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die glücksverfehlung

mario karl hladicz | die glücksverfehlung

Ich bin noch nicht einmal richtig in der Wohnung angekommen, da schwirrt Mutter auch schon um mich herum und will mir in allem behilflich sein. Während ich etwa die Reisetasche abstelle, greift sie umständlich danach, sodass wir das Gepäck seltsam ineinander verknotet zusammen in die Ecke meines alten Zimmers stellen. Sogleich durchlöchert mich Mutter mit den altbekannten Fragen. Wie es mir bei der Arbeit ergehe, ob ich genug Kleidung habe und mich regelmäßig ernähre. Und ob ich Nachricht von der Bank erhalten habe?

- Immer wieder schicken sie die Briefe hier her, dabei habe sie ihnen schon so oft geschrieben, dass du seit Jahren nicht mehr hier wohnst!

Ich nicke nur, obwohl mir nichts von einem Brief von der Bank bekannt ist. Mit einem schnellen Rundblick stelle ich fest, dass die Verkitschung in meinem Zimmer fröhlich voranschreitet – die Zahl der Plüschtiere (vor allem Kätzchen und Bärchen) hat dramatisch zugenommen. Seit neuestem versuche ich, die Plüschtierparade als den, wie soll ich sagen, größtmöglichen künstlerischen Ausdruck anzunehmen, der Mutter gegeben ist; ein in einem Hawaiihemd gekleideter Affe etwa hängt durchaus keck vom Kopfende des Bettes herunter und auf meinem Nachttischchen hat ein Bär mit rot-weiß-karierter Krawatte die für mich bestimmte Post der letzten Wochen unter seinen Arm geklemmt. Ich entnehme dem Bären den Bankbrief, drehe ihn prüfend herum und lege ihn dann schnell wieder ab.

- Das sind wieder diese Gutscheine und Vergünstigungen. Nichts Wichtiges.

In Wahrheit befürchte ich unversehens, dass ich an irgendeinem finanziellen Ende angelangt sein könnte. Für ein paar Augenblicke nur bin ich mir sogar sicher, dass ich der Bank einen beträchtlichen Geldbetrag zurückzahlen muss, obwohl mir dafür gar kein Grund einfällt. Doch dann verdränge ich die undurchschaubare Furcht auch schon wieder, denn ich mache mir schnell klar, dass – wie bei all meinen Heimatbesuchen zuvor – auch dieses Mal meine Hauptaufgabe in der Dauerberuhigung von Mutter bestehen wird.

Schon werde ich zum Esstisch gedrängt. Mutter weist auf gleich mehrere Sessel, auf die ich mich setzen kann. Es ist mir ein wenig unrecht, dass ich sie sofort zu beobachten beginne. Wie sie mit hastigen Bewegungen am Herd hantiert, stelle ich fest, dass sie wieder ein Stückchen älter geworden ist. Es gibt Putenschnitzel mit Reis und Salat. Ich beginne zu essen, doch da merke ich, dass etwas an meiner Hand klebt. Eine rosafarbige, klebrige Masse. Sofort begreife ich, dass es sich dabei um Mutters Haftcreme für ihre Dritten handelt. Vorsichtig lege ich die Gabel beiseite und wische mich so unauffällig als möglich in die Serviette. Doch Mutter hat mich schon ertappt.
- Was ist denn das?, fragt sie mit kritischem Blick auf die Serviette.

- Ach nichts, da ist nur etwas auf der Gabel gewesen, entgegne ich so beiläufig als möglich.

Zuerst setzt Mutter ein völlig ratloses Gesicht auf, dann scheint es, als würde sie vor Wut zu schreien anfangen, doch schlussendlich sinkt sie langsam auf den Sessel gegenüber, nimmt ein Geschirrtuch und hält es sich vors Gesicht. Schon beutelt es sie heftig.

- Das darf nicht sein ... das darf nicht beim Essen dabei sein ..., wimmert sie.

Hilflos nehme ich noch ein paar Bissen. Noch keine Stunde bin ich zu Hause und schon entwickelt sich mein Besuch zu einer einzigen Bestürzung. Am liebsten würde ich gleich wieder aufbrechen. Aus meiner Leere wird ein langer Blick an die Zimmerdecke.

Lautlos ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und setze mich an meinen alten Schreibtisch. Es ist noch immer jener Schreibtisch, an dem ich als Kind über meinen Schulaufgaben brütete. Wurde mir diese oder jene Aufgabe zu viel, legte ich die Schulbücher beiseite und machte mich daran, kleine, obszöne Bleistiftzeichnungen anzufertigen. Die Zeichnungen waren stets desselben Inhalts: sie sollten weit gespreizte Beine zeigen, in deren Mitte sich das (überdimensionierte) weibliche Geschlecht darbot. Nach kurzem, heftigem Betrachten radierte ich die Zeichnungen schnell wieder weg. Jetzt suche ich die Schreiboberfläche nach Spuren der alten Zeichnungen ab. Tatsächlich entdecke ich ein paar verwischte Striche, es könnten aber auch ganz banale Gebrauchsspuren sein. Ich onaniere und versuche dabei an ferne Jugendbekanntschaften zu denken. An die Gesichter der Mädchen kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Wenig später lege ich mich ins Bett und träume von einem Meer aus rosafarbenem Elend.

Als ich die Augen wieder öffne, dämmert es bereits. Ich habe Durst und schlendere in die Küche. Mutter hat es sich schon auf der Couch gemütlich gemacht. Gerüstet mit Fernbedienung und einer Tafel Schokolade wartet sie auf den Beginn des samstäglichen Hauptabendprogramms. Ich weiß nicht, wann genau das Egalsein Besitz von Mutter ergriffen hat. Es handelt sich dabei wohl um einen schleichenden Prozess, den ich umso stärker wahrnehme, je länger ich von zu Hause fern bleibe. Mutters Schlafplatz ist die Ausziehcouch im Wohnzimmer. Während sie früher die Ausziehfunktion nutzte, macht sie sich seit einigen Jahren nicht mehr die Mühe, abends ihre Schlafstätte großartig vorzubereiten, sondern legt sich einfach auf die Längsseite der Couch, ein Rückenpolster dient zur Hochlagerung der immermüden Beine. Als ich heute das Wohnzimmer betrete, nehme ich eine neue Entwicklung wahr: mittlerweile verzichtet Mutter sogar auf ein Leintuch als Unterlage und liegt ein wenig verwahrlost direkt auf dem kratzigen Couchbezug. Nur mehr wenig deutet darauf hin, dass sie hier tatsächlich ihre Nachtruhe verbringt. Jetzt macht sie sich daran, Fernsehsendungen in einer Zeitschrift anzukreuzen – was für eine Glücksverfehlung! Scheinbar hat sich Mutter nunmehr vollends mit der Unerfüllbarkeit ihrer Lebenswünsche arrangiert. Ihre Dritten hat sie bereits in einer weißen Schale im Badezimmer deponiert. Zahnlos bittet sie mich, die Jalousien herunter zu lassen. Es müsse ja nicht jeder herein gaffen, lispelt sie schwer verständlich. Als ob sich jemand an der sich hier bietenden Ödnis ergötzen wollen würde! Ich gehe zum Fenster, auf der Straße läuft gerade ein herrenloser Hund vorbei, seine Leine schleift er wie selbstverständlich mit sich herum. Dankbar schaue ich diesem Bild des Unerhörten noch ein wenig hinterher.

Schon am nächsten Morgen muss ich den trüben Verhältnissen vorübergehend entfliehen. Gleich nach dem Frühstück schnüre ich meine alten Laufschuhe und trete aus der Wohnung. Ich nehme meine alte Laufstrecke in Angriff, eine weitläufige Schleife, die rund um meine Heimatgemeinde führt. Nach den ersten paar Metern drehe ich mich noch einmal um. Mutter steht vor dem Haus und winkt mir bange nach. Unwillkürlich hebe auch ich die Hand zum flüchtigen Gruß. Mit ihrem Winken wird mir einmal mehr der schmerzliche Hinweis überbracht, dass Mutter in einer fortwährenden Tragödie lebt, in der auch mir eine Hauptrolle zugedacht ist.

Die Strecke führt mich zunächst durch eine in sattes Grün getauchte Allee. Sofort stellt sich eine matte Kindheitserinnerung ein; ich erinnere mich daran, wie ich als Kind mit meinem ersten Fahrrad durch die Allee fuhr, Mutter spazierte langsam hinterher. Auf einer Parkbank, versteckt hinter allerlei Gebüsch, war Mutters spezieller Platz. Hier sank sie stets zusammen und konnte ungestört ihren Kummer in die Welt hinaus heulen, während ich auf einem Parkplatz in der Nähe kleine Kreise zog. Einmal stürzte ich und schürfte mir den ganzen Oberkörper auf. Schluchzend stellte ich mich vor Mutter und zog mein Leibchen hoch, um ihr den kleinen zerschundenen Körper zu zeigen. Da kamen zwei Spaziergänger des Weges und schnell zog Mutter mir mein Leibchen wieder herunter, um meine Verletzungen vor ihnen zu verbergen. Sie schämte sich und hatte wohl Angst, das blutende Kind offenbare ihre Verfehlung als Mutter. Wie selbstverständlich sich Mutters immerwährende Scham auf mich übertragen hat! Erst vor drei Tagen schämte ich mich gleich viermal hintereinander. Zuerst, weil ich einige Flusen auf meiner schwarzen Hose entdeckte. Es war mir unmöglich, so zur Arbeit zu erscheinen, also ging ich in einen Supermarkt, um mir einen Fusselroller zu kaufen. Sogleich schämte ich mich, weil ich keine Ahnung hatte, wo die Fusselroller zu finden sind. Da kam eine Verkäuferin daher. Ich hätte sie fragen können, schämte mich aber zu sehr für das Wort „Fusselroller“. Also erschien ich mit fehlerhafter Hose und vollends beschämt zur Arbeit. Wie ich durch die Allee laufe, steigt in mir Ärger über meine mickrige Kindheitserinnerung hoch. Auf der Stelle verlange ich eine andere! Ausfüllende! Glanzvolle!

Zu meiner Überraschung werde ich jedoch schon bald ein erstes Mal besänftigt. Ich laufe an einem Haus vorbei, in dessen Garten ein Kindergeburtstagsfest stattfindet. Zwei kleine Mädchen mit Indianerschmuck auf dem Kopf tanzen vor einer Gruppe von Kindern zu dem Lied „Von den blauen Bergen kommen wir“. Das junge Publikum starrt wie gebannt auf die Tanzeinlage der beiden Mädchen, manches Kind versucht, ein wenig zeitverzögert diese oder jene Figur nachzumachen. Ich würde gerne kurz Halt machen und dem Kindertreiben länger zusehen. Doch dann besinne ich mich; ich habe gerade einen guten Laufrhythmus, den ich mir nicht verderben will. Zunächst mag ich dem Frieden um mich herum nicht recht trauen, doch als ich auf einer Anhöhe in der nächsten Ortschaft komme, präsentiert sich mir die sonntägliche Dorf­­idylle in ihrem schönsten Gewand. Alles scheint nett und harmlos. Weit und breit hört man nichts weiter als Bohrmaschinen, Traktoren und Rasenmäher. Männer mit nacktem Oberkörper und kurzen blauen Jeanshosen arbeiten auf ihren Grundstücken und schauen nur kurz auf, als ich an ihnen vorbei komme. Frauen fahren mit kleinen Traktoren durch die Gegend und verschwinden hinter riesigen Heuhaufen. Bald schon möchte ich ihnen zuwinken. In einer Einfahrt liegt ein großer schwarzer Hund. Als ich an ihm vorbei laufe, macht er keine Anstalten, mich anzubellen, sondern verzieht sich schwanzwedelnd hinter das Haus. Auf dem Rückweg von meiner Schleife sehe ich schon von weitem zwei Enten schnatternd über eine Straße watscheln. Das setzt der Harmonie die Krone auf! In dem Moment, als ich an ihnen vorbei laufe, verstummen sie und beäugen mich ausdruckslos. Als ich außer Reichweite bin, setzen sie ihr Schnattern fort. Ich rede mir ein, dass es mich tröstet, dass sich zumindest auch Enten über die Undurchschaubarkeit des Lebens empören. Kurz darauf biege ich wieder in die Allee ein und entsinne mich plötzlich doch noch einer ausfüllenden Kindheitserinnerung: Mutter saß wie üblich zusammengesunken auf der Bank und ich kurvte auf meinem Rad durch die Umgebung. Bei einer Hecke voll rot und weiß blühender Wildrosen kam ich zu stehen. Ich pflückte einige Blüten und frühe, rotleuchtende Hagebutten und stopfte alles in meinen Hosensack. Vollbepackt kehrte ich zu Mutter zurück, nahm entschlossen ihren Arm und zerdrückte die Blüten und Früchte in ihrer geöffneten Hand. Mutter zog die Hand nicht weg, sondern ließ alles ruhig mit sich geschehen. Ich jauchzte vor Freude, als ich sah, wie sich ihre Hand gleichzeitig verfärbte und immer mehr verklebte. Mutter spielte sogar mit und verzog ihr Gesicht zu einem halbernsten Ekel, wodurch meine Ausgelassenheit noch gesteigert wurde. Am Ende formte ich ihre Hand zu einer Faust und drückte diese so fest wie möglich zusammen. Eine dunkelrote, süßlich riechende Soße tropfte aus ihrer Faust auf den heißen Asphalt. Den ganzen Heimweg über machte Mutter keinerlei Anstalten, sich von dem Brei zu lösen, erst daheim wusch sie sich wortlos mein klebriges Geschenk ab.

Schnaufend komme ich vor unserem Wohnhaus zu stehen. Mutter sitzt im Hof und versucht, die wohl letzten warmen Tage des Jahres in sich aufzusaugen. Eine Nachbarskatze streicht um ihre Beine. Mutter streichelt sie ein wenig unbeholfen, das Tier hochzuheben kommt für sie nicht in Frage. Selbst im Kontakt mit flauschigen Haustieren spiegelt sich Mutters komplizierte Verstrickung in ohnmächtige Ängste! Da kommt eine Nachbarin aus dem Haus und beginnt, den Hof zu fegen. Bis vor ein paar Jahren war es noch Mutters Aufgabe gewesen, für Sauberkeit im und um das Haus zu sorgen. Eines Tages jedoch musste sie die Hausmeisterei an eine jüngere und leistungsfähigere Hausbewohnerin abtreten. Sofort lässt Mutter die Katze links liegen und hat nur noch Augen für die Arbeit der Nachbarin. Ich frage mich manchmal, ob sie, wenn sie das Kehrgeräusch im Hof vernimmt, fürchtet, dass mit dem Schmutz auch ihre Daseinserlaubnis Stück für Stück hinweggefegt wird.

Am Nachmittag bittet mich Mutter zu Kaffee und Kuchen. Still nehme ich ein Stück Marmorkuchen und versuche, so wenig wie möglich zu bröseln. Schon fordert Mutter mich auf, ein weiteres Stück zu nehmen. Meine Schweigsamkeit wird mir zunehmend unangenehm. Ich beginne ein Gespräch über Mutters Gesundheit. Wie vermutet geht sie bereitwillig darauf ein. Wie lebendig sie wird, wenn es um ihre Krankheitsgeschichten geht! Mit einem Blick auf meine Armbanduhr gebe ich Mutter zu verstehen, dass ich auch jederzeit aufbrechen kann. Tatsächlich bremst sie sich daraufhin ein, verschwindet kurz in der Speisekammer und kommt mit einer unetikettierten Flasche zurück. Sie habe von einer Bekannten Kirschen geschenkt bekommen und sich an einem Kirschlikör versucht, ob ich probieren wolle, er sei jetzt wohl so weit. Kritisch prüfe ich die Flasche. Überhaupt wolle sie jetzt wieder mehr selbermachen, erklärt Mutter, genug Zeit habe sie ja und billiger komme es auch, mit Mindestpension, da könne man sich ja nicht viel erlauben. Für meinen nächsten Besuch könne sie doch wieder einmal Apfelkuchen machen, das sei keine große Hexerei und geschmeckt habe er mir doch auch immer?

- Kirschlikör ..., wiederhole ich stumpf. - Apfelkuchen ... jaja.

Es überrascht mich, dass Mutter mir ohne besonderen Anlass Alkohol anbietet. Sucht die vom Leben Vernachlässigte neuerdings gar Zuflucht in Hochprozentigem? Doch sofort mache ich mir klar, dass Mutter wohl niemals auf die Idee kommen wird, von sich aus ihren Schmerz auch nur in irgendeiner Form zu betäuben. Sie stellt zwei Gläser auf den Tisch und schenkt uns vorsichtig ein. Wortlos stoßen wir an, weil wir nicht wissen, worauf getrunken werden soll. Der Likör schmeckt bitter und viel zu stark. Mutter und ich verziehen das Gesicht, dann lächeln wir uns – wohl zu unser beider Überraschung – unvermittelt an.
- Um Gottes Willen!, ruft Mutter fast heiter, lässt dem jedoch nichts mehr folgen.

Lange Jahre habe ich geglaubt, Mutter werde das über sie verhängte Elend von einem Moment auf den anderen nicht mehr aushalten und losschreien. Dann vermutete ich, sie werde darüber wohl gänzlich verstummen. Weder die eine noch die andere Entwicklung hat sich vollzogen, sondern eine dritte: Mutter wimmert in Zimmerlautstärke. So auch jetzt, als ich austrinke und mich langsam zum Aufbruch bereit mache. Im Vorraum steht schon wieder das Versorgungspaket für mich bereit. Jedes Mal kurz vor meinem Abschied stellt mir Mutter einen großen Sack, vollgepackt mit Lebensmitteln, Kleidung und sogar diversen Hygieneartikeln, bereit. Schon lange habe ich jeglichen Protest gegen diese traurigen Versorgungssäcke eingestellt. Mutter, habe ich mit fester Stimme gesagt, ich kann mir das Shampoo oder das Toastbrot oder die Wintersocken auch selbst kaufen. Aber das kannst du schon sparen, winkte Mutter nur ab. Mein Ärger darüber, dass Mutter nur auflebt, wenn es um Sparsamkeit und Gesundheit geht, wurde über die Zeit immer stumpfer und legte sich irgendwann als dunkler Teppich auf den Grund meiner Selbst. Bevor ich aus der Wohnung trete, holt Mutter noch einen Zwanzigeuroschein hervor und steckt ihn mir in die Jackentasche.
- Für die Fahrt und ein Essen, meint sie leise, und ich bedanke mich, und als ich zum Bahnhof gehe, überlege ich tatsächlich, was ich mir für das Geld zu essen kaufen werde.

Im Zug brauche ich einige Zeit, bis ich einen Platz finde. Ein paar Minuten haftet mein Blick auf dem leeren Bahnsteig. Als der Zug noch immer nicht losfährt, mache ich mich daran, Mutters Versorgungspaket zu durchstöbern. Diesmal sind keine Strümpfe dabei, dafür hat sie eine kleine Flasche mit dem Likör eingepackt. Ich hole das Fläschchen heraus und stelle es auf den Ablagetisch am Fenster. Ich hoffe, damit andere Fahrgäste, die mit dem Gedanken spielen, sich neben mich zu setzen, abzuschrecken. Als der Zug sich in Bewegung setzt, ist mein Nebenplatz auch wirklich noch immer frei. Bald rauschen wir durch eine unauffällige Landschaft. Mir gefällt der Blick in einen undurchdringlichen Wald und auf zerfallene Geräteschuppen voller altem Hausrat. Fahren wir durch schwarze Tunnels, schließe ich die Augen. Später öffne ich das Likörfläschchen und nehme einen Schluck. Fast angenehm legt sich nun die Bitterkeit auf meine Zunge und erfüllt mich bald von innen. Gerne würde ich ein wenig dösen. Doch direkt hinter mir raschelt jemand unaufhörlich mit einer Alufolie. In der Sitzreihe schräg gegenüber lutscht ein kleines Mädchen an einem Lolli. Immer wieder nimmt sie den Lutscher aus dem Mund und beäugt ihn kritisch. Schmeckt er ihr nicht? Da betritt eine Frau lauthals lachend das Abteil. Mein Blick fällt auf ein Schild über der Waggontür. Darauf steht: „Wir machen Reisen zum Erlebnis.“ Ich möchte endlich nichts mehr denken und denke doch mehrmals hintereinander: Was gibt es da zu rascheln, lachen, naschen, machen?