schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 20 - grenzwertig trauer auf der weide
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/20-grenzwertig/zwischen-amerika-und-hippieland

trauer auf der weide


Josh Weil: Herdentiere. Eine amerikanische Novelle. Deutsch von Stephan Kleiner.

trauer auf der weide

Köln: DuMont Buchverlag 2010

Rezensiert von: werner schandor


Was wurde eigentlich aus der Fernsehfamilie The Waltons, diesem Inbegriff des optimistischen, geschnäuzten, mit Weißem Riesen weißer als weiß gewaschenen puritanischen Amerikanertums, wo Familienwerte noch hochgehalten werden? Die Farm der Waltons stand in den Blue Ridge Mountains, einer Berglandschaft in Virginia im Osten der USA. Wenn jemand eine Fortsetzung der Waltons geschrieben hat, dann ist es vielleicht Josh Weil, Jahrgang 1976, der aus derselben Gegend stammt und der 2009 eine Novellensammlung mit dem Titel The New Valley vorlegte. Eine der drei Geschichten wurde ins Deutsche übersetzt und im Frühjahr 2010 vom DuMont-Verlag unter dem Titel Herdentiere veröffentlicht. Die Familienidylle a la Waltons ist darin gründlich zerbröselt; statt Harmonie und Lebensfreude herrschen Einsamkeit und unterdrückte Trauer. In der Hauptrolle: Der Rinderzüchter Osby, ein Einzelgänger, der, nachdem sein alter Herr sich ohne Vorwarnung den Kopf weggeschossen hat, gänzlich allein in der Welt dasteht. Er und seine fünf Herden Rinder.

Osby wird schmerzhaft bewusst, dass ihn mit den Menschen in seinem Dorf eigentlich nichts verbindet. Selbst sein alter Schulfreund, der in der Gegend die Kinder mit dem Schulbus einsammelt, will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Lediglich die geschiedene Debbie, die im Greißlerladen an der Kasse sitzt, ist nett zum Viehzüchtersohn, der sich mit Rindern weit besser auskennt als mit Menschen: Als eines Tages einer der jungen Stiere auf einer Weide mit Schaum vorm Maul auf der Weide liegt, weiß Osby genau, was zu tun ist – ganz im Gegensatz zu sich selbst und seiner Einsamkeit, der er nicht Herr zu werden scheint.

Eine amerikanische Novelle hat der DuMont-Verlag Josh Weils Geschichte kokett untertitelt. Tatsächlich ist Herdentiere beides: Formal eine Novelle mit einsträngiger Erzählung, Dingsymbol (der junge Stier) und allem Drum und Dran, und auf der Inhaltsebene zeigt die Geschichte die Tragödie der amerikanischen Moderne samt ihren zerbröselten Sozialbindungen auf. Kurzum: Josh Weil legt mit Herdentiere ein stilles, formvollendetes Porträt eines Verlassenen vor. Schade, dass der Verlag nicht auch die zwei anderen Novellen aus Weils mit Preisen bedachtem Prosa-Erstling The New Valley übersetzen ließ.