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kein klappentext

Von vorschnellen Urteilen und einer Welt voller Deppen


Bernhard Moshammer: Zeit der Idioten. Roman.

Wien: Milena 2009

Rezensiert von: nadja bucher


Jaja, die Typen mit den hässlichen Plastikrucksäcken (Stichwort Invicta) und diesen Eierwärmer-Wollmützen, die aus jedem Kopf das totale Fiasko formen. Die Typen in nichtssagenden dunklen Winterjacken. Jaja, denk ich mir, das sind schon richtige Idioten, die mit diesem breitbeinigen Gang durch Vorstädte voller Einfamilienhäuser latschen. Jaja, ganz klar, hier geht´s um schlecht gekleidete Menschen an architektonischen Unorten mit inakzeptablen Accessoires. Nun, ich bin keine Freundin des Klappentexts. Ich will einen Roman lesen, nicht vorher schon alles verraten bekommen. Klappentexte sind was für Sicherheitsfanatiker – Rezensionen übrigens auch. Und da sind wir schon mitten im Dilemma von Zeit der Idioten, Bernhard Moshammers Debütroman aus dem Milena Verlag. Wie man es dreht und wendet, man ist und bleibt ein Idiot. Egal ob man nun den Klappentext liest oder nicht. Denn in jeder von uns steckt ein Trottel. Beängstigend.

Aber jetzt mal etwas strukturierter: Durch die Geschichte führt Cornelius Fink, 35, einziger Überlebender des ersten Selbstmordattentats in Österreich. Er ist erfolgloser Musiker und völlig arbeitsuntalentiert, also ein durchwegs liebenswürdiger Kerl. Nebenbei ist er personifizierte Lethargie, nichts tut er aus eigenem Antrieb, alles kommt auf ihn zu. Bewundernswert, aber das Resultat ist auch wieder nicht so toll. Fink ist der Antipode zum Strahlemann. Er leidet vorwiegend an sich selbst, okay, sein soziales Umfeld ist auch nicht ganz ohne. Elende Liedstrophen, die sich Cornelius abringt, durchziehen die Erzählung. Wir erahnen den Grund seines Misserfolgs. Außerdem quält er uns mit Musikphilosophie, in der zu viel Bob Dylan und zu wenig P. J. Harvey vorkommt. Noch deutlicher, in der keine einzige weibliche Musikerin auftaucht. Aber was weiß ich denn schon von forever young und den Helden, die Männer brauchen? Daran anschließend gibt´s gleich noch eine Beobachtung, Männer (oder bleiben wir bei Herrn Fink) wollen Frauen (oder bleiben wir bei Frau Lehrerin Fasching) beim ersten Rendezvous die Welt erklären. Wobei offensichtlich wird, weshalb das so selten klappt mit dem näher Kennenlernen.

Wirklich gefährlich ist es nur am Land, das wissen wir Städter/-innen schon lang. Das vermeintliche Epizentrum des Bösen ist allerdings Bölling, der Ort, an dem Cornelius Fink geboren wurde und an den er sich im Zuge der Unruhen in Wien zurückzieht. Eine durchaus unkluge Maßnahme, erkennt man rasch, denn in Bölling treffen scheinbar gleich mehrere Attentäter aufeinander, mehrere Opfer, mehrere Verwandte und ein Überlebender schaffen ein ungesundes Biotop. Noch dazu gibt es dort ein Beisl, wie es in jedem Dorf eines gibt (trist), mit genau dem Kellner, den man darin vermutet oder fast und der üblichen Stammbesetzung. Alles Leute, die man kennt.

Womit wir beim nächsten Punkt, der Wahrscheinlichkeit, angelangt wären. Bernhard Moshammer gelingt es vorzüglich, den trägen Österreicherinnen und Österreichern die Rolle der Selbstmordattentäter glaubhaft zuzuschreiben. Schließlich ist ja sonst nicht viel los im Land und zum Aufregen (zum in die Luft gehen – der war aufgelegt!) findet sich schnell was. Gekonnt vermengt Moshammer das, was ist (Menschen, die sich und andere mittels Sprengstoff töten), mit dem, was sein könnte (Menschen, die sich und andere mittels Sprengstoff in Österreich töten), fügt eine Prise Tagespolitik und einige Häppchen österreichische Vergangenheit hinzu, rührt mit einem flapsigen Umgangsjargon um und streut den Leser noch ein joviales Euch in die Augen – das Du wurde bekannterweise von einem anderen besetzt.

Es ist Cornelius Finks offenherzige Suderantensprache, der man die Selbstmordattentate in Wien und Umgebung glaubt. Und so idiotisch, wie uns das Coverbild glauben machen will, sind die Lebensmüden gar nicht. (Außer vielleicht der liebeskranke Schüler. Aber was weiß ich denn schon von Liebeskummer?) Daraus resultierend das Idioten-Fazit: Der persönliche Leidensdruck der Attentäter ist schwer abschätzbar. Schließlich sind Idioten auch nur Menschen – wir stimmen ihren Argumenten nickend zu.

Wir nicken und glauben Bernhard Moshammer gerne alles und haben auch Verständnis für Cornelius Fink, für die Landbevölkerung, für die Wiener, auch für Selbstmordmörder (wird sich dieses Wort durchsetzen?). Aber eins macht mich stutzig, wenn Mädchen mit zwölf Jahren so unheimlich clever sind und bereits die emotionale Entwicklung des Dalai Lamas abgeschlossen haben, warum bauen sie dann bis zum Lebensende derart rapide ab? Aber bitte, was weiß ich denn schon von Wachstumsphasen bei Kindern? Sarah Unger, das zwölfjährige Mädchen, das Cornelius Fink an Vaters statt annimmt, ist die Einzige in Zeit der Idioten, die halbwegs alle Tassen im Schrank und keinen Bombenrucksack am Buckel hat. Sonst schrammen alle Figuren haarscharf am Suizid vorbei. Muss wohl an der Landluft liegen. Nein, es kommt da schon noch die ein oder andere weibliche Figur vor, die nicht sofort am nächsten Baum baumeln will, was von Fink lobend erwähnt wird. Ihren Protagonistinnen zu schmeicheln, ist selbstverständlich ein altbewährtes Rezept von Autoren, lasst die Rezensentin aber durchgehen. Den heiklen Balanceakt am moralischen Seil, den diese Geschichte parat hält, meistert Moshammer elegant. Aber das Ende, das Ende der Geschichte ... verrate ich natürlich nicht, da könnte man gleich Klappentexte lesen. Das ganze Leben ist ein riesiges Konzert mit offenen Ausgängen oder mit anderen Worten: Finks Wille zum Song gleicht dem unverdrossenen Streben eines Autors zum Roman. Und der ist Bernhard Moshammer definitiv gelungen.