wieder einmal typisch und man kennt es von diversen Filmen, denen vom deutschen Verleih oft sehr blumige Titel verliehen werden. Denn im französischen Original heißt dieses Buch schlicht Evguénie Sokolov, erschienen ist es 1980, im selben Jahr, als der Chansonnier, Komponist, Filmemacher und Hansdampf in allen Gassen der Provokation Serge Gainsbourg unter anderem seine Landsleute mit einer Reggae-Version der dortzulande bis heute s... lesen


das ego streicheln

Wie einer auszog, das Dienstleisten zu lernen

Clemens Berger: Das Streichelinstitut. Roman.

Der Wiener Autor Clemens Berger, Jahrgang 1979, hat ein witziges Buch geschrieben über einen Typen, der die zündende Geschäftsidee hat, Streicheleinheiten anzubieten. Es geht nicht um Massage und schon gar nicht unter der Gürtellinie, nein, im Streichelinstitut in der Wiener Mondscheingasse können sich Leute das holen, was ihnen in unseren postmodernen Zeiten fehlt: Berührung. Severin Horvath lautet der Künstlername, den sich der verb... lesen


die aufschneiderin

Kein beruhigendes Meeresrauschen, keine sanfte Brise und kein Land in Sicht

Bettina Baláka: Auf offenem Meer. Erzählungen.

„Bisweilen erschien es mir merkwürdig, Menschen so anzuschauen wie Schmetterlinge, die hinter einer Glasscheibe aufgespießt sind. Man betrachtete sie mit Interesse, manchmal sogar mit Bedauern, und dann ging man wieder fort, vergaß sie und kümmerte sich um sich selbst.“ Mit der Herangehensweise einer Pathologin nähert sich Bettina Baláka in ihrem Erzählband Auf offenem Meer der menschlichen Fehlbarkeit und variiert das Motiv des... lesen


netzwerke für anfänger

Ein Hybridroman schildert die Systemtheorie für Dummies

Barbara Fink, Thomas Friedschröder: Nebel wurde die Silhouette eines mittelprächtigen Hauses sichtbar. Ein Roman für Denker!

Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Tornado auf der anderen Seite der Welt auslösen und ein zertrümmerter Scheinwerfer in Schottland kann am Anfang einer Veröffentlichung in der letzten Bereicherung der Grazer Verlagslandschaft stehen. Der Unternehmensberater Thomas Friedschröder und die Literaturwissenschaftlerin Barbara Fink versuchen in ihrem Roman Im Nebel wurde die Silhouette eines mittelprächtigen Hauses sichtbar die... lesen


postkartenblau für alle fälle

Brigitte Schwaner improvisiert in Prosa

Birgit Schwaner: Held. Lady. Mops – Improvisation.

Es sollte bekannt sein, dass es nicht genügt, von Meer und Möwen zu reden, um dieses spezielle Reiseimpressionenparfum zu versprudeln. Man fängt besser damit an, von einer Reling zu sprechen, einem Wort, welches das Zwischen fixiert, stählernes Changieren. So erzeugt man, darüber hinwegturnend, ordentliches Postkartenblau, darin die Reise sich unter leichtem Kleid rüschen kann. Die Reling, „festgeschraubt unter den Handflächen... lesen


trauer auf der weide

Josh Weil: Herdentiere. Eine amerikanische Novelle. Deutsch von Stephan Kleiner.

Was wurde eigentlich aus der Fernsehfamilie The Waltons, diesem Inbegriff des optimistischen, geschnäuzten, mit Weißem Riesen weißer als weiß gewaschenen puritanischen Amerikanertums, wo Familienwerte noch hochgehalten werden? Die Farm der Waltons stand in den Blue Ridge Mountains, einer Berglandschaft in Virginia im Osten der USA. Wenn jemand eine Fortsetzung der Waltons geschrieben hat, dann ist es vielleicht Josh Weil, Jahrgang 1976, d... lesen


ficken am friedhof

Carl Weissner: Manhattan Muffdiver. Roman.

Gänzlich anders gestrickt als Josh Weils Herdentiere und doch auch zutiefst amerikanisch ist Carl Weissners Text Manhattan Muffdiver, der in E-Mail-Form Beobachtungen, Reflexionen und Fantasien von einem mehrwöchigen New-York-Aufenthalt umfasst. Bevor man über den Text redet, muss man bei Weissner vom Autor reden, denn der 1940 in Karlsruhe geborene Deutsche ist nicht irgendwer, sondern Übersetzer, Freund und Europa-Agent amerikanischer... lesen


farbloser musterschüler

Björn Kern: Das erotische Talent meines Vaters. Roman

Der deutsche Autor Björn Kern, Jahrgang 1978, wirft in seinem Roman Das erotische Talent meines Vaters ein kritisches Streiflicht auf die Alt-68er aus der Sicht ihrer Kinder. Die Story: Der Behindertenbetreuer Philip, keine 25 Jahre alt, besucht seinen Vater Jakob in dessen Villa am Bodensee. Jakob war einst Berater in der deutschen Autoindustrie und hatte als solcher schon früh die Nachhaltigkeit gepredigt. Jetzt ist er auftragslos und ges... lesen


das davor und dahinter des sandsacks

Philipp Hagers Hunger nach Worten

Philipp Hager: Am Sandsack. Lyrik.

Nach seinem Debütroman „Das Spektrum des Grashalms“ legt Philipp Hager mit „Am Sandsack“ nun im oberösterreichischen Kleinverlag Arovell einen Lyrikband vor. Knapp hundert Seiten Gedichte in freien Rhythmen, oft mehrseitig angelegt. Wie in seinem Prosaerstling schöpft der 1982 in Niederösterreich geborene Autor gern aus eigenen Erlebnissen, macht persönliche Erfahrungen zum Thema und transformiert diese literarisch zu allgemein Gül... lesen


die arbeitssammler von heute

Über die Verschiebungen des Arbeitsbegriffes

Peter Plöger: Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten. Viel gelernt und nichts gewonnen? Das Paradox der neuen Arbeitswelt

Für die Eltern- und Großelterngenerationen hieß es: „Leben, um zu arbeiten“. Diejenigen, die sich bewusst gegen diese Maxime entschieden, formulierten: „Arbeiten, um zu leben.“ Die „Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten“, um die es in dem gleichnamigen Sachbuch von Peter Plöger geht, würden weder den einen noch den anderen Satz unterschreiben. Für sie, so der Autor, „läuft das Leben, und die Arbeit läuft mit.“ Als... lesen


im kreis gehen

Ein Buch als Antithese zur aufklärerischen Reiseliteratur

Petra Nachbaur: Vagabonda. Eine Frau und ihr Pony unterwegs durch Europa.

Die 1967 in Begrenz geborene Germanistin Petra Nachbaur ist treuen Standard-Lesern vielleicht noch als Rezensentin in Erinnerung, die vor rund zehn Jahren etliche hervorragend geschriebene Kritiken zu den sperrigsten Elaboraten der österreichischen Gegenwartsliteratur publizierte. Dann stieg sie um auf Performances und Theaterarbeiten in der freien Szene und wurde eines Tages im November 2006 – sie hatte in Graz an einer Inszenierung zum T... lesen