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ärgerhaut

katharina seidlitz | ärgerhaut

Es gibt angenehme und unangenehme Wunschvorstellungen. Es gibt solche, in denen ich das Nachbarskind davor rette, von einem Laster überfahren zu werden, schwer atmend, doch mit unfehlbarem Instinkt. In anderen spiele ich auf einem grünen Rasen mit meinen zwölf Kindern und dem Hund, während eine Haushaltshilfe wie ein Engel pausenlos Limonade und Kekse herumreicht.

Manchmal schiebe ich, vor mich hinmurmelnd, eingewickelt in lumpige Fetzen, einen Kinderwagen mit all meiner Habe oder ertrage mit steinernem Grinsen Wutausbrüche meines Chefs für drei Euro fünfzig die Stunde. An einem guten Tag tätschelt er mir lobend den Po (manchmal haue ich ihm auch eine runter für seine Rüpeleien, das ist eine sehr viel angenehmere Vorstellung, aber man muss realistisch sein).

Beide Varianten suchen mich in unregelmäßigen Abständen und in noch unbestimmbareren Ausführungen aber doch recht häufig heim. Oder genauer gesagt, sie sind Refugien, in die ich mich flüchte, und werden von unterschiedlichen Gefühlen evoziert.

Refugien und evoziert sind gerade Lieblingsworte von mir. Vor nicht allzu langer Zeit fand ich volatil auch ganz sexy. Es hat damit zu tun, wie Zunge, Zähne und Lippen sich berühren oder fast berühren, wie sie übereinander und aneinander vorbeigleiten, und ich muss überlegen, was sich dahinter verbirgt. Allein die Vorstellung abends, eingewickelt in mein derzeit geliebtes Wort, nehmen wir nur einmal volatil, mit einem Glas Wein herumzusitzen, macht mir eine Gänsehaut. Aber ich lenke ab. Ich bin auch noch nie für drei Euro fünfzig die Stunde arbeiten gegangen. Noch nicht, wie ich betonen möchte.

Was die Wunschvorstellungen betrifft, vielleicht sollte man nur die angenehmen Tagträume als Wunschvorstellungen bezeichnen und die anderen als Angstträume oder Angstvorstellungen. Leider sind beide manchmal austauschbar.
Wenn ich in einer Sackgasse gelandet bin, helfen meist nur noch Angstvorstellungen.
Und in einer Sackgasse bin ich gelandet. Ich bin temporär arbeitslos.

Der Himmel wechselt seine Farbe von Blau zu Blaugrauschwarz. Es ist Feierabend, schon drei Stunden lang. Das ist nicht weiter wichtig für mich, für die Kollegen von der Uni schon. Ich kann den Rhythmus noch spüren wie einen alten Sonnenbrand. Die oberste verbrannte Schicht löst sich langsam und darunter verborgene Hautschichten werden freigelegt. Jetzt kann ich mir meine Zeit frei einteilen, das bedeutet, ich muss aufpassen, dass überhaupt etwas geschieht. Obwohl ich natürlich behaupten kann: Ich weiß nicht, wo die Arbeit aufhört und die Freizeit beginnt.

Der korrekte Ausdruck ist Freisemester für eigene wissenschaftliche Arbeit. Die freie Zeit wäre mir auch auf Grund gesundheitlicher Umstände zugebilligt worden. Jeder weiß, dass die Arbeit mit Schülern und Studenten alle physische Energie aus einem herausquetscht wie Saft aus einer Zitrone. Aber es hört sich einfach besser an, zu sagen: Ich nehme ein Freisemester für meine eigene wissenschaftlich-literarische Arbeit, als: Ich mache eine Kur.

Angelehnt an einen halbhohen Tisch mit Kaffeeflecken sagte ich mein Sprüchlein auf. Das Büro ist für uns drei Kollegen zu klein, aber normalerweise sind wir auch nie alle gleichzeitig drin. Lauri blickte mich interessiert an, Udo ordnete seine Unterlagen, kaute frenetisch Kaugummi und nickte mit dem Kopf wie der Plüschhund auf der Hutablage meines alten Autos.
Ich wusste gar nicht, dass du schreibst, sagte Lauri.

Oh, ich würde es nicht als Schreiben bezeichnen, redete ich mich heraus, mehr als Recherche, erst einmal.
Ich würde das, was ich tue, auch nicht als Kur oder als Erholung bezeichnen. Eine Kur ist sehr anstrengend. Es gibt einen festen Plan von Übungen, die zu absolvieren sind, und man wird herumgeschoben wie ein Pappsoldat auf einem imaginären Schlachtfeld. Außerdem hat man mehr Körperkontakt, als ich aushalten kann. Mit Personal, das irgendwelchen obskuren Regeln folgt.

Der Kontakt zu einem anderen Körper ist etwas, das mir vor langer Zeit passiert ist. Im Moment erstreckt er sich auf die Herausgabe von Wechselgeld beim Bäcker oder ein Aneinandervorbeistreifen in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Da ich nicht mehr unterrichte, fällt das Händeschütteln mit den Kollegen weg.

Durch die Tür hinter mir scheint ein schmaler Streifen Licht. Zum Sitzen ist es zu kalt, und so rauche ich im Stehen am Rand des kleinen zugigen Innenhofes. Ich denke an Barbara, an verpasste Gelegenheiten, an meinen vom vielen Sitzen schmerzenden Hintern und überlege, ob ich noch eine Flasche Wein aufmachen soll. Meine Tochter ist sechzehn und bewohnt mit zwei etwas älteren Mädchen eine heruntergekommene Wohnung. Mittendrin, sagt sie dazu. Barbara, die, wenn sie ausgeht, ihr wuscheliges, langes Haar unter einem breitkrempigen, schwarzen Hut verbirgt. Ein weiblicher Pirat. Nicht dass ich sie oft in diesem Outfit zu Gesicht bekäme. Wir sehen uns selten. Sie nimmt meine gelegentlichen Einladungen sporadisch an. Wenn sie ablehnt, bekomme ich schlecht Luft und muss mich räuspern am Telefon. Sie flötet Tschüüüss und legt auf.

Meine Nachbarin, deren Namen ich mir nicht merken kann, bringt den Müll raus und klappert mit den Deckeln der Abfalltonnen. Das Licht des Bewegungsmelders schneidet ihre Bewegungen aus der umgebenden Dunkelheit. Es ist kalt. Nur Hemd und T-Shirt sind für die Märzkälte zu wenig. Ich könnte eine Jacke holen zusammen mit dem Wein, aber meine Vermieterin würde das missbilligen. Sie bewohnt die Wohnung im Erdgeschoß und weiß über alles Bescheid, denke ich mir. So lange wohne ich noch nicht hier in diesem Haus. Es ist ein dreistöckiges Haus mit ähnlichen Häusern zu beiden Seiten, eine ganze Straße entlang.

Ich bin froh, an den Stadtrand gezogen zu sein, weg aus der Schusslinie. Kein Geruch nach Hundekot, sobald man durch die Haustür tritt, oder das hysterisch differenzierte Quietschen und Stöhnen der Züge vor dem Fenster rund um die Uhr. Keine Betrunkenen, die um zwei Uhr in der Nacht mit Flaschen nach einander werfen. Jetzt dauert jede Fahrt zum nächsten Kino exakt fünfunddreißig Minuten, und bis zum Theater braucht man fast eine Stunde, aber das stört mich noch nicht.

Es ist Zeit, den Tag so zu lassen, wie er ist. Mehr wird nicht mehr passieren. Ich fülle das Badezimmer mit den üblichen Bewegungen aus, streife ein frisches T-Shirt über, putze Zähne, benutze das Klo. Ich besitze nur ein Nachthemd, und das liegt für die Möglichkeit eines Krankenhausaufenthaltes ganz unten in meinem Wäschefach.

Meine Haut ist trocken und leicht knubbelig wie ein Wollhandschuh. Ein gestrickter Handschuh, der, vollgesogen mit Wasser, zu Eis erstarrt. Als Kinder trugen wir solche Handschuhe beim Schlittenfahren auf dem Hausberg. Mein Bruder und ich. Seine Handschuhe waren dunkelgrün. Meine waren blau. Wir trugen sie auch im Garten vor dem Haus, wenn wir Kugeln aus Schnee rollten für die Schneemänner und Schneeschafe, die Schneehasen und andere schwer zu deutende Tiere. Für uns waren die Tiere eindeutig. Es waren die Großen, die Erwachsenen, die Schwierigkeiten mit dem Benennen hatten. Unsere Eltern leben nicht mehr. Sie wurden immer kleiner und ferner und waren irgendwann verschwunden. Aufgesogen von Tätigkeiten wie Kohlen bestellen, Nahrungsmittel besorgen, gebrauchte Mäntel gegen Schneehosen oder gebrauchte Fahrräder tauschen und gebrauchte Skier der einen Größe gegen gebrauchte Skier in einer anderen.

Ich weiß nicht, ob mein Bruder auch ein Nachtgewand für das Krankenhaus besaß. Einen Schlafanzug, in dem er über den Gang zur Teeküche hin oder zum Kaffeeautomaten schlurfen konnte oder zum Aufenthaltsraum, den Bademantel leicht geöffnet über die Schultern gehängt. In den Aufenthaltsräumen durfte man manchmal rauchen, und mein Bruder war ein Genussraucher, eine kleine Operation hätte ihn niemals davon abgehalten. Aber er kam ohne Bewusstsein im Krankenhaus an, und so weiß ich nicht, was er von der Umgebung hielt. Ich musste weder einen Schlafanzug noch andere saubere Sachen aus seiner Wohnung holen. Nicht für ihn und auch nicht für Elisabeth, seine Frau, oder für meinen Neffen Holger, seinen Sohn. Sie fuhren auf einen LKW auf. Oder, was wahrscheinlicher ist, sie bekamen keine Gelegenheit auszuweichen und der vor ihnen fahrende Viehtransporter klemmte sie zwischen Ladung und Fahrbahn ein. Es geschah auf einer mehrspurigen Autobahn, mehrere Autos folgten. Am Ende entstand ein Riesenchaos aus Blech und Blut und Schleim. Ich habe keinen der drei Körper gesehen, und ich bin froh darüber. Zwar beschäftigt mich der Gedanke, was mein Bruder oder seine Frau oder ihr kleiner Sohn als Letztes gesehen haben mögen. Aber ich bin erleichtert, dass ich das Bild meines Bruders so im Gedächtnis behalten darf, wie ich es von unseren Spielen, den gelegentlichen Besuchen, den Familienfeiern und den Fotos kenne.

Barbara und ich sind jetzt allein. Wir sind die einzigen Überlebenden unserer Familie. Es ist eine beunruhigende Vorstellung, die mir Angst macht. Weil ich meine Tochter ab und zu treffe, die Abstände zwischen unseren Treffen sich jedoch beständig vergrößern, fühle ich mich manchmal isoliert. Ein Kupferdraht, der, umhüllt von einen dicken Kunststoffschicht, ins Nirgendwo führt.

Bevor ich mich ins Schlafzimmer zurückziehe, laufe ich im Wohnzimmer hin und her. Dabei umgehe ich den Haufen ausgelesener Zeitungen, der zwischen dem Lesesessel und einer kleinen Lampe langsam in die Höhe wächst. Seitdem ich nicht mehr regelmäßig die Wohnung verlasse und unterrichte, was anstrengend und ermüdend war, fällt es mir abends schwerer, zur Ruhe zu kommen. Wird die Unruhe zu groß, nehme ich Zuflucht zu einer Wunschvorstellung, die gleichzeitig auch Ausdruck einer uneingestandenen Sehnsucht ist. Ich schäme mich dieses Wunsches etwas. Ein Mensch mit mehr Realitätssinn würde behaupten, es sei kein Wunsch, das sei Verwahrlosung. Es ist auf alle Fälle unkontrolliertes Wachstum.

Flaschen häufen sich. Anfangs zu Mustern, Kreisen, Ellipsen, langen und kurzen Geraden. Sie winden sich um äußere Kanten. Sie kreisen den Herd ein, wachsen unter der Spüle hervor, schlängeln sich um die Waschmaschine. Es sind so viele, ich kann sie nicht alle entsorgen. Jedes Mal, wenn ich einen Beutel, einen Korb voll grünen Glases entferne, wächst an seiner Stelle sofort ein neuer Beutel, ein neuer Korb mit Flaschen.

Ich fange an, die Flaschen zu stapeln, an den Wänden, Schicht auf Schicht. Eine zweite Mauer, eine dritte und vierte, die sich aneinander und an die verlässliche weiße Wand anlehnen. Bei den Schichtungen achte ich darauf, dass die Rundungen der Flaschenbäuche in die Einbuchtungen der Flaschenhälse passen. Sind die Flaschenwände meiner Vorstellung so weit gediehen, ziehe ich ins Wohnzimmer. Die Schlafzimmertür wird nur geöffnet, um etwas abzustellen oder aufzuschichten. Das Zimmer ähnelt einer Kathedrale. Wände aus grünem Glas. Wo früher das Fenster zu sehen war, fällt Licht durch die grüne Wand. Die Wände eines Iglus, grünes Eis, undurchdringlich. Je weiter sich die grüne Glaswand vom Fenster weg bewegt, desto dunkler werden die Farben. Die Ecken sind fast schwarz. Sehe ich das Blaugrün, das Gelb und das Braungrün, wird mir schmerzlich bewusst, ich kann nicht malen. Ich trage meine kleine Enttäuschung mit ins Bett.

Ich bin allein, aber lebendig. Nichts kann mir hier zwischen Bettdecke und Laken geschehen.
Es ist unwahrscheinlich, dass im Falle eines Unglückes das unbenutzte Nachthemd zum Einsatz kommt. Ich werde einen hinten offenen Kittel aus dem Krankenhaus tragen müssen. So viel zur Vorsorge. Aber die Existenz dieses bedruckten, fast neuen Stückes Stoff beruhigt mich. Vielleicht findet es in einer romantischeren Situation Verwendung, obwohl es nicht direkt unter das Prädikat erotisch fällt.

Meine Handschuhhaut wahrt Abstand. Sie trägt sich wie eine Maske, wenige Millimeter vor dem Gesicht. Nur ist sie nicht weich wie Seide oder Baumwolle oder selbst Filz, nein, sie ist hart und schuppig. Ich kann mich hinter dieser Maske nicht verstecken. Diese Maske zieht Blicke auf sich. Eine Lederhaut, die nicht schützt. Die mir wächst wie eine öffentliche Verkündigung. Falsche Pflege oder gar keine, scheint meine äußere Schicht hämisch zu behaupten. Falsche Ernährung, zuviel von ... Liebe sicher nicht. Du ungeliebte Haut. Könnte man diese sichtbare, vernachlässigte Körperschicht einfach wegstreicheln? Ich glaube es fast. Wäre es nicht so schmerzhaft, könnte ich meine Beobachtungen in interessante soziologische Zusammenhänge bringen. Ich könnte sie in meine Recherchen aufnehmen.

Ich habe die Töpfchen mit Creme, die kleinen Flaschen, die Packungen. Ich dusche. Ich gehe spazieren, auch Gemüse ist vorhanden. Ich trinke nicht nur Kaffee. Von Vernachlässigung keine Spur. Der Ärger ist es, der die Blasen wirft mitten im Gesicht.

 

Die Kurzgeschichte entstand im Zeitraum 2008 / 2009.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Besonderer Dank an meine Familie für ihre Liebe und Unterstützung!