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es werde geld

christiane kühl | es werde geld

Über die abstrakte Kunst des Geldvermehrens

Neulich musste ich mir ein paar Geldscheine machen. Der Anlass tut hier nichts zur Sache. Der Ausgang schon: Ich habe es, verdammt noch mal, nicht hingekriegt. Schon die Farbkopierer arbeiten mit dem Feind und verweigern ihre Dienste. Ich habe meinen 50-Euro-Schein geschickt gescannt. Geschickt sage ich, weil es auch unter den Scannern massenweise Kollaborateure gibt, und nur die wenigsten einem ehrlichen Geldfälscher zu Dienste stehen. Ich, die ich selbstredend keine Fälscherin, sondern Geldmultiplikatorin aus gutem Grund bin, habe einen solchen gefunden. Aber genutzt hat es nichts. Denn mein Drucker, das alte Drecksteil, das sich Bruder nennt, behauptete, er könne die Pixel des Scans nicht lesen. Hallo? Pixel nicht lesen? Ich mailte den Scan an vertrauenswürdige Freunde. Eine befreundete Schauspielerin aus der Schweiz deutete an, man könne den Schein minimal verkleinern. Ein unterbeschäftigter Bastelfreund bot an, verschiedene Teilausdrucke zu einem homogenen Ganzen zu operieren. Überall das Gleiche: Kein Geld wird gedruckt.

Offiziell ist es so: Wenn Sie 1.000 Euro auf Ihr Bankkonto einzahlen, muss die Bank 100 Euro davon bei der Zentralbank als Sicherheit hinterlegen und darf 900 Euro verleihen. Klingt in Ordnung. Interessant daran ist, dass Sie trotzdem jederzeit an Ihr Geld herankommen. Wenn die Bank also von Ihren 1.000 Euro 900 Euro an Norma verleiht und Sie selbst 1.000 abheben, sind mit einem Mal 1.900 Euro im System. 900 davon sind einfach in die Welt gefallen. Schöner wird’s, wenn Norma sich ein MacBook für 900 Euro kauft und der Applehändler das Geld zur Bank bringt. Dann darf die nämlich, nach Abzug der 10 Prozent für die Zentralbank, 810 an Andreas verleihen, womit schon 2.710 Euro zirkulieren, ohne dass jemand dafür arbeiten musste. Andreas kauft ein Fahrrad, der Fahrradhändler bringt 810 Euro zur Bank, die verleiht 729 und folglich sind 3.439 im Umlauf. Zehn Runden später in diesem Multiplikationsreigen sind aus den 1.000 Euro schon knapp 7.000 geworden. Kein Zahngold muss gezogen, kein Ehering eingeschmolzen, kein Erbe verhökert werden. Das Geld entsteht aus Schulden, genauer gesagt: aus einer Zahl, die ein Bankangestellter auf einen Zettel schreibt. Denn in Wirklichkeit sind ihm Norma und Andreas natürlich völlig egal, und auch wenn sie nicht exisierten, würde er dem Radhändler Geld leihen. Gerne auch das zehnfache. Dies ist eine abstrakte Kunst, die sich in der Praxis bewährt hat.

Geld selbermachen lässt sich also in verschiedenen Sphären verschieden einfach bewerkstelligen. Wer zuhause mit dem Scanner hantiert, hat oft das Nachsehen. Aber es gibt auch Überraschungserfolge. Bei mir kam er in Person eines amerikanischen Freundes, der gerade mit einem Uralt-Drucker nach Deutschand gezogen war und die Scheine für unseren guten Zweck problemlos drucken konnte. Nun sind die Amis für ihre Freude am ungezwungenen Gelddrucken bekannt; die Fed hat gerade Anfang November wieder 600 Milliarden grüne Dollar gedruckt und ins System gepumpt. Aber eben Dollar – das mit den Euros ist neu. Unter Umständen ist das ein neuer Schachzug im aktuellen Weltwährungskrieg; da der Großteil der Dollar mittlerweile von Chinesen gehalten wird, übernehmen die Amerikaner den Euro. Wo das alles hinführt, weiß ich auch nicht, aber Selbermacher sollen ab sofort die irische Druckersoftwareproduktion im Auge behalten. Da lässt sich unter Umständen bald was machen.