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heiratsschwindeln, schiffbruch erleiden

Ein rabiater Fußnotenporno mit Dichterheld


Max Höfler: Texas als Texttitel. Ein Rabiatkomödienroman.

Klagenfurt: Ritter 2010

Rezensiert von: stefan schmitzer


Es gibt einen Erstling des Grazer Hardcore-Musikers, Bühnenarbeiters, Doktors der Philosophie, Literaturperformers Max Höfler. Das Buch heißt Texas als Texttitel und bezeichnet sich im Untertitel als Rabiatkomödienroman. Es bräuchte zu ihm an dieser Stelle eigentlich nicht viel mehr als eine dringende Kaufempfehlung nebsamt der Begründung, dass es sich um ein tatsächlich hochkomisches Werk handelt. Vielleicht noch die folgende Präzisierung: Das Ding ist insofern eine Einstiegsdroge, als es dazu geeignet erscheint, Buchkonsumenten erstmal mit der schieren Existenz und dann auch noch mit dem ernstlich vorhandenen Unterhaltungspotenzial komplexer, anti-identifikatorischer, nicht-linearer, selbstreferenzieller, arg kopflastiger und experimenteller „Literaturliteratur“ (wie das, glaube ich, früher mal genannt wurde) vertraut zu machen. Doch die vorliegende Rezension muss wohl, will sie ernst genommen werden, eine gewisse Mindestmenge an Anschlägen aufweisen. Deshalb: schön der Reihe nach.

Paraphrase, erster Anlauf: Frage: Um wen geht es in Texas als Texttitel? – Auf den verschiedenen Rahmen- und Binnen-Textsträngen und „Handlungs“ebenen, die in jedem der sieben Abschnitte auf- und (meistens) auch wieder zugemacht werden, kehren regelmäßig wieder: (a) Die Redaktion einer fiktionalen Literaturzeitschrift perspektive, die Briefe an das „Werte Mädi- und Bubilikum“, die „lieben Freunde der Kleinschreibung“, richtet. (b) „George A. Atzerod (1835-1906), Verschwörer, Seemann, Sohn deutscher US-Einwanderer und mutmaßlicher Protodadaist“ und der Adressat seiner Briefe, „Ferdinand Blumentritt“. (c) „1.) anna, der weibliche otto, und 2.) otto, der normale otto“. (d) Die Herrenreisegruppe, kurz Hrg., bestehend aus: „georg wilhelm friedrich, gottfried willhelm, karl, marc, friedrich, walter, immanuel, ludwig, theodor, michel, jacques, jean-francois, karl raimund, bertrand, paul, paul, niklas, donald, gilles, albert, albert, karl-otto, günther, nikolaus, giordano, rené, francis, david, auguste, max, søren, charles sanders, edmund, hans, jürgen, herbert, vilém und claude“. (e) Der Dichterheld.

Paraphrase, zweiter Anlauf: Frage: Um was geht es in Texas als Texttitel? – Entweder um das Schicksal des George A. Atzerod auf seinen verschwörerischen und literarischen Irrfahrten zwischen den USA und Manila. Oder um das Schicksal seiner Protagonisten, der „Hrg“ und des „Dichterhelden“, die im Wesentlichen rudelbumsen, heiratsschwindeln, Schiffbruch erleiden und am Ende wieder von vorne anfangen (ganz wörtlich: Die Handlung beißt sich, dem Ourouboros gleich, in den Schwanz – vgl. die Zuschreibung „nicht-linear“ im ersten Absatz).

Paraphrase, dritter Anlauf: Frage: Und das soll lustig sein? – Sehr. Das Buch liest sich in etwa wie ein Kabarettprogramm, das sich vornehmlich des Repertoires der avancierten Literatur operiert – und funktioniert, der Natur der Sache gemäß, auch auf Ebenen, die der Bühnenkunst nicht zugänglich wären (z. B. Querverweis- und Layout-Humor). Es verbrät mehr Material, als für einen 1000-Seiten-Roman der „ernsthaften“ und erzählenden Varietät notwendig wären, auf 140 Seiten, von denen die meisten nicht mal vollgeschrieben sind, und es treibt jedes einzelne Element (das recherchierte, das fiktionale, das strukturelle) entschieden weiter als „nötig“ wäre – auf die Hochweide des vollkommen Abseitigen, sozusagen. Die zusätzlich über das Buch verteilten Extra-Mätzchen (der Dreifaltigkeitsporno etwa, der geradezu darauf angelegt scheint, eine „Herabwürdigungs“-Klage von katholibanischer Seite zu provozieren, oder die mitten im Text eingeschaltete „Werbeeinblendung“ aus dem neuen Buch von Helmut Schranz) passen, als Geist vom selben Geist, durchaus ins Bild.

Dass Max Höfler keinen besonderen Respekt vor der Literatur, dem Literaturbetrieb und dem Nimbus des „Schöpferischen“ hat, dürfte hinlänglich deutlich geworden sein. Texas als Texttitel, der Roman gewordene Ausdruck dieses Mangels an Respekt, erweist sich paradoxerweise gleichwohl als tragfähiges Modell für eine Literatur und als Angebot an einen Literaturbetrieb, die weder blöd noch fad zu sein sich ja irgendwann doch noch vornehmen könnten.