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durch meiner hände arbeit in den tod

bernhard horwatitsch | durch meiner hände arbeit in den tod

Über den direkten Weg von der Selbstbestimmung zur Selbstausbeutung

Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint.
Karl Marx. MEW Bd. 25

Die zentrale Botschaft der Lohngesellschaft lautet: Egal welche Arbeit, Hauptsache du hast eine Arbeit. Es zählt also nicht, was du arbeitest, sondern dass du arbeitest. Stalins Motto „Der Mensch ist das wichtigste Kapital“ fügt sich problemlos in unseren westlichen Begriff des Humankapitals. Die Grundlage dafür ist der Kapitalismus. Er ist die größte Entdeckung der Menschheit und entfesselte Kräfte, die uns jetzt im 21. Jahrhundert ziemliche Probleme bereiten. Es ist wohl nicht zufällig, dass die Entstehung des Kapitalismus in der bildenden Kunst durch das Motiv des so genannten Totentanz (z. B. der Lübecker Totentanz aus dem Jahr 1460) begleitet wurde. Es werden dabei die Repräsentanten der verschiedenen Stände (vom Papst, Adel, Handwerker bis zum Bettler) gezeigt, die mit dem Tod als Knochenmann tanzen.

Um diese Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, waren eine Reihe intensiver Maßnahmen nötig. Die Rechtfertigung von Privateigentum und Lohnarbeit (Arbeitskraft als Ware) sind dabei die wesentlichen Instrumente. In den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts kam die Lohnarbeit in eine Krise. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich das Modell des Fordismus als attraktives Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herausgestellt. Allerdings haben neue Technologien, vor allem die Informations- und Wissenstechnologie zu einer revolutionären Veränderung der Arbeitswelt beigetragen. Eine individualisierte Produktnachfrage geriet in Konflikt mit der Massenproduktion des Fordismus, und die Ölkrise hat schließlich die Produktionsweise selbst durch eine Krise modifiziert. Die 68er sind zum Symbol geworden für die Kritik an dem alten paternalistischen Modell. Mehr Emanzipation, mehr Selbstbestimmung und mehr Individualismus gegen Fließbandarbeit, Monotonie in der Arbeit. Der entfesselte Reichtum durch das fordistische Modell wurde dem Modell selbst zum Verhängnis, da die Menschen nun ihren Anteil forderten. Die erstarkte Masse forderte ihr Recht auf Mitbestimmung, höhere Löhne, bessere Arbeitszeiten, und Produkte, die ihnen auch wirklich entsprechen. So entglitt den Herrschenden das Humankapital. Gleichzeitig brauchte der Kapitalismus, um zu überleben, eine erhöhte Produktivität.

Das Modell Krokodil
Um praktisch zu beginnen, stelle ich ein Modell vor, das eine neue Form der Steuerung im Arbeitsprozess beschreibt. Es ist auch ein Beispiel für die Widersprüchlichkeit des Kapitalismus, da diese neue so genannte „indirekte Steuerung“ des Arbeitsprozesses einerseits eine Befreiung der Produktivkräfte impliziert und gleichzeitig eine neue Dimension der Unfreiheit schafft.

Stand im Fordismus noch der Aufpasser hinter dem Arbeiter, der dafür Sorge trug, dass die Arbeit getan wird, so ist heute der Arbeitende selbst der, der Sorge trägt, dass die Arbeit getan wird. Wie konnte der qualitative Sprung gelingen, dass der Arbeitende, Lohnabhängige die Arbeit zu seinem eigenen Willen macht?

Angenommen, sie arbeiten für einen Betrieb. Sie werden dafür bezahlt, eine Strecke von A nach B zu überwinden, um beispielsweise ein Produkt von A nach B zu bringen. Damit sie dieses Produkt nach B bringen, stand früher ein Aufpasser hinter Ihnen. Um die Funktion dieses Aufpassers besser zu veranschaulichen, trägt er eine Pistole. Gehen Sie jetzt nicht von A nach B, weil Sie zum Beispiel keine Lust haben, droht der Aufpasser Ihnen mit seiner Pistole.

Der qualitative Sprung ist nun Folgender: Statt des Aufpassers mit der Pistole wird nun ein Krokodil auf Sie angesetzt. Das Krokodil ist hier eine Metapher für die Marktmechanismen. Plötzlich wird es für Sie zum eigenen Überlebenskampf, von A nach B zu kommen, und zwar so schnell wie möglich. Denn das Krokodil verfolgt Sie. Der Aufpasser hätte nicht viel davon gehabt, Sie zu erschießen. Schließlich verdient der Aufpasser sein Geld dafür, dass er Sie dazu bringt, von A nach B zu gehen, nicht dafür, dass er Sie erschießt.

Vor den Zeiten des Krokodils war es Verhandlungssache zwischen Aufpasser und Ihnen. Es half Ihnen dabei auch der Betriebsrat, der mit Gesetzen bewaffnet dem Aufpasser klar machte, dass die Arbeitszeit und die Arbeitsbestimmungen eingehalten werden müssen. Dem Krokodil jedoch ist das egal. Mit einem Krokodil kann man nicht verhandeln. Der Markt ist keine Frage von Verhandlung. Gejagt von diesem Krokodil, versuchen Sie weiterhin das Produkt nach B zu bringen. Nun taucht eine Wand vor Ihnen auf, so dass Sie gehindert werden, nach B zu gelangen. Früher hätten Sie sich umgedreht und dem Aufpasser gesagt, dass Sie hier nicht weiterkommen und er doch dafür sorgen solle, dass die Wand wegkommt, sonst stellen Sie Ihre Arbeit ein, und wenn die Wand nicht wegkommt, stellt dies ein Sicherheitsrisiko dar, und Sie verständigen den Betriebsrat. Der würde dem Aufpasser und schließlich Ihrem Arbeitgeber ordentlich einheizen. Dem Krokodil ist das schon wieder egal, im Gegenteil, das freut sich, denn jetzt kann es Sie fressen. Also bleibt Ihnen nichts weiter übrig, als die Wand aus eigenem Antrieb und Überlebenstrieb zu überwinden, bevor Sie das Krokodil frisst.

Sie arbeiten also schneller, effizienter und überwinden Probleme im Arbeitsprozess von sich aus, aus eigenem Antrieb. Der Betriebsrat nutzt Ihnen nichts, denn gegen das Krokodil ist dieser machtlos, im Gegenteil, wenn der Betriebsrat jetzt meint, dass die Arbeitsbestimmungen Ihnen verbieten, über die Wand zu steigen (Sicherheitsbestimmungen), dann schadet das Ihnen. Der Betriebsrat (früher Ihr Freund) ist jetzt Ihr Feind. Dies gefährdet die Machtbasis der Mitbestimmung. Ist die Arbeitszeit zu Ende, so sind Sie vor den Zeiten des Krokodils einfach nach Hause gegangen, ob Sie nun das Produkt nach B gebracht hatten oder nicht. Ihre Arbeit haben Sie ja nur für eine bestimmte Zeit zur Verfügung gestellt, und diese Zeit war durch einen Arbeitsvertrag gesichert. Arbeitsverträge interessieren das Krokodil nicht. Ein Krokodil liest keine Arbeitsverträge. Es denkt nur ans Fressen. Jammern Sie ruhig über die niedrigen Instinkte des Krokodils. Es nutzt nichts. Im Gegensatz zu Delphinen sind Krokodile nicht dressierbar. Der Arbeitsvertrag wird auch für Sie nutzlos, ob Tag ist, ob Nacht ist oder Wochenende. Das Krokodil ist nämlich auch nicht katholisch und hält den Sonntag für einen Feiertag. Sie arbeiten, Sie arbeiten so lange, bis das Produkt in B ist, denn erst dann sind Sie vorerst sicher vor dem Krokodil.

Dieses Modell, das vom Philosophen Klaus Peters propagiert wird, zeigt, wie moderne indirekte Steuerung funktioniert. In den Betrieben wird der Markt inszeniert. Innerhalb der Betriebe werden Kennziffern markiert, die erreicht werden müssen, da sonst die Existenz bedroht ist. Der Unternehmer droht nicht mehr, sondern er ist genauso ohnmächtig wie der Lohnabhängige. Er überträgt nun diese Ohnmacht auf den Lohnabhängigen. Dieser ist gezwungen, die Marktmechanismus ernst zu nehmen. Früher wurde er gezwungen durch die herrschenden Produktionsverhältnisse. Heute ist er gezwungen. Herrscher und Beherrschter scheinen identisch, aber nur in ihrer Ohnmacht. Der Unternehmer herrscht ja immer noch im Hintergrund dadurch, dass er die Rahmenbedingungen schafft durch die Bereitstellung der Produktionsmittel.

Der Vorteil für Sie ist dabei nur scheinbar. Zum Beispiel die Vertrauensarbeitszeit. Klingt ja erst mal gut. Arbeiten, wann man will. Aber wenn Ihnen ein Krokodil im Nacken sitzt, ist das so eine Sache mit dem Wollen. Man wird sehr kreativ und quasi selbst zum Unternehmer mit so einer inszenierten Bedrohung. In Europa arbeiten in etwa 30 Prozent der Menschen nach so einem Modell. Sie sind quasi selbstständig, handeln und denken unternehmerisch, sind marktorientiert und neoliberal programmiert. Der Vorteil insgesamt für die Gesellschaft liegt auf der Hand. Durch den massiven Druck kommt es zu einer Befreiung von Produktivkräften. Es wird insgesamt mehr gearbeitet, effizienter und ohne Rücksicht. Die Menge der Einzelkapitalisten wurde künstlich hochgeschraubt. Der Staat oder die Gewerkschaften können hier kaum noch Kontrolle ausüben. Wenn jeder dritte Privatmensch ein Einzelkapitalist ist, dann wird Marktregulierung zur Farce.

Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer ... den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.
Karl Marx: Das Kapital. MEW Bd. 23

Nun wird das Privateigentum, das den Geldbesitzer in die Lage versetzt, Produktionsmittel bereit zu halten, in jedem Staat mit Gewalt verteidigt. Das Argument dafür ist die Gerechtigkeit. Man möchte nicht, dass der Zusammenhang zwischen Ertrag und Leistung verloren geht. Es soll ja niemand von der Leistung eines anderen leben können. Aktuell haben wir die Diskussion in der Frage der Sozialtransfers für Hartz-IV-Empfänger. Es wäre ungerecht, wenn diese Leistungen beziehen, die sie nicht selbst erbracht haben, daher kann man sie zu gemeinnütziger Arbeit heranziehen.

Bei dem englischen Aufklärer John Locke wird das Gemeineigentum durch Vertrag zum Privateigentum. Es gilt das Recht der prima occupatio, der ersten Inbesitznahme mittels Vertrag. Das Privateigentum wird also zum Naturrecht und durch Vertrag aufgeteilt.

Die Überwindung von Eigentum ist eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft. Hier kann man schnell mit einem liberalen Reflex rechnen. Um Gottes Willen. Eigentum ist nach liberalem Denken die Grundlage allen menschlichen Seins. Dieses Denken fußt wesentlich auf dem Theoriegebäude des englischen Aufklärers John Locke und dessen Arbeitstheorie. Der Mensch ist – im liberalen Denken von John Locke – Eigentümer seiner selbst. Er, der Mensch, ist auch Eigentümer all dessen, was in ihm ist und was an ihm ist. Alle meine Fähigkeiten sind, wie mein Körper, mein Eigentum. Es handelt sich hier um das primäre Selbsteigentum des Menschen, wozu auch die Arbeit zählt.

Wenn dieser sich selbst gehörende Mensch nun arbeitet, vermischt er seine innere Natur mit den äußeren Sachen. Dies ist ein Akt der Rechtsübertragung. Auf der ontologischen Ebene ist dieser Besitz durch Arbeit identisch mit dem eigenen Körper. Würde man mir nun das durch Arbeit geschaffene Haus wegnehmen wollen, käme es einer Amputation eines Körpergliedes gleich.

Kant kritisiert die Arbeitstheorie des Eigentums von John Locke. Er stellt einen Kategoriefehler fest, da rechtlicher Besitz mit der Erfahrung von psychischer und physischer Zugehörigkeit verwechselt wird. Ein Selbstverhältnis ist kein Rechtsverhältnis. Abgesehen davon kam die Vorstellung des Selbsteigentums erst mit dem modernen Denken in die Welt. In Antike und Mittelalter ist der Mensch Eigentum Gottes und hat bestenfalls ein Nutzungsrecht am Selbst. Also konnte er auch Eigentum eines anderen Menschen sein. Kant hat nun ein Problem mit der Aussage, man sei Eigentümer seiner Arbeit. Man kann – nach Kant – aber nicht tauschen, was einem nicht gehört. Adorno hat diese Gedankenkette später aufgenommen, um den Kapitalismus zu kritisieren: Er sprach von der Selbsterhaltung ohne Selbst. Ich vernutze meine Fähigkeiten marktkonform, um Erfolg zu haben, aber es bleibt gar nichts mehr übrig, wofür ich den Erfolg habe (Selbstaufgabe).

Locke verwechselt – nach Kant – Personalpronomen „mein Arm, mein Bein, mein Gedanke“ mit besitzanzeigendem Pronomen „mein Haus“ als rechtliches Verhältnis. Ist aber die ontologische Gleichartigkeit nicht mehr vorhanden, bricht Lockes Theorie zusammen, meint Ingo Elbe in seinem Buch Privateigentum.

Die Überwindung von Privateigentum ist neben der Überwindung der Lohnarbeit meiner Ansicht nach von zentraler Bedeutung. Und diese beiden Fragen lassen sich nur in einem gesamtgesellschaftlichen, kulturellen Prozess lösen. Ob wir nun wollen oder nicht, die Befreiung der Produktivkräfte ist dazu ein Hebel. Um im Bild zu bleiben, bedeutet dies, dass man das Krokodil erschießt. Es erfordert einen neuen Herkules im Sinne der Ästhetik des Widerstands (Peter Weiß). Hier ist wichtig anzumerken, dass die Befreiung der Produktivkräfte, versinnbildlicht durch das Krokodil, nicht bedeuten, dass man wieder zum Aufpasser mit der Pistole zurückkehrt, sondern aus den befreiten Produktivkräften heraus zu neuen Handlungsoptionen kommt. Zum Beispiel Fragen nach der Zeitsouveränität stellt, Fragen nach den Rahmenbedingungen des eigenen Arbeitsprozesses. Wenn der Lohnabhängige schon zum Unternehmer wird, ist die Frage nach dem Zugriff auf die Produktionsmittel zwingend.

Die Gewerkschaft muss also völlig neue Felder erschließen, und zwar im gesamtgesellschaftlichen Bereich, von der Bildung bis zum Endprodukt. Gewerkschaftliche Arbeit impliziert meiner Ansicht nach auch ökosophische Kritik an den Endprodukten, an der Städteplanung, massive Forderungen nach Wiederherstellung von Gemeingut gegenüber Eigentum.

Es stellt sich die Frage nach Bürgerarbeit und Bürgergeld völlig neu. Da Arbeit kaum noch messbar ist (zum Beispiel im Bereich der Dienstleistung) und ohnehin keine Einzelleistung, sondern eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung (jeder trägt seinen Teil dazu bei, dass der Reichtum sich vermehrt), ist eine neue Definition des Arbeitsbegriffes nötig.

Die Ungleichheit auf der Welt ist ein Ergebnis von Privateigentum und Lohnarbeit, den Grundlagen des Kapitalismus. Die Geschichte des Menschen ist somit die Bewusstwerdung seiner Produktivkräfte im Widerspruch von Entfaltung und Zerstörung. In jeder Entfaltung von Produktivkräften liegt dieser Widerspruch offen zu Tage. Einerseits führt er zu Progression und Emanzipation, andererseits zu Zerstörung. Der Kapitalismus ist so ein Hexenmeister, der die technischen Verhältnisse, die er zum Tanzen brachte, nicht mehr beherrschen kann. Solange also Menschen über Menschen herrschen, beherrschen sich die Menschen nicht. Wenn die Herrschaftsverhältnisse verschwinden, erst dann kann der Mensch auch über sich selbst herrschen, werden Herrscher und Beherrschter identisch. Diese Freiheit liegt aber nicht in der historischen Entwicklung, sondern kann nur durch Intervention erreicht werden. Es ist ein Paradoxon. Erinnert sei hier an die Russell’sche Antinomie der Klasse aller Klassen, die sich nicht selbst als Klasse enthält. Es stellt sich somit die Frage, wie ich meine eigenen Produktivkräfte beherrschen kann. Diese Frage nach der Beherrschung meiner eigenen Kräfte ist die Kehrseite der Herrschaft von Menschen über Menschen. Das heißt, dass man die Fähigkeit, die Erde hundertfach zerstören zu können, erst mal entwickeln muss. Ein Fortbestand der Menschheit ist nicht mehr möglich, wenn man die Herrschaftsverhältnisse der Ausbeutung beibehält, da diese Verhältnisse selbst nicht beherrschbar sind. Somit liegt erst in der Freiheit der Produktivkräfte die Möglichkeit der Beherrschung der Produktivkräfte.

Es ist in der Tat ein gordischer Knoten, den es zu durchschlagen gilt. Der Kapitalismus hat einen unermesslichen Reichtum geschaffen, hat die Welt bewegt auf eine Weise, wie sie kein anderer Ismus je bewegt hat. Es ist eine Tragödie, dass diese Entfesselung von Kräften nicht beherrschbar ist. Ein „Zurück in die Vergangenheit“ kann niemand ernsthaft fordern. Aber es steht durchaus Spitz auf Knopf, dass die Verhältnisse uns alle in die Vergangenheit zurück katapultieren. Die Apokalypsen sind zahlreich: Klimakatastrophe, Massenvernichtungswaffen, Zusammenbruch der Ernährungskette, Versiegen unserer Energiequellen, um nur die Wichtigsten zu nennen. Der Totentanz mit den entfesselten Kräften des Kapitalismus ist im vollen Gange.

Inzwischen ist es also keine Frage mehr von Recht und Unrecht, sondern eine Frage des Überlebens unserer Gattung, über neue Formen des Wirtschaftens nachzudenken. Da Herrscher und Beherrschter im Kapitalismus ohnmächtig den Verhältnissen gegenüber stehen – und das hat uns die jüngste Krise des Kapitalismus plastisch vor Augen geführt –, gilt es, gemeinsam (Herrscher und Beherrschter), das Krokodil in den Griff zu bekommen. Das Krokodil ist der so genannte „freie Markt“.

Der Plan
Als Gegenpol zum freien Markt wird gerne der Plan ins Spiel gebracht. Planwirtschaft gilt als Heilmittel. Dies ist jedoch der gleiche Unsinn wie die Ideologie vom freien Markt.

Die Vertreter des freien Marktes sprechen gerne davon, dass der Markt von sich aus ein Gleichgewicht einhält.
Schon früh widersprach dieser Theorie Oskar Morgenstern, ein Zeitgenosse von F. A. von Hayek. Morgenstern gilt gemeinsam von John von Neumann als Mitbegründer der Spieltheorie (The Theory of Games and Economic Behavior, 1944).

In der Schrift Vollkommene Voraussicht und wirtschaftliches Gleichgewicht (Zeitschrift für Nationalökonomie, Bd. 6) konterkariert Morgenstern die Gleichgewichtstheorie der österreichischen Ökonomie. Zwei Konstanten, die vollkommene Voraussicht und die Tendenz zum Gleichgewicht des Marktes, gelten allgemein als Argumente für den radikalen Markt, ohne zu planen. Morgenstern zeigt sehr anschaulich, dass die vollkommene Voraussicht gar nicht möglich ist, denn:

Als erste Antwort ist festzuhalten, dass schlechthin volle Voraussicht, in Bezug auf die Zeitdauer als unbeschränkt genommen, eine Voraussicht bis zum Weltuntergang oder zumindest über den letzten Zeitpunkt hinaus, für den noch von irgendwem in der Gesellschaft (also auch vom Staat selbst) disponiert werden soll, bedeuten müsste.

Er zeigt, dass die Theorien der österreichischen Ökonomie hier „nicht einmal den Namen Wissenschaft“ verdienen. Weiter zeigt er, dass ein Gleichgewicht ebenso unmöglich ist, denn es würde zur Stasis führen, zur vollkommenen Lähmung. Der ideale Plan ist genauso unsinnig, wie der ideale freie Markt. Ein längerer Abschnitt aus seiner Schrift mag das sehr anschaulich erläutern:

Ich gehe nunmehr dazu über, etwas näher zu prüfen, welche Bedingungen sich ergeben, wenn volle Voraussicht angenommen wird und namentlich die wechselseitige Einbeziehung der Voraussicht vermutlichen fremden Verhaltens im Sinne der Auflösung der komplexen Größen wie Preise usw. erfolgt. Tatsache ist, dass eine Kalkulation der Wirkungen des künftigen eigenen Verhaltens auf künftiges fremdes Verhalten und vice versa immer erfolgt, also jederzeit empirisch beobachtbar ist. Jedoch bricht die Kette der gemutmaßten ineinandergreifenden Reaktionen verhältnismäßig bald ab, oft spielen sie auch wegen der Mächtigkeit der äußeren Daten der physikalischen Natur keine übermäßige Rolle, es sei denn auf gewissen Märkten (Börse). Etwas anderes ist es bei unbeschränkter Voraussicht. Ein Beispiel für das sich dann ergebende Paradoxon bei nur zwei Partnern gab ich bei anderer Gelegenheit und darf es hier einfach reproduzieren: „Als Sherlock Holmes, von seinem Gegner Moriarty verfolgt, von London nach Dover abfährt und zwar mit einem Zuge, der auf einer Zwischenstation hält, steigt er dort aus, anstatt nach Dover weiterzufahren. Er hat nämlich Moriarty auf dem Bahnhof gesehen, schätzt ihn für sehr klug und erwartet, daß Moriarty einen schnelleren Extrazug nehmen werde, um ihn in Dover zu erwarten Diese Antizipation Holmes stellt sich als richtig heraus. Was aber, wenn Moriarty noch klüger gewesen wäre, Holmes geistige Fähigkeiten höher eingeschätzt und demnach Holmes Aktion vorausgesehen hätte? Dann wäre er offenbar nach der Zwischenstation gefahren. Das hätte Holmes wieder kalkulieren und daher sich für Dover entscheiden müssen. Worauf Moriarty wieder anders reagiert hätte. Vor lauter Nachdenken wären sie gar nicht zum Handeln gekommen oder der geistig Unterlegene hätte sich schon am Viktoria-Bahnhof dem anderen übergeben müssen, weil die ganze Flucht unnötig geworden wäre.

Kapitalismus ist damit faktisch ein Ungleichgewichtssystem, einfach weil volle Voraussicht nicht möglich ist und die Tendenz zum Gleichgewicht eine Unmöglichkeit, da sie zum Stillstand allen Handelns führen würde.

Eine gewisse Voraussicht ist wiederum möglich und auch notwendig. Verlasse ich also das Ideal, dann ändere ich meine Zugangsweise. Der Preismechanismus ist für Morgenstern überhaupt kein Steuerungssystem, denn seine Informationen sind fehlerhaft und ungleich. Der Preis kann als eine Art Zeichen gesehen werden, das man lesen kann, und als Zeichen hat es unendliche Deutungen zur Möglichkeit.

Folglich ist der Markt dem Plan nach Morgenstern nicht überlegen. Der optimale Plan und der optimale Markt wären im Grunde identisch. „Markt“ ist damit ein ideologisches Gebilde. Sind die Idealwelten nicht durchführbar, muss man sehen, wie es tatsächlich läuft. Und da sieht man, dass der Kapitalismus ein ziemlich suboptimales System voller Ungleichheiten ist. Und zwar voll erheblicher Ungleichheiten, weil die Ungleichheiten Bedingung für das Funktionieren dieses Systems sind.

So entpuppt sich der Markt, wie ihn die Neoliberalen sehen, als utopistisch. Es geht nicht um die Vermittlung einer Utopie über eine ideale Gesellschaft, sondern darum, die emanzipatorische, solidarische Gemeinschaft zu propagieren und Probleme zu benennen, die sich ergeben haben, weil genau diese Gesellschaft der antiemanzipatorischen und antisolidarischen Gesinnung besteht.

Alternativen sind im Wesentlichen inhaltlicher Art. Bei aller metaphysischen Lücke zur Erklärung der Welt, besteht dennoch die Wirklichkeit, das heißt das faktische Erleben einer subjektiven Wirklichkeit. Und an diese gilt es konkret anzuknüpfen. Überzeugungen bringen wenig. An der harten Analyse der Verhältnisse führt kein Weg vorbei. Dies ist sehr wohl schmerzlich, aber dann im weitesten Sinne heilsam, weil in der Erkenntnis der Verhältnisse meiner Unfreiheit und der Zwänge eine Würde entsteht, die einem nicht mehr genommen werden kann. Der Sklave ist frei, der seine Unfreiheit erkennt.

In diesem Sinn ist der berühmteste Satz von Karl Marx zu verstehen: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt darauf an, sie zu verändern.“

Es handelt sich hier also um zwei eklatant unterschiedliche Unterscheidungen. Einerseits macht der Theoretiker einen Unterschied als theoretische Operation (die Philosophen haben die Welt unterschiedlich interpretiert). Andererseits werden durch praktische Taten Unterschiede produziert (es kömmt darauf an, die Welt zu verändern).

Hinter der geschichtlichen Notwendigkeit sieht Marx materielle Interessen. Die Frage ist also nicht, wie etwas zu sein hat, sondern wie man zu handeln hat. Eine Ethik, die mein Handeln wieder in den Vordergrund stellt, bedeutet: Es ist nicht wichtig, dass ich eine Arbeit habe, sondern was ich arbeite. Eine Ethik des Arbeitens, ein Bewusstsein für mein Tun erfordert aber zugleich die Fähigkeit, über die Rahmenbedingungen meines Tuns mitentscheiden zu können. Dies ist ohne eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung nicht erreichbar. Es mag möglich sein, aber es ist so schwer, wie der berühmte Stein, den Gott nicht heben konnte. Hätte er diesen Stein heben können, hätte er ihn nicht schaffen können. So oder so hat Gott seine Machtlosigkeit offenbart. Um aus diesem Paradoxon herauszukommen, ist ein widerspruchsfreies Denken nicht mehr hilfreich ...

Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß Jene von dieser widerlegt wird; ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser.
GWF Hegel. Phänomenologie des Geistes

Hegel empfiehlt uns daher, aus den Kategorien selbst herauszukommen. Um die Produktivkräfte zu beherrschen, bedarf es einer Freiheit, die selbst nicht in diesen Produktivkräften angelegt ist. Welches Monster wir dann schaffen, das steht allerdings auf einem anderen, noch unbeschriebenen Blatt.