schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 21 - selbstgemacht ach – das bin ich doch selbst
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/21-selbstgemacht/ach-2013-das-bin-ich-doch-selbst

ach – das bin ich doch selbst

evelyn peternel | ach – das bin ich doch selbst

Wie das Facebook-Universum unser Leben beeinflusst

Krummnasen, Untersetzte und Breitbehüftete haben eines gemein: Sie müssen mit ihrem Makel leben. Sofern sie es nicht wagen, sich auf den Operationstisch zu legen, ist der ihnen von der Gesellschaft attestierte körperliche Defekt immer präsent und auch mit großen Ablenkungsmanövern nicht wegzubekommen – eine krumme Nase sieht man auch, wenn man sie mit einem falschen Bart zu verdecken versucht.

Mit der Erfindung des Internets haben sich diesen Gepeinigten aber neue Möglichkeiten eröffnet: Ab sofort wird das Bild nach außen revidiert; der Auftritt liegt nicht mehr in den Genen, sondern in der eigenen Hand. Internetportale zur schonungslosen Selbstdarstellung geben jenen, die glauben, sich optisch am unteren Rand der Zivilisation zu bewegen, endlich eine Bühne: Schummeln, was geht, lautet die Devise – so scheint es zumindest.

Die virtuelle Persönlichkeitsbildung beginnt zunächst beim Offensichtlichsten: beim Bild seiner selbst. Geht man weg von Flirtbörsen, bei denen das Schummeln am eigenen Foto so dazugehört wie die falsche Nase zum Fasching, und bewegt sich hin zu breiter akzeptierten Portalen wie etwa Facebook, so weitet sich das Spektrum aus: Da geht es nicht mehr nur darum, möglichst mit Waschbrettbauch am Profilfoto aufzutreten, obwohl man ein bierlastiges Ungetüm vor sich herträgt, sondern auch um die Vermittlung von Werten und Einstellungen. Abbildungen von Comic-Helden aus der eigenen Jugendzeit werden statt des echten Profilbilds bemüht, genauso wie Plattencover, stilvolle und urheberrechtlich geschützte Fotografie oder einfach nur ein schwarzer Farbklecks – Understatement gehört zum guten Ton. Zur von Facebook zur „Celebrity Doppelganger Week“ ausgerufenen Woche wird das eigene Bild dann gegen das eines prominenten Gesichts getauscht – einer Person, der man glaubt, ähnlich zu sein, mittels derer aber natürlich auch gewisse Einstellungen vermittelt werden. Denn: Jeder, der etwas auf seinen Intellekt hält, sieht doch lieber Woody Allen oder Götz Alsmann ähnlich als Josh Hartnett mit Hornbrille. Das eigene Bild tritt somit in den Hintergrund, das gewollte und beim Betrachter zu erzeugende Bild wird mit subtiler Information gefüttert; passend zum von den anderen vermeintlich erwünschten kulturellen Hintergrund der jeweiligen Person.

Doch nicht nur die Werte-Retusche am Foto, auch die Informationen über die eigene Person passen sich dem Schema „Ich bin, was ich sein will“ an: Die angegebenen Vorlieben orientieren sich am jeweiligen Intellektstatus, den man gerne vermitteln möchte – egal, ob man tatsächlich Jean Michel Jarre hört oder doch lieber seichtere Schrumm-Schrumm-Gefilde aufsucht; egal, ob man die auf seiner Page zitierten Diedrich-Diederichsen-Sager tatsächlich aus Interesse nachgelesen hat oder per Zufall darüber gestolpert ist. Ähnlich, wie iPod-Playlists bei vielen Musikliebhabern aus unzähligen Nummern bestehen, die sie einfach aus dem Netz geladen haben, deren Titel sie aber teilweise nicht mal aussprechen könnten, wird hier mit geliehener Information geprahlt: Gottlob gibt es das Internet, das jedwede Basisinformation auf Knopfdruck bereitstellt – und das auch noch anonym, ohne dass sich der Nutzer bei anderen lächerlich machen müsste, um zu erfragen, wieso zum Teufel noch mal er jetzt Bands wie Animal Collective oder Bücher von Viktor Erofeev gut finden solle. Das virtuelle Spiegelbild wird so mit einem wunderbaren Film überzogen, der alles behübscht und vor allem ein wenig intelligenter erscheinen lässt; aufzupassen gilt es nur, dass der glänzende Film nicht zur vergilbten Patina verkommt – das Profil will gehegt und gepflegt werden, auf dass auch jeder, der darauf schaut, den richtigen Eindruck bekomme.

Irgendwann hat der treue Facebook-Nutzer den Bogen raus – und mischt sich unter die illustre Riege derer, die es ihm vorgemacht haben. Dann beginnt ein nettes Ringel-Reihe-Spiel: Statusmeldungen, die nicht mehr auf persönlichen Befindlichkeiten basieren, sondern auf aktuellen Ereignissen, werden gepostet; die politisch wie auch immer orientierte Wertung inklusive. Lieder werden verlinkt, die man gut findet, weil die Community das ja auch so sieht; und die reagiert meist prompt: Da wird dann zurückgepostet, was das Zeug hält, ein Kommentar intellektueller als der andere, natürlich als Referenz auf den Rest und die Welt. Nicht als Reverenz an etwas oder jemanden, versteht sich. Das Gute dabei: Die Schläue, die hier demonstriert wird, ist stichhaltig – denn man unterliegt ja nicht den Mechanismen eines realen Diskurses, bei dem sich Unsicherheiten und Unwissenheit nur schlecht verbergen lassen. Man verbirgt sich hinter der Facebook-Wall, die es erlaubt, zwischen Posting eins und Posting zwei schnell Google oder Wikipedia zu befragen.

Irgendwann muss sich dann aber doch der traurige Zustand einstellen, dass der Facebook-Nutzer auf der Straße nicht mehr zu erkennen ist, weil das Bild, das er von sich selbst entworfen hat, bereits verzerrt ist – und dass auch nicht mehr mit ihm zu reden ist, da er diesem Bild doch so gar mehr entspricht. Dann ist es passiert: Man genügt seinem eigenen Facebook-Profil nicht mehr. Au weh.

Doch so weit muss es gar nicht kommen. Denn auch im Umkehrschluss passt sich die virtuelle Welt der Selbstdarstellung durchaus wiederum dem an, was man gern in sich selbst sehen möchte – und dies lässt sich sogar untermauern: Im wissenschaftlichen Diskurs existieren zwei Thesen, die sich dem Bild widmen, das über Netzwerke wie Facebook, Myspace und Konsorten vermittelt wird – zum einen die „Idealized virtual-identity hypothesis“, zum anderen die ihr gegenübergestellte „Extended real-life hypothesis“. Erstere besagt, im virtuellen Netzwerk werde ein Bild dargestellt, das – wie der Name bereits sagt – einem idealisierten Ich entspricht; zweitere, dass das Bild ausschließlich ein erweitertes Ego im Netz darstellt.

Die eine These, belegt durch eine 2008 durchgeführte Studie der University of California, L. A., führt ins Feld, wovon viele ausgehen: Dass soziale Netzwerke als Selbstdarsteller-Werkzeuge fungieren würden – festgemacht an der qualitativen Analyse von Kommunikationsprozessen und den daraus resultierenden Identitätskonstruktionen. Exemplarisch belegt wird dies etwa durch eine selektive Zurschaustellung privater Fotos – sichtbar wären hauptsächlich jene, auf denen der Nutzer in gutem Licht zu sehen sei. Zu erwartende Häme und Kritik anderer, kommentierender Nutzer würden den Druck, ein im Wortsinn schönes Bild seiner Selbst zur Schau zur stellen, noch weiter erhöhen – gerade weil es sich bei diesen um Altersgenossen, Gleichrangige und Ebenbürtige handle.

Die widersprechende Studie, durchgeführt von den Universitäten Mainz und Austin, Texas, führt an, dass das Bild seiner selbst durchaus jenem entspricht, das man auch in der Realität bei seinem Gegenüber erweckt – gemessen an 236 US-amerikanischen und deutschen Probanden. Die Begründung der Studienautoren für das Ergebnis der Befragung: Der avancierte Facebook-Nutzer sei ohnehin nur mit Menschen in Verbindung, die ihn realiter auch kennen; Verstellung sei demnach nicht nötig. Dazu käme, dass die Privatsphäre-Einstellungen des Netzwerks den Nutzer in derartiger Sicherheit wögen, die Ehrlichkeit mit sich bringe.

Doch könnte es nicht sein, dass die Wahrheit – in diesem Fall vielleicht die Quasi-Wahrheit – eine Synthese aus beidem darstellt? Denn zum einen bedingt der versierte Umgang mit sozialen Netzwerken anfangs sicherlich nur kleine Retuschen; ein Orientieren an anderen, ebenso nicht hundertprozentig der Wahrheit entsprechenden Bildern. Je weiter man dies ausübt, desto geschickter wird man im Maskieren der eigenen Identität – und im besten Fall eignet man sich dadurch durchaus soziale Mechanismen und kulturelle Techniken an, die auch im realen Leben zur Schau getragen werden – was wiederum zu einer Lackierung der Wirklichkeit führt. Und so entsteht nicht nur im Facebook-Universum ein sich ewig drehendes Rad des Vorgaukelns, dies setzt sich vielmehr auch im realen Diskurs fort – indem man sich auch abseits des Virtuellen stets an dem orientiert, was das Gegenüber mitunter gepostet, „geliked“ oder kommentiert hat. Und das stets in einem natürlich positiven Kontext: Denn Negatives – außer verpackt in Kritik an anderen Realitäten – lässt sich kaum in virtuellen Netzwerken finden; symbolisch wunderbar zur Schau getragen durch den „Like“-Button des Netzwerks Facebook, dessen Konterpart – der „Dislike“-Button – noch immer auf seine Umsetzung wartet. Offenkundig wird dieser Mangel an Realitätsverbundenheit etwa, wenn Nutzer A beispielsweise den Tod eines bekannten Schauspielers, Literaten oder sonstigen Role-Models öffentlich moniert – hier bleibt es Nutzer B nur übrig, das Geschriebene zu kommentieren; es zu „liken“, hätte wohl etwas Makaberes an sich. So erhöht sich der Drang, Dinge zu mögen, im Kleinen – im Großen hat dies dann sichtbare Folgen: Der Großteil der Posts, die einem auf seiner eigenen Mainpage dargeboten werden, handeln von den positiv besetzten Ausschnitten der Realität; eine Gute-Laune-Welt mehr oder minder. Und das ist, kaum verwunderlich, auch im Sinne des Erfinders: Kampagnen zur Implementierung eines Dislike-Buttons wurden ganz offiziell abgelehnt – mit der Begründung, positive Meldungen würden besser zum Unternehmen passen. Seine absurde Fortsetzung findet die Heiterkeits-Manie im „Facebook Gross National Happiness Index“, der Statusmeldung auf ihren positiven oder negativen Inhalt hin analysiert und auswirft, wie glücklich etwa die österreichischen Facebook-Nutzer denn seien. Die herauszulesende Aussage, beispielhaft im Oktober: Montags ist die Nation am wenigsten topp-gelaunt.

Doch alles vermeintlich Gute hat auch etwas Schlechtes. Und hier muss es so sein: Denn irgendein Prozess muss offenbar in Gang gesetzt worden sein, der eine Vielzahl an Menschen, die sich des Internets bemächtigen, zu solchen Schritten bewegt. Natürlich, es entspricht dem menschlichen Wesen – und vor allem dem menschlichen Makel –, sich selbst besser zu machen, als man ist; und auch, sich mehrheitlich mit positiven Umständen konfrontiert sehen zu wollen. Manch einer erlernt das geschickt im persönlichen Umgang mit anderen, viele andere weichen auf den einfacheren Weg per Facebook aus.

Doch passiert hier nicht die Perversion dessen, was sich die postmoderne Gesellschaft auf die Fahnen heftet? Hier handelt es sich nicht um die Fragmentierung und Zerschlagung der großen Strukturen, nicht um die Auflehnung gegen das Kollektiv, nicht um die Unterminierung gesellschaftlich akzeptierter Strömungen, sondern um das exakte Gegenteil – die Orientierung am Kollektiv, am gesellschaftlich Geforderten, am vielzitierten Mainstream wird mitgetragen, Subversives nur dann zugelassen, wenn es dem eigenen kulturellen Umfeld entspricht. Tatsächlich kritische Positionen verschwinden hinter Postings mit kritischem Anstrich; der „Like“-Button tut sein übriges dazu.

Und so erweist es sich auch bei den Mitteln dieses Entsprechens: Die Facebook-Welt orientiert sich zwar am postmodernen Postulat des Zitats, interpretiert es aber nie neu, sondern pervertiert es – indem sie ständig nur auf sich selbst referiert und nur das zitiert, was der kollektiven Facebook-Welt entspricht. Und so entspricht auch der Facebook-Nutzer – jedoch nur dem, was die scheinbare Welt von ihm verlangt. Damit wird ein System generiert, in dem die positive Welt der sogenannten Yes-Men Regie führt: Der Nutzer orientiert sich am System, nicht das System am Nutzer; und in weiterer Folge entspricht der eine angepasste Nutzer auch dem anderen. Ein schöner Kreislauf also: Das sich nach außen hin offen gebende System verschließt sich im eigenen, abgeschlossenen Kontext – und bejaht sich somit ständig selbst. Oder, um es im passenden Jargon auszudrücken: Es „liked“ sich ständig selbst.