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mehr als die summe einzelner texte

Das geile Buch mit dem erweiterten Theaterbegriff


Stefan Schmitzer (Hg.): Text Performanz Text (cooperate and / or defect).

Graz: Forum Stadtpark Verlag 2009

Rezensiert von: robert prosser


Endlich gibt es nun eine Veröffentlichung zur zeitgenössischen, tatsächlich gerade stattfindenden literarischen Performance, eine Darstellung also jenes Wildwuchses von Aktionen, die wir dem Verlangen mancher Künstler zu verdanken haben, Texte nicht nur dem Alphabet in Druckform zu übergeben, sondern darin auch, um es mal salopp zu schreiben, die Modi der Ekstase aufzuspüren: den Körper also, die Lust, dem Text ein extrovertiertes Selbst zu verschaffen, dieses lauthals hinaus an die Gegenwart zu befördern. Weithin allein auf österreichischer Flur umfasst die Anthologie Text Performanz Text Ereignisliteraturen, die 2008 im Grazer Forum Stadtpark stattfanden, und ist es auch ein schmales Bändchen geworden, versammeln sich darin doch einige sehr interessante, zugleich streit- wie anfechtbare Persönlichkeiten: Michaela Falkner, Sarah Foetschl, Max Höfler und Johannes Schrettle als Einzelner sowie als Verkörperung des Theaterkollektivs Zweite Liga für Kunst und Kultur. Nicht unwesentlich auch Herausgeber Stefan Schmitzer, der, darf man seiner Einleitung glauben, diese Publikation eigentlich „das geile Buch mit dem erweiterten Theaterbegriff“ nennen wollte – worin schon eine Angriffsfläche liegt, da kriechts mir doch kalt den Buckel runter (um mal ansatzweise bei Falkners Aktion, siehe unten, zu bleiben): Was hat denn Performance mit Spiel und Inszenierung zu tun, handelt es sich dabei nicht im Gegenteil um die Erweiterung der Authentizität als Verbindung von Text und Präsenz, indem man Derrida und Konsorten tot sein lässt, und sich auf das beruft, was ein andrer Philosophensonderling, nämlich Jean-Luc Nancy hervorhebt: den Corpus?

Ähnlich viele Streitereien wie Querverweise finden sich auch in jener Diskussion, die im Juni 2009 gleichfalls im Forum Stadtpark zwischen den genannten Künstler ausgetragen wurde, und die als Ersatz für einen lahmen Theorieteil zwar verdientermaßen in die Anthologie aufgenommen, aufgrund von Problemen mit Technik allerdings nicht zur Gänze transkribiert wurde. Gut, dieses Missgeschick passt zum Thema wie die Faust aufs Aug oder der Text in den Mund, die Diskussion ist unabgeschlossen, improvisiert und Teile davon sind ohne Aufzeichnung nur für den Moment verteidigt und bestritten worden – was in Anbetracht des abgedruckten Teiles ein Jammer und schade für den Leser ist – aber solcherart lässt sich auch „Performance“ charakterisieren, und gerade dieses Buch könnte als kleinster gemeinsamer Nenner derselben betrachtet werden, mittendrin statt live dabei: ein Sammelsurium unterschiedlichster Positionen, die sich nicht in einen Einband zwängen lassen, sondern um Körper, Kapitalismus, Kunst, Theater, Ritus, Form und Inhalt raufen, und nie und nimmer zu irgendeinem Konsens gelangen können, sondern bloß festzustellen vermögen, dass sie einzig für ihre eigene, subjektive Position sprechen. Es endet mit „ein performativer Sprechakt ist ein performativer Sprechakt“, womit wir wieder in den 1950ern bei Austins Theorien und diesem ganzen Akademiensud drinhocken, aber was soll`s, es bleibt noch: This is the Story. Yearning Creature 1 von Michaela Falkner, eine 72-stündige Performance, in der sie durch das Gebäude des Forum Stadtparks kroch, dabei Kriechgeräusche per Lautsprecher übertragend Text hinterließ sowie am Ende ihr 23. Manifest vortrug, oder PioneerTM. Ein Stück Kulturtheorie, eine Theaterinstallation von Sarah Foetschl, die sich im Theater mit Theater beschäftigt und die zugleich der Nukleus ihres Films PioneerTM – die Soldatin und das Schöne ist, es gibt die Sprachelaboration von Max Höfler vom Büchsenbrennen und Brautbau, ein Stimmenrambazamba und Lautgewirr für drei Stimmen, zweimal Mensch und einmal Computer, die sich in ihrer Vielfalt exakter dramaturgischer Anweisungen bedient, und einen Auszug aus der Performance M – eine Stadt sucht ihre Mitte III der Zweiten Liga für Kunst und Kultur, die sich vorgenommen hat, das Publikum dahingehend zu animieren, ein eigenes Werk zu produzieren – alles müsste man gesehen haben, um es gänzlich nachvollziehen zu können, um Teil der hautnahen Erfahrung zu werden, trotzdem ist diese Anthologie wichtig und besonders. Sie ist ein Anreiz, selbst drüber nachzudenken, was Performance sein kann, was sich zeigt und wie wir uns aufführen als Antwort auf die Frage: Was tut sich denn wortwörtlich in der Literatur?