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das system loipersdorf

werner schandor | das system loipersdorf

Was man nach einem Thermenaufenthalt übers Leben lernen kann

„Was ist los mit Euch?“, fragte mein Bruder den Kellner und die beiden Kellnerinnen, die an der Bar standen und Trübsal bliesen. Immerhin standen einer der Frauen Tränen in den Augen. Mein Bruder hatte sich vom warmen Thermalwasser die malträtierten Bandscheiben besänftigen lassen und zum Abschluss seines therapeutischen Aufenthalts noch das Thermenrestaurant aufgesucht, in dem allerdings triste Stimmung herrschte. Die Ursache, so stellte sich heraus, war ein Arbeitsdrama, wie es für das junge 21. Jahrhundert typisch ist: Das Restaurant sperrte zu, und die Verzweiflung der Angestellten rührte daher, dass sie ihren letzten Arbeitstag begingen.

Zur gleichen Zeit am gleichen Ort, aber einen Stock höher, wurde Optimismus verbreitet und als Ersatz für das alte Lokal unter Beisein örtlicher Prominenz aus Politik, Tourismus und Gastronomie ein neues, gestyltes Thermenlokal eröffnet, ein so genanntes „Marktrestaurant“, wo man sich das Essen selbst auf die Teller schaufeln darf. Während also im neuen „Marktrestaurant“ die Entscheidungsträger und lokalen Wichtigkeiten auf die neue Selbstbedienungsära der Gastronomie anstießen und dieser – wie in solchen Fällen üblich – eine prosperierende Zukunft in Aussicht stellten, zogen unten im alten Restaurant die abservierten Angestellten einen Schlussstrich unter die Vergangenheit und ihre bis zu 30 Jahre währende Betriebszugehörigkeit.

Um nichts Falsches zu verbreiten: Den besagten Angestellten war wohl angeboten worden, im Betrieb zu bleiben. Nur eben: Ohne die Trinkgelder, die in einem Selbstbedienungs-„Marktrestaurant“ nicht mehr anfallen, ging es sich für die, mit denen mein Bruder sprach, finanziell zum Leben nicht mehr aus. Und so wurde ihnen generös die einvernehmliche Auflösung des Dienstvertrages mit Jahresende in Aussicht gestellt. Da ist nichts Gesetzeswidriges, nichts Skandalöses dran, und das ist vielleicht das Erschreckendste an dieser Geschichte: dieser sanfte Abstieg, in den man gedrängt wird, und für den keiner die Verantwortung zu tragen scheint, sodass man als Betroffener am Ende meint, selbst dafür verantwortlich zu sein.

Ich möchte dem Ganzen einen Namen geben und es das „System Loipersdorf“ nennen. Sie wissen: benannt nach jener Therme, die auf unsere Bundesregierung anno 2010 so ideenhemmend wirkte. Dieses System beinhaltet, wie die Geschichte zeigt, dreierlei: Erstens, ohne dass sich jemand zuständig fühlen würde, eine schleichende Verschlechterung der Situation für ziemlich viele, die arbeiten; zweitens die ungebrochene Umwälzung aller Serviceleistungen/Verantwortlichkeiten auf uns Konsumenten/Bürger, was uns gerne Fortschritt verkauft wird; und drittens die stabile Sekt- und Feierlaune all jener Entscheidungsträger, die uns das Ganze einbrocken. – In diesem Sinne: Prost! Auf unsere Zukunft in der Markthalle des Lebens.