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ich hasse apfelmus

kerstin eberhard | ich hasse apfelmus

Deshalb werfe ich es weg

Ich hasse Apfelmus ... und meine Tante. Dies deshalb, weil ich kein Apfelmus mehr sehen kann. Sie macht es nämlich immer selbst. Und könnte damit eine halbe Kompanie versorgen. In Einmachgläsern steht es da. Glas für Glas. In Reih und Glied. Regalfach für Regalfach. Unumstößlich. Und manche Gläser weisen das Datum von vor vielen Jahren auf. Igitt. Die obere Schicht ist dunkler-bräunlich als die untrige, die eigentlich Essbare. Apfelmus. Und keiner mag es essen. Deshalb werfen wir es weg.

Sie hat eine Kriegsneurose und immer ist die Angst da, nicht mehr genug zu essen zu haben – eine Angst mit einer Stimme. Die für andere unhörbare Stimme ihres Alter Egos, welche sagt: man koche Apfelmus in rauen Mengen! Sammle alle Äpfel auf. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Heb mich auf, koch mich ein. Ach heb mich doch auf. Nimm mich mit. Ach rüttel mich und schüttel mich, wirf alle Äpfel unter mich.

Sie wollte immer lieber die Goldmarie als die Pechmarie sein aus Frau Holle. Die Fleißige und Nützliche. Die, die arbeitet bis zum Umfallen. Diejenige, die immer gibt anstatt zu nehmen. Klein und gedrungen ist ihr Körperbau. Pummelig ist sie und mit fürchterlich dicken Waden gesegnet, von dem vielen Durch-die-Gegend-Laufen, weil zeitlebens eine Auto-Verweigerin. Schon das Rad fahren fiel ihr schwer, deshalb geht sie immer zu Fuß. Kommt die Apfelzeit, kommt ihre Zeit. Mit Wägelchen und Säcklein bewaffnet, schreitet sie in ihrer fragwürdigen Kleidung zur Tat. Uralte und zerschlissene Hosen trägt sie und Pullover, die nur noch peinlich sind. Läuft alle Wege ab außerhalb des Dorfes, alle Wege, an denen Apfelbäume stehen, um die sich niemand mehr kümmert. Dort rafft sie alle Äpfel auf, steckt sie in ihre Sackerln, in ihr Wägelchen. Die Äpfel haben faulende Stellen, weil Fallobst. Aber das macht nix. Sie sagt: „Die sind doch noch gut, die kann man doch noch essen“. Also rafft sie alle herrenlosen Äpfel aus dem Tal auf und bringt ihre Nachkriegsbeute nach Hause. Dort sitzt und steht sie dann wochenlang vor wahren Apfelbergen, die bis unter die Decke ihrer Küche reichen. In der Pflaumenzeit sind es Pflaumenberge. Sie klagt nur, wenn ihr ein Mensch als potenzielle Klagemauer, sprich Besucher, begegnet: „Ich hab´ ja so viel Arbeit“. Dann steht sie bis Mitternacht in ihrer Küche. Schneidet die faulen Stellen aus dem Obst, schneidet die Äpfel klein. Schneidet sie in einen großen, alten Aluminiumtopf und gibt Zucker dazu. Lässt alles köcheln und füllt es hernach in die Einmachgläser, die sie vom Speicher (wo sich schon immer unterm Dach der Vorratsraum mit dem Eingemachten befunden hat), zwei Etagen höher im Haus, heruntergeholt hat. Stufe um Stufe, Jahr für Jahr, ihr Leben lang. Und ohne jemals die Apfelmus-Einkoch-Tapferkeitsmedaille verliehen bekommen zu haben.

Die Einmachgläser der Firma Weck werden gespült mit Putzlappen, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Die Putzlappen sind alte Unterhosen aus Baumwolle und wurden von ihr in passende Stückchen zerlegt. (Ich weiß bis heute nicht, ob sie die alten Unterhosen, in unserer Heimat auch Schlüpfer genannt, zerschneidet oder lieber zerreißt.) Grauenhaft grau sind diese Ehemals-Schlüpfer vom vielen Abwasch mit sparsam benutztem Spülmittel, weil teuer. Meine Tante lässt nichts verkommen, soviel steht fest. Auch wenn schon alles auseinanderfällt, weiß sie es noch zu nutzen. Dann spült sie die Gummiringe in dem ansprechenden Farbton Orange und legt sie in die Rillen der Einmachgläser. Mittels eines Plastiktrichters wird das Mus hineingefüllt und mit dem Glasdeckel verschlossen, auf den zuvor einige Zaubertropfen aus einem kleinen Fläschlein geträufelt wurden. Sie zündet die Tropfen mit Streichhölzern an, damit ein Vakuum entsteht, schließt den Glasdeckel und setzt zwei dafür vorgesehene Metallklammern auf das Einmachglas. Fertig.

Das Apfelmuskochritual hat eine lange Tradition. Alle Besucher und Verwandten, auch Nachbarn wurden schon immer damit zwangsbeglückt. Hier ein Gläschen, da ein Gläschen unters Volk bringen. Denn niemand kocht so viel Apfelmus ein wie meine Tante. Sie ist eindeutig altruistisch. Und das ist belastend. Jedenfalls für meine Psyche. Offenbar bis zum heutigen Tag, müsste ich doch sonst nicht darüber berichten, dass mich das Wort Apfelmus innerlich mit einem außerordentlichen Bäh erfüllt und einen schaurigen Grenzgang der Erinnerung in mir wachruft.

Ich sehe die Plastiktüten vor mir stehen. Unten im Sackerl die Gläser mit Apfelmus. Die zu verschenkenden Apfelmusgläser waren in späteren Jahren andere, alte Gläser von Honig oder Marmelade, oder sinnigerweise von sauren Gurken (deren Geruch man aus den Gläsern nicht herausbekommt, was sie geflissentlich zu ignorieren weiß), die dennoch wiederverwendet wurden. Weil meine Tante immer in der Angst lebt, die Gläser nach dem Apfelmusverzehr nicht zurückzuerhalten, um sie neuerlich mit dem schrecklichen Mus befüllen zu können.

Über den Apfelmusgläsern befanden sich immer weitere Kuriositäten aus dem Lebensmittelsektor: Rote Tüten mit Sultaninen, die ich noch nie gemocht habe, außer um als Kind mit ihnen Kochen zu spielen. Abgelaufene Konserven, meistens Sardinen in Öl, die sie im Kammerl unterhalb der Treppe aufbewahrte, falls wieder schlechte Zeiten kommen sollten. Getrocknete Feigen, die ich hasse wie die Pest. Vollkornreis mit abgelaufenem Ablaufdatum. Mehl mit abgelaufenem Ablaufdatum. Eine Dose sündhaft teure Delikatessbrühe mit nicht abgelaufenen Ablaufdatum. Wenn man Glück hatte, eine große Dose echt noblen Distelöls gleichnamiger Firma und Erzeuger der Delikatessbrühe. Schokolade, Honig, Butter, Bananen, süße Sahne, die sie an ihrem Zweitwohnsitz kauft und mit ihrem Handwagen im Zug von K. nach B. über 50 Kilometer weit transportiert, als gäbe es hier keine süße Sahne zu kaufen. Dabei kann sie ihren Handwagen schon lange nicht mehr in die Zugwaggons heben, weil mittlerweile zu schwach und tatterig.

Das geht so schon immer und wird immer schlimmer. Das gute Zureden bringt keinen Nutzen – mit den Schlüpfern wird sie daher noch ewig putzen. Sie argumentiert, es könnten wieder schlechte Zeiten kommen. Klaro. Für diese schlechten Zeiten wird in der Endloswiederholungsschleife Apfelmus und sonstiges auf Teufel komm raus produziert. Kinderlos ist sie und muss sich beschäftigen, denn ginge ihr die Arbeit aus, könnte ihr in den Sinn kommen, die Sinnhaftigkeit ihres Lebens zu hinterfragen. Zum Glück hat sie für ihre Freizeitgestaltung außerhalb der Apfeleinkochsaison einen Garten, der so groß ist, dass er einstmals eine zehnköpfige Familie ernährte. Und auch wenn es seit Jahrzehnten nur noch darum geht, sich selbst zu ernähren, weil rundherum gestorben werden muss, wird dieser Acker weiter beackert wie ehedem. Auf allen vieren robbt sie mit Knieschützern aus Hartplastik für Fliesenleger wie ein menschlicher Gartenroboterpanzer über die Erde, sät und erntet, kocht ein, verschenkt, beglückt im Zwang. Im Sommer hat sie ein Hütchen auf. Und weil es so schön ist, sät und bepflanzt sie auch gleich die von den verstorbenen Nachbarn liegengelassenen Nachbargärten mit. Denn es könnten ja wieder schlechte Zeiten kommen. Aber Schnecken und Marder, die in ihrem Geist zum Dachs mutieren, die hasst sie, weil sie Fressfeinde sind und in ihrem Garten nichts zu suchen haben. Es könnte ja sein, dass sie von ihrem Salat naschen oder dem Mangold, den Erbsen, Schwarzwurzeln, Gurken, Kartoffeln, Möhren, Erdbeeren, roten und schwarzen Johannisbeeren, Stangenbohnen, Buschbohnen, Tomaten, Petersilie, Borretsch, Schnittlauch, Dill, Rosenkohl, Weißkohl, Grünkohl, Feldsalat und ich weiß nicht, was noch alles.

Ich schütte das Apfelmus seit Jahren ins Klo oder haue das gesamte Glas weg. Ich halte das nicht aus. Nicht das Gerede von den schlechten Zeiten. Nicht den Vollkornreis mit dem abgelaufenen Ablaufdatum. Ich schütte die ganze Tüte in meinem Garten unter den Baum. Mögen sich Mäuse oder Vögeln daran erfreuen. Möge der Reis sanft ruhen. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Reis zu Erde. Biomasse zu Biomasse. Ich habe ein schlechtes Gewissen. „Das kann man doch noch essen, das ist doch noch gut.“ Einmal habe ich versucht, mich mit Schlaftabletten umzubringen. Das war in einem anderen Leben mit einem anderen Verzweiflungsgrad und ist schon ewig her. Aber die Dosis war wohl zu gering. Bevor ich die Tabletten einnahm, hatte ich mir einen Kräutertee gekocht, damit ich die Tabletten mit genug Flüssigkeit einnehmen konnte. Die Tabletten wirkten nur begrenzt und ich war betäubt, benommen, irgendwie weggetreten halt. Kann mich auch nur noch dunkel daran erinnern. Jemand aus der WG, die den damaligen Tatort darstellte, sah mich herumwanken und dachte, ich sei auf H, obwohl ich sowas nie genommen habe. Später wurde mir davon berichtet, und es war wohl der Grund, warum man dachte, dass ich einfach nur ausnüchtern müsste. Jedenfalls hatte ich die Tabletten genommen, und weiters berichtete man später, ich hätte vor einem Aschenbecher gesessen, in dem sich neben den ausgerauchten Tschicks auch Kandiszucker befunden hätte. Und ich saß vor diesem Aschenbecher mit einem Löffel in der Hand und versuchte mit meiner damals temporär-gestörten Feinmotorik den Kandiszucker aus dem Aschenbecher in den Mund zu löffeln. Dabei wiederholte ich die Worte: „Das ist doch noch gut, das kann man doch noch essen“.

Deswegen hasse ich Apfelmus.