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das „frau im luftschutz“-lesebuch

Texte über furzbanales falsches Bewusstsein, ins bedrohlich Monströse gekippt


Lilly Jäckl: amen, amen.

Berlin: Verlagshaus J. Frank 2010

Rezensiert von: stefan schmitzer


Lilly Jäckl, Carl-Meyer-Drehbuchpreisträgerin aus Graz-Umgebung, wohnhaft in Berlin, schreibt neben Drehbüchern durchaus auch Prosa, und außerdem Zeug für den Einsatz in ihrer eigenen performativen Arbeit, bei der es sich nicht exakt um „Theater“ handelt. Regelmäßige Besucher des Forum Stadtpark in Graz erinnern sich u. a. an das oratorien- oder messfeierartige Deklamations-Ding Frau im Luftschutz, bei dem sie NS-, Werbefritzen- und Motivationsguru-Vokabular aufs Unangenehmste, also Angemessenste, also Trefflichste engführte. Oder an Alles im Kanal, diese nur um das entscheidende kleine Quäntchen schriller geschraubte, ansonsten getreue Wiedergabe so nichtswürdigen wie ideologisch bedenklichen Fernsehgequatsches quer durch die Genres und Formate.

Dass es jetzt mit amen, amen ein Buch gibt, in dem die beiden genannten und zahlreiche weitere Texte von Lilly Jäckl nachzulesen sind, kommt einem alten Wunsch des Stammpublikums ihrer Performances nach („Das hätt‘ ich gern zum Mitlesen“). Der Band bietet jedoch auch rein Belletristisches, nämlich Prosaminiaturen und eine umfangreichere Erzählung (58 kg Lebendgewicht), sowie ein „richtiges“ Theaterstück (psychopax).

Was da deutlich wird, ist, dass das Vorurteil, das wir von Lilly Jäckl hatten, solange wir mit ihrer Arbeit bloß in Form verstreuter Happen und/oder „live“ konfrontiert waren, gar keins war, sondern im Kern die Sache schon traf, nämlich: Da hat jemand also noch immer einen didaktischen Anspruch an die Literatur. Das alte Prinzip von „delectare et prodesse“ ist anscheinend noch immer nicht ganz ausgelutscht. Jeder der Texte in amen, amen leistet (auch) die Explikation einer ganz bestimmten These. Dass die Texte nach landläufigen Kriterien auch geil sind, ist für Jäckl scheint‘s bloß eine notwendig zu erfüllende Vorbedingung, nicht der Grund, aus dem sie was veröffentlicht.

Was will das nun heißen, dass die Texte geil sind? –Nun, sie weisen wohlgefügte Kompositionen auf, sie langweilen nicht, sie scheuen die selbstreferenzielle Ironie ebenso wenig wie das strategisch platzierte Pathos. Häufige Verfahrensweise bei Jäckl, wir kennen das noch aus den Performances, ist das knochentrockene Runterdeklinieren der offensichtlich falschen Grundannahmen von der eigenen Natur oder der der Welt, die in der Sprache ihrer Textsubjekte angelegt sind. Sagen wir: der Kreislauf mehrmaligen Umschlagens von furzbanalem falschem Bewusstsein ins bedrohlich Monströse und zurück. Die Bedürfnisstruktur, die diesem falschen Bewusstsein jeweils zugrunde liegt, bleibt dabei stets greifbar und nachvollziehbar, womit auch gesagt ist, dass das Monströse, das in ihr steckt, uns in sehr unmittelbarer Weise etwas angeht, wenn es dann zum Vorschein kommt.

Ich sage „monströs“. Ich sagte vorhin „didaktisch“. Worauf das Zusammenfallen gerade dieser inhaltlichen Präferenz mit gerade jener methodischen Haltung hinausläuft, dürfte sich deutlich genug aufdrängen: Der Faschismus ist an der Reihe, wieder mal, und es wird leider noch länger nicht genug sein. In fasslicher und dennoch nicht unterkomplexer Weise demonstriert Jäckls Arbeit, dass Faschismen durchaus nicht von außen über Gesellschaften und Individuen hereinbrechen, nach Art „dämonischer Verführung“ o. dgl., sondern in simplen, eben menschlich nachvollziehbaren Inkommensurabilitäten der Sozialisation ihre Wurzel haben – etwa in der Natur der Sehnsüchte, die bestimmten Menschen zu bestimmten Zeitpunkten möglich bzw. eben nicht möglich sind.

Lilly Jäckl produziert Literatur, der anzusehen ist, dass ihre Verfasserin auf Nachfrage vermutlich benennen kann, warum sie tut, was sie tut und wie sie es tut. Die Grundhaltung, die darin – und auf der Inhaltsebene der einzelnen Texte – zum Ausdruck kommt, ist im Kulturbetrieb, fürchte ich, ganz allgemein selten geworden. Das Ethos, das in der sog. ‚avancierten Literatur‘ grassiert, wonach es im Zweifelsfall vorzuziehen ist, möglichst nicht allzu deutlich irgendwas vom Leser zu wollen, ist in diesem Band suspendiert. Das mit amen, amen vorliegende Lilly-Jäckl-Lesebuch ist, trotz der bibliophilen Geste, das Ding mit den überbordenden Illustrationen von Dieter Puntigam zu versehen, uneitel, geht ziemlich substanziell zur Sache und macht eben kein Geheimnis draus, dass jeder seiner Texte auf etwas hinauswill. Auch, wer das nicht begrüßenswert findet (soll’s geben), sollte sich den Texten aussetzen: Viel präziser to the point gehaltene Figurenrede als hier wird aktuell kaum aufzutreiben sein.