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regalfantasien

christoph hartner | regalfantasien

oder: Ihr Tischler macht’s persönlich

Letztens bei der Onanie musste ich, wie so oft, an Billy denken. Nicht wie sie jetzt denken! Es handelt sich weder um schöne Erinnerungen mit der bekannten Kondommarke, noch den alternden Rocker, weder den jünglichen Helden eines Tanzfilms, noch einen der vielen männlichen Pornostars mit besagtem Vornamen (normalerweise gefolgt von einem Familiennamen wie Harder, Longer oder Coxton), und schon gar nicht um den legendären Revolverhelden des Wilden Westens. Viel eher erinnert es mich an den emotional aufgeladenen Konstruktions-Tango mit dem legendären Bücherregal einer schwedischen Einrichtungskette: Beim ersten Mal ist man noch überrascht, wie kompliziert es sein kann und wie schnell es dann doch geht, später hat man es schon so oft gemacht, dass man es auch im Schlaf oder mit links probiert, denkt dabei schon mal an was komplett anderes und ist letztlich irgendwie stolz, dass man es so bravourös alleine geschafft hat.

Nur um Sekunden später zu denken: Zu zweit wär’s schon schöner gewesen und effektiver. Und hätte im besten Fall Arbeitsplätze in der Region gesichert. Etwa wenn ich zum lokalen Tischlermeister gegangen wäre, statt zum schwedischen Möbelhaus. Denn ersterer macht es, wenn man der Werbung seiner Innungsvertreter glaubt, ja immer persönlich. Schon ein verlockendes Angebot – klingt nach Intimität, nach ausführlichen Vorgesprächen und Kuscheln danach und vor allem nach einem Produktionsprozess, den man noch nachverfolgen kann. Denn bei Billy bin ich mir in einer Frage schon sehr unsicher: Waren das auch glückliche Bretter, die da verarbeitet wurden? Fair gehandelt und biologisch abbaubar? Denn auch das bietet der lokale Tischlermeister an.

Das Problem ist wie so oft das liebe Geld, denn wer kann sich bei konstant steigenden Materialanhäufungen schon ein Regal aus Fair-Trade-Brettern nach dem anderen leisten? Gut, man kann jetzt sagen, Qualität statt Quantität. Lieber hie und da verzichten und dafür wenn schon denn schon. Aber das mit dem Verzicht ist halt so eine Sache. Wer kann schon nein zu einem billigen Billy sagen, wenn sich daheim die Bücher schon bis über die Gürtellinie stapeln. Man frage nur die armen Priester, denen von ihren Vorgesetzten bis heute verboten wird, eine Family-Card von Möbelhäusern zu besitzen und denen die Bücher früher oder später dann bei den Ohren raus­kommen.

Bücherregale sind im menschlichen Haushalt unverzichtbar, da sind sich mittlerweile wirklich alle seriösen Forscher einig. Sie sind Teil unseres Identitätsgefühls. Vielleicht legen wir auch deshalb so gerne selbst Hand an, weil es uns in unserer eigenen Identität bestärkt. Es ist ein wenig so wie bei Tom Hanks in Verschollen, der sich in einer Szene wie ein Affe auf die Brust klopft und schreit „Ich habe Feuer gemacht“ und damit seiner Existenz eine Zukunft verleiht. Beim Aufbau eines Billy-Regals sind wir ein aktiver Teil unserer eigenen Zukunft. Deshalb lieben wir Billy auch so.

Mit echter Tischlerkunst haben Billy und seine Freunde mit den komischen Namen halt wenig zu tun. Es sind industriell gefertigte Einzelteile, die schon auch mal auf youporn.com zum Download bereit stehen und mit denen man machen kann, was man will. Dagegen scheinen auch Wissenschafter kein gutes Rezept zu haben. Billy ist die Hure, die wir alle verdienen und gleichzeitig auch der perfekte Lebensabschnittspartner. Wir lassen uns ohnehin nicht mehr gerne „bis dass der Tod uns scheidet“ auf Regale ein, und Billy hält eh nicht länger als einen Lebensabschnitt. Einen Umzug macht er vielleicht noch mit, mehr ist aber nicht mehr drin. Wir brauchen das Gefühl, dass wir Billy jederzeit durch ein anderes Regal ersetzen können – und nehmen uns danach nur doch wieder einen neuen Billy.

Ich will jetzt aber nicht moralisieren, oder mir gar den Heiligenschein aufsetzen. Ich besitze selbst vier Billys und schaffe es nur schwer, sie aus meinen Onaniefantasien zu verdrängen. Aber immer öfter steht in diesen Fantasien der Chef der Tischlerinnung neben mir, begutachtet mich und meine Billys und meint: „Wollen sie nicht mal einen Experten ranlassen? Ihr Tischler macht’s persönlich!“ Nicht gerade ein dezenter Flirter, dieser Mann. Aber unrecht hat er ja nicht. Also hab ich mal probiert, bei der Onanie nicht mehr an Billy zu denken, sondern an den mit Intarsienarbeiten verzierten Wohnzimmer-Wandverbau aus Vollholz bei meiner Großtante. Hat sich irgendwie komisch angefühlt, war aber nicht ohne Reiz. Dafür ohne Schuldgefühle – abgesehen von denen meiner Großtante gegenüber, denn ihr gehören die Möbel ja immerhin.