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Rezensionen der Ausgabe 21 - selbstgemacht

sieben tage im pliozän

Was sich im ostafrikanischen Regenwald abgespielt haben könnte

Klaus Ebner: Hominide. Erzählung.

Irgendwann vor drei bis vier Millionen Jahren in Ostafrika, dort, wo der Regenwald in die Savanne übergeht: Ein Rudel Hominide vertreibt sich die Zeit mit Futtersuche, Rangeleien und Philosophie. Sie sind zwar schon der Sprache mächtig, die sich wie Traumbilder über die Vorstellungen der Intelligentesten legt, leben aber noch auf Bäumen. Einer von ihnen, Pitar, wird immer wieder von Visionen geplagt: dass das nomadische Rudel den Wald ver... lesen


wir haben es gut mit diesem hummer

Eine Enzyklopädie der Verschrobenheiten

Nora Gomringer & Michael Stauffer: Kleine Menschen

Für die Hör-CD Kleine Menschen haben sich zwei Ausnahmetalente der (gesprochenen) Literaturszene zu einem schweizerisch-deutschen Joint Venture vereint: Nora Gomringer und Michael Stauffer. Eines vorweg: Das Experiment ist geglückt, und das liegt nicht nur am virtuosen Vortrag der Texte durch die Autoren. Gomringer und Stauffer schleichen sich wie ein Expeditionsteam an die kleinen Menschen an und dokumentieren mit scharfem Blick den Leben... lesen


orales origami

Endlich kann mal ein Poet mit Ableton umgehen

Thomas Havlik: Das Auto voller Wasser. Hörbuch

Die mit Liebe sowohl zum Detail als auch zur Andersartigkeit gemachten CDs der Edition Audiobeans, die wie die ebenso zu lobende Literaturzeitschrift Zeitzoo zum gleichnamigen Verein für Leguminosen gehört, sind Veröffentlichungen eines nach Eigenaussage „Labels für unerhörte Literatur und Musik“, das – ähnlich der Falttechnik fürs Booklet – einfach und effizient breit gefächert die bloße Lust des Schreib- wie Sprechaktes üb... lesen


bilder und tote

In den Kellern des Horrorgenres

Judith Fischer: Some. Women Houses Phantoms. Künstlerbuch.

Großaufnahmen von Gesichtern, Häusern, grob gerastert. Sich am Terrain des Horrorfilms entlangtasten, es langsam und auf Samtpfoten austasten: Judith Fischers Konzept-Künstlerbuch Some. Women Houses Phantoms ist ein faszinierendes Konglomerat aus fotografischen Arbeiten, literarischen Beiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren sowie filmtheoretischen Artikeln. Zum Thema hat dieses Kaleidoskop aus Bildern und Buchstaben die Schattenwe... lesen


skeptisch von zärtlichkeit

The good, the bad, and the ugly aktueller deutscher Lyrik

Ulf Großmann, Axel Helbig (Hg.): Skeptische Zärtlichkeit. Junge deutschsprachige Lyrik.

Wäre das Subsegment des Literaturbetriebs, das „aktuelle Lyrik“ heißt, eine Live-Musiksendung: Niemand, aber auch wirklich niemand würde sich die anschauen. Mainstream-Gitarrenrockbands, Ensembles für hoch anstrengende Kompositionen der neuen Musik (für drei Rasenmäher und Bratsche), volkstümliche Humptatakapellen und Renaissancechöre würden ohne erkennbares Ordnungsprinzip hintereinander über eine leere Bühne getrieben, und ob... lesen


zärtliches pingpong

Über die Liebeslyrik von Maria Seisenbacher und Hermann Niklas

Maria Seisenbacher, Hermann Niklas: Konfrontationen. Gedichte 2005-2008. Artwork von Goto

Warum arbeiten Andrea Stift und Andreas Unterweger in ihrer ersten gemeinsamen Rezension mit kommunizierender Kritik in Form von abwechselnden Wortmeldungen, die sich als spezielle kritische Dialogform verstehen? Wie bitte? Andrea, meine Frage ist eine Variation auf den ersten Satz des Buchs, das wir besprechen. Du sollst sagen: Weil auch „Hermann Niklas und Maria Seisenbacher [...] in ihrem ersten gemeinsamen Gedichtband Konfrontatio... lesen


die schatten werfen objekte

Ein Vogelforscher verliert sich auf der Reise zu den Taten in der Sprache.

Thomas Brunnsteiner: Taten. Ein Journal.

Für jeden Autor ist es eine Begegnung der seltsameren Art, wenn eines Tages die erfundene Hauptfigur aus einem Roman leibhaftig vor ihm auftaucht. So ist es dem Schriftsteller, Reisejournalisten und Geschichtensammler Thomas Brunnsteiner ergangen, der daheim in Finnland Besuch von einem Ungarn bekam. Der Besucher wollte bei Brunnsteiner seine wirre Lebensgeschichte loswerden, weshalb sich er ein paar Tage beim Autor einnistete. Faszinier... lesen


mehr als die summe einzelner texte

Das geile Buch mit dem erweiterten Theaterbegriff

Stefan Schmitzer (Hg.): Text Performanz Text (cooperate and / or defect).

Endlich gibt es nun eine Veröffentlichung zur zeitgenössischen, tatsächlich gerade stattfindenden literarischen Performance, eine Darstellung also jenes Wildwuchses von Aktionen, die wir dem Verlangen mancher Künstler zu verdanken haben, Texte nicht nur dem Alphabet in Druckform zu übergeben, sondern darin auch, um es mal salopp zu schreiben, die Modi der Ekstase aufzuspüren: den Körper also, die Lust, dem Text ein extrovertiertes Selb... lesen


tabu tabula rasa

Die ödipal-inzestuösen Humorfeuerwerke des Steven Uhly

Steven Uhly: Mein Leben in Aspik. Roman.

Bei meinen Streifzügen durch die Buchhandlungen sind mir vier auffallend kantig, aufwendig bibliophil gestaltete und äußerlich unverwechselbare Bücher ins Auge gestochen. Haptisch erinnern diese an bereits ziemlich erfolgreich vom Fortschritt gefressene Videokassetten aber sie sind schwerer, liegen gut in der Hand und die Vermutung liegt nahe, dass hinter dem Literaturverlag seccession alte Profis stecken dürften. Also nichts wie rein in... lesen


das „frau im luftschutz“-lesebuch

Texte über furzbanales falsches Bewusstsein, ins bedrohlich Monströse gekippt

Lilly Jäckl: amen, amen.

Lilly Jäckl, Carl-Meyer-Drehbuchpreisträgerin aus Graz-Umgebung, wohnhaft in Berlin, schreibt neben Drehbüchern durchaus auch Prosa, und außerdem Zeug für den Einsatz in ihrer eigenen performativen Arbeit, bei der es sich nicht exakt um „Theater“ handelt. Regelmäßige Besucher des Forum Stadtpark in Graz erinnern sich u. a. an das oratorien- oder messfeierartige Deklamations-Ding Frau im Luftschutz, bei dem sie NS-, Werbefritzen- un... lesen


stimmenzeugen, zeitversetzt

Mit Reinhard Wegerth durch drei Jahrzehnte österreichischer Zeitgeschichte

Reinhard Wegerth: Damals und dort. Stimmenroman.

Drei Jahrzehnte, die Zeit von 1970 bis 2000, das ist der Rahmen, den sich Reinhard Wegerth für sein Buch Damals und dort steckte. Ein „Stimmenroman“, heißt es auf dem Buchumschlag, und spätestens nach ein paar Seiten weiß der Leser, was damit gemeint ist: Im Stimmenroman kommen zahlreiche Personen, aber auch Gegenstände und sogar abstrakte Begriffe zu Wort. Zwar verraten die Kapiteltitel, dass es sich im Folgenden um persönliche Erl... lesen


heiratsschwindeln, schiffbruch erleiden

Ein rabiater Fußnotenporno mit Dichterheld

Max Höfler: Texas als Texttitel. Ein Rabiatkomödienroman.

Es gibt einen Erstling des Grazer Hardcore-Musikers, Bühnenarbeiters, Doktors der Philosophie, Literaturperformers Max Höfler. Das Buch heißt Texas als Texttitel und bezeichnet sich im Untertitel als Rabiatkomödienroman. Es bräuchte zu ihm an dieser Stelle eigentlich nicht viel mehr als eine dringende Kaufempfehlung nebsamt der Begründung, dass es sich um ein tatsächlich hochkomisches Werk handelt. Vielleicht noch die folgende Präzisi... lesen


kein klappentext

Von vorschnellen Urteilen und einer Welt voller Deppen

Bernhard Moshammer: Zeit der Idioten. Roman.

Jaja, die Typen mit den hässlichen Plastikrucksäcken (Stichwort Invicta) und diesen Eierwärmer-Wollmützen, die aus jedem Kopf das totale Fiasko formen. Die Typen in nichtssagenden dunklen Winterjacken. Jaja, denk ich mir, das sind schon richtige Idioten, die mit diesem breitbeinigen Gang durch Vorstädte voller Einfamilienhäuser latschen. Jaja, ganz klar, hier geht´s um schlecht gekleidete Menschen an architektonischen Unorten mit inakz... lesen