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die schatten werfen objekte

Ein Vogelforscher verliert sich auf der Reise zu den Taten in der Sprache.


Thomas Brunnsteiner: Taten. Ein Journal.

Innsbruck: Kyrene Verlag 2010

Rezensiert von: werner schandor


Für jeden Autor ist es eine Begegnung der seltsameren Art, wenn eines Tages die erfundene Hauptfigur aus einem Roman leibhaftig vor ihm auftaucht. So ist es dem Schriftsteller, Reisejournalisten und Geschichtensammler Thomas Brunnsteiner ergangen, der daheim in Finnland Besuch von einem Ungarn bekam. Der Besucher wollte bei Brunnsteiner seine wirre Lebensgeschichte loswerden, weshalb sich er ein paar Tage beim Autor einnistete. Faszinierend für Brunnsteiner, denn der Gast entsprach ziemlich genau dem Vogelforscher Joseph Lavender, seines Zeichens seltsamer Vogel, den Brunnsteiner in seiner Novelle „Taten. Ein Journal“ quer über den russischen Kontinent schickt, nämlich von Åland in der Ostsee zum Volk der Taten in Aserbeidschan. Das Verblüffende am Besuch des Doppelgängers war, dass Brunnsteiner zu diesem Zeitpunkt seine Erzählung längst abgeschlossen hatte. Ihm blieb nur, im nachgereichten Vorwort, wo er dem Leser versichert, dass Joseph Lavender lebt und es ihm gut geht, den Besuch zu würdigen. „Die Schatten werfen Objekte“ soll Karl Kraus einmal bekundet haben. Heißt in unserem Fall: Worte werden Wirklichkeit. Oder, auf Brunnsteiners Prosaerstling gemünzt, der als Paperback in der Innsbrucker Verlag Kyrene erschienen ist: Worte werden Taten.

Generell kann man das Verhältnis des Beschriebenen zur Wirklichkeit in den „Taten“ als jenes Motiv betrachten, das einem die Orientierung in dem Geflecht an Geschichten und Erzählhaltungen von Brunnsteiners Prosa erleichtert. Die „Taten“ beginnen als historisch-wissenschaftlicher Bericht auf der Insel Åland, nehmen dann bei der Passage über die Ostsee die Gestalt eines mysteriösen Reisejournals an, spielen länger in Moskau, wo sie sich einerseits als Detektivgeschichte und andererseits als rückwärts erzählter, experimenteller Roman gebärden, um sich schließlich in Baiku, Aserbeidschan, als ein delirierendes Märchen zu entpuppen. Hier, am Ziel seiner Reise, im Land der Taten – so bezeichnen sich sowohl die Ureinwohner von Aserbeidschan als auch die im selben Gebiet lebenden, benachbarten Bergjuden – trifft der Vogelkundler Joseph Lavender auf sein Objekt der Begierde, die Versteckte Trappe: „Das ist eindeutig die am schwierigsten zu observierende Unterspezies aus der Familie der Otidiae, der Trappen und Trappenartigen“.

So wie die (übrigens von Brunnsteiner erfundene) Versteckte Trappe laufend ihre Gestalt wechselt, ist auch Joseph Lavender in den verschiedenen Abschnitten des Buches immer ein anderer. Und damit hätten wir Leitmotiv Nummer zwei bei der Hand: Die Frage nach der eigenen, ungreifbaren Identität. Eigentlich ein klassisches adoleszentes Thema, das früher gerne in Schelmen- und Entwicklungsromanen abgehandelt wurde. Bei beiden Romangattungen tragen Reisen entscheidend zur Selbstfindung bei, indem sie die Hauptfigur in ihrer Persönlichkeit festigen. Bei Brunnsteiner dagegen verliert sich Lavender auf seinem Trip durch Russland immer mehr im Amorphen seines Selbstzweifels. Bis er, der sich laufend durch die Geschichte laviert, schließlich draufkommt, dass er immer der ist, der sich erzählt: „Worte waren mir immer wichtiger. Als Taten.“ Gute Gespräche zählen bei Brunnsteiner daher auch mehr als tolle Erlebnisse.

Der Schelmenroman erfährt in den „Taten“ seine postmoderne Auflösung mit kruden Theorien zur Ornithologie und Geschichte, mit feiner Ironie und mit dem Mimikry verschiedener Stile und Medien: altertümlicher Bericht, Tonbandaufzeichnungen und Geheimdienstprotokolle sind ebenso in den Text verwoben wie Tischgespräche, Lexikoneinträge und Traumschilderungen. Zusammengehalten wird die Story von einer ziemlich abgespaceten Erzählklammer, an deren Anfang der Geist eines im 19. Jahrhundert verstorbenen Muftis steht, der in Lavender einfährt, und am Ende ein eher bekifftes Zwiegespräch mit seinem lang gesuchten Vogel, den Lavender in einem Wald an der Grenze zu Russland entdeckt. Da konventionelle Spannungsmomente in den „Taten“ weitgehend fehlen, werden sich von Brunnsteiners Journal vor allem jene Leser unterhalten fühlen, die meisterliches Form- und Stilbewusstsein zu schätzen wissen.