schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 21 - selbstgemacht du hast es in der hand
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/21-selbstgemacht/du-hast-es-in-der-hand

du hast es in der hand

klaus erich dietl , stephanie müller | du hast es in der hand

Gestrickte Bomben zwischen Widerstand und Werbemasche

Politische Forderungen, per Kreuzstich eingestickt in Bauzäune, Bepflanzungsaktionen im urbanen Grau und bandagierte Überwachungskameras: Der spielerische Umgang mit Protest, allem voran unter dem Banner des Do-it-Yourself-Ethos, feiert seit geraumer Zeit fröhliche Hochzeiten. Es scheint, als sei eine traditionell auf Massenmobilisierung abzielende Protestkultur für so manchen längst keine attraktive Option mehr, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Denn die wachsende Unzufriedenheit mit der vergleichsweise geringen Flexibilität großflächig angelegter Protestaktionen schafft zunehmend Nährboden für mikropolitische, im Alltag angesiedelte Praxen.

Es wird verfremdet, überaffimiert, getäuscht, irritiert, gestört, sabotiert oder einfach nur installiert und verschönert, was das Zeug hält. Im Vordergrund steht dabei die Rückeroberung des urbanen Lebensraums. Selbstermächtigung, Selbstorganisation, Improvisation und Eigeninitiative werden im Zuge dessen groß geschrieben: allesamt Schlüsselbegriffe, mit denen sich das Do-it-Yourself-Selbstverständnis charakterisieren möchte.

Künstlerische Subversion auf dem Prüfstand
Es sind parasitär anmutende Straßeninstallationen, Samenbomben, Aufkleber, Zeichen und Objekte aus Wolle oder Garn, um nur einige Beispiele zu nennen. Agiert wird in der Regel spontan, oft auch heimlich im Zuge so genannter Nacht- und Nebelaktionen. Meist sind es Kleingruppen, die sich mitunter permanent neu formieren und damit jedweder Institutionalisierung entsagen. Nicht selten treten Künstler auch im Alleingang in Aktion. Sie nennen sich Gehsteig Guerilleros, Space Hijackers oder Yarn Bombers. Allzu leicht drängt sich bei signalhaft, aktivistisch anmutenden Namen wie diesen eine Analogie zu den gewaltsamen Anschlägen und Sabotageakten südamerikanischer Guerillakämpfer auf. Doch mit deren rabiaten Aktivismus haben die subversiven Aktionen selbsternannter Guerilleros in den Straßen westlicher Metropolen längst nichts mehr gemein. Ihre rebellisch anmutenden Namen verweisen lediglich auf eine nicht allzu reflektierte Romantisierung militanter, aus dem Untergrund operierender Gruppierungen. Öffentliches Inventar wird zwar auch von ihnen bombardiert, allerdings nicht mit Sprengstoff, sondern mit künstlerischen Ausdrucksmitteln.

Operiert wird allem voran im Dunstkreis der Street Art, die ihren Ursprung in der Writer-Bewegung der 1970er-Jahre New Yorks hat. Damals war es ein Botenjunge, der auf seinem Arbeitsweg an sämtlichen Straßenecken sein Pseudonym Taki 183 schrieb. Ebendiese Verlautbarungen reiht der französische Theoretiker Jean Baudrillard 1978 in seinem Text Kool Killer. Aufstand der Zeichen in die politische Protestkultur ein. Das subversive Potenzial der Graffiti liegt laut Baudrillard gerade in deren Unsinn. Schriftzüge wie Taki 183 oder Eddie 135 transportieren im Gegensatz zu standardisierten Kommunikationsformen, wie man sie beispielsweise aus der Werbung kennt, keine Inhalte und Botschaften. Beliebig austauschbar stehen sie nicht einmal für einen Eigennamen. Der medialen Informationsschwemme im Stadtraum stellen sie sich als leere Zeichen entgegen und lassen sich so auch durch keinen Diskurs einnehmen.

Doch wo liegt nun das politische Potenzial der zumeist farbfrohen Eingriffe ins Urbane, die ganz im Gegensatz zu den leeren Zeichen im Baudrillard´schen Sinn, heute wieder verstärkt auf eine symbolhafte Inhaltlichkeit setzen? Längst nicht alle künstlerischen Ausdrucksformen an der Schnittstelle zwischen Privatem und Öffentlichem zielen auf Gesellschaftskritik ab. Oft sind sie nicht vielmehr als bloße Dekoration öffentlichen Inventars und erinnern eher an das neoliberale Trugbild kreativer Selbstverwirklichung, wie es in trendig aufgemachten Bastel- und Bauanleitungen propagiert wird. So müssen sich nicht wenige Do-it-Yourself-Künstler, die im Kontext der Street Art aktiv sind, dem Vorwurf der Selbstvermarktung stellen. So finden sich in unmittelbarer Nähe der bunten Zeichen nicht selten Hinweise auf Internetseiten oder Ladengeschäfte, über die sich Bilder, Poster, Aufkleber oder handgemachte Accessoires beziehen lassen. Auch die mediale Ausschlachtung der künstlerischen Subversion im öffentlichen Raum ist seit geraumer Zeit in vollem Gange. Ein prominentes Beispiel dafür ist Banksy, der allseits gefeierte Street Art Rebell aus dem Königreich. Noch während er in seiner Mockumentary Exit Through The Gift Shop den Ausverkauf der Straßenkunst gekonnt persifliert, haben seine grafisch aufwendig gestalteten Schablonengraffiti längst museale Ehrung erfahren.

Und auch wenn die Motivation hinter so mancher Aktion immer noch dezidiert politisch sein mag, bleibt noch lange offen, ob die gemalten, gestrickten oder geklebten Zeichen auch als solche gelesen werden. Denn angesichts der Tatsache, dass künstlerisch subversive Do-it-Yourself-Strategien im öffentlichen Raum auch für die Werbewirtschaft äußerst attraktiv sind, lässt sich nur schwer ausmachen, wo tatsächlich protestiert oder lediglich beworben wird. Am Beispiel von gelben Farbspuren, wie sie im Sommer 2010 im Münchner Univiertel zu sehen waren, wird die Problematik der Lesbarkeit besonders deutlich. Gelbe Farbe in rauhen Mengen überzog für mehrere Wochen Fahrbahn und Gehbereich. Durch Autoräder, Fahrräder und Schuhsohlen zeichneten sich mit der Zeit Spuren auf dem Asphalt ab. Vielleicht gerade auch durch die unmittelbare Nähe zur Kunstakademie konnte man hier durchaus vermuten, es handele sich um eine bewusst provozierte Situation im Sinne situationistischen Umherschweifens. Mit Sicherheit trägt die Farbigkeit ebenso wie die ausgeschüttete Menge einiges zu dieser Annahme bei. Denn wären es nur wenige Liter weiße Wandfarbe, würde man die Spuren viel eher auf einen Farbunfall zurückführen. Verdächtig nach Guerilla-Marketing roch dagegen eine Farbattacke, die nur wenige Wochen vor dem gelben Farbspiel in München auf der vielbefahrenen Kreuzung am Rosenthaler Platz in Berlin zu beobachten war. Für die Aktion wurde ein Ort gewählt, an dem sich in den umliegenden Cafés gerne Berlins digitale Bohème trifft. Auch die ATM Gallery, die sich als Übersetzer und Vermittler von Kunst im öffentlichen Raum versteht, ist hier angesiedelt. Es konnte also kaum ein medienwirksamerer Ort gewählt werden. Neben Gelb kamen auch die Grundfarben Rot und Blau zum Einsatz. Auf einem Laternenmast war auf einem Zettel zu lesen: wasserlöslich, schadstofffrei, biologisch abbaubar. Die bunten Farbspuren erinnern an die in 2009 lancierte Werbekampagne eines führenden Automobilherstellers. Anstelle eines Pinsels nutzte hier der in Kapstadt geborene Street Artist Robin Rhode die Reifen eines fahrenden Autos.

In einer Zeit, in der künstlerische Protestformen, wie sie im Zuge der Street Art auftauchen, zunehmend zur Werbemasche transformieren, steht Kritik an deren subversivem Potential auf der Tagesordnung. Veranstaltungen, wie die im Juni 2010 in der städtischen Kunsthalle Lothringer 13 initiierte Vortragsreihe „Widerstand im Alltag“, oder die für März 2011 in Hannover angesetzte Tagung „Subversive Aktion als emanzipatorische Praxis?“ stellen die im Do-it-Yourself angesiedelten, künstlerischen Ansätze auf den Prüfstand. Denn hält man sich vor Augen, dass mittlerweile nicht nur die Werbeindustrie, sondern auch rechte Gruppen künstlerische Aktionsformen für sich nutzen, ist genauer nachzuforschen, in welchem Kontext und unter welchen Umständen diese tatsächlich als Teil einer kritischen und emanzipatorischen Protestkultur zu verstehen sind. Welches gesellschaftspolitische Potenzial bringen künstlerische Aktionen an der Schnittstelle von Privatem und Öffentlichem mit sich? Welche neue Zielgruppen lassen sich damit erreichen? Wo liegen die Grenzen von Strategien, die lediglich auf molekularer Ebene angesiedelt sind? Wie sind künstlerisch-subversive Eingriffe im öffentlichen Raum lesbar? Welchem Kontext werden sie zugeschrieben? Weche Rolle spielt die mediale Vermittlung dabei? Ist sie Zielscheibe der Aktionen? Oder gar das Organ, welches die gestrickten, geklebten, installierten oder gesprühten Zeichen im Debord´schen Sinne zum reinen Spektakel degradiert?

Aufstand der textilen Zeichen im Stadtraum
Ein Großteil der selbsternannten Aktivisten mit Vorliebe für den Do-it-Yourself-Ethos rekrutiert sich aus dem studentischen Milieu der weißen Mittelschicht. Bislang hinterfragen nur wenige unter ihnen das eigene Wirken im öffentlichen Raum. Für Yarn Bombing Munich ist das Infragestellen der eigenen Praxis zentral. So setzt sich das lose Kollektiv um den Münchner Künstler Erich Kobalt neben der Lesbarkeit ihrer eigenen Aktionen auch mit Fragen auseinander, die im Zuge der Debatte um die Protestkultur bislang kaum Beachtung gefunden haben: Welche Rolle spielen traditionell weiblich belegte Kunstformen in einer Protestgeschichte, die vorwiegend von weißen Männern geschrieben wird? Wie lassen sich diese Strategien auch für marginalisierte Gruppen nutzbar machen? Welche Bedeutung kommt dabei Vernetzungsmechanismen zu?

Die Münchner Gruppe verschreibt sich seit 2009 dem Stricken und Sticken. Doch anders als die 2006 vom Politikwissenschaftler Victor Wuthi-Udomlert gegründete Strickeria, agieren sie nicht im beschaulichen Schwabinger Café-Ambiente. Operiert wird stattdessen an der Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Raum. Damit klinken sich die Münchner Yarn Bomber in eine Bewegung ein, die, ausgehend vom nordamerikanischen Raum, um eine Neubewertung traditionell weiblich belegter Kunstformen wie Handarbeiten bemüht ist. Handarbeit bleibt hier kein indiviualistisches, dekoratives Hobby, wie es in trendigen Ratgebern wie dem Münchner Magazin Cut beworben wird. Ganz im Gegenteil: im Zuge öffentlicher Strickzirkel, Näh-Sit-Ins und Yarn Bombing Aktionen sind die als harmlos stigmatisierten Nadelarbeiten kein patriarchal verordneter Einschluss-Faktor in die eigenen vier Wände mehr, sondern sie fungieren als Werkzeug, mit dem auf ungewöhnliche Weise sozialpolitische Anliegen vokalisiert und öffentlich verhandelt werden können.

Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Die Bank, das Garn und die Bohrmaschine“ der Innsbrucker Künstlerin Christine Pavlic. Sie durchdringt Parkbänke mit der Bohrmaschine, bestickt diese anschließend per Kreuzstich und zeigt damit völlig neue Projektionsflächen für feministische Kritik auf. Im Gegensatz zu den Stickbohrarbeiten der Innsbruckerin verzichtet die Gruppe um Erich Kobalt gänzlich auf Werkzeug und Nähutensilien. In Strickliesel-Manier legen die Münchner Yarn Bomber direkt Hand an das Inventar des öffentlichen Raums. Es handelt sich dabei um eine demokratische, nicht-hierarchische und allen offen stehende Technik, die hierzulande in der Regel bereits im Kindergartenalter erlernt wird.

Mit dem Handstricken möchten sich die Münchnern klar von strickbegeisterten Craftistas wie Magda Sayeg abgrenzen. Anders als die Gruppe um Erich Kobalt bereitet die Texanerin, die mit ihrem in 2005 gegründeten Kollektiv KnittaPlease als Vorreiterin für gestricktes Graffiti gehandelt wird, ihr Strickwerk zunächst im trauten Heim vor, um dieses später per Kabelbinder an den Masten von Laternen und Verkehrsschildern zu montieren. Während KnittaPlease vor allem stolz auf die handwerkliche Präzision ihrer Strickarbeit sind, ist den Münchnern die reine Dekoration öffentlichen Inventars zu wenig. So bezieht sich die Gruppe beim Legen der gestrickten Bomben nicht selten auf künstlerisch-subversive Strategien der Situationistischen Internationale, in dem sie neuralgische Punkte im Stadtraum ausfindig macht und dort Zeichen setzt. So startete Yarn Bombing Munich im Herbst 2009 mit einer Aktion an der Feldherrnhalle den Versuch, dem Ausblenden jüngster Stadtgeschichte entgegenzuwirken. Dazu wurden die Gliedmaßen des steinernen Löwen mit einer handgestrickten, signalfarbenen Armbinde versehen. Ob diese Aktion auch als eine gesellschaftskritisch motivierte lesbar ist, bleibt allerdings fraglich. Denn ohne Kenntnis der historischen Fakten ist die knallbunte Armbinde für die Betrachter am Ende auch nicht mehr als ein dekoratives Accessoire.

Bei weitem leichter zu lesen ist eine Serie mit Wolle umwickelter Überwachungskameras. Hier bewirkte Yarn Bombing Munich im Herbst 2010 zumindest für kurze Zeit eine Funktionsstörung. Mit dieser Sabotageaktion reihen sich die Münchner in zahlreiche weitere Versuche, mit künstlerischen Mitteln den eigenen Unmut gegenüber der Sicherheitspolitik kundzutun. Man denke hier an die liebevoll gebauten Überwachungskameraparasiten, wie man sie im Münchner Akademieviertel und in den Isarauen an Straßenmasten und Baumstämmen findet, oder die performativen Theaterstücke, wie sie von den New York Surveillance Camera Players bereits seit 1996 vor Überwachungskameras inszeniert werden. Jüngstes Beispiel für künstlerische Kritik am Überwachungsstaat ist die Kampagne „SafetyFirst“, die von der Münchner Kommunikationsdesignabsolventin Anuschka Linse 2010 im Rahmen ihrer Abschlussarbeit lanciert wurde. Sie bedient sich der Überaffirmation und entwickelt unter dem Label „SafetyFirst“ Markenprodukte für mehr individuelle Sicherheit, darunter eine Straßenlaterne zum Anschnallen oder Scheuklappen in trendiger Optik zum Ausblenden öffentlichen Geschehens. Konzipiert für den universitären Rahmen, wurden ihre künstlerisch-subversiven Accessoires bislang allerdings noch nicht außerhalb des Kunstbetriebs erprobt.

Doch gerade die Verhandlung gesellschaftspolitischer Themen jenseits eines abgetrennten Kulturmarktes ist für die Gruppe um Erich Kobalt zentral. Die Münchner Yarn Bomber sind dabei vor allem an der Lesbarkeit ihrer Aktionen im öffentlichen Raum interessiert. Denn, wie oben bereits am Beispiel der Armbinde für den Löwen an der Feldherrnhalle deutlich wurde, ist farbfrohes Strickwerk nicht unbedingt in jedem Fall ein geeigneter Aussageträger. Deshalb möchte die Gruppe vor allem danach fragen, unter welchen Umständen die Bomben aus Wolle und Garn mehr als bloße Dekoration sind. Welche Rolle spielen dabei Handwerk und künstlerische Präzision? Welches Potenzial steckt in der Wiederholung, im Legen von Sequenzen, in der Anleitung von spielerischem Mitwirken?

Im Zuge dieser Fragen versuchen sich die Mitglieder von Yarn Bombing Munich auch in der Kombination verschiedener Techniken. Gemeinschaftliches Handstricken trifft dabei auf einfaches Verspannen, Umwickeln oder das Legen von Spuren mit Wollfäden. So dekorierte die Gruppe im Winter 2009 Wartehäuschen mit handgestrickten Sitzschonern und Vorhängen. Durch anschließendes Einspinnen mit Wollfäden bekamen die gemütlich ausgestatteten Häuschen einen bitteren Beigeschmack. Sie wurden letztendlich zum undurchdringlichen Kokon und damit unbrauchbar. Mit ihrer Yarn Bombing Aktion verwiesen die Münchner auf dem Rückzug vieler Bürger ins Private und das damit einhergehende Ausblenden politischer Diskurse. Eine Tendenz, die gerade im Zuge des Handarbeitbooms verstärkt zu verzeichnen ist.

Mit einem Gewand für zwei Telefonzellen im Münchner Bahnhofsviertel wollten sie Anfang Mai 2010 eben diesen Rückzugsmechanismen aktiv entgegenwirken. Sichtbarkeit war die Devise. In Folge dessen verloren sie sich nicht in einer Nacht- und Nebelaktion, sondern strickten erstmals bewusst bei Tageslicht. Ziel war es, nicht isoliert als Künstlergruppe zu operieren, sondern den Dialog aufzusuchen. Do-it-Yourself wurde hier zum Do-it-Together ausgeweitet. Dabei sollte der künstlerisch-subversive Protest gerade für diejenigen Gruppen nutzbar gemacht werden, deren Stimmen im öffentlichen Diskurs noch immer weitgehend marginalisiert sind. Im Zuge dessen wurden im Vorfeld Künstler mit Migrationshintergrund und jugendliche Flüchtlinge eingeladen, zu denen über das in der Schwanthalerstrasse ansässige Qualifizierungsprojekt „Fadenlauf“ bereits Kontakt bestand. Die Strickaktion war technisch so niederschwellig angelegt, dass Passanten Gelegenheit hatten, sich permanent mit ein- und wieder auszuklinken. Auch wenn das handgestrickte Endprodukt hier durchaus gut anzusehen war, stand bei dieser Aktion der Prozess interkultureller Vernetzung klar im Vordergrund. Die Wahl der Telefonzelle als Knotenpunkt kommunikativen Ausstauschs kam dabei nicht von ungefähr. Yarn Bombing Munich dockt damit an eine Thematik an, mit der sich die Münchner Initiative „Bundesverband Schleppen und Schleusen“ bereits 2002 im Rahmen der Ausstellung „*unterliegt rassistischer Beschränkung“ befasst hat: die Residenzpflicht. Ausgangspunkt dieser Ausstellung war eine Telefonzelle, die, gelegen in einer deutschen Kleinstadt, dort die einzige, öffentlich zugängliche Kommunikationsmöglichkeit im Umkreis bot. Aufgrund der Residenzpflicht, blieb diese jedoch den Bewohner einer nur wenige hundert Meter davon entfernten Asylunterkunft verwehrt. Damit wurde etwas so Alltägliches wie Telefonieren kriminalisiert.

Wem gehört die Stadt?
Gerade am Beispiel der Residenzpflicht wird klar, dass Protest längst nicht für alle im gleichen Maße durchführbar ist. Wenn Flüchtlingen beispielsweise von der Ausländerbehörde keine Reiseerlaubnis erteilt wird, um an Demonstrationen oder Konferenzen teilzunehmen, wird Protest schnell zum Privileg. Zudem ist es so, dass dauerhafte Aufenthaltsperspektiven schon ab geringen Verurteilungen gefährdet sind. Sachbeschädigung im Dienste der Selbstermächtigung kann sich also längst nicht jeder leisten. Die Gruppe Yarn Bombing Munich möchte das Stricken im öffentlichen Raum daher künftig verstärkt für Protestaktionen nutzbar machen, die sich im legalen Bereich bewegen.

Die Möglichkeiten, künstlerische Strategien zu nutzen, um damit Widerstand zu formulieren, sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Auch wenn Gruppen wie Yarn Bombing Munich bereits den Versuch starten, ihre Methoden und Techniken auch anderen bereitzustellen, bleibt ein Großteil der Bemühungen bislang noch in mikropolitischer Beschaulichkeit stecken. Größer angelegte Protestaktionen werden aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Flexibilität oft pauschal abgelehnt. Doch ist gerade die Frage interessant, inwieweit sich auf molekularer Ebene angelegte, künstlerisch subversive Do-it-Yourself-Praxen mit Massenprotest sinnvoll verknüpfen lassen. Denn verborgen im Dunstkreis anonymer Nacht- und Nebelaktionen, wird am Ende kaum sichtbar, wem die Stadt nun gehören soll, um auf die Fragestellung einer Münchner Aufkleberaktion zurückzukommen.