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bilder und tote

In den Kellern des Horrorgenres


Judith Fischer: Some. Women Houses Phantoms. Künstlerbuch.

Wien: Schlebrügge.Editor 2010

Rezensiert von: sophie reyer


Großaufnahmen von Gesichtern, Häusern, grob gerastert. Sich am Terrain des Horrorfilms entlangtasten, es langsam und auf Samtpfoten austasten: Judith Fischers Konzept-Künstlerbuch Some. Women Houses Phantoms ist ein faszinierendes Konglomerat aus fotografischen Arbeiten, literarischen Beiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren sowie filmtheoretischen Artikeln.

Zum Thema hat dieses Kaleidoskop aus Bildern und Buchstaben die Schattenwesen, die anwesend-abwesenden Existenzen in der diesseitig-jenseitigen Welt des Horrorfilmes. Anhand ausgewählter Dias aus der umfangreichen Sammlung von Judith Fischer – sie stammen unter anderem aus Filmklassikern wie The Birds, The Others oder Shining sowie auch aus Judith Fischers eigenen poetischen Filmen, beispielsweise Hotel Paradiso – haben die Schreibenden unterschiedlichste Beiträge gestaltet, deren Bandbreite faszinierend ist.

Der Eingangstext Bilder lesen von Hina Berau ist ein fein versponnenes Netz aus Zitaten, die zwischen Theorie und Poetik oszillieren. Der Text nimmt den Leser an der Hand und führt ihn in eine rhizomatische Welt hinein, die sich im Buch weiter ausbreitet. „Man hat die Bilder vor Augen, so wie man Tote vor Augen hat, die dennoch nicht da sind“ (Hans Belting) heißt es in diesem ersten Text. Dieser Satz wird zum Leitsatz, schlängelt sich durch den gesamten Sammelband wie später der Faden der Ariadne in Elisabeth von Samsonows Der Faden der Ariadne – eine Verwechslungskomödie. Darin wird der Gedanke des Todes im wahrsten Sinne des Wortes weitergeknüpft: „ihr rotes Knäuel [...] lässt an Geburt und Tod denken, die ebenfalls durch den (Lebens)Faden verbunden sind.“

Im Aufsatz Transfiguration analysiert die Kunsthistorikerin Elisabeth Priedl den Film Carneval of Souls und stellt fest, dass der Einsatz von gleißendem Licht wesentlich dazu beiträgt, einen dargestellten Körper an einen Nicht-Ort zu entführen, ihn „in einen anderen Daseinszustand“ zu „entrücken“.

Christine Huber spielt in ihrem lyrischen Kunstwerk mit den Dichotomien Anwesenheit/Abwesenheit: „wo bist du/ wo ist das/ wer ist es/ das ist es“ steht hier scheinbar lapidar. Der Text löst durch die Wiederholung der syntaktischen Struktur den Widerspruch von „wo ist das“ und „das ist es“ auf: Die Hierarchien zerfransen, Abwesendes und Anwesendes werden mithilfe des Klanges der Sprache ineinander verschränkt, sind nun ineinander verwoben wie verfilzte Haare.

Andere feine Beiträge, z. B. von Richard Obermayr, Claudia Hardi, Thomas Raab, Georg Wasner und Jane Weiß, öffnen weitere Räume. Den Abschluss des Bandes bildet Phantoms von Judith Fischer selbst, eine archaisch-poetische Sammlung einzelner Porträts, die durch reizvolle Spracharbeit miteinander verknüpft werden, ineinander fließen. Hier stellt der Kopf sofort einen Link zu den groß abgedruckten Frauengesichtern her, die im Laufe des Buches analysiert und/oder poetisch be- und umschrieben wurden. „mein Gesicht ist von einem dutzend anderer verwischt“ heißt es hier. So verschwimmen vielleicht in der Wahrnehmung des Lesers nun auch die zuvor visualisierten Bilder aus den Horrorfilmen ineinander. In Judith Fischers Prosa blüht die Sprache im Kopf auf; Abwesendes wird in eine Anwesenheit zurückgeholt.