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selbst ist der mensch

thomas ehritz | selbst ist der mensch

Eine Reportage aus Kubas Parallelsystem

Alternative Eigeninitiativen sind in Kuba keine Domäne für spirituelle Bio-Freaks und Aussteiger, sondern integraler Bestandteil der Art und Weise, wie man sich auf der Karibikinsel sein Überleben sichert. Denn im Wirrwarr zwischen einem auf dem Papier immer noch sozialistischen, aber längst schon „nicht einmal mehr in Kuba funktionierenden“ System (Fidel Castro) kann die große Mehrheit der Bevölkerung nicht darauf warten, dass sie der Staat oder die Privatwirtschaft versorgen. Wer weiß, wo man was bekommt, hat gute Chancen. Kreativität ist gefragt. Ein Bericht vom Kauf von ein paar Theaterkarten, selbstgemachten Möbeln ohne Holz und der schwierigen Suche nach einem Besenstiel ...

Rosendo ist der Name unseres Verbindungsmannes, mit dem wir uns um 8 Uhr Abends an der Ecke 15. Straße/G treffen sollten. Ganz in der Nähe unserer neuen, leeren Wohnung, die wir gerade erst bezogen hatten. Die Szene erinnert an einen Kriminalroman: Wir sind früh da, warten, rauchen und sehen von weitem vier Männern zu, die an einem improvisierten Tisch auf der dunklen Straße Domino spielen. Um Punkt 8 kommt ein älterer Herr mit mulattischen Gesichtszügen und weißem Haar auf uns zu – Rosendo. Nach einer kurzen Begrüßung führt er uns in seine Ein-Zimmer-Wohnung, die im Zwischenstock eines alten Herrschaftshauses im Stadtteil Vedado, östlich vom Zentrum Havannas, untergebracht ist.

Wir sind wegen der Theaterkarten da. Das American Ballet kommt zum ersten Mal seit 50 Jahren wieder nach Kuba, und das Theater Karl Marx ist deswegen schon seit Monaten ausverkauft. Rosendo kann uns trotzdem Karten besorgen. Noch dazu Karten, die in „Moneda Nacional“, der nationalen kubanischen Währung, verkauft wurden und die er uns für die Hälfte des Preises in konvertiblen Pesos (der an den Dollar angelehnten Touristenwährung) weiterverkauft. Ein konvertibler Peso sind 24 nationale Pesos. Für beide Seiten ein einträgliches Geschäft.

Die Eintrittskarten sind jedoch noch kein Gesprächsthema, als wir uns auf die schmale Bank in Rosendos Wohnung setzen und Rum trinken. Zunächst einmal wird geredet. Kubaner reden gern. Rosendo war 15, als die Revolution triumphierte. Später arbeitete er als Tontechniker in den berühmt-berüchtigten Kabaretts Havannas. Fürs System hat er, wie die meisten Kubaner, nichts Gutes übrig. Sein Bruder etwa sei Ingenieur, und verdiene den Durchschnittslohn von ca. 30 Dollar im Monat. Davon könne man nicht leben. Deshalb müsse man sich eben anderwärtig sein Auskommen suchen. „No es facil“, meint er und zitiert dabei das kubanische Motto schlechthin: Es ist nicht einfach. Nicht einfach, in so einem System zu überleben. Er wird mit einem einzigen Kartenverkauf wahrscheinlich die Hälfte des Monatslohns seines Bruders verdienen.

Rosendo ist kein Einzelfall. Jeder muss hier schauen, wo er oder sie sein Zubrot verdient. Ein System, in dem man als Kellner zehnmal soviel verdienen kann wie als Arzt, ist quasi eine natürliche Brutstätte für allerlei ertragsreiche Nebenjobs, mehr oder weniger legal. So gibt es Ärzte, die nach der Arbeit als Taxifahrer Havanna durchqueren, genauso wie Ingenieure, die einen Teil ihrer Wohnung illegal vermieten und die hohen Strafen in der Hoffnung auf Dollar durchaus in Kauf nehmen. Und natürlich gibt es tausende Rosendos, die für andere Leute Sachen besorgen und dafür eine Provision bekommen.

Menschliches Kapital ist in Kuba im Übermaß vorhanden. Kuba hat etwa die besten Mechaniker (die vielen tatsächlich noch funktionierenden Autos aus den Fünfzigerjahren zeugen davon) und die besten Ärzte (Kubas Gesundheitssystem wird immer wieder auch über die Insel hinaus als vorbildlich gelobt). Woran es jedoch oft fehlt, sind schlicht und einfach die Rohstoffe. So gibt es etwa natürlich genügend Tischler, die dir jederzeit Möbel aller Art zu einem Spottpreis maßanfertigen würden, bloß: Keiner hat Holz.

Wissen, wo und wie man etwas bekommt, wird in so einem System zum kostbaren Gut, das nicht so ohne weiteres preisgegeben wird. Dass der illegale Weiterverkauf etwas vom Charme eines Kriminalromans besitzt, lässt sich ja noch einreden. Dasselbe kann einem aber auch bei der Suche nach ganz alltäglichen Gegenständen passieren. Einem Besenstiel zum Beispiel: Nachdem wir über mehrere Tage hinweg in ca. 20 Geschäften in ganz Havanna nach Besenstielen gefragt hatten, und immer mit einem „Haben wir nicht, weiß nicht, wo man welche finden kann“ abgespeist wurden, trafen wir auf eine Verkäuferin, die mit ihrer Antwort einige Sekunden auf sich warten ließ. Sie warf uns einen Blick zu, als hätten wir sie danach gefragt, wo man in Havanna das beste Heroin bekommt. Wir durchbohrten ihren Blick, und fanden darin dennoch keine Antwort. Weiß sie es, oder weiß sie es nicht? Sagt sie es uns, oder sagt sie es uns nicht? Es waren die längsten und hoffnungsreichsten Sekunden unseres Tages, doch sie wurden jäh unterbrochen, als die Verkäuferin sich wegdrehte und ein kaltschnäuziges „No“ in die andere Richtung warf. No es facil.

So werden manchmal Typen wie Rosendo gebraucht. Nachdem wir die Eintrittskarten endlich gekauft hatten, fragt er uns so nebenbei, ob wir für die neue Wohnung was brauchen können. Möbel, sagen wir ihm und erzählen ihm auch, dass wir schon ein paar Tischler gefragt hätten, aber leider haben sie alle kein Holz. Er kennt einen, der selbstverständlich auch Holz hat, meinte Rosendo. In den nächsten Tagen werde er uns anrufen. So einfach kann es gehen.