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gefühlte nähe

thomas frahm | gefühlte nähe

Fremdkulturelle Erfahrung im Selbstversuch

Das war er also, der Großstadtdschungel, nach dem ich mich in der geordneten Perspektivlosigkeit meines deutschen Daseins immer gesehnt hatte: Nach zwei Tagen Fahrt im Kleinbus, in den ich das allernötigste Hab und Gut verladen hatte, war ich von einem idyllischen Städtchen mit restaurierten Fachwerkhäuschen, sauberen Straßen und ohne besondere Vorkommnisse im letzten noch vor der Wende erbauten Plattenbau-Viertel Sofias angekommen. Die lang gezogenen Betonblöcke mit meist acht Stockwerken und fünf Treppenhäusern lagen im Abendlicht da wie gestrandete Walfische, die sich vier-, fünfhundertmal am Jonas verschluckt hatten. Nachträglich verglaste Balkone, in die die Menschen wegen der kleinen Wohnungen meist ihre Küchen verlegt hatten, reflektierten das Sonnenlicht. In der Ferne gärte rötlich im aufsteigenden Dunst der Kegel des Witoscha – ein bulgarischer Kilimandjaro.

Das Gefühl, wirklich in einem Dschungel gelandet zu sein, stellte sich aber nicht etwa nur deshalb ein, weil die damals, zur Jahrtausendwende, noch streunenden Rudel ausgesetzter Hunde einem vermittelten, man könne jeden Moment zerfleischt werden. Es ergab sich vielmehr als Summe kleiner Dinge, die nach deutschen Maßstäben nicht in Ordnung waren. Wacklige oder schiefe Gehsteigplatten machten meiner Neigung, gedankenverloren durch die Gegend zu schlurfen, schon bald ein Ende. Riesige Schlaglöcher im Asphalt der Straßen warnten: Einen einzigen Schritt nicht aufgepasst, und du liegst mit gebrochenen Knochen auf der Nase. Und als ich gerade gelernt hatte, aufmerksam auf den Boden vor mir zu schauen, stieß ich mir beim Versuch, eine Busfahrkarte zu kaufen, den Kopf an den Metallstangen einer Zeitungsbude, die Menschen von mehr als 1,70 Meter Körpergröße mit Beulen oder tiefen Kopfwunden bestrafte. Abgesägte Laternenpfähle und geklaute Kanaldeckel, von verarmten Leuten im Wirtschaftscrash der Wende bei findigen Buntmetall-Zwischenhändlern gegen amerikanische Dollars verscherbelt, stimulierten die Fantasie des fremden Beobachters und ließen ihn nach den größeren Zusammenhängen fragen.

Nachts wurde dies Wildreservat – von nur wenigen verbliebenen Straßenlaternen notdürftig erhellt – in eine Atmosphäre lauernder Lebendigkeit getaucht. Ich stellte mir vor, dass fremdartige Raubtiere unsichtbar zwischen den ächzenden Betonklötzen, den summenden und klackenden Stromverteilerhäuschen und dem Rascheln der Müllcontainer, in denen der Wind nach Essen wühlte, umherstrichen. Manchmal hörte man sie sogar, wenn eine der zahllosen Autoalarmanlagen losheulte, und gleich darauf ein Rudel Hunde in deren Jaulen einstimmte, als hätten sie Beute gemacht.

Die Wachheit, die dies alles in mir erzeugte, war anstrengend, aber sie euphorisierte mich auch. Im Gegensatz zu der bloß kontingenten Wachheit in Deutschland, die auf bestimmte Aufgaben oder Interessen beschränkt war, war dies hier eine notwendige Wachheit, eine Wachheit, von der mein Überleben abhing. Und so war die erste Fremderfahrung, die ich in Bulgarien machte, die Erfahrung, dass sie uns für „das Andere unserer selbst“ öffnet.

Im Erleben des Unvertrauten spüren wir uns intensiver selbst, kommen wir uns näher denn je. Das für unsere Welterfahrung grundlegende Selbstgefühl steigert sich zu flirrender Intensität, weil wir plötzlich spüren, dass wir mit unseren Sinnen gleichsam auf einem Hochseil mit angehaltenem Atem in die Welt hinausbalancieren. Der Begriff Selbstbewusstsein, auf dem sich das ganze anthropozentrische Weltverständnis der Moderne gründete, war leer ohne diese bewusste, aber vorbegriffliche Wahrnehmung, von der der Einzelne sich gewiss ist, dass er sie hat, und damit sich selbst als denjenigen, der sie hat. Auf einmal spürt man, dass Glauben nicht etwas ist, das im Heidelberger Katechismus steht, sondern etwas ganz Elementares, das man braucht, um sein Leben wissen zu können und somit überhaupt handlungsfähig zu sein. Die Welt wird sakralisiert zu einer Heilanstalt, in der pantheistische Offenbarungen aufflattern wie Brieftauben, die uns Nachrichten bringen. Nicht, dass wir sie verstünden, aber es ist schön, dass die Welt sich plötzlich wieder für uns interessiert.

So weit das rauschhafte Kommunionserlebnis. Doch das Gefühl der Nähe zu uns selbst, das uns in der Fremde so intensiv erscheint durch den sinnlichen Zustrom unzählig vieler neuer Eindrücke, steckt voller Tücken und Täuschungen. Im Niemandsland zwischen Selbst- und Fremdbild ahasvern die Dämonen in uns abgelegter Bilder und überlagern das, was wir sehen. Die Fremdheit, die wir wahrzunehmen meinen, kann also auch eine selbstgemachte Verfremdung sein, hinter der der alte, menschlich-allzumenschliche Jakob, den wir von zuhause kennen, uns eine Fratze schneidet.

Es liegt im Wesen der Fremdheit, dass wir nicht wissen, wann wir uns täuschen. Was dennoch bleibt, ist die Motivation, in der Fremde das Echte zu finden. Die Devise lautet: Durch den Innen-Außen-Vergleich Klischeebilder zerbrechen, vorstoßen zu einer größeren Wahrheit über die Natur des Menschen und seine Differenz zu einer Vielzahl philosophischer Konstruktionen von Humanität.

Doch schon in der Bezeichnung Kultur, die wir für die Fremde benutzen, und die als Gewachsenes automatisch in Opposition tritt zum rational Gewollten der westlichen Zivilisation, offenbart sich die ganze Hinterhältigkeit, mit der sich unser ach so toleranter, westlicher Blick über den fremdartigen Osten beugt: Angesichts der allgegenwärtigen Armut und Verfallenheit kippt das Denken auf Augenhöhe unversehens in die Vertikale – und wieder schauen wir aus der Vogelperspektive der Aufklärung auf die letzten Unzivilisierten im Zoo Europa: Der Balken im eigenen Auge wird zum Balkanismus-Problem in der kulturwissenschaftlichen Analyse.

Wie ist solchen Teufelskreisen der Reflexion, solchen Projektionen und Fehlperspektiven zu entrinnen in Zeiten, in denen selbst das sogenannte Authentische, beispielsweise in der Folklore, als politisch instrumentalisiertes Kochstudio desavouiert ist? Ziehen wir, um das zu illustrieren, als Beispiel gleich ein „typisch bulgarisches“ Gericht aus Eiern, Paprika, Salzlakenkäse und Tomaten heran: Es heißt Misch-masch – und wer sich nun fragt, wie ausgerechnet ein jiddischer Zweiklang Beleg für die urbulgarische Herkunft dieses Rezeptes sein soll, der sei dahingehend beunruhigt, dass eben auch in Bulgarien der Staat nur dem Wort nach unbeweglich und monoethnisch ist, in Wirklichkeit aber ein hochdynamisches Gebilde, zu dessen Geschichte und Werdegang auch die einst aus Spanien vertriebenen Juden gehören, übrigens typischerweise genau 1492, als Spanien sich zur Staatsnation aufschwang.

Dies ist nur ein ganz simples Beispiel für die Auffütterung von Nationalcharakteristika durch Importprodukte wie Paprika und Tomaten, die es zur Zeit der Nationalstaatsgründung vor hundertdreißig Jahren noch gar nicht im Lande gab. Um solche nationalistischen Saucenbinder-Tricks für die allzu dünne Quellenlage der eigenen Geschichte zu finden, muss man nicht bis nach Bulgarien reisen, das machen auch andere Nationalköche.

Auf der Suche nach einer Zielmenge, die dennoch nicht leer ist, sondern wenigstens das kleinere Übel enthält, erinnerte ich mich an den Sponti-Spruch, der mich, den Vertreter der No-future-Generation, die vor dem NATO-Doppelbeschluss volljährig wurde, nach meiner Reifeprüfung ins Leben geleitet hatte: „Du hast keine Chance – nutze sie!“ Wie aber nutzt man eine Chance, die man nicht hat? Da gibt es wohl nur eines: Man wartet nicht länger darauf, dass irgend so ein Wildtier in die Schlinge meiner Leermenge geht, sondern verlässt seinen Ausguck, seine reine Beobachterposition, tut einen Schritt nach vorn und setzt sich selber hinein. Aber was ist man dann? Jäger, Köder oder Beute?

Die Sache ist ambivalent: Während man sich selbst als willkommener Gast aus dem traditionell bewunderten Deutschland wahrgenommen fühlt, den die Bulgaren offensichtlich zum Fressen gern haben, ist man für diese vielleicht, ohne dass sich an den Attributen „willkommen“ und „zum Fressen gern“ irgend etwas ändern müsste, einfach nur ein willkommenes gefundenes Fressen. Auch dies nichts Ungewöhnliches: In Bulgarien ließen und lassen sich teilweise bis heute autoritäre Verhaltensmodelle studieren, wie ich sie aus meiner frühen Kindheit in den neunzehnhundertsechziger Jahren kenne. Dies Déjà vu verstärkte noch den Effekt der fremdkulturellen Umgebung, ein I-Dötzchen im eigenen Leben zu sein, das noch einmal neu sprechen, schreiben und sich angemessen verhalten lernte. Was ich – um auf das Fressen zurückzukommen – lange nicht einschätzen konnte, war, dass viele Bulgaren aufgrund dieser autoritären Prägungen zunächst zu mir aufschauten, da meine deutsche Herkunft mir per se Autorität verlieh. Ich war ein Mensch, mit dem man sich gut stellen musste, da er einem vielleicht nützlich sein konnte. Die lauernde Hoffnung der Bulgaren auf ein besseres, das heißt in europäischer Weise komfortables Leben generierte eine Wunschprojektion, die uns Deutsche allesamt und gnadenlos zu Millionären machte. Und zog einer von ihnen selbst aus, im Westen das Fürchten zu verlernen vor der eigenen östlichen Herkunft, erwarteten die Zurückgebliebenen, dass er reich und im eigenen Mercedes, neuestes Modell, wieder Einzug hielt. Machte ich mich aber gemein, ließ allzu sehr erkennen, dass ich keineswegs ein Millionär war, und im Alter von vierzig Jahren nicht mit dem prunkte, was ich hatte und darstellte, sondern von dem faszinierenden Experiment erzählte, im reifen Alter noch einmal neu lesen und schreiben zu lernen, so kehrte sich das Verhältnis gleich um, und aus dem ehrfürchtigen Aufschauen wurde ein Herabschauen. Schlögels Augenhöhe – Fehlanzeige; sie wurde nicht von mir, sondern zynischerweise von der Gegenseite verweigert, die selbst Gleichheit nur als erzwungene kannte.

Erst viele schmerzhafte Täuschungen später begriff ich, dass ich beim Betreten des fremden Kulturraumes aufgehört hatte, ein autarkes Subjekt zu sein, das wahrnimmt und wertet, und meinerseits zum Objekt der Betrachtung geworden war. Und schon befand ich mich jenseits von Gut (Bulgarien) und Böse (Deutschland), jener polarisierenden Grundwertung, die ich vor meiner Übersiedlung nach Bulgarien provisorisch vorgenommen hatte, um Kraft für diesen kapitalen Entschluss aufbringen zu können.

Der hermetisch abgeschlossene Raum ihrer kulturellen Zeichen, der mir unermesslich erschien und den ich – von den Wellenmustern auf dem braunen oder blauen Tongeschirr aus Trojan bis zum ungeradzahligen Takt ihrer Volksmusik voller Faszination zu entschlüsseln versuchte, ist für europäisch gesinnte Bulgaren oft nur eine Hölle aus Enge, traditional festgeschriebener Entwicklungssabotage und – wie es mir ein Künstler einmal so schön paradox sagte – „angehäuftem Mangel“, unter dessen Last einer mitsamt seines Selbstwertgefühls nur zusammenbrechen kann.

Derlei Gefälle aus Faszination auf der einen und Frust auf der anderen Seite mögen wir als empathisch geschulte „Hineinversetzer“ ja noch auf der Rechnung haben. Die Nuance, die uns jedoch leicht entgeht, ist die Verschiebung des Selbstbezugs: Wir sind zwar gekommen als Angehörige einer Gesellschaft mit spezifischer Kultur und politischer Verfassung, beziehen unser Selbstwertgefühl aber aus dem Grad unserer individuellen Differenz zu unserem Quellenland. Von den Lobeshymnen, die die Bulgaren bei unserem Anblick anstimmen, fühlen wir uns ja – ein ins Meer der Naivität gefallener Aufklärungs-Ikarus – sehr persönlich gemeint; und für solches Geschmeicheltsein gibt es sogar einen guten Grund: Wie viele Deutsche kommen denn freiwillig hier unten hin, in diesen geflickten Rockzipfel Europas, und dann auch noch mit dem erklärten Interesse, an allem interessiert zu sein? Doch irgendwann wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Lobesworte meiner bulgarischen Gegenüber gar nicht mir persönlich galten, sondern genau jenem Deutschland, das ich mit einem gewissen Uneinverständnis verlassen hatte auf der Suche nach dem besseren, dem unverfälschteren, ja, vielleicht auch dem ein bisschen wilderen Leben.

Ein Wort des französischen Lyrikers und Mathematikers Paul Valéry kam mir in den Sinn: „Zwei Dinge bedrohen das Leben: die Ordnung und die Unordnung.“ Während sich also die Bulgaren nach deutlich mehr Recht, Ordnung und menschlicher Zuverlässigkeit sehnen, weil sie ersaufen in ihrem Sumpf aus Willkür und Bestechung, bemerke ich, der ich am klinischen Klima Deutschlands zu ersticken drohte, in Bulgarien als Erstes, dass hier jeder die Chance hat, für sich eine Ausnahme herauszuschlagen, wenn er sein amtliches Gegenüber mit einer gut erzählten Geschichte dazu zu bewegen versteht. Meine Naivität bestand – wie ich heute weiß – darin, dass es meist eben nicht die gut erzählte Geschichte war, die für die Ausnahme sorgte, sondern kleine, gut gefüllte Pralinenschachteln oder große, gut gefüllte Geldbörsen.

Damit wären wir unmerklich von den Täuschungen zu den Illusionen gelangt. Täuschungen – das ist der Unterschied – sind einfach nur falsch, leiten uns in die Irre; Illusionen aber sind ambivalent, weil sie mit Bedeutung zu tun haben und daher in einem Vertreter der schreibenden Zunft produktive Überreaktionen evozieren können, die zwar ihrem Anlass nicht angemessen sein mögen, aber zu wichtigen Ergebnissen führen. Hätte ich mich mit solchem Feuereifer für Bulgarien interessiert, seine Sprache zu erlernen versucht und mich mit seiner Geschichte und Kultur vertraut gemacht, wenn ich es für ein kleines, kulturell unbedeutendes Land gehalten hätte, das alles andere als gewichtig genug war, um die immensen Gewichte, die mir von Deutschland her auf meiner Seele lagen, hochheben zu können? Doch wohl eher nicht.

Die skurrilste Illusion, die mich nach den ersten Monaten in Bulgarien ereilte, war ein Durchgangssyndrom, das ich meinen bulgarischen Patriotismus nenne. Patriotische Gefühle zu hegen, das war in der Geschichte ja stets eine ausgesprochen synthetische, durch viel Propaganda und Feindbilder von der an Staatsbildung jeweils interessierten Gesellschaftsschicht geschürte Angelegenheit. Sie aber nicht empfinden zu dürfen, wie es bei uns in Deutschland durch den Nationalsozialismus sechzig Jahre lang der Fall war, das ist nicht etwa eine Erleichterung, sondern ein Tabu, das das elementare Bedürfnis des Einzelnen nach sozialer Zugehörigkeit zu einem Bund, als dessen Mitglied er sich vor der Welt sehen lassen kann, insgesamt frustriert. Und das Jahr der Fußballweltmeisterschaft 2006, das bewies, dass Deutschlandstolz nicht sofort zum dritten Weltkrieg führen muss, lag noch in fünfjähriger Ferne.

Man mag sich nun vorstellen, wie ich, der sportlich gesonnene Fußgänger, mich in Bulgarien fühlte, wo heldenhafte Poeten poetischen Helden sozusagen den Kohlestift mit der Flammenschrift reichen und mit ihren unglaublichen Lebensgeschichten als spannende Schulbuchlektüre enden, die jedes Kind auswendig weiß, so dass selbst diese konstruierte Heldenhaftigkeit volksnah und „echt“ erscheint ...

Als ich dann am bulgarischen Nationalfeiertag 2001 im Fernsehen sah, wie der Staatspräsident höchstpersönlich die Ehrenformation am Schipka-Pass abschritt, wo die entscheidende Befreiungsschlacht stattgefunden hatte, begleitet von getragenen Marschklängen, hielt es mich nicht länger auf meinem Sitz. Mit Tränen der Ergriffenheit in den Augen, dass es dieses Land, das mir Zuflucht bot, überhaupt noch gab, schnellte ich empor und – stand stramm. Fürwahr eine merkwürdige Pose für einen Mann, der sich selbst bis dahin als linksliberal und nicht um jeden Preis staatstragend eingeschätzt hatte.

Wer nun aber glaubt, dass dies der Anfang jener Mimikry war, die auch von der deutschen Toskana-Fraktion bekannt ist, und die sich durch Deutschenverachtung und Italien(er)­verherrlichung auszeichnet, täuscht sich. Die Vorstellung, die wir uns von der sogenannten Akkulturation machen als einer sukzessiven, vergleichsweise linear verlaufenden Assimilation an die kulturellen und gesellschaftlichen Standards unserer neuen Lebenswelt bei gleichzeitiger Abnahme der Bindung an die Herkunftskultur, wurde jedenfalls durch meinen Fall nicht bestätigt.

 Das Erlebnis der gefühlten Nähe zu einem Land, das das Versprechen auf seelische Heimat bietet, gleicht vielmehr einem Feuerwerk, das aufschießt, sich in immer neuen Subexplosionen die ganze Projektionsfläche des Himmels erobert und dann, wenn wir erwarten, dass es taghell wird, ohne jeden Rückstand erlischt.

Was bleibt, sind Sterne. Es sind dieselben Sterne, die wir auch zu Hause sehen, aber eben nun aus einem anderen Erden-, einem anderen Blickwinkel. Nie habe ich mich deutscher gefühlt als heute. Die Kollisionen mit den Deutschen und dem Deutschen haben ja, seit ich nur noch marginal dort lebe, aufgehört, und mit dem Schmerz, ein Fremder in der Heimat zu sein, auch die ständige rebellische Auflehnung.

In der Ferne Bulgariens habe ich mich aussöhnen können, und die gefühlte Nähe, die gefühlte Nähe zu Deutschland, seiner Geistes- und Lebenswelt ist größer als je zuvor. Geschützt von der Fremde wie von einem Kokon, hat sie sich in meinem Inneren entpuppen und artikulieren können in jenem Sinne von Bildung, den Goethe allem Schulmeisterdenken entgegenhielt als „Form, die lebend sich entwickelt“.