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orales origami

Endlich kann mal ein Poet mit Ableton umgehen


Thomas Havlik: Das Auto voller Wasser. Hörbuch

Wien: Audiobeans 2010

Rezensiert von: robert prosser


Die mit Liebe sowohl zum Detail als auch zur Andersartigkeit gemachten CDs der Edition Audiobeans, die wie die ebenso zu lobende Literaturzeitschrift Zeitzoo zum gleichnamigen Verein für Leguminosen gehört, sind Veröffentlichungen eines nach Eigenaussage „Labels für unerhörte Literatur und Musik“, das – ähnlich der Falttechnik fürs Booklet – einfach und effizient breit gefächert die bloße Lust des Schreib- wie Sprechaktes übermittelt. Der jüngste Strich durchs Schubladendenken kommt nun vom in Wien lebenden Autor und (da mit einem Übermaß an performativer Kraft ausgestattet, sodass es nicht nur ihm selbst die Schuhe auszog) ehemaligen Schrecken des Poetry Slams, Thomas Havlik: Das Auto voller Wasser, ein „Hörbuch“ von 62 Minuten Existenz. Es zirpt, zwitschert, trällert und singt sich als wasserblubbernd Kraftfahrzeug quer durch des Hörers Hirn, kurz wird mal gehustet, ein Feuerzeugschnippen, und schon folgen links rechts Stimmkombinationen, Textladungen, samt Beat, Bass, dumpfes Wummern, erneute Klangkulissen, die sich mit der Stimme verweben, und schnell wird klar: Endlich kann einer mit Ableton, dem ergiebigen Softwareprogramm für Musikproduktion, umgehen und überführt damit dieses kleine Wunderding von tragbarem Studio wie selbstverständlich in die literarische Tätigkeit.

Thomas Havlik entlockt dem Sound- und Audiokosmos eine Energie, die der herkömmlichen Lesungsunart an den Kragen will, sich daran festbeißt und mehr als ein bloßes experimentelles Schreien, Flüstern, Skandieren über versprengte Beats schafft, sondern tatsächlich ein Stück Sprachmusik, ein seltsames Ganzes aus Laut, Echo, Hall und einer Stimme, die verunsichert, wie Tauben grugrut, sich anschmeichelt, denn erzählend neugierig macht, und sich wie von selbst aus Äußerungen speist, die gemeinhin selbstverständlich scheinen mögen, hier jedoch in einem neuen Kontext erstaunliche Kapriolen vollführen. Atem, Stöhnen, die ganze Palette stimmlicher Möglichkeit wird abgesprochen, neuerweitert, bis sich dem Gewirr aus beispielsweise kafkaeskem Autorenleid im Anbetracht zweier Grenzwächter oder aus Raubüberfällen samt Menschenscheuchen Tatsachen entringen wie: „Geh scheißen mit deinem Alphabet“. So tönt es in waast woos? Es ist ein Ausruf, der sich dagegen wehrt, das Alphabet als starres System zu benützen, als bloßes Hilfsmittel, um dem Alltag beizukommen, ist doch gerade das Alphabet vielmehr eine Klangpalette, um sich daraus Individualität zu kreieren. Havlik scheißt nicht nur (auf) den Buchstabenhaufen, sondern auch (auf) den herkömmlichen Umgangston, er spielt, spricht und fragmentiert, bis nur mehr Bruchstücke, bis Plappern und Lallen bleiben, im Hintergrund fast ein Glossolalieren, das sich besonders bei Liveauftritten Havliks manifestiert, als wildes Körperzucken, Springen, sodass es ihn fast vor lauter Einsatz samt Laptop von der Bühne schmeißt. Er hätte auch auf der CD ruhig noch einen Schritt weiter gehen können, übern Bühnenrand hinaus sozusagen, denn er macht Lust, ihm in den Sprung zu folgen, hinein in all die Kellergewölbe, Theater und Cafés, wo seine Performances regelmäßig zur Sprache kommen, denn Literatur ist immer auch und jetzt mal wieder: Liveaction.